Montag, 23. Juni 2008

Mann für besondere Momente

Henry Ries verlässt 1938 seine Heimat Berlin. Zehn Jahre später dokumentiert der Fotograf die Luftbrücke. Er hat die Stadt geliebt, sagt seine Witwe. Eine Begegnung.

(Jüdische Allgemeine, 19. Juni 2008)













Foto: Henry Ries/DHM

Ehe sie nach oben geht, hält sie für einen Augenblick inne. Sie setzt sich auf die Marmorbank, die an der Seitenwand eingelassen ist und schaut auf weiße Säulen, die sich in sechs Metern Höhe im Halbdunkel verlieren. Ihr rechter Arm liegt auf der Lehne, die Hand streicht liebevoll über den Marmor. „Schön, nicht? So etwas Kostbares wird heute wohl nicht mehr gebaut“, sagt Wanda Ries, 62. „Auf der Bank hat sich Henry als kleiner Junge die Rollschuhe angezogen. Daran denke ich oft."

Wanda Ries, das "R" rollt die gebürtige Münchnerin mit amerikanischem Akzent, sitzt in der Eingangshalle eines Mietshauses unweit des Berliner Kurfürstendamms. Hier wurde Henry Ries, der „Fotograf der Luftbrücke“, 1917 als Heinz Ries geboren. Oben im vierten Stock besaß sein Vater, liberaler Jude und Leinenfabrikant, eine weiträumige Wohnung. Das imposante Jugendstilhaus hat den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. Seit 1987 residiert in der 15-Zimmerwohnung die Berliner Aids-Hilfe.

Im einstigen Salon der Ries’ gibt es Veranstaltungen, im ehemaligen Kinderzimmer von Henry Ries suchen HIV-Erkrankte Hilfe. „Er hat sich sehr gefreut, dass seine ehemalige Wohnung einem gemeinnützigen Zweck dient“, erzählt Wanda Ries, als sie später auf dem hellen Lindenparkett des einstigen Raucherzimmers steht. Heute sitzen hier die Besucher der Beratungsstelle an Tischen, trinken Kaffee oder blättern in Zeitschriften.

Wanda Ries lebt heute in New York. Dort verbrachte sie 29 Jahre an der Seite von Henry Ries. 2004 starb der Fotograf. Seine Urne liegt auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf. Deshalb kommt sie regelmäßig an die Spree. Oft sucht sie dann auch die einstige Wohnung auf. „Ich spüre hier ganz stark seine Gegenwart“, sagt sie, während sie durch die Räume schlendert. „Das, was mich hierher zieht, ist die Vorstellung, wie Henry als Jugendlicher durch die Wohnung getobt ist. Er war ein sehr sportlicher Mensch, eigentlich bis zuletzt.“ Oft denke sie dann an die Anekdoten, die er ihr aus seiner Jugend erzählt habe. „Zum Beispiel hat er in den weitläufigen Fluren mit seinem Bruder Fußball gespielt. Dabei wurde einmal eine kostbare Vase zerstört. Ärger gab es nicht, er hatte ein tolerantes Elternhaus und eine glückliche Kindheit.“

Daran erinnert eine kleine Fotodokumentation, die Wanda Ries in den Räumen der Aids-Hilfe organisiert hat. Die Ausstellung spannt einen Bogen um sein ganzes Leben. Da zeigt ein Bild den kleinen Henry mit den zwei Geschwistern, ein anderes die Mutter mit Perlenkette und modischem 20er-Jahre-Kurzhaarschnitt. Und der Vater sitzt mit Zigarre und Fliege auf einem Gartenstuhl. Eine ganz normale deutsche Familie, die Weihnachten einen Tannenbaum mit Lametta im Salon aufstellte, aber eben auch Pessach feierte.

Die kulturelle Symbiose nimmt 1933 ihr Ende. Henry Ries, der hervorragend Klavier spielte, wollte eigentlich Dirigent werden. Daraus wird nichts nach der Machtübernahme der Nazis. Wie so viele jüdische Deutsche erlebt Henry die schleichende Ausgrenzung und Entrechtung in der eigenen Heimat. Seit 1937 versucht er deshalb, mit der Familie Deutschland zu verlassen. Die Einreise in die USA gelingt aber erst 1938.

Dort schlägt sich Henry Ries mit Gelegenheitsarbeiten durch. Als die USA dem „Dritten Reich“ den Krieg erklären, will er in die amerikanische Armee eintreten. Doch Ries gilt als „feindlicher Ausländer“. Am Ende wird er sich aber durchsetzen. Ries kämpft allerdings nicht in Europa, sondern im Südpazifik – und ohne Waffe. Er ist Fotoaufklärer und dokumentiert Bombenschäden.

Das Kriegsende erlebt Ries in Kalkutta. Schon bald wird er nach Europa beordert und erhält einen Spezialauftrag. In einer österreichischen Salzmine werden 36 Holzkisten gefunden: das „Geheimarchiv" von SS-Chef Heinrich Himmler. Henry Ries soll mit einem Übersetzerteam den Fund sichten und reist nach London. In den Kisten befinden sich die Berichte der SS-Ärzte, die Himmler über den Fortgang ihrer Experimente an KZ-Häftlingen informieren. „Das hat ihn sehr aufgewühlt“, sagt Wanda Ries. „Es war für ihn unvorstellbar, dass es einen solchen Morast an moralischer Verkommenheit überhaupt geben konnte.“ Als Ries dann erfährt, dass seine Großmutter nach Theresienstadt verschleppt und seine Tante in Auschwitz ermordet wurde, steht für ihn fest, nie wieder nach Deutschland zu gehen.

Doch im Herbst 1945 wird der Soldat Ries nach Berlin versetzt. „Er musste also zurückkommen. Als er das ganze Ausmaß der Zerstörung sah, all die Elendsgestalten, bekam er Mitleid. Henry war im Grunde ein überzeugter Humanist, glaubte an das Gute im Menschen.“ Und er realisierte, dass nicht alle Deutschen Überzeugungstäter und Mitläufer waren, sagt seine Witwe. Er selbst habe es immer als eine Gnade empfunden, Jude zu sein: „So konnte er nicht zum Täter werden.“

Henry Ries hatte aber auch Schuldgefühle. „Er fragte sich, warum gerade er überlebt hatte, obwohl doch so viele Millionen ermordet wurden.“ Wirklich auseinandergesetzt habe er sich mit dieser Frage aber erst in seinen letzten Lebensjahren. Ries reist nach Auschwitz und Theresienstadt, sucht Spuren seiner ermordeten Verwandten und dokumentiert, wie an die Schoa erinnert wird (Auschwitz, 1997). In einem anderen Fotoband (Abschied meiner Generation, 1992) porträtiert er die Generation, der auch er angehört. Ries reist durch Deutschland, trifft ehemalige Wehrmachtssoldaten, unverbesserliche Nazis und Opfer des NS-Regimes. Mit der Kamera hält er fest, wie sich die Geschichte in ihre Gesichter gegraben hat.

Diese Fotoarbeiten stehen immer noch im Schatten der Bilder, die er während der Berliner Blockade schuf: Im Juni 1948 sperren die Sowjets den Zugang zu den Westsektoren. Stalin will die Ruinenstadt hinter den Eisernen Vorhang zwingen. Die Amerikaner antworten mit der Luftbrücke: Elf Monate lang fliegen sie, mit Unterstützung der Briten, mehr als zwei Millionen Tonnen Lebensmittel und Brennstoffe ein (siehe Infokasten).

Henry Ries, der seit April 1946 als Fotoreporter für eine Nachrichtenillustrierte der US-Army arbeitet, hetzt zwischen den verschiedenen Schauplätzen der Blockade hin und her. Er lichtet startende und landende Flugzeuge ab und freundlich winkende Piloten. Die Bilder erscheinen großformatig auf den Titelseiten der Illustrierten. So dokumentiert er den Bau des Flughafens Tegel, zeigt die Trümmer abgestürzter Flugzeuge inmitten von Häuserruinen, und wie die Westberliner mit der Blockade leben.

Die Luftbrücken-Bilder begründeten Ries’ Ruhm als Pressefotograf. Sie fanden Eingang in das kollektive Gedächtnis auf beiden Seiten des Atlantiks. Der deutschamerikanische Verbrüderungsmythos: Henry Ries, der vertriebene deutsche Jude, gab ihm sein Gesicht. 2008, das Jahr des 60. Jubiläums der Luftbrücke, ist also auch „Henry-Ries-Jahr“. Immer dann, wenn irgendwo an die Luftbrücke erinnert wird, findet sich Ries’ Bild des Rosinenbombers, der über eine Gruppe fröhlich winkender Kinder fliegt. Millionenfach reproduziert, wurde es zu einer Ikone.

Das Bild selbst sei wie alle seine Aufnahmen eine bewusste Momentaufnahme gewesen, sagt Wanda Ries. „Er hat nie einfach drauflosgeknipst, sondern lange eine Situation beobachtet und dann komponiert. Er ließ sich vom Augenblick inspirieren, suchte das Einmalige im Alltäglichen. Sein Ziel war es, aus der Masse das Individuum herauszuarbeiten.“ Auf das Rosinenbomber-Bild sei Henry besonders stolz gewesen. Er sei der Einzige gewesen, der auf die Trümmerhügel rund um Tempelhof hinaufkletterte und ein solches Motiv aufgenommen habe. „Als der Rosinenbomber angeflogen kam, hat er die Kinder gebeten, nicht in seine Richtung zu schauen. Nur ein Mann dreht sich um und blickt direkt den Betrachter an. So schließt sich ein Kreis. Vielleicht macht das die Einmaligkeit des Bildes aus.“

1955 zieht sich Ries aus dem Journalismus zurück und eröffnet in Manhattan ein Studio für Werbefotografie. Rund 20 Jahre dauert es, bis er wieder nach Berlin kommt. Er habe eigentlich mit Deutschland abgeschlossen, erzählt Wanda Ries. „Er fühlte sich als Amerikaner, sprach kein Deutsch mehr.“ Doch 1973 kommt Post aus Berlin. Zum 25. Jahrestag der Blockade plant die Landesbildstelle eine Ausstellung mit seinen Fotos, Henry Ries wird eingeladen. Zum ersten Mal sieht er die Mauer, für ihn eine absurde, kafkaeske Monstrosität. So enstehen zahlreiche Bilder des „antifaschistischen Schutzwall“, den die SED-Oberen quer durch Berlin gezogen haben.

Für eine Ausstellung seiner Mauer-Fotos sucht der Fotograph eine Assistent. Freunde vermitteln ihm Wanda Ries. So eloquent sie heute aus Henry Ries’ Leben berichtet, so diskret ist sie, wenn es um ihr Privatleben geht. „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt“, sagt sie freundlich, aber bestimmt. Alles, was sie sagt, ist, dass ihr Großvater als Gegner des NS-Regimes in Dachau war und dass sie keine Jüdin ist. Sie hat Kunstpädagogik studiert, später dann noch einmal Kunst in New York. Heute sichte sie vor allem den Nachlass ihres Mannes. Der soll bald komplett in der deutschen Hauptstadt aufbewahrt werden. „Das war Henrys Wunsch. Er wollte das alles in Berlin wissen. Er hat diese Stadt geliebt.“

Info

Die Luftbrücke 1948/49

Wenige Tage nach der Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen wird die D-Mark auch in den Westsektoren Berlins eingeführt. In der Nacht zum 24. Juni 1948 sperren daraufhin sowjetische Truppen alle Zufahrtswege nach West-Berlin. Doch auf Initiative von Militärgouverneur Lucius D. Clay stellen die USA und Großbritannien über eine Luftbrücke die Versorgung der Stadt sicher. Mit mehr als 270.000 Flügen werden rund 2,3 Millionen Tonnen Fracht transportiert. Alle zwei bis drei Minuten landet eine Maschine in Berlin. „Rosinenbomber“ nennt der Volksmund die Flugzeuge. Die Blockade endet am 12. Mai 1949.

Ausstellungen:

„Brennpunkt Berlin: Die Blockade 1948/49. Der Fotojournalist Henry Ries“. Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin. Noch bis zum 21. September, täglich 10 - 18 Uhr

Fotoausstellung über Henry Ries in den Räumen der Berliner Aidshilfe, Meinekestraße 12, 10719 Berlin. Montag bis Donnerstag 10 - 18 Uhr, Freitag 10 - 15 Uhr

Die Autobiografie:

Henry Ries: „Ich war ein Berliner. Erinnerungen eines New Yorker Fotojournalisten“. Parthas Verlag, 220 Seiten, 35 Euro

Das unentdeckte Massengrab

Auf einem Grundstück in Brandenburg vermuten Historiker ein Massengrab aus der NS-Zeit. Der Eigentümer verhindert seit Jahren eine Erforschung. Bisher erfolgreich.

(Jüdische Allgemeine, 21. Februar 2008)















Foto: André Glasmacher

Der rote Trabbi, der auf dem Nachbargrundstück hinter Maschendrahtzaun verrottet, ist Bernd Boschan schon lange ein Dorn im Auge. „Das ist kaum der Würde des Ortes angemessen“, sagt der 50-jährige und lässt missbilligend den Blick über das gammlige DDR-Vehikel schweifen.

Bosch trägt graumeliertes Haar ein gepflegten Schnauzer und ist Amtsdirektor der 611-Gemeinde Jamlitz im Oberspreewald. Mehr Ärger als der roter Trabbi macht ihm seit Jahren ein verwahrlostes Grundstück, an dem er jetzt steht. Hier sollen Historikern zufolge die Überreste von 750 jüdischen KZ-Häftlingen liegen – das größte noch unentdeckte Massengrab aus der NS-Zeit.

Seit Jahren versucht Boschan den Verdacht zu klären, doch der Besitzer des Terrains hintertreibt erfolgreich alle Aufklärungsversuche. Bereits im April 2007 wandte sich Boschan an das Amtsgericht Guben, um eine einstweilige Grabungsverfügung zu erhalten – die zuständige Richterin lehnte dies ab.

Dagegen reichte Boschan eine Beschwerde beim Cottbuser Landgericht ein – die wurde jetzt zurück gewiesen. Das Gericht betonte, dass es einen „hohen moralisch-ideellen Wert“ gebe, die Opfer zu bergen, machte aber deutlich, dass keine rechtliche Grundlage gebe, auf dem Grundstück gegen den Willen des Besitzers graben zu lassen. Boschan wird das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, „vorrausichtlich“ beim Brandenburgischen Oberlandesgericht anfechten.

Warum sich der Besitzer gegen eine Aufklärung des Massenmords wehrt, kann Boschan dabei nicht sagen. „Mal berief er sich darauf, dass durch Grabungen der Erholungswert seines Grundstückes gemindert würde. Dann wollte er eine Zusage, dass auf keinen Fall keine Gedenkstätte eingerichtet wird“, erzählt der Amtsdirektor und schüttelt ratlos den Kopf.

Hans Hirtinger selbst ist an diesem Frühlingstag nicht auf seinem Grundstück anzutreffen. Kein Zufall – der 50-jährige lebt schon seit Jahren in Bayern. In Jamlitz wird der Baustoffvertreter nur noch selten gesichtet. Sein Haus, das sich als dunkler Punkt gegen den düsteren Himmel abhebt, wirkt unbewohnt. Von den Fensterrahmen platzt der Lack ab, die Glasscheiben sind verdreckt, Klingel und Namensschild fehlen.

Das Jamlitzer Massengrab beschäftigt auch den Zentralrat der Juden. „Es ist sicher, dass es in Jamlitz ein Massengrab gibt. Doch die Erforschung wird verhindert. Es ist unglaublich“, sagt Peter Fischer, zuständig für Gedenkstätten und Erinnerung. Fischer wundert sich, mit welcher Vehemenz sich der Grundstückbesitzer gegen Grabungen sperrt: „Man kann eigentlich nur Antisemitismus vermuten.“

Ob Hans Hirtinger ein Antisemit ist, darüber will Boschan nicht spekulieren. „Dazu kenne ich den Mann zu wenig.“ Er hat einmal mit ihm telefoniert und beschreibt ihn als „zurückhaltend.“ Nachbarn erzählen, dass Hirtinger „seltsam“ sei. Ansonsten wird viel gemunkelt: Als Hirtinger-Senior in den 50er Jahren das Haus baute, sei er beim Anlegen der Fundamente auf die Überreste der KZ-Häftlinge gestoßen und habe das Ganze vertuscht. Solche Gerüchte will Boschan nicht kommentieren.

Dass sich tatsächlich ein Massengrab auf dem Grundstück befinden könnte, ist zumindest plausibel. Hirtingers Haus, ebenso wie die gesamte Siedlung, stehen auf einem ehemaligen Außenlager des KZ Sachsenhausen. Zwischen 1943 und 1945 waren hier etwa 8.000 Häftlinge interniert. Dort, wo heute gepflegte Bungalows und Rosenstöcke stehen, dort wo sich akkurat geharkte Wege um Gartenzwerge schlängeln, standen einst die Holzbaracken der KZ-Häftlinge.

Im Frühjahr 1945 wurde das Lager aufgelöst. Die marschfähigen Häftlinge, etwa 1.600 Männer, mussten sich auf einen 100 Kilometer langen Todesmarsch in Richtung Sachsenhausen begeben. Kranke und Geschwächte blieben im Lager zurück. Unmittelbar nach dem Abmarsch der Häftlingskolonne begann SS-Truppen mit ihrer Ermordung.

Massaker und Geschichte des Außenlagers sind heute auf Informationstafeln dokumentiert, die seit 2003 in Jamlitz über das Geschehen aufklären. Bis dato erinnerte in dem Dorf nichts an das KZ, die Lager-Geschichte wurde zu DDR-Zeiten verdrängt. Nach 1945 nutzte nämlich die sowjetische Besatzungsmacht das ehemalige KZ zur Internierung von Nazi-Verbrechern und vermeintlichen „Spionen.“ Tausende kamen in dem Lager um.

Eine richtige Suche nach den SS-Opfern beginnt erst im November 1970. Ehemalige Häftlinge des KZs fahren nach Jamlitz, um zu erkunden, ob man hier eine Gedenkstätte einrichten könnte. Sie stoßen auf ein Gerücht: In der Gegend, vielleicht sogar auf dem Gelände des Außenlagers, gebe es ein Massengrab.

Nun setzt eine groß angelegte Suche ein. In einer alten Kiesgrube, in der bereits 1959 einige Skelette gefunden wurden, wird erneut gegraben. Schon bald liegen Hunderte von Skeletten frei – insgesamt 577. Einschusslöcher an den Hinterköpfen und Reste gestreifter KZ-Kleidung zeigen, dass es die ermordeten Häftlinge sind.

Ein Gutachten von Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, kommt zu dem Schluss, dass im Februar 1945 insgesamt 1.342 Häftlinge ermordet wurden. Bisher fand man 589 Körper. Die restlichen 758 Toten vermutet Morsch unter Hirtingers märkischer Gras-Steppe. Dort, wo Boschan nicht graben lassen darf.

Wenn es nach Heinz Stempel (Name geändert) ginge, dann könnte noch heute gegraben werden. „Dann wär´ das endlich geklärt“, ruft er über den Zaun. Der 70-jährige Rentner trägt eine graue Arbeitsjoppe und arbeitet in seinem Garten. Sein Haus steht an der Stelle, an der sich einst die Baracken der SS-Blockführer befanden.

Eigentlich redet der Rentner nicht mehr mit Journalisten, die sich schon zahlreich durch die Siedlung interviewt haben. „Neulich war ein Amerikaner da. Der wollte wissen, ob wir alle Antisemiten sind!“, empört sich Stempel. Heinz Stempel selbst hätte auch nichts dagegen, wenn die Überreste der KZ-Häftlinge ausgegraben würden, sagt er immer wieder. „Dann wär´ endlich Ruhe hier.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht: Amtdirektor Boschan will bei einem Fund eine Gräbergedenkstätte auf Hirtingers Grundstück anlegen. „Wir wollen die Opfer durch ein sichtbares Zeichen ehren.“ Wenn er denn graben dürfte.

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