
Horst Krüger ist heute wieder in die Kantine des Berliner Ensembles gekommen. Er möchte über seine Stasi-Vergangenheit sprechen. Er ist sportlich gekleidet, die kantige, altmodische Brille erinnert irgendwie an DDR, der Schnauzer hängt zerfranst über die Oberlippe. Sein Umgangston ist höflich und freundlich, der Händedruck lasch. Eine unscheinbare Gestalt, die nicht auffällt. Untersetzt, die Haut vom jahrzehntelangen Kettenrauchen gegerbt. Heute sei er Nichtraucher, sagt er stolz. Er holt sich am Ausschank ein Mineralwasser und sucht etwas unsicher einen Platz, weit vom Eingang entfernt. „Gehen wir in die Ecke?“, fragt er. Dort sitzt am Nebentisch schon ein Schauspieler mit Birkenstockschlappen und löst konzentriert ein Kreuzworträtsel.
Den ehemaligen Stasi-Hauptmann, der jetzt an ihm vorbei eilt, würdigt er keines Blickes. Dabei ist der etwas, was es gar nicht zu geben scheint: Horst Krüger zersetzte im Stasi-Auftrag Seelen und zerstörte die Arbeit dissidenter DDR-Künstler – nach der Wende entschuldigte er sich bei ihnen, versuchte zu erklären, wie man jahrelang das Leben der Anderen ohne Gewissenbisse zerwühlen kann.
Die Geste hebt ihn positiv von den Mitgliedern eines Berliner Komitees von „MfS-Insidern“, die immer wieder öffentlichkeitswirksamen Geschichtsrevisionismus betreiben. So wie jetzt im süddänischen Odense: Dort hatte ein Trupp von 60 einschlägigen bekannten Stasi-Oberen während einer Universitätskonferenz über die „friedenssichernde Arbeit“ des MfS schwadroniert und verkündet, man sei stolz auf das, was man geleistet habe.
„Die haben offensichtlich nichts gelernt und wollen nicht wissen, was sie angerichtet haben“, meint Krüger dazu. Die Unbelehrbaren seien aber die Ausnahme, sagt er. „Die große Masse der ehemaligen Mitarbeiter des MfS möchte mit dem was war, nichts mehr zu tun haben, geschweige denn rechtfertigen. Die haben andere Sorgen wie Arbeitslosigkeit, schlecht bezahlte Jobs oder dem Gefühl, das ganze Leben verschwendet zu haben.“
Fünfzehn Jahre war Krüger selbst beim MfS. Und auch 18 Jahre nach der Wende erfülle ihn das mit Reue und Scham, sagt er. Was er darunter versteht, kann er aber nicht so richtig schlüssig erklären. Er weicht immer wieder weitschweifig Fragen aus, ringt nach Worten und erzählt, dass er schon in den frühen 80er Jahren den Glauben an den Sinn seiner Arbeit verloren habe. Dann fragt er sich, ob er vielleicht einfach nur naiv gewesen sei. Ein Grund mag der familiäre Hintergrund gewesen sein, vermutet er dann. Die Mutter sei überzeugte Kommunistin gewesen, ebenso wie die Großeltern. „Die haben nie daran gezweifelt, dass der Sozialismus geschützt werden muss.“ Endlich eine Erklärung, er lehnt sich in die Polster zurück.
1945 wird Horst Krüger in Moskau geboren. Seine Mutter emigrierte mit den Großeltern 1933 aus Hitlerdeutschland und kämpfte dann im Zweiten Weltkrieg als Partisanin für die Rote Armee. „Sie wollte zeigen, dass auch aus Deutschland aufrechte Menschen kommen.“ Nach Kriegsende geht sie mit ihrem Sohn nach Berlin zurück. Krügers Vater, ein spanischer Kommunist, ist im Krieg verschollen.
In seiner Kindheit und Jugend ist Krüger ins System eingebunden. Er spielt mit dem Sohn des hochrangigen Kulturfunktionärs Willi Bredel, der ein Bekannter seiner Großmutter ist. Nach Abitur, Wehrdienst und Volontariat beginnt er in Leipzig ein Journalistik-Studium. „Ich wollte in die direkte Agitation, für den Sozialismus kämpfen.“
Als Horst Krüger dann 1973 vor dem Abschluss steht, wirbt ihn die Stasi an. In den 70er Jahren blähte sich das MfS zu dem Apparat auf, der im Wendeherbst rund 91000 Hauptamtliche und 600000 IMs beschäftigte. Auf 63 DDR-Bürger kam damals ein Stasioffizier bzw. IM. Die Aktenmenge, die die Stasi produzierte, würde aneinandergereiht etwa 180 Kilometer ergeben.
Die Stasi-Werber standen eines Abends vor Krügers Wohnungstür. Sie setzen sich in die Küche. Dort fragen ihn die Werber nach einigem Vorgeplänkel, ob er sich vorstellen könne beim MfS zu arbeiten. Krüger überlegt kurz und bekennt dann seine prinzipielle Bereitschaft. Eine schnelle Zusage, die er schon bald bereut habe, erzählt er jetzt. Angst habe aber damals auch eine gewisse Rolle gespielt. „Ich dachte, wenn ich ablehne, können die mir Steine in den Weg legen.“ Ein anderer Grund sei auch, dass er eigentlich schon vergeben war: Nach dem Studium sollte er bei einer Berliner Zeitschrift anfangen. Doch die Stasi bemüht sich auf Ministerialebene um Krüger – erfolgreich. „Ich wurde zum MfS abkommandiert“
So beginnt er dann im folgenden Jahr in der Stasi-Bezirksverwaltung Berlin, Abteilung XX/7. Krüger arbeitet zunächst an der „Zersetzung feindlich-negativer Gruppen.“ Dazu zählt das MfS Schriftsteller wie Klaus Schlesinger und die Liedermacherin Bettina Wegner. Wegner organisierte damals den „Kramladen“, eine Mischung aus Lesungen, Diskussionen und Musik – er wird bald verboten.
Bettina Wegner, die sich in diesem Jahr aus gesundheitlichen Gründen mit einer Abschiedstournee von ihrem Publikum verabschiedet, sitzt jetzt in ihrem gemütlichen Frohnauer Wohnzimmer. Durch die Wohnzimmerfenster geht der Blick auf den Garten, hinter dem Gartenzaun rumpelt die S-Bahn nach Oranienburg vorbei. Für Wegner interessierte sich die Stasi schon frühzeitig. Als sie vierzehn ist, erscheint ihr Name erstmals in MfS-Akten. Sie hatte damals in einem Jugendclub Gedichte vorgelesen, die nicht vom „sozialistischen Morgenrot“ handelten, sondern von Tod und Sinnlosigkeit. 1968 wird sie wegen des Verteilens von Flugblättern gegen den Einmarsch der Roten Armee in die CSSR verhaftet und sitzt in Untersuchungshaft.
Obwohl sie nie die DDR prinzipiell in Frage stellt, wohl aber in ihren Chansons „nette Kritik leistet, mit der Absicht die DDR zu verbessern“, wie sie sagt, überwacht die Stasi von nun an jeden ihrer Schritte. Verantwortlich dafür war Horst Krüger. Nach der Wende hatte er dann das Gespräch mit ihr gesucht. Eines Tages stand er vor ihrer Tür. „Er sagte, er traue sich gar nicht, sich zu entschuldigen. Was er getan habe, sei nicht zu entschuldigen“, erinnert sich Wegner. Sie unterhält sich drei Stunden mit dem reuigen Tschekisten, versucht zu verstehen, wie jemand jahrelang bis in den intimsten Dinge eines Menschen eindringen kann, mit dem Ziel der seelischen und existentiellen Zerstörung. Am Ende wird er ihr beim Lesen ihrer Stasi-Aktenberge behilflich sein.
„Das war mir eine große Hilfe. Allein der Stasi-Jargon war schon eine Wissenschaft für sich“ sagt sie. Heute ist sie sich sicher: „Horst Krüger ist ein guter Mensch, der einen Fehler gemacht hat. Ich kann ihm vergeben, weil er sich dafür entschuldigt hat.“ Sie sagt auch, dass ihr das ein großer Trost gewesen sei. „Das zeigt, dass es doch gute Menschen gab - im DDR-Apparat meine ich.“ Als der Film „Das Leben der Anderen“ anlief, sagen dann auch Freunde zu ihr. „Der gute Stasi-Mensch, das ist dein Herr Krüger.“
1975 wäre von der guten Stasi aber noch nicht die Rede gewesen. Da plant Klaus Schlesinger eine Kurzgeschichten-Anthologie, und Krüger wird alles daran setzen, diese zu verhindern. Von dem Projekt erfährt die Stasi dank der Spitzel frühzeitig. MfS-Chef Mielke erläutert Honecker persönlich, dass es sich dabei „um eine offen feindliche, den Sozialismus diffamierende Darstellung“ handelt. Die Stasi leitet „geeignete Maßnahmen“ ein, um die Autoren „unter Kontrolle“ zu halten. Die Zersetzung der Berliner Gruppe um Schlesinger erfolgt durch den so genannten „Operativen Vorgang Schreiberling.“ Auf einige der beteiligten Autoren hatte Krüger damals bis zu 20 IMs angesetzt, die schnüffeln und eifrig Meldung erstatten.
Wie Horst Krüger damals vorging, geht aus einem Memorandum hervor, das er damals verfasste: Er regt an, unter den Dissidenten den Verdacht zu streuen, dass Schlesinger für das MfS arbeitet. Schlesinger soll so in die Isolation gedrängt werden. Der Schriftsteller erhält Privilegien, darf zur Frankfurter Buchmesse reisen, seine Bücher werden in hohen Auflagen nachgedruckt.
Dass die Stasi mit ihrer Strategie durchaus erfolgreich war, geht aus einem anderen IM-Bericht hervor. Schlesingers Freunde würden sich fragen, wer die guten Geister sein könnten, und empfehlen Zurückhaltung gegenüber Schlesinger, teilt der IM schadenfroh mit. „Klaus Schlesinger war damals richtig verzweifelt“, erinnert sich Bettina Wegner. „Das Gerücht hat ihn bis nach der Wende verfolgt.“ 2001 ist Schlesinger an Leukämie verstorben.
Die Liedermacherin ist 1983 in den Westen gegangen. Jahrelang hatte sie auch ein unbestimmtes schlechtes Gewissen, ihre Heimat verlassen zu haben. Bis sie schließlich ihre Stasi-Akten kennen lernte. Und erfuhr, wie die Stasi sie überwacht hatte und in ihr Leben eingegriffen hatte. „Menschenverachtend.“
1976 gerät dann ein anderer Künstler ins Visier der Stasi: Heiner Müller. Mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann und den darauf folgenden Protesten von Kulturschaffenden, sollten alle Unterzeichner operativ bearbeitet werden, Müller fällt in den Verantwortungsbereich von Krüger. Doch der Stasi-Hauptmann schätzt Müller als Theater-Schriftsteller und weiß. „Müller war kein Staatsfeind.“ Deshalb verschleppt er die Bearbeitung. Was eine Gratwanderung war, behauptet er. Wäre er entdeckt worden, hätte das ernste Konsequenzen für ihn haben können. Doch die Vorgesetzten fragen nie nach Müller. „Gab ja damals genug operative Vorgänge.“
Heiner Müller war der einzige IM den Krüger je anwarb. Dass Plansoll für MfS-Offiziere sah pro Jahr 5 bis 7 IMs vor. Vielleicht wird Krüger deshalb Anfang der 80er Jahre in die Abteilung für Bildende Künstler versetzt und degradiert. Er untersucht jetzt nur noch Tendenzen in IM-Berichten. Er tritt morgens seinen Dienst an und ist gehalten, abends alle Papiere in einen Panzerschrank einzuschließen. In den Berichte habe er beim besten Willen keine „staatsfeindliche Hetze“ erkennen können erzählt Krüger. Alles sei ihm sinnlos vorgekommen, kreuzunglücklich sei er damals gewesen.
Fragt man Krüger nach dem Leben, das er außerhalb des Dienstes führte, sagt er, er habe vor allem Bücher gelesen. „Die waren damals phänomenal billig.“ Mehr weiß er nicht zu berichten. Jedes Jahr fährt er in den Urlaub, bereist die Länder des Ostblockes und im Großen und Ganzen fühlt er sich auch in der DDR heimisch, „weg wollte ich nie. Ich habe mich da zuhause gefühlt.“ Dennoch entgeht ihm nicht, dass einiges im Argen liegt, Gorbatschows Glasnost und Perestroika wecken Hoffnung auf Veränderungen. Im August 1989 sei ihm dann aber klar geworden, dass die DDR am Ende war.
Am 15. Dezember 1989, Horst Krüger ist jetzt 44 Jahre alt, da beginnt sein neues Leben. Als er zum Dienst will, schickt ihn sein Vorgesetzter nach Hause. „Sucht euch eine neue Arbeit hat der gesagt“, erinnert sich Krüger. Während auf den Montags-Demonstrationen „Stasi in die Produktion“ gerufen wird, macht sich Horst Krüger tatsächlich auf die Suche nach einer ehrlichen Arbeit. „Ich hab mir geschworen: Du machst nie wieder etwas, was du nicht vertreten kannst.“
Er findet schließlich eine Pförtnerstelle in einem Arbeiterwohnheim, das später zu einem Flüchtlingsheim für bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge wird. Zu dieser Zeit stellt er sich in der Lichtenberger Erlöser-Kirche einem Täter-Opfer-Gespräch. Auch in einem Dokumentarfilm wird man ihn später sehen. Da spricht er mit der Berliner Schriftstellerin und DDR-Dissidentin Helga Schubert. Zu MfS-Zeiten überwachte er sie, protokollierte auf Karteikarten fleißig ihre kritischen Äußerungen zur DDR-Realität.
Helga Schubert kann sich noch gut an einen kleinen Mann mit „Eichhörnchenaugen“ erinnern der, als er zum Dreh kam, in das Café in der Rosenthalerstraße auf sie zu stürzte und rief: „Frau Schubert, ich empfinde Reue und Scham.“ Die Geste habe sie mit einer Mischung aus peinlicher Berührtheit aufgenommen, erinnert sich Schubert im Telefongespräch. Sie empfinde aber auch Mitleid mit der gebrochenen Lebensbilanz. Und etwas Respekt vor Krügers eigenständigen Verhalten: „Und auch davor, dass er offensichtlich aufrichtig ist.“
Wirklich verzeihen kann sie aber dem ehemaligen Stasi-Hauptmann nicht: „Mit dem Wort habe ich ein Problem, weil es mir nicht zukommt zu verzeihen. Vielleicht wäre Vergessen besser: Ich kann es ihm nicht vergessen, habe aber keine Rachegedanken.“ Helga Schubert fragt sich auch, ob Krüger sich auch bei ihr entschuldigt hätte, wenn die DDR nicht zusammen gebrochen wäre. Sie bezweifelt das. „Im Grunde war er immer auf der richtigen Seite. Zu DDR-Zeiten bei der Stasi, danach nicht mehr. Was hätte er gemacht, wenn die DDR weiter existiert hätte?“
Das weiß Krüger nicht. Er halte auch nichts von Wenn-Sätzen, sagt er freundlich, aber bestimmt. Nach vier Stunden Gespräch muss er auch bald los. Nein, er wolle nicht ausweichen. Er müsse zum Friedhof Friedrichfelde, wo er mit der Friedhofsverwaltung verabredet sei, sagte. Er hat nichts dagegen, wenn man ihn begleitet. Während der S-Bahn-Fahrt spricht er über den „Das Leben der Anderen.“ Er hat ihn zweimal gesehen, einmal mit seiner Frau und einmal mit der 15-jährigen Enkelin. Natürlich entspreche vieles nicht den Realitäten, sagt er mit Kennermiene. „Dass da einer mit Kopfhörern auf dem Dachboden saß, war eigentlich undenkbar. Aber es ist ja kein Dokumentarfilm“, stellt er fest. Die Gewissenskonflikte des Helden, seine Bedenken könne er nachvollziehen.
Auf dem Friedhof Friedrichsfelde feierten die DDR-Genossen einst regelmäßig das Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. „Die Toten mahnen uns“ steht auf einem rötlichen Granitfindling im Zentrum der Gedenkstätte. Eine Granitplatte, die erst seit kurzem in der Nähe liegt, ist „Den Opfern des Stalinismus“ gewidmet. Unweit der Granitplatte liegt ein kleiner Strauß Tannengrün. Der Wind wird ihn kaum dorthin geweht haben. Horst Krüger legt ihn wieder auf die Platte. „In den Opfern des Stalinismus sind ja wohl auch die Opfer der Stasi drin“, meint er.
1 Kommentare:
Ich glaube fast nicht, dass diese Menschen aus irgendwelchen Überzeugungen heraus handelten um IM's oder Offiziere zu werden. Das, was wir dort sehen ist nackte Evolution. So grausam das auch klingen mag - es geht hier um Anpassung. Ich kenne viele Menschen, die zu DDR-Zeiten überzeugte Sozialisten gewesen sind und heute selbständig mittelständische Firmen im marktwirtschaftlichen Umfeld führen, oder auf Abteilungsleitungsebene agieren. Ein wesentlicher Wesenszug dieser Menschen besteht in Ihrer Anpassungsfähigkeit. Die Frage, die sich daran stellt ist, ob diese Gegend (Deutschland) dafür prädestiniert ist sehr anpassungsfähige Menschen hervorzubringen, oder ob dieses Phänomen weltweit so stark ausgeprägt ist. Liegen in dieser Adaptionsfähigkeit unsere wirtschaftlichen Stärken und unsere ethischen Schwächen?
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