Montag, 23. Juni 2008

Das unentdeckte Massengrab

Auf einem Grundstück in Brandenburg vermuten Historiker ein Massengrab aus der NS-Zeit. Der Eigentümer verhindert seit Jahren eine Erforschung. Bisher erfolgreich.

(Jüdische Allgemeine, 21. Februar 2008)















Foto: André Glasmacher

Der rote Trabbi, der auf dem Nachbargrundstück hinter Maschendrahtzaun verrottet, ist Bernd Boschan schon lange ein Dorn im Auge. „Das ist kaum der Würde des Ortes angemessen“, sagt der 50-jährige und lässt missbilligend den Blick über das gammlige DDR-Vehikel schweifen.

Bosch trägt graumeliertes Haar ein gepflegten Schnauzer und ist Amtsdirektor der 611-Gemeinde Jamlitz im Oberspreewald. Mehr Ärger als der roter Trabbi macht ihm seit Jahren ein verwahrlostes Grundstück, an dem er jetzt steht. Hier sollen Historikern zufolge die Überreste von 750 jüdischen KZ-Häftlingen liegen – das größte noch unentdeckte Massengrab aus der NS-Zeit.

Seit Jahren versucht Boschan den Verdacht zu klären, doch der Besitzer des Terrains hintertreibt erfolgreich alle Aufklärungsversuche. Bereits im April 2007 wandte sich Boschan an das Amtsgericht Guben, um eine einstweilige Grabungsverfügung zu erhalten – die zuständige Richterin lehnte dies ab.

Dagegen reichte Boschan eine Beschwerde beim Cottbuser Landgericht ein – die wurde jetzt zurück gewiesen. Das Gericht betonte, dass es einen „hohen moralisch-ideellen Wert“ gebe, die Opfer zu bergen, machte aber deutlich, dass keine rechtliche Grundlage gebe, auf dem Grundstück gegen den Willen des Besitzers graben zu lassen. Boschan wird das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, „vorrausichtlich“ beim Brandenburgischen Oberlandesgericht anfechten.

Warum sich der Besitzer gegen eine Aufklärung des Massenmords wehrt, kann Boschan dabei nicht sagen. „Mal berief er sich darauf, dass durch Grabungen der Erholungswert seines Grundstückes gemindert würde. Dann wollte er eine Zusage, dass auf keinen Fall keine Gedenkstätte eingerichtet wird“, erzählt der Amtsdirektor und schüttelt ratlos den Kopf.

Hans Hirtinger selbst ist an diesem Frühlingstag nicht auf seinem Grundstück anzutreffen. Kein Zufall – der 50-jährige lebt schon seit Jahren in Bayern. In Jamlitz wird der Baustoffvertreter nur noch selten gesichtet. Sein Haus, das sich als dunkler Punkt gegen den düsteren Himmel abhebt, wirkt unbewohnt. Von den Fensterrahmen platzt der Lack ab, die Glasscheiben sind verdreckt, Klingel und Namensschild fehlen.

Das Jamlitzer Massengrab beschäftigt auch den Zentralrat der Juden. „Es ist sicher, dass es in Jamlitz ein Massengrab gibt. Doch die Erforschung wird verhindert. Es ist unglaublich“, sagt Peter Fischer, zuständig für Gedenkstätten und Erinnerung. Fischer wundert sich, mit welcher Vehemenz sich der Grundstückbesitzer gegen Grabungen sperrt: „Man kann eigentlich nur Antisemitismus vermuten.“

Ob Hans Hirtinger ein Antisemit ist, darüber will Boschan nicht spekulieren. „Dazu kenne ich den Mann zu wenig.“ Er hat einmal mit ihm telefoniert und beschreibt ihn als „zurückhaltend.“ Nachbarn erzählen, dass Hirtinger „seltsam“ sei. Ansonsten wird viel gemunkelt: Als Hirtinger-Senior in den 50er Jahren das Haus baute, sei er beim Anlegen der Fundamente auf die Überreste der KZ-Häftlinge gestoßen und habe das Ganze vertuscht. Solche Gerüchte will Boschan nicht kommentieren.

Dass sich tatsächlich ein Massengrab auf dem Grundstück befinden könnte, ist zumindest plausibel. Hirtingers Haus, ebenso wie die gesamte Siedlung, stehen auf einem ehemaligen Außenlager des KZ Sachsenhausen. Zwischen 1943 und 1945 waren hier etwa 8.000 Häftlinge interniert. Dort, wo heute gepflegte Bungalows und Rosenstöcke stehen, dort wo sich akkurat geharkte Wege um Gartenzwerge schlängeln, standen einst die Holzbaracken der KZ-Häftlinge.

Im Frühjahr 1945 wurde das Lager aufgelöst. Die marschfähigen Häftlinge, etwa 1.600 Männer, mussten sich auf einen 100 Kilometer langen Todesmarsch in Richtung Sachsenhausen begeben. Kranke und Geschwächte blieben im Lager zurück. Unmittelbar nach dem Abmarsch der Häftlingskolonne begann SS-Truppen mit ihrer Ermordung.

Massaker und Geschichte des Außenlagers sind heute auf Informationstafeln dokumentiert, die seit 2003 in Jamlitz über das Geschehen aufklären. Bis dato erinnerte in dem Dorf nichts an das KZ, die Lager-Geschichte wurde zu DDR-Zeiten verdrängt. Nach 1945 nutzte nämlich die sowjetische Besatzungsmacht das ehemalige KZ zur Internierung von Nazi-Verbrechern und vermeintlichen „Spionen.“ Tausende kamen in dem Lager um.

Eine richtige Suche nach den SS-Opfern beginnt erst im November 1970. Ehemalige Häftlinge des KZs fahren nach Jamlitz, um zu erkunden, ob man hier eine Gedenkstätte einrichten könnte. Sie stoßen auf ein Gerücht: In der Gegend, vielleicht sogar auf dem Gelände des Außenlagers, gebe es ein Massengrab.

Nun setzt eine groß angelegte Suche ein. In einer alten Kiesgrube, in der bereits 1959 einige Skelette gefunden wurden, wird erneut gegraben. Schon bald liegen Hunderte von Skeletten frei – insgesamt 577. Einschusslöcher an den Hinterköpfen und Reste gestreifter KZ-Kleidung zeigen, dass es die ermordeten Häftlinge sind.

Ein Gutachten von Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, kommt zu dem Schluss, dass im Februar 1945 insgesamt 1.342 Häftlinge ermordet wurden. Bisher fand man 589 Körper. Die restlichen 758 Toten vermutet Morsch unter Hirtingers märkischer Gras-Steppe. Dort, wo Boschan nicht graben lassen darf.

Wenn es nach Heinz Stempel (Name geändert) ginge, dann könnte noch heute gegraben werden. „Dann wär´ das endlich geklärt“, ruft er über den Zaun. Der 70-jährige Rentner trägt eine graue Arbeitsjoppe und arbeitet in seinem Garten. Sein Haus steht an der Stelle, an der sich einst die Baracken der SS-Blockführer befanden.

Eigentlich redet der Rentner nicht mehr mit Journalisten, die sich schon zahlreich durch die Siedlung interviewt haben. „Neulich war ein Amerikaner da. Der wollte wissen, ob wir alle Antisemiten sind!“, empört sich Stempel. Heinz Stempel selbst hätte auch nichts dagegen, wenn die Überreste der KZ-Häftlinge ausgegraben würden, sagt er immer wieder. „Dann wär´ endlich Ruhe hier.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht: Amtdirektor Boschan will bei einem Fund eine Gräbergedenkstätte auf Hirtingers Grundstück anlegen. „Wir wollen die Opfer durch ein sichtbares Zeichen ehren.“ Wenn er denn graben dürfte.

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