Donnerstag, 5. Juli 2007

Heimweh nach Berlin

Erwin Goldberg flüchtete 1938 nach Südamerika. Seit einigen Jahren pendelt er nun zwischen Buenos Aires und Berlin

(Jüdische Allgemeine, 19. August 2007)

„Senior Goldberg“ ist wieder da. Der Besitzer des spanischen Spezialitäten-Geschäfts in der Westberliner Kantstrasse freut sich. Eben ist ein mittelgroßer, rüstiger Herr mit einem freundlichen Lächeln in sein Geschäft gekommen – Erwin Goldberg. Der 93-jährige Rentner lebt gerade wieder einmal für drei Monate in Berlin – in der Stadt, in der er einst geboren wurde und die er 1938 unter abenteuerlichen Umständen verlassen musste.

Damals flüchtete Erwin Goldberg vor einer drohenden Gestapo-Verhaftung nach Argentinien, „ohne eine einzige Mark, ich hatte nichts weiter als meine Erziehung“, erzählt er mit heiserer Stimme und nasalem Tonfall, während er zwischen spanischen Weinflaschen, Würsten und Gebäck nach Mate-Tee sucht. Goldberg, der noch 1935 eine Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar beenden konnte und auch am bekannten Sternschen Konservatorium Gesang studiert hatte, unterrichtete damals in der neuen Heimat an einer Urwaldschule, träumte von Berlin, hoffte, dass er eines Tages zurück kehren würde. „Ich hatte ein solches Heimweh, das glauben Sie gar nicht!“

Als er 1945 von den KZs erfährt und dass sein Bruder in Auschwitz ermordet wurde, schwor er sich aber „nie wieder auch nur einen Fuß nach Deutschland zu setzen.“ Bis 1972 hat er seinen Schwur gehalten. Er wird Argentinier, heiratet, arbeitet als Lehrer und singt daneben als hauptamtlicher Kantor in einer Synagoge in Buenos Aires. Im Sommer 1972 lag dann eines Tages ein Brief aus Deutschland im Briefkasten. Absender: die Berliner Senatskanzlei.

Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz lud ehemalige jüdische Bewohner Berlins auf eine einwöchige Reise ein. Damals war Erwin Goldberg 60 Jahre alt. Er habe lange überlegt, mit Freunden diskutiert und schließlich „das Ganze als eine Geste der Versöhnung begriffen“, sagt er. Er könne verzeihen, aber nicht vergessen, fährt er dann nachdenklich fort. „Aber alles was ich in der Emigration geworden bin, verdanke ich meiner deutschen Erziehung, wie könnte ich da die Deutschen hassen?!“

Als er dann in Berlin-Tegel aus dem Flugzeug steigt, da habe er gewusst, dass er hier immer noch zu Hause sei. „In Berlin wurde ich geboren, hier habe ich gelernt und die besten Lehrer gehabt. Hier habe ich gelitten“, erzählt er. Wie im Fieber habe er damals die Stätten seiner Kindheit, gesucht, sei über den Kurfürstendamm flaniert. Und er fährt auch einen Tag „rüber“, in die DDR. „Diese Atmosphäre von Polizeistaat hat mich ganz stark an Nazi-Deutschland erinnert.“

rschüttert habe er auch vor den Ruinen der Synagoge in der Oranienburgerstrasse gestanden, wo er einst Albert Einstein Geige spielen sah und mit Leo Baeck Gottesdienste bestritt. Während des Besuchs erhält Goldberg das Angebot als Musiklehrer an einer Weddinger Grundschule zu unterrichten. Er nimmt das Angebot an, lässt sich nach 35 Jahren Exil wieder in Berlin nieder und wird sogar noch mit 64 Jahren zum Beamten ernannt. „Einmalig in der gesamten Geschichte der BRD“, erklärt er nachdrücklich. Gleichzeitig hilft er auch in Synagoge in der Pestalozzistrasse als Kantor aus: „Immer wenn Not am Mann war haben die mich geholt.“

1996, vor elf Jahren ist Erwin Goldberg dann wieder nach Buenos Aires zurück gekehrt. Seine Frau sei nie richtig in Berlin heimisch geworden. „Sie vermisste das offene Herz der Menschen.“ Und wenn Erwin Goldberg ehrlich ist, dann ging ihm das ein wenig ähnlich. „Wenn ich in Argentinien Freunde sehen möchte, dann gehe ich einfach vorbei. Hier muss ich anrufen, dann blättern die erst mal in ihrem Terminkalender“, sagt er.

Damals dachte Erwin Goldberg, es sei ein Abschied für immer. „Aber man soll nie nie sagen. Berlin lässt keinen los.“ Deshalb kommt er auch, solange die Gesundheit mitspielt, jedes Jahr für drei Monate an die Spree. „Ich bin wie ausgehungert“, erklärt er mit leuchtend Augen. „Nach Theater, Musik und Kultur – das gibt es nur in Berlin.“Dieses Mal hat er übrigens auch seine Autobiographie mitgebracht. „Wirbelstürme des Schicksals“ heißt das Buch, das bei einem kleinen Hamburger Verlag erschienen ist.

2004 kam die auf spanisch geschriebene Originalausgabe heraus, die er als eine Hommage an seine neue Heimat Argentinien verstanden habe.Jetzt hat Erwin Goldberg das Werk ins Deutsche übersetzt. „Ich will mit meiner Lebensgeschichte zeigen, dass man immer Hoffung haben muss, die Zuversicht nicht verlieren darf“, sagt er. So sei er als Jude den Nazis entkommen, habe zwei schwere Krebserkrankungen überstanden. „Aber ich lebe noch – und Hitler nicht.“

Pasternaks ungebetene Gäste

Das Restaurant „Pasternak“ in Berlin ist häufig Ziel von Vandalismus. Steckt Antisemitismus dahinter?

(Jüdische Allgemeine, 25. Juni 2007)

Die zerstörten Blumenkübel wurden schon erneuert, ebenso wie die herausgerissen Pflanzen. Vergangene Woche, in der Nacht von Sonntag auf Montag hatte das russisch-jüdische Restaurant «Pasternak» in Berlin erneut ungebetene Gäste. Es ist schon das zehnte Mal. In den letzten zwei Jahren wurde an den Markisen gezündelt, die Sonnenschirme aufgeschlitzt und Säure auf Zierpflanzen gekippt. Inzwischen hat auch der Berliner Staatsschutz Ermittlungen aufgenommen, erste konkrete Hinweise gäbe es aber noch nicht, sagte ein Polizeisprecher.

„Ich habe wohl Feinde“, vermutet Ilja Kaplan mit einer Mischung aus Wut, leichter Resignation und ausgeprägtem russischem Akzent. Bisher hat er nie Anzeige erstattet, aber jetzt ist seine Geduld am Ende. Es ist Mittag. Kaplan, Besitzer des mondän-gediegenen «Pasternak», sitzt unter einer Markise im Schatten, ein Glas Wasser vor sich. „Immerhin lieben uns unsere Gäste“, sagt er dann und zeigt zufrieden um sich. Am Nebentisch spanische Touristen, unterhalten sich angeregt, essen russische Spezialitäten, trinken Wein. Zwei Tische weiter nippt eine elegant gekleidete Blondine an einen Kaffee, das Handy griffbereit.

Wer seine Feinde sind, darüber kann Kaplan nur mutmaßen. Er glaubt aber, dass es damit zusammen hängt, dass er Jude ist. „Ich habe keine Beweise, aber warum bin ich der einzige Gastwirt hier, dem das passiert?“, fragt er. Der 46-jährige gebürtige Moskauer betreibt seit 2002 im altbaugeprägtem, gehobenen Szeneviertel Prenzlauer Berg, rund zwanzig Meter von der Synagoge in der Rykestrasse entfernt ein Restaurant. 1990 kam Kaplan als jüdischer Kontingentflüchtling nach Berlin. Er habe schon immer aus Russland weggewollt, sagt er. „Antisemitismus, ganz schlimm.“

Und jetzt das. Sein Restaurant, das in vielen Touristenführer über Berlin steht, wird immer wieder Ziel von möglicherweise antisemitisch motiviertem Vandalismus. Mehr als 5000 € habe er schon für die Schäden ausgeben müssen. Kaplan schüttelt fassungslos den Kopf, streicht sich über die silbrigen Haare. Und was er überhaupt nicht versteht das ist, dass die Polizei, die in Rufweite, rund um die Uhr die Synagoge bewacht, nie etwas mitbekommt. „Verstehen Sie das?“

Zwanzig Meter weiter will man sich mangelnde Aufmerksamkeit nicht vorwerfen lassen. Der diensthabende Beamte sagt, dass er, falls er etwas Ungewöhnliches, auf einen Strafbestand hinweisendes sehen oder hören würde selbstverständlich die zuständige Kollegen von der Schutzpolizei in Kenntnis setzen würde. Zu recht weist der Beamte auch auf ein Detail des Ortes hin. Die Synagoge in der Rykestrasse grenzt an das Eckhaus, in dem sich das «Pasternak» befindet. Und das Restaurant befindet sich auf der entgegengesetzten Seite des Eckhauses. Ist also für die Beamten nicht direkt einsehbar.

Inzwischen hat sich auch der zivile Verantwortliche für die Sicherheit der Synagoge hinzugesellt. Er trägt ein lilafarbenes T-Shirt, federnde Turnschuhe und Goldkette – und am Gürtel einen schwer nach unten hängenden „Colt.“ Von dem Vandalismus-Anschlag Sonntagnacht hat er in der Zeitung gelesen. Und er findet, dass die Presse den Vorfall aufbausche. „Vor allem im Hinblick auf einen möglichen antisemitischen Vorfall, sag ich mal.“ Der Mann vermutet „ganz stark“, dass es verärgerte Straßenmusiker oder Zeitungsverkäufer gewesen seien, die von den Kellnern vertrieben worden seien. „Müssen Sie mal drauf achten, die laufen hier ständig rum!“

Von der These hält Ilja Kaplan, wenig später befragt, nichts. Den Straßenmusikern erlaube er vor dem Lokal zu musizieren, unterstreicht er. Für Kaplan ist der schlüssigste Beweis, dass er Opfer von Antisemitismus ist, dass in den anderen Bars und Restaurants seiner Strasse noch nie Vandalismus vorgefallen sei. „Fragen Sie da mal nach“, fordert er nachdrücklich.

Dort ist die Antwort tatsächlich einstimmig: Nein, es sei nie etwas passiert. Die Theorien wer die Vandalen-Täter bei Kaplan denn gewesen sein könnten sind dafür umso vielfältiger. Die Spannbreite reicht von G8-Gegnern, Jugendlichen, betrunkenen englischen Touristen, Touristen im Allgemeinen und Betrunkenen aller Art. Und vielleicht, munkelt einer, „ist das auch eine Auseinadersetzung unter Russen.“

Nur der Kellner des Restaurant «Kost.Bar», direkter Nachbar von Ilja Kaplan hält es für wahrscheinlich, dass es Neonazis gewesen sein könnten. „Die machen doch so etwas.“ Dann erinnert er sich amüsiert an eine Szene die er mal in der Oranienburgerstrasse gesehen hat. „Vor zwei Jahren sind da ein paar betrunkene Skinheads vor der Synagoge aufmarschiert, haben den Hitlergruß gezeigt. Aber auf der anderen Seite war eine große Türken-Gang. Die sind gleich rüber, haben die Skins verprügelt. Und die sind dann in die Synagoge geflüchtet.“ Dann überlegt er. Neonazis hat er hier in der Gegend aber eigentlich noch nie gesehen. „Das ist ein ganz relaxter Kiez.“

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