Montag, 14. Mai 2007

Die Angst der Konvertiten

Christen, die einst Muslime waren, treffen sich auch in Berlin lieber im Verborgenen. Nach den Morden in der Türkei wächst die Angst.

(Tagesspiegel, 21. 04.07)

Georg Neumann* war zuerst wütend, nun trauert er. Der 46-Jährige ist Prediger einer Berliner Gemeinde türkischer Christen. Er kannte eines der jetzt in der Osttürkei ermordeten Opfer, den 35-jährigen Necati Aydin. 1998 hatte er Aydin in der Türkei kennengelernt. „Wir hatten ein persönliches Verhältnis“, sagt Neumann. „Dem Mann war bewusst, worauf er sich einlässt, als er sich zu Jesus bekehrte und davon in der Türkei sprechen wollte.“

Neumanns kleine Gemeinde türkischer Christen trifft sich seit Sommer 2006 regelmäßig in Kreuzberg. Dann feiern sie in einer Altbauwohnung Gottesdienst. Sie alle waren einst Muslime. In Deutschland kamen sie mit dem Christentum in Kontakt – und ließen sich taufen. Seitdem beten sie „Ey göklerdeki babemiz – Vater unser, der du bist im Himmel.“

Experten schätzen, dass es in Deutschland etwa 5000 Konvertierte gibt, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. In Berlin sind es ein paar hundert. Die Konversion stößt in der Familie zumeist auf heftige Ablehnung, bis hin zu völligem Kontaktabbruch. Besonders für die familienbewussten Türken ist das schwer erträglich. „Noch immer gilt leider die Gleichung, dass ein sogenannter echter Türke Muslim ist“, sagt Neumann, der Türkisch spricht und das Land am Bosporus oft bereist hat.

Seine Berliner Gemeinde hat zurzeit vierzig Mitglieder. Es fänden sich bei ihm sowohl der klassische deutsche Gastarbeiter als auch Türken der zweiten und dritten Generation, erzählt Neumann. Bei vielen führe die Unzufriedenheit mit dem Islam zur Annäherung an das Christentum. „Die finden einfach im Koran nicht, was sie spirituell suchen.“ Er erinnert sich an eine ältere Deutsch- Türkin, die in der Familie jahrelang vom Stiefvater missbraucht wurde.

„Sie sagte, der Hass habe sie aufgefressen.“ Dann sei sie durch Zufall in eine Kirche geraten. „Die Vorstellung, dass Jesus jeden einzelnen Menschen liebt und man den Nächsten lieben soll, hat sie völlig umgeworfen.“ Heute arbeitet die Frau zeitweise in der Türkei als Missionarin. Neumann ist froh, dass sie gerade in Berlin ist. Seit Mitte der 90er Jahre interessieren sich Türken häufiger für das Christentum – viele, ohne dann gleich überzutreten.

„Die Furcht der Leute vor Bestrafung war oft einfach zu groß“, sagt Neumann. Doch jetzt fühlten sie sich etwas sicherer, Deutschland werde als Rechtsstaat wahrgenommen. Seine türkische Gemeinde unterhält auch einen Internet-Blog. Dort findet er häufig Botschaften wie „Allah wird euch strafen, ihr dreckigen Ungläubigen“, „Christ sein bedeutet, jemanden nicht mehr als Menschen zu betrachten, die Menschlichkeit zu verlassen“ oder einfach: „Ihr seid Verräter am Türkentum.“

Der Glaubenswechsel ruft sowohl religiöse Eiferer als auch türkische Nationalisten auf den Plan. Erstere berufen sich auf den Koran. Dort heißt es in Sure 4,89 über diejenigen, die abfallen: „Tötet und ergreift sie, wo immer ihr sie findet“. Nach den Hadithen, der Überlieferung der Sprüche und Taten Mohammeds, heißt es zum Abfall vom Glauben: „Wer immer den Islam verlässt, tötet ihn.“

Johanna Pink, Islamwissenschaftlerin an der FU weist aber darauf hin, dass die Todesdrohung im Koran im Kontext der Sure verstanden werden müsse, der sich auf die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu Lebzeiten des Propheten beziehe. „Bestraft werden soll nur derjenige, der gewaltsam gegen den Islam kämpft.“ In der klassischen Rechtslehre sei die Todesstrafe dagegen unter der Berufung auf die Praxis des Propheten eindeutig die anerkannte Bestrafung, fügt sie hinzu.

„Allerdings“, schränkt sie ein, „gibt es heute eine Reihe von theologischen Gegenpositionen, die den Koran im Sinne einer umfassenden Glaubensfreiheit auslegen und die Gültigkeit der prophetischen Praxis für die heutige Zeit in diesem Punkt anzweifeln“. Da es im Islam keine oberste Instanz in Glaubensfragen gebe, sei der Islam offen für gemäßigte wie auch extremistische Interpretationen.

Genau davor fürchtet sich Thoralf Müller*. Auch er ist traurig und betroffen. Der 41-jährige Missionar kannte ebenfalls eines der Opfer, den deutschen Missionar Tilman Geske. „Das war ein guter Mensch“, sagt er. „Er hat sich die Verbreitung von Gottes Wort unter den Türken zur Aufgabe gemacht, jetzt hat er dafür bezahlt.“ Thoralf Müller hat es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, unter Muslimen das Christentum zu verbreiten.

Er ist Prediger eines kleinen Kreises von Christen in Berlin, die einst Muslime waren. Im Unterschied zu Georg Neumanns Gemeinde, die eher aus Deutschtürken besteht, finden sich bei ihm viele Asylbewerber aus arabischen Ländern. Andere kamen als Studenten her. Müller wäre es am liebsten, wenn man überhaupt nichts über ihn schreibt. Schließlich willigt er ein, aber: „Keine Namen, noch den Ort oder den Stadtteil, wo wir uns treffen.“

Er hat Angst. „Manche unserer Brüder und Schwestern trauen sich nicht einmal in Deutschland, zum Glauben zu stehen. Es bleibt alles im Verborgenen.“ Die Verborgenheit zieht auch Achmed Reza* vor. Der 56-jährige Deutsch- Iraner ist Prediger einer kleinen Gemeinde von iranischen Konvertiten, die sich in einer evangelischen Gemeinde irgendwo im Westen Berlins treffen. Den genauen Ort möchte er auf keinen Fall in der Zeitung lesen, ebenso wenig wie seinen Namen.

Er habe Angst vor dem iranischen Geheimdienst, sagt er. „Schließlich wird im Iran der Abfall vom Islam mit dem Tod bestraft.“ Reza konvertierte noch zu Schahzeiten im Iran zum Christentum. Durch das Regime unter Ayatollah Chomeini verfolgt, gelang ihm schließlich die Flucht nach Deutschland. Hier lebt er seit 18 Jahren, ist inzwischen auch eingebürgert. Bisher hat er noch keine Drohungen erhalten. Er führt das auf die große Diskretion zurück, mit der sich seine Gemeinde in Berlin trifft.

Mit Angst will er das aber nicht begründen, sagt er freundlich, aber bestimmt. „Nur mit Vorsicht.“Angst hat auch Georg Neumann nicht. „Ich vertraue auf Gott, ebenso wie meine türkischen Brüder und Schwestern.“ Ob das nicht blauäugig sei? Nein, nur Gottvertrauen, lächelt er. Diesen Sonntag will er einen Gedenkgottesdienst für Necati Aydin feiern.

Zweimal Leben

Fabian und Tobias sind schwul. Das zuzugeben war für den einen leicht und für den anderen eine Qual.

(
Tagesspiegel, 10. 05.07)

Sie war kein Junge. Daran lag es, dass es in seinem Bauch nie kribbelte. Fabian war 14, als er das kapierte. Er war mit seinen Eltern in Holland, Familienurlaub, ohne seine Freundin. Da sah er einen gleichaltrigen Jungen, spürte ein bisher nie da gewesenes Gefühl, fand ihn „süß“. Zunächst dachte er aber nicht im Traum daran, dass er ausschließlich auf Jungs stehen könnte. Es passierte auch nichts, er hatte ja auch noch die Freundin.

Erst, als er zurück in Berlin ist und sich trennt, eben wegen des Bauchkribbelns, da versteht er: An ihr ist nichts falsch. Aber ich stehe einfach auf Jungs. Das ist der Schlussstrich. Mit diesem Erlebnis ist auf einmal alles klar. Noch vor dem ersten Sex und vor der ersten großen Liebe sagt er es seiner Mutter, den Freunden in der Schule und der Familie. Keiner nimmt Abstand, ist pikiert oder sogar entsetzt.

Seine Mutter ist zwar traurig, dass sie keine Enkel haben wird, aber sonst hofft sie für ihn, dass er einfach glücklich wird. Egal, mit wem. „Meine Eltern hatten selbst genug schwule Freunde, für sie war Schwulsein nichts Abnormales“, erzählt er. Fabian ist heute 20 Jahre alt. Er sitzt auf einem schwarzen Ledersofa im Schöneberger Szenetreff Mann-O-Meter und trinkt Latte macchiato.

Hier arbeitet er als Jugendgruppenleiter, um anderen Jungs bei ihrem Coming-out zur Seite zu stehen. Er selbst ist ein Beispiel dafür, wie glimpflich ein Coming-out ablaufen kann – und wie verschieden die Reaktionen aufs Schwulsein sind, je nachdem, wo man lebt. Denn als Fabian 17 ist, beschließen seine Eltern, aus beruflichen Gründen nach Hessen zu ziehen. Bumms. Er landet in einem Kaff. Erzählt erst mal nichts, passt auf seine Blicke auf, denn er merkt, dass es hier anders zugeht. Einmal testet er die Reaktion einer Bekannten.

„Sie hat gesagt: Hör mit so etwas Ekligem auf.“ Das ist der einzige und letzte Versuch geblieben. Es folgt ein halbes Jahr ohne Offenheit, gute Laune und echte Freundschaft. Die Eltern merken das und erlauben ihm die Rückkehr nach Berlin, an seine alte Schule und in eine eigene Wohnung. Alleine, sie selbst bleiben in Hessen, der Beruf.

Hier verliebt er sich in einen Jungen, seinen ersten richtigen Freund aus der Schule und lebt eine neue Offenheit. An dem Pankower Gymnasium tuscheln mal die Achtklässler, fragen sich auf dem Schulhof, ob das nicht der Schwule sei – aber es gäbe keine echte Diskriminierung. Vielleicht auch, weil Fabian so selbstbewusst und stark auftritt. Der besondere Status, den er wegen seiner Sexualität innehat, stört ihn schon: „Mich fragen echt Mitschülerinnen, ob ich nicht ihr neuer schwuler Freund sein will“, erzählt er kopfschüttelnd. „Das ist ja schon fast positiv diskriminierend.“

Von Normalität ist er selbst an seinem Pankower Gymnasium noch weit entfernt. Gut, „wer will schon Durchschnitt sein?“, fragt Fabian. Aber für seine Sexualität, für die würde er es sich wünschen. „Warum gilt es heute immer noch als etwas Besonderes, wenn Jungs auf Jungs stehen?“ Das nervt ihn.

Bei Tobias war alles viel komplizierter. Als er 13 ist, verliebt er sich in seinen damaligen besten Freund, und anders als bei vielen anderen weiß er auch sofort, dass er ausschließlich auf Jungen steht. Doch damit beginnt sein persönliches Coming-out-Drama: Sein Vater ist Priester einer Freikirche im westfälischen Hagen, Schwulsein sieht der als eine schwere Sünde an. Tobias habe damals Gott um Beistand gebeten, erzählt er. „Und zwar täglich.“ Jeden Abend hat er vor seinem Bett gesessen und sich gewünscht, dass diese Gefühle verschwinden würden.

Doch das Beten hilft nichts.Dann probiert er es mit Frauen, ohne Gefühl. Er ist charmant, hübsch und kommt gut an. Mit 15 hat er seine erste richtige Freundin, mit der zweiten hat er seinen ersten Sex und im Hinterkopf immer wieder diesen Satz: „Ich bin schwul!“ Seine zweite Freundin hat das wohl auch gemerkt: „Sie fand, ich sei viel zu einfühlsam und aufmerksam“, sagt Tobias.

Er musste sich auch eingestehen, dass die Freundin recht hat und dass er nicht einfach den Schalter auf Heterosexualität umstellen kann.Wenn er von dieser Zeit erzählt, merkt man, dass sein Weg zu einem offenen, schwulen Leben schwer und zäh gewesen ist. Dieser Kampf hat ihn depressiv gemacht. Er hat mit 17 eine Therapie begonnen, denn das ewige Verstecken seiner Gefühle hat seine Kräfte schwinden lassen.

„Wir haben über sehr vieles gesprochen, aber im Kern ging es doch immer wieder um mein nicht ausgelebtes Schwulsein“, erzählt er, während er im Park der Schwarzschen Villa in Steglitz sitzt und Spaziergänger in der Frühlingssonne vorbeiziehen. Während der Therapie wird ihm auch klar, dass Homosexualität nicht heilbar ist. Bis dahin hat er geglaubt, dass es eine Krankheit sei. Wohl wegen seiner Erziehung.

Nach diesen schwierigen Jahren ohne Offenheit folgt dann mit 18 das eigentliche Coming-out. Er sagt es seinen Eltern. „Ich wurde ja zur Ehrlichkeit erzogen und wollte nichts mehr verbergen.“ Für die Eltern ist diese Offenbarung ein Schock. Die Mutter beginnt zu weinen. Der Vater sagt: „Das kann man mit Gottes Hilfe wegbeten.“ Tobias erzählt ihm nicht, dass er das schon vor Jahren probiert hat. Er liebt seine Eltern, und so lässt er seinen Vater in dem Glauben, er würde noch mal versuchen, „es wegzubeten“.

„Meine Eltern sind sehr konservativ in ihrem Glauben“, sagt Tobias. Er meint damit: Schwulsein ist undenkbar. „Für die gab es keinen Kompromiss. Homosexualität ist Sünde. Schluss. Aus.“ Doch ausgerechnet ein Bischof hilft Tobias. Der Vater bringt ihn dorthin, um von der Freikirche Unterstützung für seine Position zu bekommen. Doch der Bischof erklärt dem Vater, dass man Homosexualität nicht mehr als Sünde ansehe. Es gebe sogar Stellen in der Bibel, die dafür sprächen.

„Alles eine Sache der Interpretation“, erinnert sich Tobias.Aber auch das will der Vater nicht akzeptieren. Doch Tobias kann nicht länger Rücksicht auf seine Eltern nehmen. Es gibt viel Streit, Tobias hat keinen Bock mehr und zieht sich mehr und mehr zurück. Auf einem Jugendtag der Kirche lernt er endlich einen Jungen kennen. „Wir haben uns angesehen und wussten beide von einander, dass wir schwul sind.“

Aus diesem flüchtigen Blickkontakt wurde sehr rasch sein erster Freund. Nach vielen Telefonaten und Treffen wurde klar, es ist ernst. Von einem Tag auf den anderen ist Tobias dann aus dem beschaulichen Hagen zu seinem Freund in die Nachbarstadt gezogen. Die Befreiung sei das gewesen. Irgendwann später kann auch der Vater es annehmen. Die Eltern recherchieren, denken nach, und eines Tages wurde ihnen dann doch klar, dass Homosexualität weder Krankheit noch Sünde ist.

Sie suchen das Gespräch mit ihrem Sohn. Am Ende umarmt der Vater Tobias. Tobias und sein Freund ziehen nach Berlin, um endlich das nachzuholen, was er in seiner frühen Jugend verpasst hat. Er ist jetzt 20 Jahre alt. Im letzten Jahr hat er einen Platz für ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten in Frohnau bekommen. Ein Jahr Berlin, und doch, Tobias geht nach Hagen zurück: „Ich habe dort einen Ausbildungsplatz ab Herbst.“

Und jetzt klingelt sein Mobiltelefon, die 83-jährige Großmutter aus Hagen ist am Apparat. Sie habe ihn übrigens immer unterstützt, sagt er später. Während mit den Eltern Eiszeit herrschte, hat sie ihn aufgemuntert und gesagt: „Bring doch mal deinen Freund mit.“ Den darf er heute übrigens auch mit zu seinen Eltern bringen.

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