Samstag, 16. August 2008

Die Schatten der Scientologen

Wo immer Scientology einen Stand aufbaut sind sie nicht weit: Die Anonymous-Leute kämpfen gegen die Organisation, die ihre deutsche Repräsentanz in Charlottenburg eröffnet hat - mit Masken, falschen Namen und Informationen.
















F oto: Dirk Laessig/Tagesspiegel

(Tagesspiegel, 16.08.08)

Kurz vor 16 Uhr hat die Suche ein Ende. Robert Tonlein*, 27 Jahre alt, schwarzer Anzug, akkurat geknüpfte Krawatte, das Gesicht hinter einer Faschingsmaske versteckt, hat die Scientologen endlich entdeckt. Am Ku’damm oder auf dem Potsdamer Platz, wo sie bisher jeden Samstag standen, hat er sie nicht gesehen. Die Anhänger haben heute ausnahmsweise am Alexanderplatz ihren Infostand aufgebaut. Dort versuchen sie, Passanten davon zu überzeugen, einen „Stresstest“ zu machen. Der endet dann mit der Diagnose von Schwächen – und dem Angebot, Scientology könne mit Kursen helfen.

Diese Hilfe bietet die Organisation, die sich als „Religion“ versteht, nicht ganz uneigennützig an. Mehrere Tausend Euro kosten einzelne Kurse – Aussteiger werfen der Organisation vor, Anhänger finanziell auszuplündern. „Wir halten Scientology für eine Psychosekte, die massiv Menschenrechte verletzt“, sagt Tonlein. „Wir möchten potenzielle Opfer schützen, indem wir über Scientology aufklären – mit friedlichen Mitteln.“Gemeinsam mit drei Mitstreitern, auch sie in schwarzen Anzügen und mit Maske vorm Gesicht, bezieht er unweit des Standes Position. Mit lauter Stimme warnen die Maskenträger Passanten davor, einen Stresstest zu machen oder die grellbunten Flyer anzunehmen. Die Passanten gucken amüsiert bis irritiert. Der Stand, auf dem zwei Stresstest-Geräte stehen – simple „Lügendetektoren“ – bleibt verwaist.
















Foto: markonymous/Flickr

Seit Februar 2008 kämpft die weltweit agierende Protestgruppe „Anonymous“ gegen Scientology. Damals tauchte im Internet ein Video auf, das den Schauspieler und bekennenden Scientologen Tom Cruise vor fanatisierten Anhängern zeigte. Da die Rhetorik des Hollywood-Idols an Reichspropagandachef Goebbels erinnerte, bemühte sich die Sekte, das Video zu zensieren und aus dem Internet zu entfernen. „Anonymous“ gründete sich spontan in einem Internetforum und legte wenig später die Homepage der Organisation lahm.

Von illegalen Aktionen hat sich die Gruppe aber inzwischen verabschiedet. An Aktionstagen, die weltweit stattfinden, treffen sich die Maskenträger stattdessen zu Demonstrationen – meistens direkt vor den jeweiligen Hauptsitzen von Scientology. Am heutigen Sonnabend findet der Protest schon zum siebten Mal statt. In Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart werden die „Men in black“ protestieren. In Berlin gehören etwa 100 Mitstreiter zu „Anonymous“. Der Name gehört bei den Sektengegnern gewissermaßen zum Programm. Aus Sorge vor Infiltrationsversuchen wahren die Aktivisten nämlich strikte Anonymität – selbst untereinander. Sie haben spezielle Handynummern, reden sich nur mit Spitznamen an und verabreden sich nur durch anonymisierte E-Mail-Verteiler.

Tonlein, der als Webmaster arbeitet, ist von Anfang an dabei. Er sagt, dass er sich engagiere, weil er jede Art der Zensur ablehne – so wie seine Mitstreiter. Ein persönlicher Grund sei auch ein Onkel: Der geriet einst in die Fänge der Organisation. „So habe ich hautnah miterlebt, wie Scientology Familienbindungen zerstört und Menschen psychisch vernichtet.“ Deshalb nimmt er ein- bis zweimal pro Woche an sogenannten „Blitz-Raids“ teil: Aktionen, bei denen Werbeversuche der Scientologen auf der Straße behindert werden.

So wie heute.Scientology nimmt die Maskenträger offensichtlich ernst. Nur 20 Minuten, nachdem sie Position bezogen haben, fährt ein Polizeiwagen vor. Der Beamte spricht kurz mit dem Chef des Standes. Der beklagt sich über die massive „Werbebeeinträchtigung“ durch die Maskenaktivisten, und dass dadurch rund 70 Prozent weniger Interessierte kämen. Der Polizist nickt, geht dann zu Tonlein und weist ihn freundlich darauf hin, mehr Abstand zum Infostand zu halten.

„Rechtlich gesehen bewegen wir uns in einer Grauzone, aber die Polizei hat glücklicherweise etwas Ermessensspielraum“, sagt Tonlein später und drückt gleichzeitig einer jungen Mutter einen Infozettel in die Hand. Auch eine ältere Dame will jetzt einen Infozettel und klopft ihm wohlwollend auf die Schulter, Jugendliche lassen sich mit ihm fotografieren und wollen wissen, wo es die „coolen Masken“ gibt.

Dabei sind die kein Gimmick, sondern purer Selbstschutz. Scientology sei dafür bekannt, Gegner mit Mitteln wie Rufmord zu bekämpfen. Deshalb hat Tonlein am Arbeitsplatz und im Freundeskreis sein Engagement öffentlich gemacht. Er will so möglicher Gerüchteverbreitung entgegentreten. Ein Scientologe habe schon versucht, ihn bis zu seinem Auto zu verfolgen. Seine Maske ist bewusst gewählt. Sie stammt aus dem Science-Fiction-Film „V wie Vendetta“, wo ein einsamer Held gegen ein totalitäres System kämpft.

Der heutige Aufklärungskampf der vier Maskenträger scheint erfolgreich zu sein. Eine knappe Stunde nach ihrer Ankunft packen die Scientologen ihren Infostand zusammen. „Die heutige Aktion war ein echter Erfolg“, sagt Robert Tonlein und steckt sich eine Zigarette unter der Maske an. „Normalerweise bleiben die drei Stunden länger.“

*Name geändert

Montag, 23. Juni 2008

Mann für besondere Momente

Henry Ries verlässt 1938 seine Heimat Berlin. Zehn Jahre später dokumentiert der Fotograf die Luftbrücke. Er hat die Stadt geliebt, sagt seine Witwe. Eine Begegnung.

(Jüdische Allgemeine, 19. Juni 2008)













Foto: Henry Ries/DHM

Ehe sie nach oben geht, hält sie für einen Augenblick inne. Sie setzt sich auf die Marmorbank, die an der Seitenwand eingelassen ist und schaut auf weiße Säulen, die sich in sechs Metern Höhe im Halbdunkel verlieren. Ihr rechter Arm liegt auf der Lehne, die Hand streicht liebevoll über den Marmor. „Schön, nicht? So etwas Kostbares wird heute wohl nicht mehr gebaut“, sagt Wanda Ries, 62. „Auf der Bank hat sich Henry als kleiner Junge die Rollschuhe angezogen. Daran denke ich oft."

Wanda Ries, das "R" rollt die gebürtige Münchnerin mit amerikanischem Akzent, sitzt in der Eingangshalle eines Mietshauses unweit des Berliner Kurfürstendamms. Hier wurde Henry Ries, der „Fotograf der Luftbrücke“, 1917 als Heinz Ries geboren. Oben im vierten Stock besaß sein Vater, liberaler Jude und Leinenfabrikant, eine weiträumige Wohnung. Das imposante Jugendstilhaus hat den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. Seit 1987 residiert in der 15-Zimmerwohnung die Berliner Aids-Hilfe.

Im einstigen Salon der Ries’ gibt es Veranstaltungen, im ehemaligen Kinderzimmer von Henry Ries suchen HIV-Erkrankte Hilfe. „Er hat sich sehr gefreut, dass seine ehemalige Wohnung einem gemeinnützigen Zweck dient“, erzählt Wanda Ries, als sie später auf dem hellen Lindenparkett des einstigen Raucherzimmers steht. Heute sitzen hier die Besucher der Beratungsstelle an Tischen, trinken Kaffee oder blättern in Zeitschriften.

Wanda Ries lebt heute in New York. Dort verbrachte sie 29 Jahre an der Seite von Henry Ries. 2004 starb der Fotograf. Seine Urne liegt auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf. Deshalb kommt sie regelmäßig an die Spree. Oft sucht sie dann auch die einstige Wohnung auf. „Ich spüre hier ganz stark seine Gegenwart“, sagt sie, während sie durch die Räume schlendert. „Das, was mich hierher zieht, ist die Vorstellung, wie Henry als Jugendlicher durch die Wohnung getobt ist. Er war ein sehr sportlicher Mensch, eigentlich bis zuletzt.“ Oft denke sie dann an die Anekdoten, die er ihr aus seiner Jugend erzählt habe. „Zum Beispiel hat er in den weitläufigen Fluren mit seinem Bruder Fußball gespielt. Dabei wurde einmal eine kostbare Vase zerstört. Ärger gab es nicht, er hatte ein tolerantes Elternhaus und eine glückliche Kindheit.“

Daran erinnert eine kleine Fotodokumentation, die Wanda Ries in den Räumen der Aids-Hilfe organisiert hat. Die Ausstellung spannt einen Bogen um sein ganzes Leben. Da zeigt ein Bild den kleinen Henry mit den zwei Geschwistern, ein anderes die Mutter mit Perlenkette und modischem 20er-Jahre-Kurzhaarschnitt. Und der Vater sitzt mit Zigarre und Fliege auf einem Gartenstuhl. Eine ganz normale deutsche Familie, die Weihnachten einen Tannenbaum mit Lametta im Salon aufstellte, aber eben auch Pessach feierte.

Die kulturelle Symbiose nimmt 1933 ihr Ende. Henry Ries, der hervorragend Klavier spielte, wollte eigentlich Dirigent werden. Daraus wird nichts nach der Machtübernahme der Nazis. Wie so viele jüdische Deutsche erlebt Henry die schleichende Ausgrenzung und Entrechtung in der eigenen Heimat. Seit 1937 versucht er deshalb, mit der Familie Deutschland zu verlassen. Die Einreise in die USA gelingt aber erst 1938.

Dort schlägt sich Henry Ries mit Gelegenheitsarbeiten durch. Als die USA dem „Dritten Reich“ den Krieg erklären, will er in die amerikanische Armee eintreten. Doch Ries gilt als „feindlicher Ausländer“. Am Ende wird er sich aber durchsetzen. Ries kämpft allerdings nicht in Europa, sondern im Südpazifik – und ohne Waffe. Er ist Fotoaufklärer und dokumentiert Bombenschäden.

Das Kriegsende erlebt Ries in Kalkutta. Schon bald wird er nach Europa beordert und erhält einen Spezialauftrag. In einer österreichischen Salzmine werden 36 Holzkisten gefunden: das „Geheimarchiv" von SS-Chef Heinrich Himmler. Henry Ries soll mit einem Übersetzerteam den Fund sichten und reist nach London. In den Kisten befinden sich die Berichte der SS-Ärzte, die Himmler über den Fortgang ihrer Experimente an KZ-Häftlingen informieren. „Das hat ihn sehr aufgewühlt“, sagt Wanda Ries. „Es war für ihn unvorstellbar, dass es einen solchen Morast an moralischer Verkommenheit überhaupt geben konnte.“ Als Ries dann erfährt, dass seine Großmutter nach Theresienstadt verschleppt und seine Tante in Auschwitz ermordet wurde, steht für ihn fest, nie wieder nach Deutschland zu gehen.

Doch im Herbst 1945 wird der Soldat Ries nach Berlin versetzt. „Er musste also zurückkommen. Als er das ganze Ausmaß der Zerstörung sah, all die Elendsgestalten, bekam er Mitleid. Henry war im Grunde ein überzeugter Humanist, glaubte an das Gute im Menschen.“ Und er realisierte, dass nicht alle Deutschen Überzeugungstäter und Mitläufer waren, sagt seine Witwe. Er selbst habe es immer als eine Gnade empfunden, Jude zu sein: „So konnte er nicht zum Täter werden.“

Henry Ries hatte aber auch Schuldgefühle. „Er fragte sich, warum gerade er überlebt hatte, obwohl doch so viele Millionen ermordet wurden.“ Wirklich auseinandergesetzt habe er sich mit dieser Frage aber erst in seinen letzten Lebensjahren. Ries reist nach Auschwitz und Theresienstadt, sucht Spuren seiner ermordeten Verwandten und dokumentiert, wie an die Schoa erinnert wird (Auschwitz, 1997). In einem anderen Fotoband (Abschied meiner Generation, 1992) porträtiert er die Generation, der auch er angehört. Ries reist durch Deutschland, trifft ehemalige Wehrmachtssoldaten, unverbesserliche Nazis und Opfer des NS-Regimes. Mit der Kamera hält er fest, wie sich die Geschichte in ihre Gesichter gegraben hat.

Diese Fotoarbeiten stehen immer noch im Schatten der Bilder, die er während der Berliner Blockade schuf: Im Juni 1948 sperren die Sowjets den Zugang zu den Westsektoren. Stalin will die Ruinenstadt hinter den Eisernen Vorhang zwingen. Die Amerikaner antworten mit der Luftbrücke: Elf Monate lang fliegen sie, mit Unterstützung der Briten, mehr als zwei Millionen Tonnen Lebensmittel und Brennstoffe ein (siehe Infokasten).

Henry Ries, der seit April 1946 als Fotoreporter für eine Nachrichtenillustrierte der US-Army arbeitet, hetzt zwischen den verschiedenen Schauplätzen der Blockade hin und her. Er lichtet startende und landende Flugzeuge ab und freundlich winkende Piloten. Die Bilder erscheinen großformatig auf den Titelseiten der Illustrierten. So dokumentiert er den Bau des Flughafens Tegel, zeigt die Trümmer abgestürzter Flugzeuge inmitten von Häuserruinen, und wie die Westberliner mit der Blockade leben.

Die Luftbrücken-Bilder begründeten Ries’ Ruhm als Pressefotograf. Sie fanden Eingang in das kollektive Gedächtnis auf beiden Seiten des Atlantiks. Der deutschamerikanische Verbrüderungsmythos: Henry Ries, der vertriebene deutsche Jude, gab ihm sein Gesicht. 2008, das Jahr des 60. Jubiläums der Luftbrücke, ist also auch „Henry-Ries-Jahr“. Immer dann, wenn irgendwo an die Luftbrücke erinnert wird, findet sich Ries’ Bild des Rosinenbombers, der über eine Gruppe fröhlich winkender Kinder fliegt. Millionenfach reproduziert, wurde es zu einer Ikone.

Das Bild selbst sei wie alle seine Aufnahmen eine bewusste Momentaufnahme gewesen, sagt Wanda Ries. „Er hat nie einfach drauflosgeknipst, sondern lange eine Situation beobachtet und dann komponiert. Er ließ sich vom Augenblick inspirieren, suchte das Einmalige im Alltäglichen. Sein Ziel war es, aus der Masse das Individuum herauszuarbeiten.“ Auf das Rosinenbomber-Bild sei Henry besonders stolz gewesen. Er sei der Einzige gewesen, der auf die Trümmerhügel rund um Tempelhof hinaufkletterte und ein solches Motiv aufgenommen habe. „Als der Rosinenbomber angeflogen kam, hat er die Kinder gebeten, nicht in seine Richtung zu schauen. Nur ein Mann dreht sich um und blickt direkt den Betrachter an. So schließt sich ein Kreis. Vielleicht macht das die Einmaligkeit des Bildes aus.“

1955 zieht sich Ries aus dem Journalismus zurück und eröffnet in Manhattan ein Studio für Werbefotografie. Rund 20 Jahre dauert es, bis er wieder nach Berlin kommt. Er habe eigentlich mit Deutschland abgeschlossen, erzählt Wanda Ries. „Er fühlte sich als Amerikaner, sprach kein Deutsch mehr.“ Doch 1973 kommt Post aus Berlin. Zum 25. Jahrestag der Blockade plant die Landesbildstelle eine Ausstellung mit seinen Fotos, Henry Ries wird eingeladen. Zum ersten Mal sieht er die Mauer, für ihn eine absurde, kafkaeske Monstrosität. So enstehen zahlreiche Bilder des „antifaschistischen Schutzwall“, den die SED-Oberen quer durch Berlin gezogen haben.

Für eine Ausstellung seiner Mauer-Fotos sucht der Fotograph eine Assistent. Freunde vermitteln ihm Wanda Ries. So eloquent sie heute aus Henry Ries’ Leben berichtet, so diskret ist sie, wenn es um ihr Privatleben geht. „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt“, sagt sie freundlich, aber bestimmt. Alles, was sie sagt, ist, dass ihr Großvater als Gegner des NS-Regimes in Dachau war und dass sie keine Jüdin ist. Sie hat Kunstpädagogik studiert, später dann noch einmal Kunst in New York. Heute sichte sie vor allem den Nachlass ihres Mannes. Der soll bald komplett in der deutschen Hauptstadt aufbewahrt werden. „Das war Henrys Wunsch. Er wollte das alles in Berlin wissen. Er hat diese Stadt geliebt.“

Info

Die Luftbrücke 1948/49

Wenige Tage nach der Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen wird die D-Mark auch in den Westsektoren Berlins eingeführt. In der Nacht zum 24. Juni 1948 sperren daraufhin sowjetische Truppen alle Zufahrtswege nach West-Berlin. Doch auf Initiative von Militärgouverneur Lucius D. Clay stellen die USA und Großbritannien über eine Luftbrücke die Versorgung der Stadt sicher. Mit mehr als 270.000 Flügen werden rund 2,3 Millionen Tonnen Fracht transportiert. Alle zwei bis drei Minuten landet eine Maschine in Berlin. „Rosinenbomber“ nennt der Volksmund die Flugzeuge. Die Blockade endet am 12. Mai 1949.

Ausstellungen:

„Brennpunkt Berlin: Die Blockade 1948/49. Der Fotojournalist Henry Ries“. Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin. Noch bis zum 21. September, täglich 10 - 18 Uhr

Fotoausstellung über Henry Ries in den Räumen der Berliner Aidshilfe, Meinekestraße 12, 10719 Berlin. Montag bis Donnerstag 10 - 18 Uhr, Freitag 10 - 15 Uhr

Die Autobiografie:

Henry Ries: „Ich war ein Berliner. Erinnerungen eines New Yorker Fotojournalisten“. Parthas Verlag, 220 Seiten, 35 Euro

Das unentdeckte Massengrab

Auf einem Grundstück in Brandenburg vermuten Historiker ein Massengrab aus der NS-Zeit. Der Eigentümer verhindert seit Jahren eine Erforschung. Bisher erfolgreich.

(Jüdische Allgemeine, 21. Februar 2008)















Foto: André Glasmacher

Der rote Trabbi, der auf dem Nachbargrundstück hinter Maschendrahtzaun verrottet, ist Bernd Boschan schon lange ein Dorn im Auge. „Das ist kaum der Würde des Ortes angemessen“, sagt der 50-jährige und lässt missbilligend den Blick über das gammlige DDR-Vehikel schweifen.

Bosch trägt graumeliertes Haar ein gepflegten Schnauzer und ist Amtsdirektor der 611-Gemeinde Jamlitz im Oberspreewald. Mehr Ärger als der roter Trabbi macht ihm seit Jahren ein verwahrlostes Grundstück, an dem er jetzt steht. Hier sollen Historikern zufolge die Überreste von 750 jüdischen KZ-Häftlingen liegen – das größte noch unentdeckte Massengrab aus der NS-Zeit.

Seit Jahren versucht Boschan den Verdacht zu klären, doch der Besitzer des Terrains hintertreibt erfolgreich alle Aufklärungsversuche. Bereits im April 2007 wandte sich Boschan an das Amtsgericht Guben, um eine einstweilige Grabungsverfügung zu erhalten – die zuständige Richterin lehnte dies ab.

Dagegen reichte Boschan eine Beschwerde beim Cottbuser Landgericht ein – die wurde jetzt zurück gewiesen. Das Gericht betonte, dass es einen „hohen moralisch-ideellen Wert“ gebe, die Opfer zu bergen, machte aber deutlich, dass keine rechtliche Grundlage gebe, auf dem Grundstück gegen den Willen des Besitzers graben zu lassen. Boschan wird das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, „vorrausichtlich“ beim Brandenburgischen Oberlandesgericht anfechten.

Warum sich der Besitzer gegen eine Aufklärung des Massenmords wehrt, kann Boschan dabei nicht sagen. „Mal berief er sich darauf, dass durch Grabungen der Erholungswert seines Grundstückes gemindert würde. Dann wollte er eine Zusage, dass auf keinen Fall keine Gedenkstätte eingerichtet wird“, erzählt der Amtsdirektor und schüttelt ratlos den Kopf.

Hans Hirtinger selbst ist an diesem Frühlingstag nicht auf seinem Grundstück anzutreffen. Kein Zufall – der 50-jährige lebt schon seit Jahren in Bayern. In Jamlitz wird der Baustoffvertreter nur noch selten gesichtet. Sein Haus, das sich als dunkler Punkt gegen den düsteren Himmel abhebt, wirkt unbewohnt. Von den Fensterrahmen platzt der Lack ab, die Glasscheiben sind verdreckt, Klingel und Namensschild fehlen.

Das Jamlitzer Massengrab beschäftigt auch den Zentralrat der Juden. „Es ist sicher, dass es in Jamlitz ein Massengrab gibt. Doch die Erforschung wird verhindert. Es ist unglaublich“, sagt Peter Fischer, zuständig für Gedenkstätten und Erinnerung. Fischer wundert sich, mit welcher Vehemenz sich der Grundstückbesitzer gegen Grabungen sperrt: „Man kann eigentlich nur Antisemitismus vermuten.“

Ob Hans Hirtinger ein Antisemit ist, darüber will Boschan nicht spekulieren. „Dazu kenne ich den Mann zu wenig.“ Er hat einmal mit ihm telefoniert und beschreibt ihn als „zurückhaltend.“ Nachbarn erzählen, dass Hirtinger „seltsam“ sei. Ansonsten wird viel gemunkelt: Als Hirtinger-Senior in den 50er Jahren das Haus baute, sei er beim Anlegen der Fundamente auf die Überreste der KZ-Häftlinge gestoßen und habe das Ganze vertuscht. Solche Gerüchte will Boschan nicht kommentieren.

Dass sich tatsächlich ein Massengrab auf dem Grundstück befinden könnte, ist zumindest plausibel. Hirtingers Haus, ebenso wie die gesamte Siedlung, stehen auf einem ehemaligen Außenlager des KZ Sachsenhausen. Zwischen 1943 und 1945 waren hier etwa 8.000 Häftlinge interniert. Dort, wo heute gepflegte Bungalows und Rosenstöcke stehen, dort wo sich akkurat geharkte Wege um Gartenzwerge schlängeln, standen einst die Holzbaracken der KZ-Häftlinge.

Im Frühjahr 1945 wurde das Lager aufgelöst. Die marschfähigen Häftlinge, etwa 1.600 Männer, mussten sich auf einen 100 Kilometer langen Todesmarsch in Richtung Sachsenhausen begeben. Kranke und Geschwächte blieben im Lager zurück. Unmittelbar nach dem Abmarsch der Häftlingskolonne begann SS-Truppen mit ihrer Ermordung.

Massaker und Geschichte des Außenlagers sind heute auf Informationstafeln dokumentiert, die seit 2003 in Jamlitz über das Geschehen aufklären. Bis dato erinnerte in dem Dorf nichts an das KZ, die Lager-Geschichte wurde zu DDR-Zeiten verdrängt. Nach 1945 nutzte nämlich die sowjetische Besatzungsmacht das ehemalige KZ zur Internierung von Nazi-Verbrechern und vermeintlichen „Spionen.“ Tausende kamen in dem Lager um.

Eine richtige Suche nach den SS-Opfern beginnt erst im November 1970. Ehemalige Häftlinge des KZs fahren nach Jamlitz, um zu erkunden, ob man hier eine Gedenkstätte einrichten könnte. Sie stoßen auf ein Gerücht: In der Gegend, vielleicht sogar auf dem Gelände des Außenlagers, gebe es ein Massengrab.

Nun setzt eine groß angelegte Suche ein. In einer alten Kiesgrube, in der bereits 1959 einige Skelette gefunden wurden, wird erneut gegraben. Schon bald liegen Hunderte von Skeletten frei – insgesamt 577. Einschusslöcher an den Hinterköpfen und Reste gestreifter KZ-Kleidung zeigen, dass es die ermordeten Häftlinge sind.

Ein Gutachten von Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, kommt zu dem Schluss, dass im Februar 1945 insgesamt 1.342 Häftlinge ermordet wurden. Bisher fand man 589 Körper. Die restlichen 758 Toten vermutet Morsch unter Hirtingers märkischer Gras-Steppe. Dort, wo Boschan nicht graben lassen darf.

Wenn es nach Heinz Stempel (Name geändert) ginge, dann könnte noch heute gegraben werden. „Dann wär´ das endlich geklärt“, ruft er über den Zaun. Der 70-jährige Rentner trägt eine graue Arbeitsjoppe und arbeitet in seinem Garten. Sein Haus steht an der Stelle, an der sich einst die Baracken der SS-Blockführer befanden.

Eigentlich redet der Rentner nicht mehr mit Journalisten, die sich schon zahlreich durch die Siedlung interviewt haben. „Neulich war ein Amerikaner da. Der wollte wissen, ob wir alle Antisemiten sind!“, empört sich Stempel. Heinz Stempel selbst hätte auch nichts dagegen, wenn die Überreste der KZ-Häftlinge ausgegraben würden, sagt er immer wieder. „Dann wär´ endlich Ruhe hier.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht: Amtdirektor Boschan will bei einem Fund eine Gräbergedenkstätte auf Hirtingers Grundstück anlegen. „Wir wollen die Opfer durch ein sichtbares Zeichen ehren.“ Wenn er denn graben dürfte.

Freitag, 9. Mai 2008

Eingebrannt ins Gedächtnis

Erwin Goldberg sah vor 75 Jahren bei der Bücherverbrennung der Nazis zu. Der 95-Jährige ist einer der letzten lebenden Augenzeugen

(Der Tagesspiegel, 10. Mai 2008)


Das Gebrüll hat er nie vergessen können. Erwin Goldberg schließt die Augen, sein freundliches Lächeln verschwindet. „Wir übergeben den Flammen die Bücher von Erich Kästner und Bertold Brecht...“, zitiert er mit heiserer Stimme und stützt sich fest auf seinen Gehstock.

Goldberg, inzwischen 95 Jahre alt, steht auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper, wo Nazis und Studenten heute vor 75 Jahren Tausende von Büchern verbrannten. Er war dabei – unfreiwillig. Damals war er 19, arbeitete als Chorsänger in der Staatsoper. Am Abend des 10. Mai 1933 soll er dort auftreten; in Wagners „Meistersingern“.

Doch Goldberg kommt an diesem regnerischen Abend nicht auf die Bühne. Schon von Weitem sieht er die Menschenmenge, die Hakenkreuzfahnen und hört Nazi-Marschlieder. „Die verbrennen die Bücher der Kommunisten und Juden“, erfährt er von Passanten. „Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt zur Arbeit soll – als Jude hatte ich große Angst,“ erinnert er sich. Doch schließlich siegt sein „preußisches“ Pflichtgefühl. „Die haben doch auf mich gezählt!“

Goldberg versucht sich durch die aufgeheizte Menschenmenge durchzuarbeiten, SA-Männer verstellen ihm den Weg: Sie richten einen Scheiterhaufen auf – Goldberg steht direkt daneben. Er kommt weder vor, noch zurück, sieht die Stapel von Büchern. Geschäftige Braunhemden rempeln ihn an: „Du stehst im Weg Volksgenosse.“

Goldberg hat Angst, als Jude identifiziert zu werden, doch niemand erkennt ihn. „Wie denn auch?! Niemand konnte uns doch von anderen Deutschen unterscheiden“, sagt er heute. Dennoch sei er damals von einer „irrsinnigen Angst“ erfüllt gewesen. „Ich dachte, die werfen mich mit ins Feuer. Es war abscheulich. Ich war umringt von wilden Tieren, die als Menschen verkleidet waren.“

Doch das Fanal, das die Nazis an diesem Abend setzen wollen, lässt sich nicht so leicht entzünden. „Wegen des Regens musste die Feuerwehr mit Benzin nachhelfen“, erinnert sich Goldberg. Als die ersten Bücher unter Gejohle in die Flammen fliegen, atmet er den beißenden Qualm ein, sieht die zum „Hitlergruß“ gestreckten Arme aus der Menge ragen. Ihm gelingt es nicht, dem dichten Gedränge auf dem Bebelplatz zu entkommen.

Erst nach Ende des grausigen Spektakels eilt er „wie im Fieber“ nach Hause. Erwin Goldberg wohnt damals in der Choriner Strasse. Auf dem Weg dorthin kommt er durch die Spandauer Vorstadt, wo viele Juden leben. „Dort wussten das schon alle. Wir haben uns gefragt ob das der Anfang vom Ende ist“, sagt Goldberg und blickt nachdenklich auf den Boden, wo man unter einer Plexiglasscheibe einen Raum mit leeren Büchergestellen sieht – ein Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullmann, das auf dem Bebelplatz seit 1995 an das Ereignis erinnert.

Für Goldberg markiert die Bücherverbrennung den Anfang einer Kette von Demütigungen. Besonders schmerzt ihn, dass er 1934 nicht mehr in der Staatsoper arbeiten darf. „Es war ein Gefühl des Verstoßenseins aus der deutschen Kultur. Ich wusste, dass ich aus Deutschland heraus muss.“

Bis 1938 hält er noch durch, dann flüchtet er vor einer drohenden Verhaftung nach Argentinien, wo er sich ein neues Leben aufbaut. Er wird Lehrer an einer Schule deutscher Kolonisten, er heiratet – und träumt weiter von Berlin. „Ich hatte ein solches Heimweh, das glauben Sie gar nicht!“

Als er 1945 erfährt, dass sein Bruder in Auschwitz ermordet wurde, schwört sich Goldberg, nie wieder einen Fuß nach Deutschland zu setzen. Bis ihn im Sommer 1972 ein Brief aus Berlin erreicht. Absender ist der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, der einstige jüdische Bewohner zum Besuch in ihrer früheren Heimatstadt einlädt. Erwin Goldberg ist jetzt 60 Jahre alt. Er habe lange überlegt, mit Freunden diskutiert. Schließlich habe er die Einladung als „Geste der Versöhnung begriffen“, sagt er.

Als er in Tegel aus dem Flugzeug gestiegen sei, habe er sich sofort wieder zu Hause gefühlt. „Hier wurde ich geboren, hier habe ich gelitten. Das bleibt meine Stadt“, sagt Erwin Goldberg. Er sucht die Stätten seiner Kindheit, flaniert über den Kurfürstendamm. Und er fährt auch einen Tag nach Ost-Berlin. Am meisten erschüttert habe ihn damals der Anblick der Ruine der Synagoge in der Oranienburger Straße, wo er einst Albert Einstein Geige spielen gesehen hatte.

Während seines Besuchs erhält Goldberg das Angebot als Musiklehrer an einer Weddinger Grundschule zu unterrichten. Er nimmt das Angebot an, lässt sich nach 35 Jahren Exil wieder in Berlin nieder. Erst 1996 kehrte Erwin Goldberg nach Buenos Aires zurück. Seine Frau sei in Berlin nie heimisch geworden. „Sie vermisste das offene Herz der Menschen.“ Erwin Goldberg kann sie bis heute gut verstehen. „Wenn ich in Argentinien Freunde sehen möchte, dann gehe ich einfach vorbei. Hier muss ich immer erst anrufen, dann blättern sie im Terminkalender.“

Damals dachte Erwin Goldberg, es sei ein Abschied für immer. Doch es zieht ihn jedes Jahr an die Spree zurück: „Ich bin wie ausgehungert“, erklärt er mit leuchtenden Augen. „Nach Theater, Musik und Kultur!“ Dieses Mal hat er auch seine Autobiographie mitgebracht. „Wirbelstürme des Schicksals“ heißt das Buch, das bei einem kleinen Hamburger Verlag erschienen ist. „Ich will mit meiner Lebensgeschichte zeigen, dass man immer Hoffung haben muss, die Zuversicht nicht verlieren darf“, sagt er. „Ich lebe noch – und Hitler nicht. Das zählt.“

Mittwoch, 30. April 2008

Einstürzende Altbauten

Die „Wiesenburg“ war bis zum Ersten Weltkrieg Berlins größtes Obdachlosenasyl, finanziert durch jüdische Bürger. Heute zeugen nur noch Ruinen von der Vergangenheit. Eine Ortserkundung

(Jüdische Allgemeine, 1. Mai 2008)

Die schwarze Drossel, die emsig in einem Schutthaufen herumpickt, weiß nichts von der Gefahr, die ihr droht: Über ihr hängt ein Backstein lose aus der Mauer und könnte jederzeit herunterfallen. Doch Joachim Dumkow hat ihn sofort entdeckt. „Vorsicht! Da fällt gleich was“, ruft der 41-Jährige energisch, während er schwungvoll über einen Schutthaufen steigt und riesige Farnwedel beiseite streift, die einen Mauereingang verbergen.

Dahinter befinden sich noch mehr Schuttberge, umgeben von bröckelnden Mauerkronen. Wilder Wein fällt über leere Fensteröffnungen, von oben scheint die Frühlingssonne durch knospende Birkenzweige – im Berliner Bezirk Wedding liegt für einen Moment Caspar-David-Friedrich-Stimmung in der Luft.

Die Romantik beschränkt sich jedoch auf ein 13.000 qm großes Mauerlabyrinth zwischen der kanalisierten Panke und der Berliner Ringbahn. Ansonsten dominieren in diesem Stadtteil eher triste Betonfassaden, Telefonshops oder Männer, die mit Bierflaschen auf Bänken sitzen – die Prozentzahl der Hartz-IV-Empfänger liegt im „Kiez“ im zweistelligen Bereich.

All das vergisst man hier – obwohl auch hier einst das Elend Berlin anzutreffen war. Heute zwitschern in den Ruinen des einstigen Obdachlosenasyls Vögel, und eine dicke Spinne krabbelt über den Boden, direkt neben Dumkows Turnschuhen, der gerade den losen Stein entfernt hat. Er steht in den Überresten der Schlafsäle, in denen einst 500 Menschen eine Bleibe fanden. Es ist das, was von einem sozialen Modellprojekt übrig geblieben ist – maßgeblich initiiert und finanziert durch liberale Berliner Juden während der Kaiserzeit. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend durch Bomben zerstört, verfällt das Gebäude seitdem von Jahr zu Jahr.

Die „Wiesenburg“ – das ist ein vergessenes Kapitel Berliner Sozialgeschichte. Ebenso wie deren jüdische Stifter. Selbst Chana Schütz, eine der besten Kennerinnen der jüdischen Geschichte Berlins und Kuratorin zahlreicher Ausstellungen im Centrum Judaicum, ist überrascht, von der „Wiesenburg“ zu erfahren. Für Schütz ist das Engagement selbst dabei wenig überraschend. „Es gab im Kaiserreich viele solcher Stiftungen, wie etwa die der Familie Mosse, die eine Ausbildungsstätte für Handwerker einrichtete. Zu erinnern wäre auch an James Simon, der die erste gemeinnützige Badeanstalt in Berlin-Mitte gebaut hat.“

Die Motive für das jüdische Engagement waren dabei vielfältig, meint Schütz – wie etwa der Wunsch , die Gesellschaft mitzugestalten und sozialen Missständen entgegenzuwirken. „Die Wiesenburg als Zeugnis einen solchen Engagements ist aber eine interessante Neuentdeckung.“

Wenn die Ruinen der „Wiesenburg“ weiter so zerfallen wie in den letzten Jahren, wird allerdings nicht mehr viel übrig bleiben. Wäre da nicht Joachim Dumkow. Er versucht, diesen Prozess aufzuhalten. „Das ist eine Sisyphus-Arbeit – im wahrsten Sinne des Wortes“, seufzt er und schiebt seinen gelben Bauhelm zurecht, den er gegen Steinschlag trägt. Mauere er heute einen Stein fest, falle morgen an anderer Stelle einer herunter.

Joachim Dumkow ist eigentlich kein gelernter Maurer, sondern Therapeut in einer Berliner Lungenklinik. Er ist auf dem Gelände aufgewachsen, das einstige villenartige Verwaltungsgebäude des Asyls ist noch bewohnbar. Dort lebt er heute mit Partnerin und Eltern. Seine Mutter ist die Nachfahrin eines jüdischen Stifters. Die Geschichte der „Wiesenburg“ ist also eng mit seiner eigenen Familiengeschichte verbunden. „Deshalb schmerzt es mich, wie Berlin das alles hier verkommen lässt“, sagt Dumkow und blickt auf eine rissige Backsteinwand, aus der eine junge Birke wächst.

Was Berlin genau verkommen lässt, das erklärt er nach einem ersten Rundgang an einem weißen Campingtisch, den er zwischen den Ruinen aufgebaut hat. Eine Thermoskanne steht in der Mitte, daneben zwei Plastikbecher, aus denen Dampf zieht. Vor ihm liegt ein Buch, ein dicker Ordner mit Fotokopien und alten Bildern, die zeigen, was die „Wiesenburg“ einmal war.

Die Geschichte der heutigen Ruinenlandschaft beginnt 1868. In Berlin herrscht Wohnungsnot, Obdachlosenasyle gibt es nicht. Deshalb initiiert die Kaufmannsgattin Berta Hirsch-Neumann die Gründung eines Vereins, der sich um die Errichtung eines Obdachlosen-Asyls kümmern soll. Prominentestes Gründungsmitglied: Rudolf Virchow. Auch Paul Singer, Mitbegründer der SPD, ist von Anfang an dabei. Der Verein eröffnet 1870

im Berliner Scheunenviertel, dort, wo heute das Theater der Volksbühne steht, ein erstes Asyl. Mit der Reichsgründung 1871 wird Berlin zur größten Industriestadt Europas, die Bevölkerungszahl nimmt rasant zu – ebenso die Wohnungsnot. Die bisherigen Kapazitäten reichen nicht mehr aus. Im Oktober 1893 erscheint in der „Vossischen Zeitung“ ein von 24
Personen unterzeichneter Aufruf, in dem der Verein zu Spenden für ein neues Asyl aufruft.

Neben zahlreichen Geldspenden treffen auch antisemitische Postkarten ein. Abgedruckt sind diese in einem Buch über die Berliner Sozialgeschichte. Dumkow blättert in dem Band, zeigt
Fotoreproduktionen mit krakeliger Kanzleischrift. Auf einer Karte heißt es, dass angesichts der fast „ausschließlich jüdischen Aufruf-Unterzeichner“ kein Betrag gezahlt werde. Auf einer anderen Karte heißt es: „Einem Verein, dem ein ‚Singer’ angehört, zahle ich keinenSilberling!“

Hirschfeld, Arons oder Cohn – jüdische Familiennamen finden sich in derTat unter dem Aufruf. Ein Abgleich der Namen mit den Wahllisten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin von 1892 zeigt sogar, dass im Vorstand des Vereins zahlreiche Gemeindemitglieder saßen. Und letztlich war es auch eine größere Geldspende des Arztes Moritz Gerson, die es 1896 ermöglichte, das seinerzeit größte und fortschrittlichste Asyl Deutschlands zu eröffnen, das wegweisend in der Betreuung von Obdachlosen werden sollte.

Bis 1914 bot die Einrichtung diesen Menschen kostenlose Unterkunft und eine warme Mahlzeit. Im Volksmund erhielt das Asyl bald den Namen „Wiesenburg.“ Revolutionär für die Zeit war, dass Obdachlose nicht als „öffentliches Ärgernis“ begriffen wurden, dem man durch Repressionen abhelfen wollte, sondern als Menschen, die vor allem eines brauchten: Hilfe.

Während des Ersten Weltkriegs wurde das Asyl für das Militär requiriert. Nach dessen Ende hatten viele Stifter finanzielle Probleme, der Asyl-Betrieb wurde mit Unterstützung der Stadt Berlin weitergeführt. Ab 1926 verpachtete man dann das gesamte Gebäude an die Jüdische Gemeinde zu Berlin – zu welchem Zweck, darüber gibt es keine Unterlagen. 1935 scheint das Gebäude von den Nazis enteignet worden zu sein, Rüstungsbetriebe ziehen in die „Wiesenburg“ ein.

Wenn es um die NS-Zeit geht, könnte Joachim Dumkow „vor Wut ausrasten.“ Warum, das erklärt er in der 90 qm großen ehemaligen Eingangshalle der „Wiesenburg.“ Er zeigt jetzt nach oben, wo man in 30 Metern Höhe Reste des Kassettendachs sieht, das von Einschusslöchern zersiebt ist. Mildes Licht fällt durch Glasreste, und Dumkow schildert in drastischen Worten, wie die Nazis hier „verschandelnde Betonwände und eine hässliche Zwischendecke“ eingezogen haben. Alles sei ihnen recht gewesen, um die soziale und jüdische Vergangenheit der „Wiesenburg“ auszulöschen, zürnt Dumkow.

Bis zur Zerstörung im Frühjahr 1945 wurden hier Rüstungsgüter produziert. Ein Hausmeister, das „Wiesenburg-Faktotum“, der während der NS-Zeit auf dem Gelände beschäftigt war und hier bis zu seinem Tod in den 80er-Jahren lebte, berichtete von Zwangsarbeitern, die im umfangreichen Kellersystem des Asyls „wie die Tiere eingesperrt“ gewesen seien – und dort wohl auch ermordet wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zogen ausgebombte Familien in das einzige erhaltene Gebäude – wie die Mutter von Joachim Dumkow.

Der Rest des Geländes blieb Kriegsruine. Diesen speziellen Charakter nutzten in den 70er- Jahren die Regisseure Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder. Schlöndorff drehte hier Szenen der „Blechtrommel“, Fassbinder Teile seines Filmes „Lili Marleen.“ Davon zeugt noch die weiße Inschrift „Zum Luftschutzbunker“ auf einer zerschossenen Backsteinmauer. „Übrigens echte Schüsse“, sagt Dumkow. Im April 1945 sei in dieser Gegend erbittert gekämpft worden.

Die Eigentumsfrage des Wiesenburg-Geländes ist bis heute nicht abschließend geklärt. Dumkow sagt, dass die Anlage dem 1961 reaktivierten „Asyl-Verein“ gehört, in dem er selbst auch Mitglied ist. Ein freundlicher Herr aus dem Bezirksamt sieht das anders. Günter Reimann sitzt in einem Büro, in dem der Besucher vor Papierstapeln kaum Platz findet. Reimann ist Sachbearbeiter im Bereich Denkmalschutz.

Seit Jahren besteht ein Rechtsstreit zwischen dem Bezirksamt und den „Wiesenburgern.“ Und es gibt ein Urteil: Dem Verein wurde vor einigen Jahren die Gemeinnützigkeit aberkannt. „Das Gericht hatte den Verdacht, dass der heutige Asylverein nur gegründet wurde, um einen Zugriff auf das Gelände zu haben“, erklärt Reimann.

Dumkows Familie hat gegen das Urteil Einspruch eingelegt, eine endgültige Entscheidung steht also noch aus. Den Verdacht selbst weist Joachim Dumkow entschieden als „Quatsch“ zurück. „Unsere Besitzansprüche sind nachgewiesen“, sagt er mit merklich lauterer Stimme. 1961, kurz vor ihrem Tod, habe seine Großtante, die das letzte Vorstandsmitglied des Vereins gewesen sei, die Rechte auf seine Mutter übertragen.

Und der Verein habe die gleichen Grundsätze wie damals, sagt Dumkow: „Hilfe für Bedürftige“. Dass es derzeit nicht allzu viele Projekte gibt, die finanziert werden, gibt Dumkow allerdings freimütig zu. „Alle Einnahmen des Vereins fließen in den Erhalt der Wiesenburg – sonst steht hier in ein paar Jahren nichts mehr.“

Für soziale Zwecke würde Joachim Dumkow gerne die ehemalige Eingangshalle in Stand setzen. „Hier könnte man ein interkulturelles Begegnungszentrum einrichten.“ Doch das Denkmalamt stellt sich quer. „Die geben uns keine Baugenehmigung.“ Sein Verdacht: Es gäbe Grundstücksspekulanten, die ein Auge auf das Gelände geworfen hätten und mit dem Senat „verfilzt“ seien, sagt er.

Konkrete Namen will – oder kann – Dumkow allerdings nicht nennen. In den Siebzigern hätte seine Familie bereits Versuche abgewehrt, Hochhäuser auf dem Gelände der „Wiesenburg“ zu errichten. Die gäbe es doch schon ausreichend in Berlin, meint Dumkow spöttisch – die Wiesenburg jedoch sei einzigartig. „Sehen Sie sich nur um“, sagt er dann mit einem versonnenen Blick. „Was man hier Schönes draus machen könnte – und das in Wedding! Das wäre auch im Sinne der Stifter.“

Freitag, 18. Januar 2008

Die Nachwuchsgaleristin

Ihr Großvater entdeckte einst Joseph Beuys. Heute ist seine 27-jährige Enkelin Lena Brüning eine Berliner Nachwuchsgaleristin auf Erfolgskurs














Die Kunst fest im Blick:
Lena Brüning in ihrer Beliner Galerie
Foto: Christian Reister

Rote Klebe-Punkte, an denen potentielle Käufer erkennen, dass ein Bild schon verkauft ist, sucht man bei Lena Brüning vergebens. Das ist aber kein Indiz dafür, dass ihre Galerie in Berlin rote Zahlen schreibt. Die aktuelle Ausstellung „Junge Sterne Rauchen“ von Alicja Kwade, die Brüning gerade ausstellt, „ist komplett verkauft“, sagt die Nachwuchsgaleristin stolz und zeigt nachdrücklich auf die großformatigen Fotos an den weißen Wänden und auf eine chromüberzogene Wanduhr.

Im Berliner Scheunenviertel, einem der trendigsten Szene-Viertel in der Bundeshauptstadt eröffnete die 27-jährige Düsseldorferin vor zwei Jahren ihre eigene Galerie – auf nur 55 qm. Die Gegend ist typisch für Ost-Berlin: graue Plattenbauten aus DDR-Zeiten stehen neben frischrenovierten Altbauten – das Straßenpflaster ist von vielen Winterfrösten aufgeplatzt. Für manche Sachen hat man in Berlin eben kein Geld.

Lena Brüning mag die Gegend. „Ich liebe dieses rockige und wilde Berlin – gerade weil das so ein großer Kontrast zu Düsseldorf ist.“ Doch auch das Rheinland lässt sie nicht los, meint sie dann breit lächelnd: „Spätestens zum Karneval bin ich wieder da!“

Die meiste Zeit des Jahres ist Lena Brüning aber in ihrer Berliner Galerie, die unter Sammlern und Kunstkritikern schon längst als Geheimtipp gilt. Wer bei ihr so einkauft, sagt sie aber, ganz der Profi, nicht: Sie lächelt nur freundlich und fragt, ob man einen Café möchte.

Berlin ist der Ort, an dem es europaweit die meisten Galerien gibt. Rund 400 Kunstvermarkter bemühen sich um eine internationale und solvente Kundschaft. Die Zahl der Künstler und Künstlerinnen, die nicht zuletzt auch wegen der billigen Mieten in Berlin lebt, ist unüberschaubar. Aus diesem Überangebot als Galerie hervorzustechen und unter dem Überangebot an Künstlern die Talente ausfindig zu machen – daran ist schon Mancher gescheitert.

Doch Lena Brüning behauptet sich. Sie hat einen Startvorteil, den sie eigentlich gar nicht gerne betont – sie möchte nämlich nicht auf die „Enkelinnen-Sache“ reduziert werden. „Ich möchte lieber das eigene Profil herausstreichen.“ Jedenfalls: Ihr Großvater ist der legendäre Düsseldorfer Galerist Alfred Schmela. Mit einer Ausstellung des damals noch unbekannten Yves Klein eröffnete Schmela einst seine eigene Galerie in der Düsseldorfer Altstadt. Als 2007 das fünfzigjährige Geschäfts-Jubiläum gefeiert wurde, war die Geschichte der Galerie Schmela gleichbedeutend mit einem wesentlichen Kapitel der internationalen Kunstgeschichte der Nachkriegszeit: die Kunst-Moderne, sie kam auch aus Düsseldorf.

Alfred Schmela entdeckte einst auch Joseph Beuys. Lena Brüning erzählt amüsiert, dass sie sich noch an einen „seltsamen, aber auf jeden Fall spannendenden Mann mit Hut“ erinnert, dem sie als Kleinkind um die Füße kroch und der ihr freundlich über den Kopf strich. Als ihr Großvater 1980 starb, übernahm dann ihre Mutter die Galerie. „Ich wuchs also immer mit Kunst auf – das prägt.“ Zuhause hingen an den Wänden Bilder von Sigmar Polke bis Gerhard Richter und die Aschenbecher sind natürlich von Kippenberger.

Eigentlich deutete alles daraufhin, dass sie später die Galerie übernehmen würde. Doch Lena Brüning will zunächst nicht Galeristin werden: Sie versucht sich vom „Kunst-Ding“ abzunabeln, sagt sie. Sie sitzt jetzt, während sie das erzählt, in ihrem kleinen Büro, das auf einen dieser düsteren Berliner Hinterhöfe herausgeht. An den Wänden stehen ordentlich beschriftete Ordner, die alphabetisch nach Künstlern geordnet sind. Von „B“ wie John von Bergen, bis „W“ wie Miriam Wania“, vertritt sie elf Künstler und Künstlerinnen. Auf ihrem Schreibtisch, einem stilechten original Eiermann-Modell von 1952, steht der weiße Apple-Laptop, das Berliner Statussymbol der jungen Kreativen – daneben das Faxgerät.

Zunächst studierte Lena Brüning in Düsseldorf Literaturgeschichte. Nach einigen Semestern fand sie dann eher zufällig den Anschluss an die Düsseldorfer Kunstszene. „Ich ging auf lauter Künstlerpartys, hatte einen Freund, der an der Kunstakademie war, malte und zeichnete auch selbst.“

Bald erkennt sie, dass ihr Talent eher auf Seiten der Kritiker und Betrachter liegt, die künstlerische Potentiale erkennen – und fördern. Lena Brüning beendet ihr Studium, macht danach Praktika in der Düsseldorfer Kunsthalle, in einer Pariser Galerie, reist viel und entscheidet dann, in Berlin eine Galerie zu eröffnen.

„Das habe ich mir sehr genau überlegt. Und dann habe ich es einfach gemacht, es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Ich musste schwimmen – oder untergehen.“ Eine Unterstützung ihrer Mutter hat allerdings beim Freischwimmen aber auch „etwas geholfen“, meint sie. Doch sie ist überzeugt, dass sie sich auch so durchgesetzt hätte. „Ohne eigene Leistung geht´s nicht!“

Ihre eigene Leistung dürfte dabei vor allem der Blick für unverbrauchte Talente sein. Ehe sie sich für einen Künstler entscheidet, beobachtet sie ihn etwa ein Jahr. „Ich schaue, ob da eine Linie ist, ob er ein starker Mensch ist, der den Druck des Kunstbetriebs aushält.“ Auch legt sie Wert auf die handwerkliche Umsetzung. „Ich mag es, wenn man erkennt, dass sich jemand Mühe gibt.“

Ihr Galerie-Profil ist dabei von Anfang an Offenheit gegenüber allen Stilrichtungen gewesen. Aber es gebe auch einen roten Faden, unterstreicht Lena Brüning. „Mir geht es darum, dass die Sachen Sinnlichkeit haben. Ich mag es ein bisschen geheimnisvoll. Die Arbeiten sollen den Betrachter herausfordern, ihn dazu animieren, selbst nach Assoziationen zu suchen.“

Eine diese Künstlerinnen, auf die diese Beschreibung zutrifft, ist Alicja Kwade, Meisterschülerin von Christiane Möbus. „Das ist eine Künstlerin, die mich absolut begeistert. Und das sage ich nicht nur, weil ich die gerade ausstelle“, sagt Lena Brüning. Alicja Kwade beschäftige mit der Darstellung von Licht und Zeit und mit der Vermischung von Realität und Fiktion, erklärt sie dann.

Das Konzept käme beim Publikum sehr gut an, sagt sie dann. Als letzten Samstag die Vernissage stattfand, da war „der Laden so voll, dass ich Angst hatte, die Bilder könnten beschädigt werden“, erinnert sie sich amüsiert. Die Galeristinnen-Rolle beherrscht sie dabei perfekt: Dezent geschminkt, dunkel-elegant gekleidet und für jeden ein charmantes Wort – egal ob solventer Gast im Anzug oder Turnschuhträger mit Dreitage-Bart. „Wenn es so weiter geht wie bisher, bin ich eigentlich wunschlos glücklich mit meiner kleinen Galerie“, meint sie. Ein Problem hat Lena Brüning aber dennoch: Vielleicht muss sie bald umziehen, sie braucht mehr Platz.

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