Früher wurde an der Rennbahn um die Ecke gezockt, heute um die ganze Welt. Die Gewinnchancen bleiben weiter gering.
Nervös zieht Gerd Grabow (63) an der Zigarette und durchblättert einen Stapel Wettscheine. Er blickt immer wieder auf den Bildschirm, der in Augenhöhe an der Wand gegenüber hängt – unter einem vergilbten Foto, auf dem ein Jockey grinsend einen Goldpokal schwenkt.
Über den Bildschirm blinken Zahlenreihen. Quoten, Sieger und Verlierer wechseln sich ab. Grabow knallt den Zettelhaufen auf den Tisch und brüllt "hätte, hätte, hätte!" Hätte er bloß nicht auf „Dream to me“ gesetzt, sondern auf „Sharifa“ – dann wäre der Zettel, den er jetzt zerknüllt, 600 € wert. „War mal wieder nüscht“ brummt er und nimmt sich einen neuen Wettschein. In 30 Minuten startet das nächste Rennen. Und Grabow wird wieder setzen. „Dies mal wird´s was,“ ist er überzeugt.
Grabow sitzt mit rund 70 weiteren älteren Zockern im verräucherten „Trabertreff“ auf der Pferderennbahn Berlin-Mariendorf. Es ist Samstagnachmittag. Im Wettbüro stehen Tische aus weißem Resopal, tief hängen Lampen mit goldenen Fransen auf die Tische, die Wände sind dunkel vertäfelt. Der Boden ist gekachelt – er dient auch als „Aschenbecher.“ Zwischen den Tischen und den sechs Schaltern, hinter denen freundlich lächelnde Mädchen die Wetten annehmen, herrscht ein hektisches Hin- und her.
Dort, wo keine Bildschirme angebracht sind, auf denen die Quoten blinken, hängen die Kurszettel von Rennen, die heute rund um den Globus ausgetragen werden. In Mariendorf setzen die Zocker global – so wie Grabow. Verliert er in Frankreich, besteht noch in Singapur Hoffnung. Dann ist Istanbul dran – und dann wieder Berlin. Und so weiter. Am Ende eines langen Wetttages hat er manchmal ein Plus – und oft auch ein Minus.
Damit es auf jeden Fall ein Plus wird, schwört Grabow auf die Dreierwette: drei bestimmte Pferde müssen in einer Reihenfolge einlaufen. Zwar bestehen dafür geringe Chancen, doch die Quote ist hoch. „Da lohnt sich dit so richtig“, sagt er. „Dit Wetten.“
Neben Gerd Grabow sitzt Lothar Heineke. Der 59-jährige hat schütteres Haar, das er sorgsam über die kahlen Stellen kämmt, die Bundfaltenhose ist frisch gebügelt. Neben ihm steht eine Sporttasche. Heineke macht in den Wettbüros die Runde und verkauft „Puhma, Raybeen und Gutschi-Sonnebrillen.“ Alles original und zur Hälfte billiger.
Heinke und Grabow sind „Kumpels.“ Seit Jahren treffen sie sich, wetten, verlieren, gewinnen manchmal und kalauern über „lahme Krücken“ und „dicke Dinger.“ Beide zocken schon seit Jahrzehnten, Heinke weniger intensiv als Grabow. Der schätzt, dass er „sicher ne halbe Million“ verloren hat. Warum er dann nicht aufhört? Er zuckt mit den Achseln. „Aus Langeweile.“ Er wisse nicht, was er sonst in seiner Freizeit tun soll. „Hier sind meine Kumpel, hier gibt´s Bier.“
Grabow sei „eindeutig spielsüchtig“ sagt Heinke, als „sein Kumpel“ zum Wettschalter springt. Er wettet heute nicht, jedes zweite Wochenende nimmt er eine Auszeit. „Gewinnen tut doch nur der Buchmacher und die Rennstahlbesitzer.“ Er kennt das System, hatte selbst jahrelang einen kleinen Trabrennstall. „Da wird gemauschelt, was dit Zeug hält.“ Gewinne ein Außenseiter, dann sei das kein Zufall. „Dit is allet abgesprochen“, sagt er und winkt abfällig ab.
Grabow kommt jetzt zurück. Über dem karierten Hemd hüpft sein Bierbach, im Mundwinkel hängt eine Zigarette. Er setzt sich und zeigt Heineke, der diesmal nicht wettet, den Schein. „5, 6 und 10 bei 34 auf 7.“ sagt er. „Todsicher.“ Heineke nickt und übersetzt das Zockerkauderwelsch: „Dit erste sind die Pferdenummern, 34 ist die Quote und 7 ist die Rennbahnnummer.“
Den Tipp hat Grabow von Micha, der hier als „Zocker-Legende“ gilt. Micha versucht, das zu berechnen, was eigentlich nicht berechenbar ist: das Glück.„Der studiert nächtelang die Rennlisten, guckt sich ganz genau an, wie die Pferde gelaufen sind“, sagt Grabow und breitet jetzt die Arme aus, zeigt eine Spanne so breit wie eine Sixpack Bier. „Der kommt mit Ordnern, die sind so dick. Der kennt sich aus.“
Micha Schmidke, der Glücksmathematiker sitzt mit gekrümmten Rücken, vier Tische weiter. Er ist um die sechzig, das graue Haar ist voll und streng zurück gekämmt. Vor ihm liegt ein dicker Ordner. Daneben akkurat angeordnet, Leuchtmarker. Schmidke schaut mit mürrisch herunter gezogenen Mundwinkeln auf die Bildschirme über ihm. Hin und wieder blättert er in den Ordern, kritzelt auf einem Blatt Papier und tippt auf einem Taschenrechner.
Er hat eine spezielle Formel. „Aus den USA“, sagt er. Tipps gibt er nur gegen Prozente. „Auf Handschlag.“ Micha Schmidke wuchs „quasi“ auf der Trabrennbahn auf. Schon als kleiner Junge half er beim Stallausmisten, später fuhr er selbst im Sulky Trabrennen. Einen Beruf „in dem Sinne“ hat er nicht gelernt. Heute lebt Schmidke davon, dass er Tipps verkauft.
„Reich wird man davon auch nicht“, sagt später Lothar Heinke, der jetzt eindeutig schlechte Laune hat. Heute hat er auch kein Glück. Er hat keine einzige Brille verkaufen können. Er wird jetzt in einem anderen Wettbüro sein Glück versuchen. Aber vorher will er noch wissen, ob Grabow mit dem Tipp von Micha Schmidke gewinnt.
Sie hocken sich an die Resopaltische, hängen seltsam angespannt und schlaff zugleich in den Stühle, den Blick fest auf den Bildschirm. Der überträgt jetzt live aus Paris. Grabow reißt ein frisches Päckchen Zigaretten auf und wirft einen unruhigen Blick auf seinen Zettel, murmelt sorgenvoll vor sich hin.
Die Pariser Rennpferde, die sich jetzt als braun gescheckte Masse auf dem Bildschirm abzeichnen, hetzen einmal um die Rennbahn. Dann stehen die Sieger fest: „Vorne ist die 10 dann die 4“, liest Heinke vor. Grabow zerknüllt den Zettel. Wieder verloren. „Nicht mal auf Micha kannste dich verlassen“, sagt er und schaut für einen Augenblick entmutigt vor sich hin. Dann nimmt er sich einen neuen Wettschein.
Montag, 16. Juni 2008
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