Donnerstag, 22. Februar 2007

Freibriefe für Schläger?

Seit Anfang Febraur wird der Überfall auf Ermyas M. in Potsdam vor Gericht verhandelt. Afrikaner, die in Brandenburg leben blicken mit Sorge auf den Ausgang des Prozess.

(Lonam - das Afrikamagazin, Februar 2007)

Zu Fuß wäre Chu Eben (38) in fünf Minuten im Landgericht Potsdam. Seit dem 7. Februar wird dort der Angriff auf den Ermyas M. (38) verhandelt. Der Potsdamer Prozess ist auf 17 Verhandlungstage angesetzt, im April soll ein Urteilsspruch fallen. Chu Eben hätte also noch Gelegenheit, dort einmal vorbeizuschauen. Dann könnte er sich deutsche Rechtsprechung live anzusehen.

Der gebürtige Kameruner arbeitet für die Potsdamer Flüchtlingshilfe „Refugees Emancipation.“ Hier finden Asylbewerber Hilfe bei Rechtsfragen, können sich fortbilden. Das Büro befindet sich in einem grauen Plattenbau im Zentrum von Potsdam. Blickt man aus dem Fenster, sieht man die eingerüstete Kuppel der Nikolai-Kirche in der Sonne strahlen.

Fragt man Chu Eben, was er von dem Prozess hält, dann seufzt er und zieht die Stirn in Falten. Der bisherige Verlauf des Prozess deprimiere ihn, sagt er, zurückgelehnt auf seinem Bürostuhl. Der Potsdamer Richter hatte unlängst angedeutet, dass Ermyas M. den Überfall selbst provoziert haben könnte. Das findet er infam. „Wenn das als Ergebnis des Prozess heraus käme, wäre das ein Freibrief für Brandenburger Nazischläger.“

Chu Eben hat mehr als acht Jahre gelebt in Brandenburg gelebt. Er wurde „Negersau“ genannt und gefragt, was er in Deutschland wolle. Man begrüßte ihn regelmäßig mit hochgerecktem Hitlerarm. Und ab sechs Uhr abends traute er sich nicht mehr auf die Straße. „Ist das normal in einem zivilisierten Land? Selbst in Afrika ist es nachts sicherer als in Eisenhüttenstadt.“

Dabei war es gerade die Angst um sein Leben, die ihn 1998 dazu veranlasste aus Kamerun zu fliehen. Er stammt aus dem Süden, studierte Jura, setzte sich für die Gleichberechtigung der englischen Sprache im einem frankophonen Land ein.

In München steigt er aus dem Flugzeug, stellt einen Antrag. Dann wird Eben nach Brandenburg transportiert. Dorthin, wo hohe Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und triste Plattenbauten das Leben der Einheimischen bestimmen.

In Brandenburg war Eben dann in verschiedenen Asylbewerberheimen. Er wartete, dass die so lang erscheinende Zeit endlich umging, er wartete auf seinen Bescheid, erhielt eine Ablehnung, legte Berufung ein, wartete erneut. Chu Ebens Antrag wurde bis heute nicht endgültig entschieden.

Vor drei Jahren lernte er eine Deutsche kennen, verliebte sich und heiratete. Jetzt lebt er mit seiner Ehefrau in Berlin, kommt täglich nach Potsdam, um bei der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich zu arbeiten.

Jetzt sitzen in seinem Büro vier afrikanische Asylbewerber. Sie surfen im Internet, hören mit halben Ohr zu, hin und wieder werfen sie eine Bemerkung in das Gespräch ein. Als es um rechte Gewalt geht, sagt ein etwa 30-jähriger Afrikaner, dass alle in Brandenburg Rassisten seien.

Das ist Chu Eben etwas peinlich. Er möchte differenzieren. Als ob er wüsste, dass ein solches Urteil genauso ein Stereotyp wäre, wie rassistische Aussagen. Es gebe ja auch gute Menschen in Brandenburg, bemüht er sich zu unterstreichen. Seine Flüchtlingshilfe etwa existiere nur, weil Deutsche regelmäßig spendeten. „Aber die große Maße ist rechter Gewalt gegenüber gleichgültig“, klagt er.

„Aber sicher ist doch, dass Brandenburg alle Schwarzen rechtlos sind“, entgegnet jetzt der 30-jährige, aber Chu Eben möchte jetzt lieber wieder auf den Fall Ermyas M. zurückkommen. Das eigentliche Problem seien dabei nicht die spektakulären Einzelfälle wie Ermyas M.

Das schlimmste sei das alltägliche Anpöbeln, die kleinen Handgreiflichkeiten, sagt Eben. „Sprechen Sie mit Herrn Tekere“, sagt Eben dann. „Er wurde unzählige Male angegriffen und Neger genannt. So ist es für viele Asylbewerber in Brandenburg.“

Agbor Tekere, 33, kommt gerade aus dem Integrationskurs, den er in der VHS-Friedrichshain besucht. Hier lernt er Deutsch und setzt sich mit dem politischen System der BRD auseinander. Jetzt weiß Tekere, dass der Präsident von Deutschland Köhler heißt und wenig zu sagen hat.

Agbor Tekere hätte etwas gemein, mit Köhler. In seiner Heimat Kamerun hatte er ebenfalls nicht viel zu sagen. Davon erzählt er wenig später in einer Filiale einer Burgerkette auf der Frankfurter Allee. Über seinem Kopf hängt ein Fotographie von New York, die Türme des World Trade Centers stehen da noch.

Seit 1999 ist er in Deutschland. Zuvor sei er wegen politischer Aktivitäten gefoltert worden, habe deswegen im Krankenhaus gelegen, gibt der freundliche Mann mit leiser Stimme bekannt. Dort hätten ihn dann Parteifreunde befreit und nach Nigeria gebracht. Dann sei er per Flugzeug nach Deutschland geflüchtet. Bei der Passkontrolle beantragt er Asyl. Er wird in ein Büro des Bundesgrenzschutz gebracht. Unfreundlich teilt ihm ein mürrischer Beamter mit, dass seine Papiere zwar richtig, die Unterschriften aber gefälscht seien.

Später wird man Agbor Tekere ein Bahnticket in die Hand drücken und ihn nach Eisenhüttenstadt schicken. Der Zug fährt etwa 10 Stunden, aus dem Fenster sieht er dieses satte, saubere und blühende Wunderland Germany. „Ich dachte, dass Deutschland eine zivile Gesellschaft sei, dass ich wie ein Mensch behandelt werden würde“, sagt er jetzt. Und freut sich auf Eisenhüttenstadt.

Aber dort macht er bald eine unangenehme Erfahrung: Afrikaner laufen Gefahr, verprügelt zu werden. Es war Abend, Tekere wartete im Bahnhof auf den Zug nach Frankfurt/Oder. Sie waren zu fünft, kamen lässig herbei geschlendert. Ein junger Mann fragte ihn auf Deutsch, was er in Deutschland wolle.

Agbor Tekere sagte auf Englisch, dass er nichts versteht. Da teilte ihm der Deutsche mit, dass Deutschland nur für Deutsche da sei. Dann tritt er zu, die anderen machen mit. Tekere fällt hin. Und auch als er auf dem Boden liegt, treten die Angreifer auf ihn ein. Der Asylbewerber kann schließlich aufspringen und läuft mit blutender Nase nach draußen. Er findet eine Telefonzelle, ruft eine Nummer an, von der er annimmt, dass es die Polizei ist. Doch Tekere wird mit dem Notarzt verbunden, der sich nicht zuständig sieht. Er sagt Tekere, dass er die Polizei anrufen müsse und legt auf.

Am nächsten Tag geht Agbor Tekere zur Caritas, schildert, was vorgefallen ist. Die Wohlfahrtorganisation schreibt jetzt einen Brief an die Polizei, berichtet über den Fall. Tekere wird vorgeladen, man zeigt ihm Fotos, er erkennt die Verdächtigen. Es kommt zum Prozess, die Schläger werden verurteilt.

Ein halbes Jahr später folgt der nächste Zwischenfall. Tekere wohnt in Rudersdorf. Ein Mann begrüßt ihn regelmäßig mit Hitlergruß, ruft vom Balkon herunter: „Hey Nigger, warum bist du in Deutschland?“ Eines Tages bleibt Tekere steht und fragt: „Bist du Nazi?“

Jetzt wird der Deutsche aggressiv, brüllt, dass er herunter kommen werde, um Agbor Tekere zu töten. Der rennt zur Polizei, die den Mann festnimmt. Der Mann wird zu 1000 € Strafe verurteilt, wegen des Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole.

Agbor Tekeres Asylantrag wurde längst abgelehnt, wegen schweren Leberschäden ist seine auf unbestimmte Zeit Abschiebung ausgesetzt.

Jetzt wohnt er in Friedrichhain. Dort wo, er sich nicht vor Nazis fürchten müsse, sagt er. Aber das Misstrauen ist geblieben, Weißensee ist nah. Neulich hat er sich auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz ein Diktiergerät gekauft. 5 € kostete das, die Batterieklappe fehlt. Das trägt er jetzt immer in seiner Anoraktasche mit sich herum. Wozu? Tekere zögert mit der Antwort. Falls er mal angepöbelt wird. Als Beweis, für später.

Fotos: Christian Reister

Mitte gehörig die Meinung kleben

Mit Plakaten protestiert der Street-Artist SP 38 gegen die Yuppisierung des Innenstadtbezirks und den neoliberalen Zeitgeist. Trotzdem sieht er sich nicht als politischen Künstler: "Ich mache urbane Poesie", sagt der Franzose über seine Arbeit

(taz, 23.02.07)

SP 38
Fotos: Christian Reister

SP 38 hat eines mit Comic-Cowboy Lucky Luke gemeinsam: Er ist schneller als sein Schatten - wenn auch nur mit dem Kleisterpinsel. Sein Künstlername, der auf einen französischen Polizeirevolver Bezug nimmt, spielt auf das Talent der Comiclegende an, sagt der Franzose etwas ironisch und mit so leiser Stimme, dass man ihn kaum versteht. Dabei streicht er sorgfältig die Ränder des Plakates glatt, das er gerade in der Auguststraße in Mitte auf eine Häuserwand geklebt hat.

"Who kills Mitte?" steht dort in feinen blauen Lettern. Ein etwa 30-jähriger Passant bleibt stehen und fragt nach der Bedeutung seiner Botschaft. Und ob das überhaupt ernst gemeint sei. Das solle sich der Betrachter selbst beantworten, erklärt ihm SP 38. Worauf der Passant verlegen grinst und weitergeht. "Immerhin, er hat sich gefragt, was das soll", freut sich der Künstler. Und Fragen, die sich der Passant möglichst selbst stellen soll, will er durch seine Plakate provozieren. "Ist ein anderes Leben möglich? Mit mehr Freiheit? Und weniger Kapitalismus?", erläutert der Franzose. Damit man ihn nicht für einen bierernsten Künstler hält, fügt er rasch hinzu, dass er auch dafür ist, dass Schokolade wieder billiger wird. Und als politisch möchte er seine Arbeit auch nicht bezeichnen. "Es ist eher urbane Poesie."

Seit den 90er-Jahren plakatiert der meist dunkel gekleidete Franzose seine hintersinnigen Botschaften, fährt er tagtäglich mit seinem schwarzen, verrosteten Fahrrad durch die paar Straßen zwischen Oranienburger und Torstraße. Davor lebte der Künstler, der weder seinen wahren Namen noch sein Alter (er dürfte in den 40ern sein) nennen möchte, in Paris. Er studierte an der Kunsthochschule, war in der Hausbesetzerszene aktiv und gehörte dort zu den "artistes squatteurs", einer Bewegung, die leer stehende Industriekomplexe besetzte, um sie zu Kunstzentren umzugestalten.

Angelockt von der Berliner Street-Art-Szene, die damals einen weltweiten Ruf besaß, kam er an die Spree. "Als ich das erste Mal in Mitte war, dachte ich, ich sei in einem Bürgerkriegsszenario gelandet", erinnert er sich. Jetzt wird er fast ein wenig melancholisch. Denn damals bröckelten in Mitte viele Fassaden oder waren noch zu DDR-Zeiten grau in Schmutzigbraun verputzt worden. Heute strahlen die Häuser in der Frühlingssonne, ein junges Pärchen schiebt den edlen Designerkinderwagen an SP 38 vorbei. Ohne allerdings einen Blick auf sein eben geklebtes Plakat zu werfen.

Wahrscheinlich sind das die Mitte-Killer à la SP 38. Und es sind eigentlich nette "Killer". Gegen Besserverdienende mit hohen Ansprüchen an Wohnkomfort im sanierten Altbau hat der Franzose prinzipiell gar nichts einzuwenden. Ihn stört nur, dass kleine Buchhandlungen verschwinden und eine Schuhboutique nach der anderen eröffnen, die Mieten steigen und die einstige legendäre Kreativszene fast völlig verschwunden ist.

Dabei ist sich SP 38 bewusst, dass diese Szene nur umgezogen ist, wenn auch unfreiwillig. Vielleicht wohnt sie jetzt an den Rändern von Wedding oder im tiefsten Neukölln, wo sie über ihren Projekten sitzt. "Aber wieso müssen wir gehen, nur weil jetzt die Yuppies kommen wollen", fragt er sich. "Als es hier nur Außenklos und Kohleöfen gab, waren die in Charlottenburg glücklich."

Lob eines Kritikers

1938 nicht immatrikuliert, 2007 promoviert: Mit Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde in der Berliner Humboldt-Universität.


(Jüdische Allgemeine, 22.02.07)

Möwen kreisen über dem noch menschenleeren August-Bebel-Platz, den Marcel Reich-anicki an diesem Freitagmorgen mit ernstem Gesichtausdruck überquert. Eben stand er noch in der Empfangshalle des Hotel de Rome und plauderte bei leiser Swingmusik mit FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher und Christoph Markschies, dem Präsidenten der Humboldt-Universität. Der wird ihm heute einen Ehrendoktor verleihen.

Für den 86-jährigen Literaturkritiker ist es die neunte Ehrung dieser Art. Seinen ersten Ehrendoktor erhielt er 1972, den achten vergangenes Jahr in Tel Aviv. Die Berliner Auszeichnung ist dennoch etwas Besonderes, eine späte Genugtuung. 1938 hatte dieselbe Hochschule, die ihn jetzt ehrt, dem damaligen Berliner Abiturienten die Einschreibung im Fach Germanistik verweigert. Offiziell, weil es keine Studienplätze gab. In Wahrheit, weil er Jude war: „Abgel., 7.4.38. /jüd.“ stand auf dem Antrag, der 1999 aus den Archiven der einstigen Friedrich-Wilhelms-Universität auftauchte.

Vielleicht überquerte Reich-Ranicki 1938 den Platz in umgekehrter Richtung, kam gerade aus dem Büro des damaligen Rektors, wo man ihm höflich diese Ablehnung mitgeteilt hatte. Und schwor sich, nie wieder einen Fuß in das Gebäude zu setzen. Auf demselben Platz hatten deutsche Studenten fünf Jahre zuvor rund 20.000 Bücher verbrannt. Alles Autoren, die nicht in das neue, braune Weltbild passten. Marcel Reich-Ranicki geht im offenen schwarzen Lederanorak nah der Stelle vorbei, wo das im Frühjahr 1933 geschah.

Was er bei seinem Gang über den Platz empfindet, will er nicht sagen. „Fragen Sie lieber nicht“, sagt er, während ihn Touristen erkennen und aufgeregt mit ihren silbrig glänzenden Digitalkameras fotografieren. Was er damals empfand, könne er nicht mehr genau konstruieren, hat Reich-Ranicki in einem Interview bekannt. In seiner millionenfach verkauften Autobiografie Mein Leben hat er dennoch versucht, jenen April 1938 zu beschreiben. Eigentlich wollte sich der damals 17-Jährige gar nicht um einen Studienplatz bemühen, doch die Mutter drängte. Eine weltfremde Vorstellung sei das gewesen. Im Herbst desselben Jahres wurde er als polnischer Staatsbürger in seine „Heimat“ ausgewiesen.

Reich-Ranicki ist inzwischen an der Humboldt-Universität angekommen. Eilig geht er auf die Eingangstür zu. Als ob er ihn endlich hinter sich bringen möchte, den in den Medien viel beschworen Akt. Aber Frank Schirrmacher will jetzt ein Erinnerungsbild. Dazu hat er extra einen Fotografen mitgebracht. Nur Reich-Ranicki, Schirrmacher und Markschies sollen auf das Foto.

Doch der Ehrengast geht einfach durch die Tür. Das findet Frank Schirrmacher dann trotzdem super. „Das ist ganz wunderbar“, ruft er und wippt aufgeregt auf den Zehenspitzen. Weil es so schön war, scheucht er Reich-Ranicki noch einmal heraus. Ein zweites Foto soll geschossen werden - "nur für den Fall", sagt Schirrmmacher.

In der mit Marmor ausgekleideten weiten Eingangshalle der Universität geht Reich-Ranicki am Arm von Christoph Markschies die breite Treppe empor, vorbei an dem Karl-Marx-Zitat „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Sie halten kurz inne. Markschkies sagt, dass das wohl falsch interpretiert worden sei, Reich-Ranicki nickt. Als sie dann in das Amtzimmer des Präsidenten im ersten Stock gehen, will Marschkies wissen, ob es hier gewesen sei, wo er vom damaligen Rektor die Ablehnung erhielt. „Nein, das war unten, auf der rechten Seite“, antwortet Reich-Ranicki.

Im hellbraun getäfelten Amtszimmer des Präsidenten warten Presse und Honoratioren. Alt-Bundespräsident von Weizsäcker begrüßt Reich-Ranicki herzlich, Kulturstaatsminister Neumann lächelt steif, der Germanist Peter Wapnewski, langjähriger Weggefährte Reich-Ranickis und heute sein Laudator, schaut freundschaftlich. Jetzt soll sich Reich-Ranicki in
das Goldene Buch der Universität eintragen. Seinen Schriftzug, mit dem eine halbe Seite füllt, führt er energisch aus, ein Fotograf pirscht sich ganz nah heran, kniet sich auf den roten Teppichboden, zeigt die abgelaufenen Schuhabsätze.

Dann trägt sich auch Wapnewski ein, der HU-Präsident schlägt vor, in die Aula zu gehen. „Hat die Flair?“, fragt Reich-Ranicki. „Eher nicht“, bedauert Markschies. Flair hat das Auditorium wirklich nicht. Die Klappsitze sind abgenutzt, auf der Holztäfelung der hohen Halle liegt ein schmieriger Belag, der noch aus DDR-Zeiten zu stammen scheint. Aber als Reich-Ranicki eintritt, interessiert das keinen. Eine Fotografenmeute stürzt auf ihn zu, halb flüchtet er, halb treiben sie ihn vor sich her, in die erste Stuhlreihe.

Hier setzt sich Reich-Ranicki, lächelt gequält und erduldet das Blitzlicht wie einen Zahnarztbesuch. Von Weizsäcker sagt zu Neumann, dass der Kritiker den Umgang mit den Medien wohl noch lernen müsse und guckt mitleidig. Aber dann wird es dem Altbundespräsidenten doch zu viel: „Die Fotografen müssen weg!“, ruft er verhalten. Schließlich verscheucht ein Saalordner mit Namensschild am zerknitterten Sakko die Bildberichterstatter. Auf der Bühne spielt ein Musiker-Quartett. Reich-Ranicki hört konzentriert und mit überschlagenen Beinen zu, so wie er auch immer im Literarischen Quartett saß.

Dann folgen die Reden. Mit „unendlicher Wehmut“ erinnert HU-Präsident Markschies an das
Berlin vor der Nazizeit, an die Stadt der Literatur, der Kultur, des Theaters. Mit „unendlicher Wehmut“ spricht er von seiner Universität, die sich der deutschen Diktatur bedenkenlos und umfassend ausgeliefert habe. Dann überreicht er Reich-Ranicki die Ehrenpromotionsurkunde, trägt deren lateinischen Text mit weichem Zungenschlag vor.

Danach soll Reich-Ranicki sprechen. Er habe keine Zeit gehabt, eine Rede vorzubereiten, sagt der und improvisiert dann am Tisch sitzend einige temperamentvolle Dankesworte, die der teilweise pathetischen und staatstragenden Veranstaltung das Pathos nehmen. Er lobt die Veranstaltung als „ungewöhnlich“. Nicht, weil er späte Genugtuung erfahren habe, sondern weil ein Laudator alle seine Bücher gelesen hat.

Zum Schluss erzählt Reich-Ranicki, wie er nach dem Krieg nach Berlin zurückgekehrt sei und die alte Universität gesehen habe, ohne Groll und Hass zu empfinden. Er habe gedacht: „Wo Millionen gemordet wurden, ist die Nichtzulassung zum Studium beinahe eine Lappalie.“ Dann ist es aus. Stehend applaudieren die Gäste in der Aula. Ein Kamerateam stürzt sich auf Reich-Ranicki, brutal leuchtet ihm das grelle Licht einer Beleuchtungslampe ins Gesicht. „Wie ist das denn, wenn Sie jetzt wieder hier sind, 70 Jahre danach?“, kreischt eine Reporterin. „Bitte lassen Sie mich doch in Ruhe“ , antwortet der. „Ich bin so müde.“ Neben ihm steht ein Mann mit Rucksack und einem Stapel vergilbter Bücher. In jedes möge der Kritiker bitte seinen Namenzug schreiben. Der sieht jetzt sehr ratlos aus.

Sonntag, 18. Februar 2007

Kein Dank vom Vaterland

Lothar Scholz saß in einem sowjetischen Straflager. Seit Jahren kämpft er nun für eine Opferpension – aber Almosen will er nicht

(Der Tagesspiegel,Seite 3, 05.02.2007)


Foto: Christian Reister

Das weiße Haar ist voll, der Blick konzentriert. Lothar Scholz sitzt aufrecht in seinem Arbeitszimmer in Berlin-Lichterfelde. Im Hintergrund reihen sich Aktenordner, neben dem Computer stapeln sich Faxe und E-Mail-Ausdrucke. Und seit dem 24. Januar steht sein Telefon nicht mehr still. An diesem Tag wurde bekannt, dass SPD und CDU/CSU eine Rente in Höhe von rund 250 Euro für bedürftige Opfer des SED-Staates beschlossen hätten.

Jetzt rufen täglich SED-Opfer an, um ihre Empörung loszuwerden. Bei ihm, dem 78-jährigen stellvertretenden Vorsitzenden der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. Die Union vereint 30 Verbände von Verfolgten des SED-Regimes. In deren Namen hat Scholz am 27. Januar einen Kranz im KZ-Sachsenhausen niedergelegt, nahm am Festakt teil und stand stundenlang in der Kälte. Nun schmerzen wieder die Zehen. „Das ist, als ob Ihnen einer mit dem Hammer draufschlägt. Zum Glück nur phasenweise“, sagt er.

Seit dem Frühjahr 1948 hat Lothar Scholz dieses Gefühl in den Zehen. Da hat er als 19-Jähriger auf Filzsocken bei minus 42 Grad in Sibirien den Polarkreis überschritten. Um seine Haftstrafe als verurteilter „Spion“ anzutreten. 15 Jahre sollten es sein, abgesessen hat er acht. Aber ehe er davon erzählt, möchte er noch etwas zur Opferrente sagen: Ein Almosen sei das. Schließlich sei es ihnen um eine staatliche Anerkennung als Widerständler einer Diktatur gegangen, sagt Scholz. Und das sollte sich auch in einer staatlichen „Ehrenpension“ ausdrücken.

Jetzt aber sollen die Zahlung nur Verfolgte erhalten, die bedürftig sind. Etwa wenn das monatliche Einkommen unter 1035 Euro liegt. „Die Stasi-Kader lachen sich in Fäustchen“, sagt Scholz. Er blättert jetzt in einem Papierstapel, zieht ein Blatt hervor. Rund 1,3 Milliarden Euro Rente zahle der Staat für die SED-Funktionäre, nur 50 Millionen sollen künftig für SED-Verfolgte ausgeben werden: „Da zweifelt man an unserer Demokratie.“

Ein SED-Verfolgter war Lothar Scholz selbst nie. Aber er nennt sich ein „Opfer des Kommunismus“. Nach dem Krieg beginnt er eine Lehre in Fürstenwalde. Eines Tages verlangt der sowjetische Ortskommandant nach ihm. Der Russe sucht Spitzel, bietet Geld und Lebensmittelkarten. Lothar Scholz weigert sich, er wird verprügelt. Am Ende unterschreibt er eine Erklärung, Spitzeldienste zu leisten. Mit dem Hintergedanken, dann zu fliehen.

Er schlägt sich nach Hamburg durch, in den britischen Sektor. Dort findet er Arbeit in einem Offizierskasino der Briten. Im Juni 1947 kehrt Scholz nach Fürstenwalde zurück, da er glaubt, dass man ihn vergessen hat. Ein Irrtum, denn bald wird er während einer Tanzveranstaltung verhaftet. Lothar Scholz wird nach Eberswalde transportiert und ein halbes Jahr lang verhört. Anklagegrund: „Spionage.“ Jeden Abend wird er zum Verhör geholt, das die ganze Nacht dauert.

Trotz der Schläge, trotz des Schlafentzugs gesteht er nicht. Verurteilt wird er trotzdem: 15 Jahre Arbeitslager wegen Spionage. Im Januar 1948 geht es im Viehwaggon auf die Reise in die Sowjetunion. Tagelang fährt der Zug bei Minusgraden. Von den 28 Häftlingen in seinem Waggon seien bei der Ankunft in Moskau nur noch 19 übrig gewesen, erzählt Scholz. Jeden Morgen klopften die Rotarmisten an die Tür, fragten, ob es Tote gäbe: „Wenn das so war, wurden die Türen geöffnet und die Leichen rausgeschmissen.“

Nach einer Zwischenstation in Moskau fährt der Zug weiter ins sibirische Workuta, wo sich Kohlebergwerke befinden. Dort angelangt, marschiert Scholz zu Fuß in eines der 100 Lager, die sich entlang der Bahnlinie befinden. Während dieses Gewaltmarsches holt er sich auch die Erfrierungen an den Zehen. Im Lager selbst wird er dann zu Nummer „ÿ 763“. So steht auf dem Rücken seiner Sträflingsjacke, und nur so reden ihn die Wachen an. Der Arbeitstag dauert zwölf Stunden, zweimal im Jahr gibt es frei: am Tag der russischen Oktoberrevolution und am Geburtstag von Stalin.

Als so genannter „Faschist“ steht Lothar Scholz in der Lagerhierarchie ganz unten, gibt es neue Kleidung, wird sie ihm sofort gestohlen. In den Baracken schlafen die Häftlinge in Etagenbetten, oben die Russen und Scholz auf dem Fußboden: „Nachts haben die dann ihre Wanzen auf mich runtergeschmissen.“ Auch wenn Scholz sich als einen „zähen Brocken“ bezeichnet, der sich nicht unterkriegen lässt: Hätte es 1948 nicht einen Lageraufstand gegeben, wäre er wohl nicht mehr aus Sibirien zurückgekehrt.

Er wird nach Süden verlegt, an die mittlere Wolga. Dort ist es wesentlich wärmer. Scholz fällt Holz, schneidert Uniformen, baut Radios zusammen. Ab 1953, nach dem Tod von Stalin, gibt es spürbare Verbesserungen für die Häftlinge. Jetzt ist alle zehn Tage ein Ruhetag, die Arbeitszeit wird auf zehn Stunden festgelegt, und Scholz bekommt Lohn. Damit kann er im Lager Brot kaufen oder Marmelade.

Jetzt besteht auch die Möglichkeit zur Gestaltung der kargen Freizeit, Bücher können ausgeliehen werden. Er liest sich durch die klassische russische Literatur. Und Lothar Scholz, der zu Beginn seiner Haft kein Wort Russisch sprach, beherrscht die Sprache bald fließend. Nun bitten ihn sogar Russen, dass er ihre Begnadigungsersuchen schreibt. Mit seiner Heimat hat Lothar Scholz inzwischen abgeschlossen.

Man hatte ihm gesagt, dass er auch nach der Verbüßung seiner Haft in Sibirien bleiben müsse. Als Trost sagt ihm ein russischer Lagerkamerad: „Du wirst eine hübsche Russin heiraten und viele Kinder bekommen!“1954 deutet sich endlich eine Wende an. Die deutschen Häftlinge werden in einem Lager zusammengezogen, dürfen eine Postkarte nach Hause schreiben. Wenn Lothar Scholz über die erste Karte spricht, die er von seiner Mutter erhielt, kommen ihm noch immer die Tränen in die Augen.

Im Oktober 1955 wird er entlassen. Über Moskau fahren die Deutschen nach Frankfurt/Oder. Dort steigen diejenigen aus, die in der DDR bleiben werden. Scholz fährt weiter ins Durchgangslager Friedland und dann nach Westberlin, wo die Mutterr wohnt. Er lebt sich langsam wieder ein im Wirtschaftswunderland BRD, macht einen Schulabschluss und wird Handelskaufmann. 1964 heiratet er, bekommt zwei Töchter. 1994 ist er als 67-Jähriger noch einmal nach Workuta gefahren.

Auch diesmal dauerte die Fahrt 40 Stunden, und draußen herrschten minus 42 Grad. Doch diesmal wird er in Workuta auf dem Bahnhof freundlich empfangen. Zwei russische Mitglieder der Organisation einstiger Zwangsarbeiter erwarten ihn mit warmer Kleidung, Brot und Salz, der traditionellen russischen Begrüßung. Die Jahre im Straflager hat Scholz nie vergessen können: „Ich träume oft, ich sei auf der Flucht vor Lagerposten, die mich mit Hunden verfolgen. Aber meine Füße sind am Boden festgefroren.“

Mit seinem Schicksal hadere er aber dennoch nicht, Hass gegen das russische Volk empfinde er nicht, sagt er. Vor einiger Zeit hat Scholz ein Buch über seine Lagerhaft geschrieben, er erzählt als Zeitzeuge in Berliner Gymnasien von seinem Schicksal. Dann nimmt er seine graue, wattierte Häftlingsjacke mit, die er aus Sibirien mitgebracht hat. Manchmal zieht er sie an, sie passt ihm noch immer.

Diese Zeitzeugenarbeit sei ihm sehr wichtig, sagt Lothar Scholz. Die Schüler sollten sehen, dass man Nein sagen müsse. Er habe damals nicht als Spitzel arbeiten wollen. Und so seine Jugend verloren. Die Ehrenpension solle deshalb auch ein Zeichen für zukünftige Generationen sein: Widerstand gegen Unrecht und Gewalt lohne sich, werde vom Rechtsstaat anerkannt. Deshalb will Lothar Scholz für eine Nachbesserung der Opferrente kämpfen: „Wir haben auf ein Dankeschön durch das Vaterland gehofft und einen warmen Händedruck bekommen. Almosen brauchen wir nicht.“

Der jüdische Kläger

Hans-Joachim Goldschmidt will seinen Familienbesitz in Polen zurück haben. Deshalb kämpft er vor dem Europäischen Menschengerichtshof um sein Recht - gemeinsam mit der umstrittenen Preußischen Treuhand


Foto: Christian Reister
Ein Stapel vergilbter Papiere, ein Siegelring und ein kleines Fotoalbum. Mehr ist Hans-Joachim Goldschmidt nicht aus seiner 300-jährigen Familiengeschichte geblieben. Aber da ist mehr. Drüben, im heute polnischen Schlesien. Nur gehört ihm das nicht. Oder doch? Um das zu klären, klagt der 56-Jährige mit zwanzig weiteren Klägern seit November 2006 vor dem Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg.

An diesem Tag reichte die umstrittene Vertriebenorganisation „Preußische Treuhand“ ihre seit 2004 angedrohte Klage gegen Polen ein. Ziel sei die Anerkennung des Unrechts der Vertreibung der Deutschen jenseits von Oder und Neiße sowie die Rückgabe ehemaligen Eigentums, sagte ein Sprecher der Organisation.

Die Klage rief in Polen heftige Reaktionen hervor. Der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski warnte vor schweren Schäden für das deutsch-polnische Verhältnis, sah sogar einen neuen Typus nationaler Ideologie am Werk. Auch in Deutschland sorgte man sich um die Beziehungen beider Länder. Die Klage belaste „das uns am Herzen liegende gute Verhältnis zu Polen“, ließ die Bundesregierung wissen. Und sogar die Vorsitzende des Bundes des Vertriebenen, Erika Steinbach, distanzierte sich von den Preußen-Treuhändern.

Aber unwohl fühle er sich nicht, sagt Hans-Joachim Goldschmidt. Unwohl, mit einer Organisation in Verbindung zu stehen, die manche als dubios empfinden, als einen Verein Ewiggestriger. Es sei eben die einzige Chance, den ehemaligen Familienbesitz zurückzuerhalten, sagt Goldschmidt. „Gemeinsam ist man stark, wenn man klagt.“

Der Familienbesitz: Das war eine Villa in einem noblen Vorort von Breslau (heute Wroclaw), Häuser in der Altstadt, eine noch immer produzierende Seifenfabrik und ein Landhaus, das sich bei Waldenburg (heute Walbrzych), rund 80 km entfernt von Breslau befand und heute auch noch steht.

Daran liege ihm eigentlich am meisten, sagt Goldschmidt fast verlegen. Weil dort seine 81-jährige Mutter aufwuchs, die in einem Pflegeheim lebt. Und weil er dort 1966 erstmals mit seiner Familiengeschichte konfrontiert wurde, die ihn seitdem nicht mehr losgelassen habe. Und vielleicht geht es ihm auch weniger um Entschädigung entgangener Geld-Werte als darum, etwas von dem wiederzufinden, was irgendwie mit ihm verbunden ist: die Familiengeschichte. Und die steckt in den Häusern.

Die Geschichte der Goldschmidts – das ist bis zur „Machtergreifung“ eine deutsch-jüdische Erfolgs-Story. Hans-Joachim Goldschmidt erzählt sie mit viel Begeisterung in seinem Wohnzimmer in Berlin-Tegel. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Dokumente, aus denen er hin und wieder ein Blatt hervorzieht, wenn er etwas belegen will.

Ende des 17. Jahrhunderts beginnt die Goldschmidt-Saga. In Breslau, der Hauptstadt von Schlesien, einer alten europäischen Kulturlandschaft. Als sich der Urahn der Goldschmidts als so genannter „Schutzjude“ in der Stadt niederlassen darf, ist das ein Privileg, das er seinen kaufmännischen Fähigkeiten verdankt. Mit denen wird er es schnell zu Wohlstand bringen und der jüdischen Gemeinde später in seinem Testament eine ansehnliche Summe hinterlassen, ohne dabei christliche Waisenhäuser oder Armenspitäler zu vergessen.

Der Sohn des Goldschmidt-Urahn wird dann eine Frau heiraten, die eine direkte Verwandte des noch heute verehrten Wunderrabbis Jacob Illowy aus Böhmen war. Einen streng orthodoxen Nachfahren des böhmischen Rabbiners hat Hans-Joachim Goldschmidt mal in New York getroffen – und ist gleich ins Fettnäpfchen getreten. Goldschmidt, der höchstens zweimal im Jahr in die Synagoge geht, die Flagge Israels aber am Revers trägt, wollte sich mit dem amerikanischen Verwandten an einem Samstag treffen. „Da geht der aber nicht aus dem Haus“, erinnert er sich schmunzelnd.

Der schlichte Siegelring, den Hans-Joachim Goldschmidt an der Hand trägt, steht für ein anderes Detail seiner Familiengeschichte. Er zeigt das Familienwappen der Goldschmidts. Für ihre Verdienste bei der Entwicklung Schlesiens sollte die Familie geadelt werden. Das war um 1790, der Landstrich war seit 48 Jahren preußisch. Aber das damalige Familienoberhaupt lehnt die Erhebung in den Adelsstand ab. Eine schlüssige Erklärung hat Goldschmidt dafür parat. Er vermutet hinter der Ablehnung eine preußische Tugend: „Das war dem zu teuer. Als Adliger musste man ja auch repräsentieren.“ Er sucht in seinem Papierstapel, zieht ein Notizbuch hervor, in dem der sparsame Ahne in feinsäuberlicher Schrift jede Ausgabe notiert hat. Fast hat man den Eindruck, als sähe man der steilen Schrift, die Stoßseufzer an, die ausgestoßen wurden, als der Gänsekiel über das Papier fuhr.

Dank dieser preußischen Sparsamkeit kann 1810 der Grundstein für das Stammhaus der Firma „S.E.Goldschmidt“ gelegt werden, wie sie von da an hieß. Anfangs handelt die Firma mit Kolonialwaren, expandiert aber immer mehr. 1938, im Jahr der „Arisierung“, wird sie ein Imperium von Seifen-, Farb- und Chemikalienfabriken darstellen.

Wert war das Ganze damals 401.228.46 Reichsmark. So steht es auf einer Liste, die Hans-Joachim Goldschmidt vorliegen hat. In deutscher Gründlichkeit werden da einschließlich Steuernummer Punkt für Punkt Grundstücke, Häuser und Maschinen aufgelistet. Die Gesamtsumme wurde Viktor E. Goldschmidt, dem Großvater von Hans-Joachim Goldschmidt, aber nie ausgehändigt, rechtliche Wege standen dem jüdischen Firmenchef nicht mehr offen.

Als der Großvater 1898 in Breslau geboren wurde, hätte es niemand für möglich gehalten, dass die Goldschmidts, die ein liberales Judentum pflegten und sich als Patrioten empfanden, einmal in ihrer Heimat entrechtet werden würden. Es wäre für den Großvater sicher ein leichtes gewesen, ins Ausland zu emigrieren. Aber das habe er immer abgelehnt. Wie so viele deutsche Juden glaubte er, dass selbst Nazi-Deutschland noch ein Rechtsstaat sei.

Die tragische Ironie an Goldschmidts Familiengeschichte ist, dass der Enkel jetzt nur dank eines Nazi-Bürokraten Gerhard Klopfer in seiner Wohnung in Berlin-Tegel sitzt. Im April 1933 tritt Gerhard Klopfer in die NSDAP ein und macht im Hitler-Staat Karriere. 1935 findet man den Dr. jur. im Stab von Rudolf Hess. Im selben Jahr kommt er zur SS und ist 1938 mit der Enteignung jüdischer Unternehmer befasst.

Dass auch die Unterlagen der Firma Goldschmidt auf seinem Schreibtisch gelegen haben, ist anzunehmen. Vielleicht hat Klopfer sogar das Bild des Studienkollegen vor Augen gehabt, den er in den zwanziger Jahren während des gemeinsamen Studiums der Rechtswissenschaften an der Tübinger Universität kannte. Welches Verhältnis der Jude und der spätere Karriere-Nazi einmal hatten, vermag sein Enkel nicht zu sagen. Sicher ist nur, dass Klopfer später seine Hand über die Goldschmidts gehalten hat. Und die Hand eines SS-Oberführers, der 1942 an der Wannsee-Konferenz teilnimmt, kann etwas bewirken.

Hans-Joachim Goldschmidt vermutet, dass sich Klopfer das bezahlen ließ. Aber vielleicht hat sich der furchtbare Jurist aber auch nur die Devise des antisemitischen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger zu eigen gemacht: „Wer a Jud is, des bestimm i“. Dennoch: Mehr als die Hälfte der weitverzweigten Familie ist nicht aus den KZs zurückgekehrt.

Auch Viktor Goldschmidt wird Anfang 1942, gemeinsam mit seiner Ehefrau und der damals 16-jähigen Mutter von Hans-Joachim Goldschmidt, nach Theresienstadt deportiert. Im Februar 1943 wird die Familie wieder aus dem Lager entlassen. Wohl auf Veranlassung einer Weisung aus der Parteikanzlei der NSDAP. Dort ist Klopfer inzwischen Stellvertreter Martin Bormanns und mit sogenannten „Rassefragen“ befasst.

Die Goldschmidts dürfen in ihre Breslauer Wohnung zurückkehren. Wie die Familie dann bis zum Ende des NS-Staates im Mai 1945 durchgehalten hat, weiß der Enkel nicht. Seine Mutter wollte nie über diese Zeit reden. Eine Ahnung von dem, was vor allem der Großvater erdulden musste, gibt ein brüchiger Zettel aus dem Januar 1945: „Sie, Viktor Israel Goldschmidt, haben sich sofort zwecks Arbeitseinsatz auf der Polizeiwache zu melden.“

Die letzten Tage bis zur Kapitulation verbringen die Goldschmidts auf dem jüdischen Friedhof, in der Erbgruft. Zwischen Eichenholz-Särgen harren sie auf das Ende des 12-jährigen Reiches. Die Familie entflieht Anfang Mai 1945 dem Chaos der Trümmerstadt und begibt sich in das Landhaus in Waldenburg. Dort setzt der sowjetische Ortkommandant den Großvater als Landrat ein. Eine Funktion, die er auch unter der polnischen Verwaltung ausüben wird. Denn auf den Konferenzen der Alliierten in Potsdam war die Oder-Neiße-Grenze als neue polnische Westgrenze festgelegt worden. Im November 1945 beginnt die Aussiedlung der Deutschen.

Familie Goldschmidt, die unter dem Schutz des Ortskommandanten steht, darf vorerst noch bleiben. 1947 stirbt Viktor Goldschmidt an einer Tuberkulose-Erkrankung, 1950 verlässt seine Tochter dennoch Schlesien. Sie geht nach Jena und heiratet. 1951 wird dann Hans-Joachim Goldschmidt geboren.

Die Großmutter von Hans-Joachim Goldschmidt wird noch bis 1966 in dem Haus in Schlesien leben. Durch einen Bekannten, der nun Konsul der DDR in Polen ist, erhält sie die Staatsbürgerschaft des Ulbricht-Staats und darf somit im „sozialistischen Bruderland“ Polen leben. 1956 besucht Hans-Joachim Goldschmidt das erste Mal seine Großmutter. 1966 kommt er wieder, diesmal ist es ein trauriger Anlass. Die Großmutter ist verstorben, es geht darum den Nachlass zu regeln. Und Goldschmidt, der sechzehn Jahre alt ist, entdeckt seine Familiengeschichte. „Da wurde mir bewusst, was wir alles hatten. Was meine Familie für Schlesien geleistet hat“, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Der Jugendliche durchstöberte mit der Mutter Papiere, Schubladen und Schränke. Aber mitnehmen können sie nicht viel. Wollten sie das Erbe antreten, müssten sie bleiben. In Polen. „Das wollten wir nicht“, sagt Goldschmidt. So lassen sie alles zurück, kehren nach West-Berlin zurück, wo sie damals leben.

In den folgenden Jahren beschäftigt sich Goldschmidt, der freiberuflich als Tourismusexperte arbeitet, immer wieder mit dem schlesischen Judentum und seiner Familiengeschichte, sucht seine Wurzeln. Die dafür notwendigen wichtigen Dokumente erhält er in den 70er Jahren von einer Tante. Die hat die Dokumente kurz zuvor von Nazi-Jurist Klopfer erhalten, der sie wohl vom Großvater noch zu NS-Zeiten zur Verwahrung entgegengenommen hat.

Im April 1945 war Klopfer aus Berlin geflüchtet, wird später als „minderbelastet“ erklärt, ein Ermittlungsverfahren wegen der Teilnahme an der Wannsee-Konferenz war eingestellt worden. Ab 1956 arbeitet er als Rechtsanwalt, vor 20 Jahren ist er verstorben. Gerhard Klopfer – auch ein Lehrstück über die bundesdeutsche Entnazifizierung. Und selbst wenn er in einem Fall eine jüdische Familie gerettet hat – ein Baum wird wohl nicht für ihn in Jerusalem gepflanzt werden.

Als ab 1989 in Osteuropa endlich der „Eiserne Vorhang“ fällt, schöpft Hans-Joachim Goldschmidt Hoffnung, dass seine Familie die Besitztümer zurück bekommen könnte. Er schreibt einen Brief an das polnische Konsulat, in dem er eine Rückgabe verlangt. „Die haben sich Zeit mit einer Antwort gelassen“, sagt Goldschmidt, holt den Brief hervor. In dem Dokument steht in vagen, schwammigen Sätzen, dass eine Rückgabe nicht möglich sei.

In den folgenden Jahren ist Hans-Joachim Goldschmidt immer wieder nach Polen gefahren. Er hat Spuren gesucht, die Seifenfabrik fotografiert, die Villa in Breslau und das Landhaus, in dem seine Großmutter gestorben ist. Ein altes Foto zeigt seine Großeltern und die Mutter dort mit dem Schäferhund fröhlich auf der Eingangstreppe sitzend. Das war Anfang 1930, da waren die Goldschmidts noch eine ganz normale deutsche Familie. Vielleicht ist es das, was er sucht. Normalität, die Zeit zurückdrehen. Selbst auf der Treppe sitzen, lachen. Deshalb klagt er.

Rechtsexperten geben der Treuhand-Klage keine Chance, sehen die Fragen des Vertriebeneneigentums als geregelt an. Unterschwellig, auch wenn das niemand so sagt, wird die Vertreibung der Deutschen jenseits von Oder und Neiße ja auch als eine „gerechte“ Kollektivstrafe für die Nazi-Verbrechen betrachtet. Ob das Straßburger Gericht für einen jüdischen Kläger eine Ausnahme macht, damit rechnet Goldschmidt nicht wirklich. Die Preußische Treuhand hält das für möglich. Wenn die ihm ein Angebot machen sollten, möge er zuschlagen, hat die Organisation ihm geraten. Und das würde Goldschmidt auch tun. Vielleicht hat er dann aber ein neues Problem: Was wird aus den Polen, die jetzt in den Häusern leben?

Jüdische Allgemeine (02.02.07)

Freitag, 9. Februar 2007

Als der rote Stern unterging

1956 nimmt Antal Lux am ungarischen Aufstand teil.
Seit 1970 lebt der Künstler in Berlin und verarbeitet den Aufstand.


Antal Lux
Foto: Christian Reister

Eine schattenhafte Gestalt, die hastig über eine Art
Stacheldraht steigt, das Bild Stalins, halb von roten
Farbschlieren verdeckt, Panzer in den Straßen von
Budapest: den ungarischen Volksaufstand von 1956 hat
Antal Lux nie vergessen können. Im Atelier des 71-jährigen
Künstlers, am Kreuzberger Tivoliplatz, findet sich
das Thema mal offen, mal symbolhaft auf vielen Bildern
wieder.

Und die Farbe Rot ist überall zu sehen. "Rot ist
ein Symbol von Hass und Liebe", sagt Lux, beinahe
zwanghaft müsse er die Farbe benutzen. Und Rot war
auch der fünfzackige Sowjetstern, den sich der Ungar am
Morgen des 23. Oktober 1956 von der Soldatenmütze
reißt.

Als in Budapest der Aufstand ausbricht, schuftet der 21jährige
in einem Kohlebergwerk im südwestungarischem
Pécs: in einer Strafbataillon, denn Lux gilt als politisch
unzuverlässig. In tausend Meter Tiefe baut er zusammen
mit einem Hauer Kohle ab, und zwar in einem so genannten
"Vorbau": ein von der unteren zur oberen
Ebene gefrästes Loch, mit ca. 2 Meter Durchmesser.

Die Schicht beginnt um 4 Uhr morgens, dauert 10 Stunden.
Das Bergwerk gilt als eines der gefährlichsten in ganz
Ungarn. Schlagwetterexplosion, Wassereinbruch und
Grubeneinstürze sind keine Seltenheit. Vor Beginn der
Schicht erinnert ein Gefreiter, der die Aufsicht über das
Strafbataillon hat, die unfreiwilligen Bergleute regelmäßig
daran, dass der ungarische Soldat seine Arbeit als
Ehre und Ruhm betrachtet: "Es lebe der Sozialismus und
die uns liebende, ruhmreiche, uns befreiende große
Sowjetunion", hämmert er den Malochern ein.

Nach drei Monaten Schwerstarbeit, Antal Lux hat inzwischen
knapp eine Schlagwetterexplosion überlebt, bricht
in Budapest der Aufstand aus. Lux hat Nachtschicht und
als er in den Förderkorb steigt, herrscht der Sozialismus
noch unangefochten. Als er am Morgen des 23. Oktober
in der nass geschwitzten Arbeitsuniform aus dem Korb
steigt, empfängt ihn die Ablösung jubelnd, man ruft ihm
zu, dass in Budapest die Revolution gegen die herrschende
kommunistische Unterdrückung ausgebrochen sei.

Die Freude sei unbeschreiblich gewesen, sagt Lux: "Was
ich in diesem Augenblick erlebt habe, begleitet mich bis
heute. Plötzlich löste sich der graue schmutzige Schleier
der ein Jahrzehnt lang über uns schwebte." Während die
Soldaten, die sich inzwischen den roten Stern von der
Mütze gerissen haben, feiern, fahren zwei LKWs mit
einem Trupp in Ledermantel gekleideter
Geheimpolizisten. Sie sind mit Maschinengewehren
bewaffnet, umzingeln die Feiernden.

Der Anführer der Geheimpolizei, die Pistole in der Hand
befiehlt, dass alle, die sich den roten Stern abgerissen
haben, zur Seite treten sollen. Als alle zur Seite treten,
liegt Spannung in der Luft. "Es hätte sein können, dass
sie uns alle erschießen", erinnert sich Lux. Aber dann
geschieht doch nichts, nach etwa zwei Stunden verschwinden
die Ledermäntel in aller Eile: "Vielleicht
haben sie gemerkt, dass in Ungarn die Revolution siegt."
Als der neue Revolutionär Lux dann mit seinen
Kameraden in die Kaserne zurückkehrt, haben die bereits
die Kontrolle übernommen und die wichtigsten öffentlichen
Gebäude in Pécs besetzt.

Bis zum 4. November glaubt Lux, dass der Volksaufstand
erfolgreich gewesen ist. Aber dann rücken sowjetische
Panzer in die Stadt ein. Noch heute empört den Künstler,
dass die Rotarmisten mit weißen Flaggen in die Stadt
gekommen seien und behauptet hätten, über Pécs nur das
Land verlassen zu wollen. Stattdessen übernehmen sie
die Kontrolle über die öffentlichen Gebäude, größtenteils
ohne Widerstand. Auch die Kaserne, wo Lux kaserniert
ist, wird von den Rotarmisten umstellt. Ein "fescher
Oberst mit rotem Haar" organisiert die Verteidigung der
Kaserne, lässt einen Graben ausheben und ein
Maschinengewehr am Eingang aufstellen.

Aber noch ehe der Graben fertig ist, "war der Oberst verschwunden:
er hatte die Hose voll", erinnert sich Lux
heute etwas amüsiert. Vielleicht hat der Oberst aber auch
nur erkannt, dass die Lage ausweglos ist: mit einem einzigen
Schuss könnten sich die Rotarmisten nämlich
einen Weg in die Kaserne bahnen. Ein Zugführer befiehlt
schließlich die Flucht über eine Steinmauer ins nahe
gelegene Mecsek-Gebirge. Mit leichten Waffen und
Granaten bepackt schleicht sich Antal Lux nachts an den
Sowjetpanzern vorbei.

Im Gebirge angekommen, verschanzen sich die Ungarn
in einem alten Steinbruch. Hier sammeln sich immer
mehr Aufständische, ein Gewerkschaftshotel auf einem
Gebirgskamm dient als Hauptquartier. In der folgenden
Nacht fährt am Eingang des Steinbruchs ein erster Panzer
auf, im Mondlicht steigen zwei Soldaten aus, wollen das
Gelände erkunden. Der Truppführer befielt "Feuer", Lux
wirft Granaten. Und der Panzer schießt "aus sämtlichen
Rohren zurück", tritt schließlich den Rückzug an.

Am nächsten Tag kreist ein Flugzeug über dem
Steinbruch. Lux glaubt, dass es ein Späher der
Amerikaner sei, hatten diese doch über den Radiosender
"Voice of America" den aufständischen Ungarn Hilfe
versprochen: "Nur deshalb haben wir ja den Widerstand
aufrecht erhalten", sagt Lux jetzt. Bis also die lang
ersehnten Amerikaner kommen, gilt es auszuharren.

Antal Lux wird dann zur Verteidigung eines Bergpasses
abkommandiert, wo sich ein altes gemauertes Steintor
befindet, das "Pécsi kapu". Dort haben bereits zahlreiche
Soldaten und Zivilisten Stellung bezogen. Statt
Amerikaner kommen jedoch die bekannten
Sowjetpanzer den Bergpass entlang gefahren. Lux nimmt
hinter einem Felsen Platz, entsichert die
Maschinenpistole und beginnt zu schießen, während die
Panzer immer näher kommen.

Granaten und Kugeln fliegen über Köpfe der
Aufständischen hinweg, Felssplitter reißen Wunden in
Luxens Hände; die Narben sind noch heute sichtbar. Als
die Panzer nahe genug heran gekommen sind, um
Granaten werfen zu können, greifen die Ungarn damit
an. Aber: die Grananten, aus rumänischer "also sozialistischer
Produktion taugten nichts", so Lux. Entweder
explodieren sie überhaupt nicht oder erst nach 30
Minuten. Dennoch werden erste Erfolge erzielt, ein
Panzer bleibt liegen, andere fangen durch die selbstgebauten
Molotowcocktails Feuer.

Dennoch geht das Trommelfeuer der Russen weiter. "Ich
merkte, dass mein Mut mich langsam verließ, rückte
automatisch immer weiter weg von meiner Stellung." In
etwa 50 Metern Entfernung erblickt Lux eine in Stein
gehauene Inschrift. Angst, Übermüdung und
Halluzinationen hätten ihn damals "fast verrückt
gemacht." In der Inschrift entziffert er "Antal Lux 21
Jahre alt, am 5. November 1956 den Heldentod gestorben."

Die funktionstüchtigen Panzer ziehen sich zurück, "aber
nicht weil die Russen klein beigeben hätten, sondern um
sich für einen neuen Angriff vom nahegelegenen Wald
aus neu zu formieren." Und wenn die Russen von dort
angriffen hätten, dürfte vom Steinstor nicht viel übrig
geblieben sein, vermutet Lux heute. Auch Munition ist
nicht mehr sehr reichlich vorhanden und die Amerikaner
sind immer noch nicht in Sicht.

Deshalb flieht Antal Lux mit vier Kameraden über
Schleichwege aus dem Gebirge. Das Ziel ist Budapest,
wo der Jungrevolutionär seine Mutter wiedersehen will.
Sein Vater ist bereits 1948 an einer in sowjetischer Haft
zugezogenen Herzkrankheit gestorben. Nach 10 Tagen
gelangen die Revolutionäre nach Budapest, wo Lux seine
Mutter wiedersieht. Inzwischen wird der 21-jährige allerdings
von der Staatssicherheit gesucht: als
Fahnenflüchtiger - und als ein solcher gilt Lux, sowie als
Beteiligter am Aufstand, hat Lux nicht sonderlich viel
Gutes zu erwarten. Zudem "hatte ich vom Sozialismus
genug. Dieses Regime hat meine Jugend verdorben und
meine Zukunft sabotiert".

Antal Lux, der schon früh künstlerische Neigungen hatte,
durfte nämlich im sozialistischen Ungarn, da er als "politisch
unzuverlässig" galt, nicht an der Kunstakademie
studieren. Nach dem Abitur verdiente er sich, Ironie des
Schicksals, seinen Lebensunterhalt mit dem Malen von
Stalin-Portraits und dem Pinseln von Losungen, die den
Aufbau des Sozialismus rühmen.

Lux verlässt jetzt so schnell als möglich Budapest,
mit dem Ziel Österreich. Seine Mutter, die Anfang der 80er
Jahre stirbt, wird er 11 Jahre lang nicht wiedersehen. Bis
Lux dann Anfang Dezember 1956 die österreichische
Grenze in Nähe des Neusiedlersees überquert, hat er
noch einige Abenteuer zu bestehen, die in der Rückschau
spannend klingen, für den Flüchtling ging es aber "um
Leben oder Tod."

Damals flüchteten etwa 300.000 Ungarn über die Grenze
nach Österreich, die inzwischen immer dichter von
Rotarmisten bewacht wird. Lux wird schließlich mit
anderen Flüchtenden von einer russischen Patrouille
festgenommen. Nur mit Hilfe ungarischer Soldaten, die
ihm erlauben, in einem unbewachten Augenblick auf
einen Lastwagen aufzuspringen, gelangt er in Nähe der
Grenze. Hier baut er sich ein Floß aus Schilfrohr und
überquert bei Dezemberkälte einen Kanal, um nach
Österreich zu gelangen.

Als letzen Gruß aus dem Ostblock schickt ihm ein
Grenzsoldat von ungarischer Seite noch eine
MP-Salvehinterher, als er im neutralen Österreich an Land kriecht.
Dort empfängt man ihn "überschwänglich", erinnert sich
Lux heute, erhält die lang entbehrte Schokolade zugesteckt
und Wiener Würstchen. Man quartiert ihn mit
anderen Ungarnflüchtlingen im ostösterreichischen
Eisenstadt ein, Lux beginnt einen Deutschkurs, versucht
sich einzuleben. Doch er zieht bald nach Deutschland
weiter, nach Stuttgart, wo er ein Studium der Malerei
und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden
Künste in Stuttgart beginnt.

1965 schließt Lux sein Studium ab und arbeitet eine Zeit
lang als Kunstlehrer. Gleichzeitig arbeitet er als freier
Künstler, verarbeitet seine Erlebnisse während des
Aufstandes von 1956. Seit Anfang der 70er Jahre lebt
Antal Lux in Berlin. Damals stellte er in einer Galerie
aus, "und alle 32 Graphiken wurden verkauft."
Inzwischen arbeitet Antal Lux neben der Malerei auch
als Videokünstler, hat zahlreiche internationale Preise
gewonnen und 1993 an der XLV. Biennale in Venedig
teilgenommen. Thema seines Beitrages: "Flucht und
Fremde."

Auch im Erinnerungsjahr 2006 hat sich Lux mit seinem
Lebensthema befasst. In dem 15-minütigen Kurzfilm
"Spuren" sucht er die Einschusslöcher an den Orten der
Kämpfe, filmt die Gräber der Revolutionsführer auf der
Parzelle 301 im Budapester Gefängnis Köbanya und
montiert die verwackelten Filmaufnahmen der
Straßenkämpfe zu einem audiovisuellen Panoptikum des
tragisch gescheiterten Aufstandes.

Dass in Ungarn die alten Seilschaften aus den Zeiten des
"Gulaschkommunismus" noch immer existieren und dass
man an manche Themen besser nicht rührt, das hat Antal
Lux unlängst selbst erfahren. Bei der Vorbereitung zu
einer Ausstellung in einer ungarischen Stadt, an der
neben Lux auch andere Künstler teilnehmen sollten,
erhob der Veranstalter, die Stadtverwaltung, Einspruch
von zu expliziten Werken, die sich mit dem Thema
Aufstand 1956 und der Verdrängung individueller Schuld
befassen. Was ihn jetzt bei den ganzen Gedenkfeiern, vor
allem in Ungarn störe, so Lux, "das ist, dass jetzt alle
schon 1956 mit gekämpft haben wollen."

Stahlparade von Antal Lux
Antal Lux: "Stahlparade" (Elektrografik)

http://www.antallux.de/

Ein Gringo kehrt zurück

1939 emigrierte Max Finkelstein von Berlin nach Südamerika, vor sieben Jahren kam er in die deutsche Hauptstadt zurück

(Vorwärts August 2007)

Max Finkelstein
Foto: Christian Reister

Vom Balkon seiner Wohnung in Moabit, zwischen
Haftanstalt und Schloss Bellevue, kann Max Finkelstein
die Hochhäuser des Hansaviertels sehen. Dort hat er vor
60 Jahren bis zu seiner Emigration nach Südamerika
gewohnt. Vor dem Balkon wiegen sachte Pappeln im
Wind und auf der Balkonbrüstung steht ein Vogelhaus,
dort streiten sich Spatzen um Brotkrümel. Der 81-jährige
sitzt entspannt am Tisch vor dem Panoramafenster, zieht
an einer Zigarette und sieht den Vögeln zu. Dann sagt er,
dass er in all den Jahren in Südamerika immer "mit dem
Kopf in Deutschland gewesen" sei. Und dass er damals
in Berlin trotz der Nazi-Diktatur glücklich gewesen sei.

Als Finkelstein 1925 im ostpreußischen Gumbinnen
geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass er einmal
in Südamerika Salz im Urwald transportieren würde,
oder dort mit einem Flugzeug abstürzen würde. Der
Vater ist ein wohlhabender Kaufmann, in der Stadt angesehen
und 1914, wie fast alle deutschen Juden, freiwillig
"für den Kaiser in den Krieg gezogen." Umso empörter
reagiert er, als die SA im April 1933 vor seinem Laden
zum Boykott aufruft. "Aber wir hatten eine treue
Kundschaft in der Landbevölkerung", sagt Finkelstein.
"Die Ostpreußen sind gute Leute." Auch in der Schule,
die in "Adolf-Hitler-Schule" umbenannt wird, lässt ihn
niemand spüren, dass er Jude ist. Der Lehrer sei sogar
eines Tages zur Mutter gegangen und habe sich entschuldigt,
"dass er das mit den Rassen lehren muss."

Trotzdem gehen die Finkelsteins 1935 nach Berlin, hoffen
in der Anonymität der Großstadt ruhiger leben zu
können. Der Vater stirbt bald an einem Nierenleiden; um
Geld einzusparen, vermietet die Mutter zwei Zimmer der
Wohnung an Untermieter: "Einer war der streng orthodoxe
Leiter eines Rabbinerseminars, der andere ein
Peruaner, der bei Goebbels Nazipropaganda ins
Spanische übersetzte." Die Freundin des Peruaners ist die
bekannte Schauspielerin Rosita Serano, abends fährt sie
mit dem Cabrio vor "und die ganze Straße guckte aus
dem Fenster."

Bis zur Reichskristallnacht 1938 denken die Finkelsteins,
dass es für Juden in Berlin noch auszuhalten sei. Trotz
der Bänke im Tiergarten, auf die sich Juden nicht setzen
dürfen, trotz der Schilder an Gaststätten, auf denen steht
"Juden und Hunde nicht erwünscht." Es sei Teil der jüdischen
Identität, verfolgt zu werden, sagt Max Finkelstein
heute, aber in der eigenen Heimat derartig behandelt zu
werden, sei dennoch schwer erträglich gewesen.
Fieberhaft versucht die Mutter ein Ausreise zu organisieren,
aber immer mehr Länder schließen ihre Grenzen.
Noch heute verbittert es Finkelstein, dass es die Schweiz
gewesen sei, die durchgesetzt hätte, dass in Reisepässen
ein rotes "J" zu stempeln sei. "Damit sie uns gleich an der
Grenze erkennen."

Die Mutter fasst schließlich eine Emigration nach
Palästina ins Auge. Max Finkelstein wird einen Monat
vor dem deutschen Überfall auf Polen nach Schweden
geschickt, damit er erst einmal in Sicherheit ist. Dann
gelingt es der Mutter, zwei Visa für Bolivien zu kaufen.
Jetzt wollen sie sich in Genua treffen, von dort aus über
den Atlantik fahren. Inzwischen befinden sich aber
Finnland und die Sowjetunion im Krieg, Dänemark und
Norwegen sind besetzt, Max Finkelstein kommt nicht
nach Italien durch. Die Mutter reist alleine ab, hofft, dass
der Sohn nachkommt.

Bald herrscht wieder Frieden zwischen Finnland und der
Sowjetunion. Aber Schiffspassage und Visa sind inzwischen
ungültig geworden. Deshalb entscheidet er sich
"von hinten herum nach Bolivien zu fahren": Mit der
Transsibirischen Eisenbahn über Moskau nach
Wladiwostok. Mit zwei Koffern in der Hand macht sich
der 16-Jährige auf die Reise, die er im Rückblick als ein
großes Abenteuer empfindet.

In der sowjetischen Hauptstadt verkauft Finkelstein seine
warme Kleidung an einen Altkleider-Händler, nachdem
er auf einer Karte gesehen hat, wie nah Bolivien amÄquator liegt.
Er bekommt ein dickes Bündel Rubel, hält
sich für reich. Doch dann sagt man ihm, dass der Rubel
im Ausland nicht umzutauschen sei, und in der
Sowjetunion gäbe es nichts Wertvolles zu kaufen. Man
rät ihm, er solle sowjetische Briefmarken erwerben und
diese in Japan an Sammler weiterverkaufen.

Nachdem Finkelstein Sibirien durchquert hat und sich
nach Japan eingeschifft hat, verkauft er dort bei seiner
Ankunft in Kobe tatsächlich seine Marken: "Ich habe ein
dickes Bündel Yen erhalten." Doch die sind wieder nicht
konvertierbar und in Japan wird Finkelstein nicht lange
bleiben. Also kauft er diesmal etwas Handfestes:
"Zuchtperlen und Seidenkimonos." Und die wird der
dann in den USA los, am Ende wird er 1000 Dollar verdient
haben, für damalige Verhältnisse ein kleines
Vermögen.

Über San Francisco fährt Max Finkelstein dann nach
Bolivien. Dort erwartet ihn seine Mutter in der bolivianischen
Hauptstadt La Paz. Zur Begrüßung gibt es seine
Lieblingsmahlzeit, "Bauernfrühstück mit
Schokoladenpudding." Allerdings kann auch die lang
entbehrte Lieblingsmahlzeit nicht den Kulturschock
dämpfen, den der Jugendliche, der aus dem zivilisierten
Europa kommt, empfindet: "Es war alles so primitiv, ich
dachte, ich sei auf einem anderen Stern."

Doch er habe nicht mit seinem Schicksal hadern wollen,
seine Mutter sei ihm ein Vorbild gewesen, sagt
Finkelstein: "Meine Mutter fügte sich preußisch in ihr
Leben, von dem sie glaubte, dass Gott es ihr bestimmt
hätte." Sie betreibt in La Paz einen Mittagstisch für die
deutschen Emigranten. Max Finkelstein macht sich
unterdessen auf die Suche nach Arbeit. Bald wird er
Baustellen beaufsichtigen, Krokodiljagdpartien organisieren
oder als LKW-Fahrer für eine Salzmine arbeiten.
Und sogar im Urwald abstürzen: "Ein Freund, der bei der
bolivianischen Luftwaffe arbeitete, hatte ein altes
Flugzeug flott gemacht. Dann lud er mich auf einen Flug
ein." Doch der endet nach 20 Minuten, die beiden landen
auf den Baumkronen. Beide unverletzt: "Ich hatte immer
Glück im Leben."

Das Ende des zweiten Weltkrieges erlebt Finkelstein
dann im Urwald, das heißt in der Kleinstadt Trinidad.
Der dortige Bischof sollte auf Veranlassung des
Bolivianischen Oberhirten eine Dankesmesse für das
Ende des Krieges lesen. Doch der Bischof, gebürtiger
Kroate und erklärter Antisemit, weigert sich. Erst nach
Androhung der Exkommunikation bequemt er sich zur
Messe, den Arm zum Hitlergruß ausgestreckt, erinnert
sich Finkelstein. Die Messe wird dann ein Pater feiern,
während der Bischoff mit verschränkten Armen daneben
sitzt.

1947 dringen auch die ersten Berichte über die Konzentrationslager
nach Bolivien. Überlebende, die
nach Südamerika emigrieren erzählen von den
Gaskammern. "In dem Moment haben wir Jugendlichen
uns geschämt, dass wir während des Krieges das Leben
genossen haben.", erzählt Finkestein. Von Deutschland
habe er da nie wieder etwas wissen wollen. "Aber dennoch
habe ich immer heimlich daran gedacht", fährt er
dann fort. "Meine Heimat, das war die deutsche
Landschaft und die Sprache."

Seine Zukunft sieht Finkelstein also nicht mehr in
Europa. Aber auch nicht in Südamerika: "Ich träumte
davon nach Nordamerika zu emigrieren. Ich brauchte
endlich Kultur, Opern und Theater!" Das Vorhaben
scheitert wegen der restriktiven Einreisebestimmungen
und der schon damals gut bewachten Grenze. Deshalb
geht er 1948 nach Buenos Aires, in die Stadt, die als die
europäischste auf dem Kontinent gilt.

Sofort bekommt er einen Job in einem
Elektronikgeschäft, arbeitet als Automechaniker und vertreibt
dann Versicherungen. Aber sein "Traumberuf", der
ihm immer wieder im Hinterkopf herum spukt, " das war
der Journalismus." Anfang der sechziger Jahre bekommt
er seine Chance beim traditionsreichen Argentinischen
Tageblatt. In einer Anzeige wird ein Redakteur gesucht,
Finkelstein stellt sich vor, wird auf die Probe gestellt und
eingestellt. Diesen Beruf wird er dann 36 Jahre lang ausüben.

Finkelsteins neue Heimat Argentinien hat eine lange
Tradition von Militärputschen, Straßenkriegen zwischen
Rechten und Linken, Wirtschaftskrisen und
Hyperinflationen. Und dass Finkelstein jetzt im frühherbstlichen
Moabit sitzt, verdankt er nur dem Umstand,
dass er nie seinen deutschen Pass abgegeben hat: "1976
hatten wir den Militärputsch und die meisten Argentinier
waren froh drüber, dass endlich Ruhe war."

Als Journalist ist Finkelstein aber dann im Besonderen Maße durch die
Zensur und die eingeschränkte Meinungsfreiheit betroffen.
Als er in einem Artikel schreibt, dass der Unterrichtsminister
ein Faschist sei, erhält er Besuch von der
Staatssicherheit. Man habe ihn verwarnt, und nur sein
deutscher Pass habe ihn vor der Festnahme geschützt, so
Finkelstein. "Und eine Festnahme wegen politischer
Äußerungen führte oft dazu, dass Leute für immer verschwanden."

Neben seiner Tätigkeit beim Tageblatt arbeitet
Finkelstein auch beim argentinischen Wochenblatt
Semanario Israelita mit, das teils in Deutsch, teils in
Spanisch publiziert wurde. Auch nach seiner
Pensionierung führt er die Tätigkeit fort, wird schließlich
Chefredakteur und Herausgeber. Die Zeitung wird
schließlich sein Lebenswerk. Mit der Zeitung wollte
Finkelstein "eine Art Brücke zur alten Heimat schlagen",
eine Verständigung zwischen jüdischen und nichtjüdischen
Deutschen herstellen. Für sein Engagement erhielt
er 1993 das Verdienstkreuz Erster Klasse.

Das Wochenblatt erscheint 1999 zum letzten Mal, das
Publikum war "buchstäblich weggestorben." 1999 kehrte
der 74-jährige auch nach Deutschland zurück. Der Grund
war eine deutsche Praktikantin aus Hamburg, Finkelstein
und die junge Frau hatten sich ineinander verliebt. Er
habe endlich eine Frau getroffen, mit der er über alles
reden könne und die seine Interessen teile, sagt
Finkelstein. Ihr hat er auch seine Lebenserinnerungen
diktiert, die 200 unter dem Titel "Jude, Gringo,
Deutscher" erschienen sind.

Ein "Gringo", das war Finkelstein in Argentinien. Da er
seine deutsche Staatsbürgerschaft beibehalten hatte,
durfte er in dem südamerikanischen Land nicht einmal
wählen. Und politisches Engagement war durchaus nicht
das, was man von ihm erwarte: "Ich habe es oft erlebt,
dass ich mit Argentiniern zusammensaß und die über ihr
Land schimpften", sagt Finkelstein. Aber wenn er sich
dann äußert, bekommt er zu hören, "ich solle doch nach
Hause gehen, wenn es mir hier nicht passt."

Wegen dieser "politischen Unmündigkeit" ist Finkelstein
bald nach seiner Rückkehr nach Berlin in die SPD eingetreten:
"Ich wollte endlich einmal etwas mitgestalten." Er
engagiert sich 2001 sofort für den Wahlkampf. Der neue
Genosse verteilt Wahlprogramme, betreut Info-Stände
und klebt Wahlplakate. Und auch für die Gesellschaft
engagiert sich der 81-jährige: Als Zeitzeuge spricht er in
Schulen über seine Erfahrungen mit dem
Nationalsozialismus. "Ich wünsche mir, dass junge
Menschen lernen, dass Hitler nicht nur die Juden vernichtet
hat, sondern auch Millionen anderer Bürger", sagt
Finkelstein.

Und dass das Wohnhaus im Siegmunds Hof in
Tiergarten, in dem der damals wohnte, ebenso wie die
Synagoge, an die heute eine Schrifttafel und ein
Denkmal in Form des traditionellen siebenarmigen
Leuchters erinnern, nicht mehr steht, ist auch ein Resultat
der Herrschaft des Nationalsozialismus. In den 70er
Jahren war Finkelstein schon einmal in Berlin, hat
Spuren gesucht. Das Wohnhaus damals nicht mehr stand
habe ihn erleichtert, sagt Finkelstein: "Da konnte ich
endgültig einen Schlussstrich ziehen und nach
Südamerika zurückkehren."

Dass Max Finkelstein jetzt doch wieder in Berlin ist,
hängt mit seiner neuen Liebe zusammen. Und während
Finkelstein auf die Pappeln blickt, sitzt seine Frau
Kerstin Finkelstein im Nebenzimmer und schreibt an
einem Buch über Deutsche, die eingewandert sind, nach
Deutschland. Max Finkelstein aber ist zurück gekommen.
Nach Berlin, nach Hause.

Der Flaschenblick

Sie stecken ihre Hände in den Müll, ziehen mit Tüten durch die Stadt. Egal, bei welchem Wetter. Unterwegs mit zwei Pfandsammlern

Andrej, 36, steht am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte, steckt seine Hand in eine dreckige Mülltonne und holt eine grüne Pfandflasche hervor. „Die bringt acht Cent“, sagt er. Dann dreht Andrej die Flasche um, schales Bier tröpfelt auf den Boden.

Flaschensammler wie der Russe Andrej ziehen täglich durch die Stadt. Egal, zu welcher Uhrzeit. Und egal, bei welchem Wetter. Sie tragen Plastiktüten, schieben Einkaufswagen, voll mit leeren Flaschen. Sie gehen durch Parks, schleichen an all den Clubs vorbei, vor denen am Abend zuvor so mancher noch schnell ein Bier runtergekippt hat, bevor er reingegangen ist. Und bald stehen sie auch wieder vor den Stadionkassen bei Hertha BSC.

An der Lenkerstange von Andrejs Fahrrad hängen an diesem Tag zwei prall gefüllte Plastiktüten. Für die Flaschen bekommt er acht Cent, mal 15, mal 25, je nach Typ. Durch das Sammeln bekommt Andrej pro Tag drei Euro zusammen. Das ist bares Geld für den illegal in Deutschland lebenden Ausländer, der nach eigenen Angaben kein Geld vom Staat bekommt, obdachlos ist und vor allem Wert darauf legt, „ehrlich zu bleiben“.

Seit 1994 lebt Andrej, der aus dem Kaukasus stammt, in Berlin. Als 20-Jähriger war er Funker bei der Westgruppe der Roten Armee, nahm an der Abschiedsparade in Berlin teil. Dann ging er nach Russland zurück, erzählt er, doch dort habe er keine Perspektive für sich gesehen und sei noch im selben Jahr zurückgekehrt nach Berlin. Mit einem gefälschten polnischen Pass.

Andrej schlug sich erst mit Gelegenheitsjobs durch, half bei Umzügen, Wohnungsrenovierungen und auf Baustellen. Doch jetzt gibt es zu wenig Arbeit für zu viele Leute wie ihn. Und außerdem lohne es sich nicht mehr, erzählt er. „Es sind viele Leute aus dem Osten hier, das drückt die Preise. Die Chefs geben schwarz zwei Euro die Stunde und denken, sie sind großzügig.“ Jetzt verdiene er seine drei Euro am Tag und sei zufrieden mit dem Leben: „Ich bin frei, ich liebe Berlin. Das ist die einzige Stadt der Welt, in der man fast kein Geld braucht, um zu leben.“

Zum „Ullrich“-Markt an der Mohrenstraße in Mitte etwa kommen manche Sammler gleich mit Riesensäcken. Vor allem während Großveranstaltungen bekommen die Supermärkte die sozialen Nöte der Stadt zu spüren: Viele Obdachlose oder andere, denen man ihre Lebensumstände am Äußeren jedoch kaum ansieht, bessern ihren Geldbeutel mit gesammelter Pfandbeute auf. An einem normalen Tag zahlt „Ullrich“ bis zu 400 Euro an Pfandbons aus. Während der Fußball- WM waren es jeden Tag rund 1000 Euro.

Auch Detlef B. sammelt Flaschen. Und wenn er etwa an die WM denkt, dann beginnt er zu schwärmen. Herrliche Zeiten seien das gewesen, sagt der 62-Jährige, während er sich eine Zigarette dreht. Er hat damals am Olympiastadion und auf der Fanmeile rund um den Tiergarten gesammelt. „Damals habe ich nur die PET-Flaschen mitgenommen, für die gibt es 25 Cent.“ Mit seinem „WM-Gewinn“, wie er das nennt, hat er sich ein ordentliches Paar Schuhe gekauft und bei C&A eine warme Winterjacke. Die hilft ihm jetzt.

Etwas verächtlich werden sie schon angeguckt. An einer Tankstelle in Wedding etwa meint ein Verkäufer, dass „wir so ’ne Leute ständig hierhaben“. Die erst in Mülleimer gucken und die verschmutzen Flaschen dann in der Tankstelle abgeben.

Das Glas mit der Rückgabegarantie ist in Berlin sogar schon zum Anlass für einen Raubüberfall geworden. So hatten im August vergangenen Jahres drei Räuber einen Reinigungsfachmann auf dem S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße in Marzahn angesprochen und das Leergut gefordert. Als sich der Mann weigerte, die Flaschen herauszugeben, bedrohte einer der Männer ihn mit dem Messer. Am Ende bekamen sie die Flaschen: sieben Stück.

Das Revier von Detlef B. ist das Scheunenviertel, im Sommer der Rasen vorm Berliner Dom. Während Touristen über die Oranienburger Straße schlendern, wirft der 62-Jährige gewissenhaft einen Blick in jeden Mülleimer. Er verdient am Wochenende bis zu acht Euro. Und unter der Woche? Manchmal nur einen.

Auch er hat eine Geschichte zu erzählen, und auch sie handelt vom Scheitern: Er habe studiert, sei Ingenieur, zu DDR- Zeiten habe er auf vielen Baustellen gearbeitet. Auch am Fernsehturm, in dessen Schatten er jetzt Mülleimer durchforstet. „Ich habe bei der Planung der Rohre mitgewirkt“, sagt er. Wenn er könnte, sagt er, würde er die Zeit zurückdrehen. „Ich bin im Herzen Kommunist geblieben, wenn auch in der DDR nicht alles perfekt war.“ Unter dem „gegenwärtigen System“ habe er jedenfalls keine Chance, meint er. „Ich bin Hartz-IV-Opfer.“

Detlef B. muss jetzt weiter, muss in Mülleimer schauen und in dunkle Hauseingänge. Kurz bevor er geht, sagt er noch: „Ich hab’ den Flaschenblick, mir entgeht keine Pulle.“
Der Tagesspiegel, 07.01.07
Mitarbeit: Anette Kögel

Der arabische Bürgermeister

Zakareia Wahbi arbeitet als Berater für arabischsprachige Ausländer in Berlin. Sein wichtigster Tipp: „Bildung ist das A und O“

Besucht man Zakareia Wahbi im Büro in der Tiergartener Kurfürstenstraße 38, dann trifft man einen freundlichen Mann, der hinter einem Berg rosafarbener Ordner fast verschwindet und dem Besucher als Erstes schwarzen Tee anbietet. Wahbi arbeitet als Berater für arabischsprachige Ausländer in Berlin, viele seiner „Kunden“ sind Jugendliche, und die haben eines gemeinsam: Sie leben in Berlin, haben meist nur eine Duldung, sind manchmal auch Intensivtäter. Es gibt aber auch solche, die vor allem eines wollen: einen Platz in der deutschen Gesellschaft, anerkannt werden, so der Ausländerberater.

Den schwarzen Tee bringt Wahbis Praktikantin Nevine. In ihrer Biografie spiegeln sich die Probleme wider, mit denen sich der Berater häufig beschäftigt. 1990 kam sie mit ihrer Familie aus dem Libanon nach Deutschland. Die Familie stellte einen Asylantrag, der abgelehnt wurde. Wegen fehlender Papiere konnte sie nicht abgeschoben werden, die Duldung wird seit 16 Jahren alle sechs Monate verlängert. Die Familie sei nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, bestens integriert, und alle Kinder sprächen perfekt Deutsch, sagt Wahbi. Deshalb ist er der Meinung, dass die Familie aus humanitären Gründen eingebürgert werden sollte.

Nevine hat den Realschulabschluss abgelegt, besuchte dann eine berufsvorbereitende Schule und bestand dort die Abschlussprüfung. Das Zeugnis durfte ihr aber nicht ausgestellt werden, da die Berufsschule als Ausbildung gilt, und die ist der 19-Jährigen laut „Duldungsbescheid“ verboten. Vor einiger Zeit ist wieder Post von der Ausländerbehörde gekommen: Wahbi hatte eine Sondergenehmigung für Nevines Praktikum beantragt, die lief jetzt ab. Eine Verlängerung wurde abgelehnt, mit dem Hinweis, dass eine Weiterbeschäftigung einer Ausbildung nahe käme, und die sei nicht erlaubt. Dagegen hat Wahbi Klage eingereicht und wartet auf einen Urteilsspruch.

Fälle wie die von Nevine stecken zahlreich in Wahbis rosafarbenen Ordnern: Wie der des 17-jährigen Hassan Akkouch, der 1990 mit seiner Mutter als Asylbewerber nach Berlin kam. Er hat Breakdance-Wettbewerbe gewonnen und spielte sogar in einer Doku-Soap des ZDF zur Fußball-WM mit. Eigentlich sollte Hassan gar nicht mehr in Berlin sein: Im April 2003 war er mit seiner Mutter und den vier Geschwistern abgeschoben worden, kam aber zwei Monate später wieder zurück.

Die traumatische Erfahrung der Abschiebung habe jedoch nicht verhindert, dass der Jugendliche sich weiter für die Gesellschaft, in der er lebe, engagieren wolle, sagt Wahbi stolz: An der Alfred-Nobel-Oberschule in Britz ist Hassan Schülersprecher; gibt sein Können in Jugendtreffs weiter, um Jugendlichen, die eine ähnliche Biografie haben wie er, etwas Positives zu vermitteln. An eine erneute Abschiebung sei natürlich wegen der unsicheren Lage nicht zu denken, fährt Wahbi fort. Zurzeit wird Hassans Fall auch vor der Härtefallkommission behandelt, Wahbi ist zuversichtlich, dass der talentierte Breakdancer „in seiner Heimat Berlin“ bleiben darf.

In der Vergangenheit arbeitete Zakareia Wahbi auch ehrenamtlich als Bewährungshelfer für arabische Jugendliche. Er hat etliche, teilweise bekannte Intensivtäter betreut, ein Klient sitzt gerade für drei Jahre in Plötzensee: „Jetzt hat es bei ihm Klick gemacht: Er weiß, dass er sein Leben ändern muss.“ Der ehemalige Intensivtäter sei jetzt auf dem besten Weg, mache einen Schulabschluss, sagt Wahbi. Weil Bildung wichtig ist für die Integration ehemals krimineller Jugendlicher, befürwortet Wahbi auch das sogenannte skandinavische System: „Man muss Zwangsberufsschule für jugendliche Straftäter einführen, damit sie nicht nach der Strafe vor dem Nichts stehen.“

Schön reden will Wahbi die Problematik arabischer Intensivtäter aber nicht: „Wenn die Jugendlichen sich nicht anstrengen, nicht mit dem Bewährungshelfer zusammenarbeiten und immer wieder straffällig werden, dann muss man andere Mittel anwenden, harte Strafen verhängen, abschieben: „Im Libanon gibt es ein Sprichwort: Man spuckt nicht in die Suppe des Gastgebers!“

Ein Grund dafür, dass gerade arabische Jugendliche immer wieder auffällig werden, liegt für Wahbi in deren ungeklärtem Status als geduldete, vormals abgelehnte Asylbewerber, der sie zur Untätigkeit verurteile: „Die haben keine Chance, etwas zu tun oder zu lernen, um legal Geld zu verdienen. Die sind jung und wollen leben, deshalb handeln sie dann mit Drogen oder stehlen.“ Der Familienberater legt aber Wert darauf, dass dies keine Rechtfertigung sei, kriminell zu werden, sondern nur eine Erklärung.

Seine eigenen vier Kinder sind nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen: Die beiden ältesten Söhne haben BWL studiert, der Jüngste geht noch zur Schule: „Bildung ist das A und O. Und das fängt bei den Eltern an. Wenn die das nicht schaffen, dann müssen ausländische Jugendliche speziell gefördert werden, da muss die Politik handeln.“

Die Erfahrung, als Asylbewerber in Berlin gestrandet zu sein, kennt Wahbi aus der eigenen Biografie. 1974 besuchte er als 19-Jähriger seinen Bruder, der in West-Berlin studierte. Dann brach im Libanon der Bürgerkrieg aus, und Wahbi entschied sich zu bleiben. Er begann als Aushilfe in einer Backwarenfabrik zu arbeiten und gründete schließlich Anfang der achtziger Jahre eine eigene Bäckerei.

Als er mit einem Partner den Betrieb vergrößern wollte, sprang der ab, der Jungunternehmer geriet unverschuldet in Geldsorgen und fand sich schließlich auf dem Sozialamt wieder: „Dort traf ich viele Landsleute, die waren auch mit den ganzen Paragraphen und Formularen überfordert“, sagt er. Was Wahbi ihnen voraushatte, das waren seine soliden Deutschkenntnisse: Deshalb machte er sich mit den Paragraphen vertraut, dolmetschte und wurde Berater des auf Ausländerrecht spezialisierten Anwalts Thomas Arndt, in dessen Büroräumen er nun seiner Arbeit nachgeht.

Jetzt gilt Wahbi im arabischen Berlin als der „Moktar“, der „Bürgermeister“, weil sich niemand so gut mit Fragen des Ausländerrechtes auskennt wie er und auf Arabisch darüber reden kann. Er helfe seinen Landsleuten gerne, sagt Wahbi. Und hofft, dass er zumindest nicht immer wieder Fälle wie Nevine und Hassan auf den Tisch bekommt: „Deutschland kann viel gewinnen, wenn es diesen Jugendlichen eine Chance gibt.“

Der Tagesspiegel, 01.11.06

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