Nirgends in Deutschland breitet sich der HI-Virus so schnell wie aus in Berlin. Willem Groote lebt seit 16 Jahren mit dem Virus. Für den 36-jährigen zählt jeder Tag Leben
Man sieht es ihm nicht an, er scheint vor Gesundheit zu strotzen. Die Haut ist leicht gebräunt, das Gesicht ist voll, die Haare tiefschwarz. Doch immer wieder verlangsamen sich seine Worte, die Augenlider zittern vor Müdigkeit. Willem Groote (Name geändert), 36 ist ein müder Mensch. Daran spürt er, dass er seit 16 Jahren mit dem HI-Virus lebt. Mehr als 12 Stunden schlafe er täglich, und dennoch fühle er sich nie ausgeschlafen, sagt er.
Als Groote 20 war, infizierte er sich bei seinem damaligen Freund. Heute glaubt er, dass dieser ihn wissentlich angesteckt haben könnte. Groll empfinde er nicht, außerdem sei der ehemalige Freund schon vor 10 Jahren gestorben. „Er hat seine Strafe bekommen“, sagt er dann, blickt aus dem Fenster. „Homosexuelle leben eben gefährlicher als Andere.“
2006 infizierten sich den Angaben der Berliner Aids-Hilfe zufolge etwa 420 Berliner mit dem HI-Virus. Die Zahlen für 2007 liegen noch nicht vor. Ende 2006 lebten rund 10.000 HIV-Infizierte in Berlin – etwa 20 Prozent aller Erkrankten bundesweit. Die größte Risikogruppe sind dem Robert-Koch-Institut zufolge Homosexuelle – dicht gefolgt von Drogenabhängigen. Jeden Tag gibt es in Berlin eine Neuinfektion, schätzt die Aids-Hilfe. Und jede Woche sterben zwei Berliner an Aids.
Dass Willem Groote, der als Mode-Fotograph arbeitet, noch lebt und jetzt in einem Café am Rosenthaler Platz sitzt, verdankt er den Medikamenten, die ihn so müde machen, aber am Leben erhalten. Der HI-Virus sei in seinem Blut nicht mehr nachzuweisen, sagt er. Aber vorhanden sind die Viren noch immer. Irgendwann könnten die Medikamente nicht mehr wirken, die Viren würden sich wieder vermehren, das Immunsystem angreifen. Und dann könnte schon eine Erkältung tödlich sein. Aber selbst wann dieser Fall nicht eintreten wird, könnte Groote an den Langzeitnebenwirkungen seiner Therapie sterben, wie z.B. Krebs.
Seit fünf Jahren lebt er in Berlin. Damals kam er aus Brüssel für einen Kurztrip in die deutsche Hauptstadt und verliebte in Berlin. „Hier fühle ich mich wirklich frei, es interessiert niemanden, ob du schwul bist. Die Deutschen lassen dich so leben wie du willst.“ Damals sei er vor allem wegen des Nachtlebens gekommen, jetzt nehme er aber nur noch selten daran teil. Wenn er früher weggegangen ist, hat er immer auf seine Infektion hingewiesen. „Das schockt, wenn man so direkt ist.“
In der „Szene“ werde das Thema totgeschwiegen, verdrängt. Gerade weil es so präsent sei: „Eigentlich kennt jeder Jemanden, der dran gestorben ist.“ Für die Zunahme an HIV-Erkrankungen, gerade unter Homosexuellen macht Willem Groote ein verändertes Risikoverhalten verantwortlich. Oft sei es aber auch schlichte Dummheit oder Trotz, der dazu führe, dass sich Mancher absichtlich infiziere. „Die denken, wenn sie es erst mal haben, dann, brauchen sie sich keine Sorgen mehr zu machen. Oder sie glauben, dass in ein paar Jahren ein Heilmittel vorliegt.“
Unverantwortlich findet Willem Groote in diesem Zusammenhang so genannte „Bare-backer-Partys“, die gerade in Berlin florierten und bei denen es Pflicht sei, ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben. „Ein Tanz auf dem Vulkan – Aids verändert dein ganzes Leben. Und eines ist sicher: du stirbst früher.“
Freitag, 30. November 2007
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen