Freitag, 9. März 2007

Sechsen überall



Der Street-Artist 4rtist.com verschönert Mitte mit Sechsen. Er will so auf "höherwertige Lösungen" aufmerksam machen.

(Stadtmagazin Scheinschlag, August 2006)

Nach mehr als 600000 gepinselten Sechsen hat 4rtist.com eine gewisse Übung. Inzwischen steigt der Street Artist gar nicht mehr vom Fahrrad ab, wenn er eine geeignete Stelle sieht. Er taucht den Pinsel in den Eimer mit Kalkfarbe, der am Lenker hängt, und malt im Vorbeifahren eine schlanke, nach rechts kippende Sechs auf ein altes Brett, das am Geländer der U-Bahnstation Rosenthaler Platz lehnt.

Diese Sechs ist strafrechtlich nicht relevant, die Farbe abwaschbar, der Untergrund herrenloser Sperrmüll. „Das ist mir wichtig, ich beschädige nie was dauerhaft", sagt 4rtist.com und fügt hinzu, daß er dennoch über die Jahre etwa 500mal von der Polizei kontrolliert worden sei. Das nennt er „unschöne Sachen" und meint damit auch, daß die Staatsgewalt bereits diverse Eimer und Fahrräder beschlagnahmt hat. Zu einer Strafverfolgung sei es aber bisher nie gekommen, alle Anzeigen gegen ihn habe der Staatsanwalt eingestellt.

Vor elf Jahren begann der 46jährige Street-Artist, in Mitte den Pinsel zu schwingen. Damit gehört er zu den Pionieren der Berliner Szene, die weltweit einen eher mythischen Ruf hat. Spätestens seit 2003, als anläßlich der Veranstaltung The Live Issue 1 Künstler von São Paulo bis London nach Berlin eingeladen wurden, gilt Berlin als Street-Art-Mekka schlechthin: regelmäßig reisen internationale Szenegrößen an, um in der Stadt ihre Markierungen zu hinterlassen.

Begonnen habe dies 1994, erzählt 4rtist.com: Damals habe „ein Belgier mit psychotischen Schüben" auf ausrangierten Kühlschränken, Sperrmüll und Litfaßsäulen Sätze wie „Warum muß der Sohn sterben" und „Wann stellt das erste Kreuzberger Schwein seine Essenreste heraus" gekritzelt. Als er dann 1995 aus der Pfalz in das Nachwende-Berlin kam, installierte er eine rote Couch auf der East-Side-Gallery und begann täglich bis zu 400mal auf illegalen Plakaten und Werbestickern Sechsen zu pinseln.

Die Sechs ist nicht der Hauptbestandteil seiner Kunst: „Die läßt sich eben gut malen und außerdem erreiche ich damit auch Passanten die sich nicht für Kunst interessieren, aber etwas Sexuelles dahinter vermuten." Die Zahl, die er sich auch auf den Mittelfinger tätowiert ließ, soll vielmehr die Aufmerksamkeit auf seine Straßen-Installationen ziehen, mit denen 4rtist.com „auf die Möglichkeit höherwertiger Lösungen hinweisen" möchte, die durch intensives Nachdenken zu erzielen wären.

Vor einiger Zeit waren das Fahrräder: alte, meist rostige Drahtesel, die der Künstler mit Weihnachtsgirlanden und Telefonhörern, die über den Lenker baumelten, ausstaffiert hatte. Auf jede freie Stelle waren dann noch Sechsen gepinselt. „Durch Autos gibt es jedes Jahr zig Verkehrstote, die Umwelt leidet unter Abgasen: Man sollte nur mit dem Rad fahren, um sich fortzubewegen", erklärt er die Kreationen. Zurzeit gibt es allerdings keine Installation mehr in Mitte: „Die sind alle verschwunden, ich vermute mal, das war die Straßenreinigung".

4rtist.com setzt sich aber nicht nur für Menschen und die Umwelt ein, sondern auch für eine bessere Nutzung des Computers. Weil das Finden „höherwertiger" Lösungen im Vordergrund seiner Kunst steht, hat er auch zur PC-Technik Vorschläge. Durch Zufall hat er entdeckt, daß er bei Webseiten, auf denen er sich verklickt hat, wieder auf die Hauptseite zurückgelangt, wenn er ein Rautezeichen (#) direkt hinter dem Domain-Namen eintippt. Damit dieses Wissen sich verbreitet, pinselt 4rtist.com diese Computerlösungen als Schaubild auf alte Matratzen oder Pappstücke, die er an Bauzäune hängt. Daß diese etwas kryptischen Schaubilder gegebenenfalls nicht verstanden werden könnten, läßt er nicht gelten: Wer wolle, könne sie nachvollziehen: „Der Wille muß da sein."

Obwohl er sich über mangelnde Bekanntheit nicht beklagen kann – alle großen Berliner Tageszeitungen berichteten bereits über ihn, bei den Hauptstädtern gilt er als der „Sechsenmann", ausländische Sender drehten Beiträge –, wird er auch in Zukunft nicht von den Sechsen lassen, versichert er. Und abgesehen von der Polizei seien auch die Reaktionen der Passanten positiv. Aber selbst wenn das nicht so wäre, würde er weiter pinseln.

Dienstag, 6. März 2007

Ein "Held" wird Rosenbaum


Anatol Rosenbaum saß als "Zionist" in Stasi-Haft, erkrankte Jahre später an Leukämie. Jetzt hat er ein Buch über die Haftzeit geschrieben


(Noch nicht publiziert)

Sie stürzten auf ihn zu, umarmten ihn und feierten ihn als lebendes Wunder. Die mehr als zwanzig orthodoxen Rabbiner, die aus aller Welt zu einer Berliner Rabbinerkonferenz angereist waren, sahen Anatol Rosenbaum (67) als Beweis für eine alte Lehre der Kabbala: "Wenn man im Sterben liegt und den Namen ändert, dann geht der Tod vorüber", erzählt der heute pensionierte Kinderarzt.

Vor fünf Jahren erkrankte Rosenbaum an Leukämie, eine wahrscheinlich Spätfolge seiner Stasi-Haftzeit in Berlin-Hohenschönhausen, als er mit einem Röntgengerät "behandelt" wurde. Von 1968 bis 1970 saß Rosenbaum, der damals noch "Held" hieß, wegen so genannter zionistischer Agententätigkeit und Republikflucht in Stasi-Haft. Den Blutkrebs selbst überlebte er nur dank einer Knochenmarkspende aus Israel. Vielleicht aber auch tatsächlich durch die Namensänderung.

Als er damals nach der zunächst geglückten Transplantation in seinem Krankenzimmer lag, spürte er plötzlich wie sein Herz verrückt spielte und er zunehmend das Gefühl hatte, bald zu sterben. Und da hat er dann Zwiesprache mit Gott gehalten: "Adonai, erst lässt du mich als Zionist verurteilen, die Haft überstehen und durch eine Knochenmarkspende aus Israel retten, das ist doch meschugge!", erzählt er.

Der Kranke bietet Gott dann ein Geschäft an: "Wenn du mich leben lässt, nehme ich unseren jüdischen Familiennamen Rosenbaum an, der bis ins 17. Jh. zurück geht." Am nächsten Tag ging es ihm tatsächlich besser, "Dr. Held" bestand darauf, dass man ihn als Dr. Rosenbaum ansprach.

Bei seinem Vater stand der alte Name noch im Pass. Doch 1930 überredet Rosenbaums Mutter den Vater, der zu Weimarer Zeit als Theaterregisseur mit Brecht und Piscator zusammen arbeitete, das Bühnen-Pseudonym "Held" anzunehmen. Ihr ist der Name zu jüdisch, obwohl sie selbst aus einer jüdischen Familie stammt.

Für die Rosenbaums steht aber nicht das Judentum im Vordergrund sondern die rote Heilslehre: Sie sind überzeugte Kommunisten. Deshalb müssen sie 1933 Deutschland verlassen, gehen in die Sowjetunion. Hier wird Anatol Rosenbaum 1939 in Moskau geboren.

Er wächst im Hotel Lux auf, Zimmernachbarn sind Dimitroff und Wilhelm Pieck. Rosenbaum besucht sowjetische Schulen und lernt, dass Stalin das Maß aller Dinge ist. Nach Kriegsende kehrte die Familie dann nach Berlin zurück. Der Vater ist Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland, die Mutter Nelly Held wird später eine hochrangige DDR-Funktionärin.

Obwohl Rosenbaum in einer systemnahem Familie überzeugter Kommunisten sozialisiert wurde, begehrt er immer wieder gegen Denkschablonen auf, vermag seinen kritischen Geist nicht auszuschalten. Seinen Posten als FDJ-Sekretär etwa verlor er schon mit 16, weil er junge Christen nicht ideologisch bekämpfen, sondern mit ihnen diskutieren wollte. "Und wenn die die besseren Argumente gehabt hätten, wäre ich Christ geworden."

In den 60er Jahren studiert Anatol Rosenbaum in Ost-Berlin Medizin, arbeitet nach dem Studium als Kinderarzt im Klinikum Berlin-Buch. Und in den 60er Jahren erfährt Rosenbaum auch durch Zufall, dass er eigentlich Jude ist und nicht nur Sohn deutscher Kommunisten, wie ihm seine Mutter erklärt hatte.

Jetzt sucht er den Kontakt zur Jüdischen Gemeinde von Berlin, lernt Hebräisch, versucht seinen Glauben zu leben. Aus Ärger über die antisemitischen Anspielungen eines Arztes in der Klinik, verbunden mit der ständigen DDR-Medien-Hetze gegen Israel, entschließt sich Rosenbaum nach Israel auszureisen. Mit oder ohne Billigung der Behörden: "Ich wollte nur noch raus aus diesem Land."

Im Juli 1968 sucht er den Kontakt zu einem Jugendfreund des Vaters, der in Israel lebt. Der Jugendfreund wiederum vermittelt den Kontakt zu einem Bürgermeister in einer westdeutschen Stadt, der einen Pass für Rosenbaum ausstellen will. Aber im Passamt sitzt ein Spitzel, der die Aktion nach Ost-Berlin weitermeldet.

Als Rosenbaum versucht, über die Tschechoslowakei den Ostblock zu verlassen, verhaftet ihn die Stasi. Rosenbaum findet sich in Berlin-Hohenschönhausen wieder, in der berüchtigten "Untersuchungshaftanstalt 1". Die Stasi-Stätte gilt als Symbol für das System der DDR-Repression schlechthin. Mit Hilfe so genannter operativer Psychologie, durch Isolierung und Desorientierung, sollen die Häftlinge weichgeklopft werden. Bis sie "alles" gestehen.

Monatelang wird Rosenbaum verhört. Und immer wieder will der Vernehmer wissen, für welchen Geheimdienst der Zionist Rosenbaum arbeitet. Aber bei ihm hat die Stasi mit ihren Methoden zunächst keinen Erfolg. In der Isolation seiner Zelle hält er sich selbst Anatomievorlesungen, betet und bastelt sich heimlich ein Schachspiel.

In Hohenschönhausen wurde Rosenbaum auch der bereits erwähnten Röntgenstrahlung ausgesetzt. Mehrmals muss er in einen Raum mit ungewöhnlich dicken Mauern, hier werden immer wieder "Fotos" von ihm gemacht. In der Wand befindet sich ein Spalt mit einem Objektiv. Und als Arzt weiß Rosenbaum nur zu gut, wie das Objektiv eines Röntgengerätes aussieht.

Vor zwei Jahren hat er deswegen auch vor dem Sozialgericht Berlin für eine Entschädigung gestritten. Der Richter hielt die Schädigung zwar für sehr wahrscheinlich, aber Rosenbaum konnte die genaue Dosis nicht nachweisen.

Dass gezielte Dissidenten-Schädigung durch Röntgenstrahlung keine Fiktion ist, auch wenn der entgültige Beweis fehlt, zeigen die Leukämieerkrankungen von Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs und anderen. Es existiert auch eine Stasi-Papier, in dem über die Schädigung durch Röntgenstrahlung und radioaktive Isotope gefachsimpelt wird.

Im Mai 1969 wird Rosenbaum ins Psychiatrische Krankenhaus Waldheim verlegt. Und dort wird ihm bewusst, dass er den Rest seines Lebens in der Psychiatrie verbringen wird, wenn er nicht bereut und seine "zionistische Agententätigkeit" gesteht.

1969 findet dann der Prozess statt. Der Staatsanwalt ist ebenfalls Jude, "so konnte keiner von Antisemitismus sprechen", sagt Rosenbaum heute ironisch. In seiner Anklageschrift liest er: "Mit Hilfe der Zionisten und westdeutscher Organisationen wollte Dr. Held die DDR verlassen und in ein Land gehen, dass Napalm auf Kinder wirft. Das ist eine große Schande, besonders für einen Kinderarzt."

Am Ende wird Rosenbaum zu drei Jahren Haft verurteilt. Seine Strafe war noch verschärft worden, weil der temperamentvolle 30-jähirge das Gerichtpersonal als "rotlackierte Nazis" bezeichnet hatte.

Anatol Rosenbaum wird zunächst in das so genannte "Kommando X" bei Berlin verlegt, einem Lager für CIA-Spione und BND-Agenten. Seine Zelle teilt er sich mit ehemaligen SS-Angehörigen, die erzählen, wie sie Kinder dadurch töteten, indem sie die mit dem Kopf gegen die KZ-Barackenwände schlugen.

Im Januar 1970 geht es weiter in die Strafanstalt Cottbus. Hier ist das Anstalts-Regiment militärisch, jeden Morgen finden Zählappelle statt. Ein Gefängnisaufseher, von den Häftlingen "RT", d.h. "Roter Terror" genannt prügelt regelmäßig die Inhaftierten. Die Cottbuser Häftlinge bauen als Zulieferer Kameragehäuse für den Dresdner VEB Pentacon. Für 10 Ost-Mark monatlich.

Um gegen diese geringbezahlte Zwangsarbeit zu protestieren, ritzen die Häftlinge heimlich Hakenkreuze in die Gehäuse der Kameras. In alten, umgefärbten NVA-Uniformen mit gelben Streifen und drückenden Schnürschuhen, werkeln sie an lautdröhnenden Maschinen. Als Ernährung gibt es altes Schwarzbrot und Margarine, die wie Schmieröl schmeckt, erinnert sich Rosenbaum. Deshalb besorgt er sich in der Küche rohe Kartoffeln, weil in deren Schalen zahlreiche Vitamine sitzen

Als Rosenbaum für seine Kameraden ebenfalls Kartoffeln besorgen will, wird er entdeckt und wegen des Diebstahls von Volkseigentum zu Arrest verurteilt. 21 Tage verbringt er in einer dunklen, kleinen Zelle. Verrückt geworden sei er nur nicht, weil ihm der Glaube an Gott geholfen habe.

Im Juli 1970 wird Anatol Rosenbaum dann ins sächsische Torgau verlegt. Zu Nazizeiten wurden hier mehr als 1400 Todesurteile vollstreckt, jetzt sitzen in der Festung Sexualmörder, aber auch ganz gewöhnliche Einbrecher. In Torgau arbeitet er erneut als Arzt.

Nach seiner frühzeitigen Entlassung darf Anatol Rosenbaum in Freiheit weiter als Arzt arbeiten. Er weiß, dass jetzt jeder seiner Schritte von der Stasi überwacht wird. Aber der SPD-Politiker Herbert Wehner setzt sich für ihn ein. Und 1975 darf Rosenbaum gegen Zahlung von 250.000 DM Lösegeld in den Westen ausreisen. Er lässt sich in West-Berlin nieder, arbeitet dort zwanzig Jahre lang Arzt.

Bis zum Fall der Mauer hat Rosenbaum die Jahre der Stasi-Haft völlig verdrängt. Vor einigen Jahren hat er dann als eine Art "Selbsttherapie" seine Erlebnisse aufgeschrieben. Nun wurde der Bericht unter dem Titel "Die DDR feiert Geburtstag und ich werde Kartoffelschäler" im Berliner Lichtig-Verlag publiziert.

Hier erzählt Rosenbaum zuweilen polemisch und ohne Larmoyanz von seiner Haftzeit. Auch wenn seine Erlebnisse im Vordergrund stehen, sei ihm wichtig, dass es nicht um seine Person gehe, sondern um seine aufrechten Haftkameraden, die sich durch ihre gegenseitige Solidarität beigestanden hätten, sagt er: "Ihrem Andenken gilt das Buch."

Die Diskussion um die im Januar beschlossene SED-Opferente hat er deshalb auch als Betroffener aufmerksam verfolgt. Und die Regelung, die rund 250 € für ausschließlich bedürftige SED-Opfer vorsieht, sei eine "nationale Schande", sagt er empört. Vor allem wenn er an die ehemaligen Kameraden denkt: "Mir geht es gut, aber viele haben wenig Geld - da reicht die Summe zusätzlich nicht aus."

Zum Abschluss möchte er noch eines sagen: "Einen Aspekt meiner Stasi-Haftzeit kann ich nicht genug loben: Hier habe ich die besten, Deutschen Menschen kennen gelernt." Darüber hinaus sei ihm aber nur wenig in positiver Erinnerung geblieben, sagt er, durchaus sarkastisch.

Freitag, 2. März 2007

Die Klage AG

Polnische Häuser sollen wieder deutsch werden. Deshalb klagt seit Ende 2006 eine Vertriebenenorganisation auf Entschädigung. Der Vorsitzende geht von einem Erfolg aus









Das, was ihn antreibt, gegen alle Widerstände, seien "erschütternde Briefe", sagt Rudi Pawelka. Die erhält der 66-jährige Vorsitzende der Preußischen Treuhand "haufenweise." „Da schreiben mir Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als junge Mädchen in polnische Todeslager gekommen sind. Deren Familien hat man alles genommen – bis heute.“ Und jetzt lebten diese Frauen in Polen in großer Not, deshalb wolle er sich für sie einsetzen, sagt er. Notfalls auf dem Klageweg.

Den hat er im Mitte Dezember 2006 bestritten, als seine Treuhand beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg eine Klage einreichte. Ziel ist erst einmal Anerkennung des Unrechts der Vertreibung. Die Treuhänder wollen aber nicht nur hehre Worte, sondern auch Rückgabe ehemaligen deutschen Eigentums jenseits von Oder und Neiße.

Das rief in Polen heftige Reaktionen hervor: Der polnische Premier Jaroslaw Kaczynski warnte vor schweren Schäden für das deutsch-polnische Verhältnis, sah sogar einen neuen Typus nationaler Ideologie am Werk. Bei einem Besuch in Warschau hat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) jetzt erneut für die Bundesregierung bekräftigt, dass diese die Organisation nicht unterstütze und dass aus dem Zweiten Weltkrieg keine vermögensrechtlich offenen Fragen resultierten.

Sogar die Vorsitzende des Bundes des Vertriebenen, Erika Steinbach, distanzierte sich damals von den selbst ernannten Preußen-Treuhänder. Wenn der Name Steinbach fällt, winkt Rudi Pawelka nur ab. Die konterkariere doch, was der BdV selbst beschlossen habe, sagt er etwas müde. Er sitzt in einem Düsseldorfer Café, nippt an einem Cappuccino, zupft am bestens sitzenden Krawattenknoten. Auf dem Tisch liegt eine elegante Aktentasche, aus der er einen Stapel Fotokopien ziehen wird, um verschiedenes zu belegen.

Dass Steinbach seiner Treuhand ihre Unterstützung verweigert, ärgert ihn wohl mehr als er zugeben will: Er erinnere sich noch gut, dass Steinbach selbst geschrieben habe, es helfe nur noch der Rechtsweg, um Ansprüche durchzusetzen, sagt er schon munterer. Pawelka blättert in seinem Papierstapel und zieht den Beweis hervor – eine schon leicht verblichene Kopie der BdV-Presseerklärung von 1999.

Er selbst habe übrigens nie Gut in Polen besessen, um das er jetzt kämpfen müsste, unterstreicht Pawelka. Ihm gehe es nur um die Menschen. Und dazu zählen erst einmal die Vertriebenen, die wegen des Potsdamer Abkommens gehen mussten, spätere Aussiedler, die in den 60er und 70er Jahren Haus und Hof entschädigungslos zurück ließen, sowie Angehörige der deutschen Minderheit in Oberschlesien: Von denen hätten sich schon 7500 Personen gemeldet, um Ansprüche geltend zu machen.

Rudi Pawelka lebt schon seit 1945 nicht mehr in seiner Heimat, hat dort auch keinen Besitz. Deshalb findet er, dass er guter Treuhänder ist. Und das glaubt man ihm sogar. Mit dem letzten Zug sei er damals aus Breslau (heute: Wroclaw) geflüchtet, unter dem Feuer der Stalinorgeln. „Wir hatten alles verloren“, erinnert er sich. Barfuss zur Schule sei er gelaufen, Geld für Schulbücher sei nicht da gewesen: „Ich weiß wie es unten aussieht.“ Und dort will er nicht bleiben: Pawelka zieht nach Westen, schafft den sozialen Aufstieg, tritt später in den Polizeidienst ein, den er nach 42 Jahren verlässt.

Seit er in Pension ist, hat er viel Zeit. Und kann so für Treuhand ehrenamtlich tätig sein, denn er weiß: „Immer mehr Vertriebene sterben. Wir müssen endlich klären, dass sich Vertreibungen nicht lohnen.“ Weil sich die Politik einer Lösung der Frage verweigert, hat er 2000 die Preußische Treuhand in Düsseldorf als eine Art „Selbsthilfeorganisation“ mitbegründet. Rechtlich ist sie eine GmbH, größter Einzelteilhaber war zu Beginn die Landsmannschaft Ostpreußen. Die habe sich aber wieder zurückgezogen, sagt Pawelka. Grund? „Der Vorsitzende geriet unter Druck wegen der Brisanz der Klage.“

Aufgabenstellung der Gesellschaft, die den Preußenadler im Briefkopf führt, ist die „Sicherung des Anspruchs beziehungsweise Rückgabe des im Osten von den Vertreiberstaaten völkerrechtswidrig konfiszierten Eigentums”, sagt Rudi Pawelka umständlich. Dass die Vertreibungen eine Folge des Überfalls auf Polen sind, interessiere ihn dabei nicht: Die Vertriebenen seien ja nicht für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich zu machen, sagt er.

Die Vertriebenen hätten viel Schreckliches erfahren, das sei zu wenig bekannt, klagt er dann. Von den Polen nach dem Ende des Krieges rechtlos gestellt, seien Vergewaltigungen und auch Versklavung in polnischen Todeslagern wie Potulice und Zgoda an der Tagesordnung gewesen. „Das waren schwere Verbrechen gegen die Menschheit, ebenso wie die Heimatvertreibung“, sagt er. Unverständlich sei ihm, dass Polen heute noch diese Verbrechen vor dem Hintergrund des Nazi-Unrechts rechtfertige, aber: Unrecht könne doch nicht gegen Unrecht aufgerechnet werden, das müsse das Straßburger Gericht klarstellen.

Rechtsexperten wie der Heidelberger Völkerrechtler Jochen Frowein geben der Treuhand-Klage keine großen Erfolgschancen. Und das liegt auch am ehemaligen Kanzler Schröder, der jetzt als Handlungsreisender in Sachen Gas tätig ist. Der hatte im August 2004 in Polen erklärt, dass die Bundesregierung keine individuellen, deutschen Entschädigungs-Forderungen unterstützen werde.

Frowein hatte gemeinsam mit einem polnischen Kollegen die Kanzlerworte in einem Gutachten als einen bindenden Verzicht deutscher Entschädigungsansprüche gedeutet. Das Gutachten hält Pawelka aber für ein „Gefälligkeits-Papier“: Er kenne ein anderes Papier, das der Völkerrechtler Eckart Klein verfasst habe. Dort hat Klein die Aussagen des Kanzlers analysiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass der Kanzler-Verzicht auf die Eigentumsansprüche in Polen nicht wirksam ist. Deshalb ist sich der oberste Treuhänder auch zu „100% sicher, dass wir Erfolg haben werden.“

Gegen die Bundesregierung wird die Treuhand demnächst „wahrscheinlich“ auch juristisch vorgehen. Vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Regierung verletzt nämlich ihre Obhutspflicht gegenüber den Vertriebenen, sagt Pawelka. In den verschiedenen völkerrechtlichen Verträgen zwischen Polen und Deutschland seien nämlich die Eigentumsfragen nie geklärt worden, deshalb beständen Vertriebenen-Ansprüche fort. „Und das verkennen die.“

Das Karlsruher Gericht hat sich schon mehrfach mit der Frage des Vertriebenen-Eigentums befasst und diese für offen erklärt, zuletzt 1992. Und so hätte es bisher auch die CDU gehandhabt, sagt Pawelka und zieht entsprechende Presseerklärungen hervor. Die stammen allerdings aus dem Jahr 2004, sind also nicht mehr aktuell: da saßen Christdemokraten in der Opposition. Jetzt, da die CDU die Kanzlerin stelle, vermisse er deren Unterstützung, sagt Pawelka etwas enttäuscht und überlegt, einen zweiten Cappuccino zu bestellen.

Rudi Pawelkas Stellvertreter bei der Treuhand heißt Alexander von Waldow. Und ist der Ansicht, dass das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 weiter fort besteht und Polen heute Besatzungsmacht in den Ostgebieten ist. „Nein, natürlich nicht“, sagt Pawelka rasch und wahrscheinlich ist es ihm auch peinlich. Diesen Zitaten würde er nicht zustimmen. Ob Waldow weiter im Gremium der Treuhand bleibe, „werden wir jetzt sehen, wenn die Gremien wieder zusammentreten.“ Bei den Preußen stehen die Zeichen also auf Sturm.

Unabhängig davon, ob das Reich fortbesteht oder nicht, eines ist sicher: Polen kann eigentlich nur davon profitieren, wenn es den Vertriebenen ihr Eigentum zurück gibt, meint Pawelka: „Die könnten mit den etwa 120.000 leerstehenden Immobilien entschädigt werden, die sie zurücklassen mussten.” Und in die würden die Deutschen ja investieren. Miete müssten sie allerdings schon zahlen, die Polen. Wenn sie in den rückerstatteten Immobilien weiter wohnen wollten. Das ist rechtlich eben so, sagt Rudi Pawelka.

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