Freitag, 18. Januar 2008

Die Nachwuchsgaleristin

Ihr Großvater entdeckte einst Joseph Beuys. Heute ist seine 27-jährige Enkelin Lena Brüning eine Berliner Nachwuchsgaleristin auf Erfolgskurs














Die Kunst fest im Blick:
Lena Brüning in ihrer Beliner Galerie
Foto: Christian Reister

Rote Klebe-Punkte, an denen potentielle Käufer erkennen, dass ein Bild schon verkauft ist, sucht man bei Lena Brüning vergebens. Das ist aber kein Indiz dafür, dass ihre Galerie in Berlin rote Zahlen schreibt. Die aktuelle Ausstellung „Junge Sterne Rauchen“ von Alicja Kwade, die Brüning gerade ausstellt, „ist komplett verkauft“, sagt die Nachwuchsgaleristin stolz und zeigt nachdrücklich auf die großformatigen Fotos an den weißen Wänden und auf eine chromüberzogene Wanduhr.

Im Berliner Scheunenviertel, einem der trendigsten Szene-Viertel in der Bundeshauptstadt eröffnete die 27-jährige Düsseldorferin vor zwei Jahren ihre eigene Galerie – auf nur 55 qm. Die Gegend ist typisch für Ost-Berlin: graue Plattenbauten aus DDR-Zeiten stehen neben frischrenovierten Altbauten – das Straßenpflaster ist von vielen Winterfrösten aufgeplatzt. Für manche Sachen hat man in Berlin eben kein Geld.

Lena Brüning mag die Gegend. „Ich liebe dieses rockige und wilde Berlin – gerade weil das so ein großer Kontrast zu Düsseldorf ist.“ Doch auch das Rheinland lässt sie nicht los, meint sie dann breit lächelnd: „Spätestens zum Karneval bin ich wieder da!“

Die meiste Zeit des Jahres ist Lena Brüning aber in ihrer Berliner Galerie, die unter Sammlern und Kunstkritikern schon längst als Geheimtipp gilt. Wer bei ihr so einkauft, sagt sie aber, ganz der Profi, nicht: Sie lächelt nur freundlich und fragt, ob man einen Café möchte.

Berlin ist der Ort, an dem es europaweit die meisten Galerien gibt. Rund 400 Kunstvermarkter bemühen sich um eine internationale und solvente Kundschaft. Die Zahl der Künstler und Künstlerinnen, die nicht zuletzt auch wegen der billigen Mieten in Berlin lebt, ist unüberschaubar. Aus diesem Überangebot als Galerie hervorzustechen und unter dem Überangebot an Künstlern die Talente ausfindig zu machen – daran ist schon Mancher gescheitert.

Doch Lena Brüning behauptet sich. Sie hat einen Startvorteil, den sie eigentlich gar nicht gerne betont – sie möchte nämlich nicht auf die „Enkelinnen-Sache“ reduziert werden. „Ich möchte lieber das eigene Profil herausstreichen.“ Jedenfalls: Ihr Großvater ist der legendäre Düsseldorfer Galerist Alfred Schmela. Mit einer Ausstellung des damals noch unbekannten Yves Klein eröffnete Schmela einst seine eigene Galerie in der Düsseldorfer Altstadt. Als 2007 das fünfzigjährige Geschäfts-Jubiläum gefeiert wurde, war die Geschichte der Galerie Schmela gleichbedeutend mit einem wesentlichen Kapitel der internationalen Kunstgeschichte der Nachkriegszeit: die Kunst-Moderne, sie kam auch aus Düsseldorf.

Alfred Schmela entdeckte einst auch Joseph Beuys. Lena Brüning erzählt amüsiert, dass sie sich noch an einen „seltsamen, aber auf jeden Fall spannendenden Mann mit Hut“ erinnert, dem sie als Kleinkind um die Füße kroch und der ihr freundlich über den Kopf strich. Als ihr Großvater 1980 starb, übernahm dann ihre Mutter die Galerie. „Ich wuchs also immer mit Kunst auf – das prägt.“ Zuhause hingen an den Wänden Bilder von Sigmar Polke bis Gerhard Richter und die Aschenbecher sind natürlich von Kippenberger.

Eigentlich deutete alles daraufhin, dass sie später die Galerie übernehmen würde. Doch Lena Brüning will zunächst nicht Galeristin werden: Sie versucht sich vom „Kunst-Ding“ abzunabeln, sagt sie. Sie sitzt jetzt, während sie das erzählt, in ihrem kleinen Büro, das auf einen dieser düsteren Berliner Hinterhöfe herausgeht. An den Wänden stehen ordentlich beschriftete Ordner, die alphabetisch nach Künstlern geordnet sind. Von „B“ wie John von Bergen, bis „W“ wie Miriam Wania“, vertritt sie elf Künstler und Künstlerinnen. Auf ihrem Schreibtisch, einem stilechten original Eiermann-Modell von 1952, steht der weiße Apple-Laptop, das Berliner Statussymbol der jungen Kreativen – daneben das Faxgerät.

Zunächst studierte Lena Brüning in Düsseldorf Literaturgeschichte. Nach einigen Semestern fand sie dann eher zufällig den Anschluss an die Düsseldorfer Kunstszene. „Ich ging auf lauter Künstlerpartys, hatte einen Freund, der an der Kunstakademie war, malte und zeichnete auch selbst.“

Bald erkennt sie, dass ihr Talent eher auf Seiten der Kritiker und Betrachter liegt, die künstlerische Potentiale erkennen – und fördern. Lena Brüning beendet ihr Studium, macht danach Praktika in der Düsseldorfer Kunsthalle, in einer Pariser Galerie, reist viel und entscheidet dann, in Berlin eine Galerie zu eröffnen.

„Das habe ich mir sehr genau überlegt. Und dann habe ich es einfach gemacht, es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Ich musste schwimmen – oder untergehen.“ Eine Unterstützung ihrer Mutter hat allerdings beim Freischwimmen aber auch „etwas geholfen“, meint sie. Doch sie ist überzeugt, dass sie sich auch so durchgesetzt hätte. „Ohne eigene Leistung geht´s nicht!“

Ihre eigene Leistung dürfte dabei vor allem der Blick für unverbrauchte Talente sein. Ehe sie sich für einen Künstler entscheidet, beobachtet sie ihn etwa ein Jahr. „Ich schaue, ob da eine Linie ist, ob er ein starker Mensch ist, der den Druck des Kunstbetriebs aushält.“ Auch legt sie Wert auf die handwerkliche Umsetzung. „Ich mag es, wenn man erkennt, dass sich jemand Mühe gibt.“

Ihr Galerie-Profil ist dabei von Anfang an Offenheit gegenüber allen Stilrichtungen gewesen. Aber es gebe auch einen roten Faden, unterstreicht Lena Brüning. „Mir geht es darum, dass die Sachen Sinnlichkeit haben. Ich mag es ein bisschen geheimnisvoll. Die Arbeiten sollen den Betrachter herausfordern, ihn dazu animieren, selbst nach Assoziationen zu suchen.“

Eine diese Künstlerinnen, auf die diese Beschreibung zutrifft, ist Alicja Kwade, Meisterschülerin von Christiane Möbus. „Das ist eine Künstlerin, die mich absolut begeistert. Und das sage ich nicht nur, weil ich die gerade ausstelle“, sagt Lena Brüning. Alicja Kwade beschäftige mit der Darstellung von Licht und Zeit und mit der Vermischung von Realität und Fiktion, erklärt sie dann.

Das Konzept käme beim Publikum sehr gut an, sagt sie dann. Als letzten Samstag die Vernissage stattfand, da war „der Laden so voll, dass ich Angst hatte, die Bilder könnten beschädigt werden“, erinnert sie sich amüsiert. Die Galeristinnen-Rolle beherrscht sie dabei perfekt: Dezent geschminkt, dunkel-elegant gekleidet und für jeden ein charmantes Wort – egal ob solventer Gast im Anzug oder Turnschuhträger mit Dreitage-Bart. „Wenn es so weiter geht wie bisher, bin ich eigentlich wunschlos glücklich mit meiner kleinen Galerie“, meint sie. Ein Problem hat Lena Brüning aber dennoch: Vielleicht muss sie bald umziehen, sie braucht mehr Platz.

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