Samstag, 6. Oktober 2007

Von der Straße in die Manege

Wie ein Zirkus Neuköllner Grundschülern hilft, Vertrauen aufzubauen und was das mit einem friedlichen Miteinander zu tun hat

Circus Mondeo
Fotos: Christian Reister


(Berliner Morgenpost/Welt am Sonntag, 07.10.07)

Kalif und Baku, die beiden Zirkus-Kamele, sitzen am Rand der Manege und blicken gelangweilt ins Publikum. Dass Fakir Hadi jetzt mit nackten Füßen und konzentriertem Blick auf einem Haufen scharfer Glasscherben steht, interessiert sie nicht. Hadi hebt einen Fuß, setzt ihn wieder ab, hebt ihn wieder, setzt den anderen ab und zeigt theatralisch, dass ihm die Scherben nichts anhaben können. Stolz lächelt der neunjährige Junge zu seinem Vater herüber.

Mohammed El Ahmet klatscht in die Hände. Rund zwei Stunden lang hat der Libanese interessiert, aber auch etwas ratlos in die Manege geblickt, in der die Klassenkameraden seines Sohnes Hula-Hoop-Reifen kreisen ließen, mit Tellern, Ringen und Bällen jonglierten, Clownerien zeigten, am Trapez-Kunstfiguren turnten oder rasselnd bauchtanzten. Jetzt sieht El Ahmet endlich seinen Sohn und er sagt, dass er "sehr, sehr stolz" sei.

Auch Gerhard Richter ist stolz, als der Applaus für die Fakire Hadi, Altanar, Emre und Sven losbricht. Zuvor waren die Schüler mit zwei Kamelen und drei Lamas, auf denen orientalisch geschmückte Klassenkameradinnen saßen, in die Arena gekommen, hatten sich mit nacktem Oberkörper auf den Haufen Glasscherben gelegt oder waren mit den Füßen drüber gelaufen - ohne dass ein Tropfen Blut geflossen wäre. "Das haben die toll gemacht", sagt Richter jetzt, "wie Profis."

Der 48-jährige ist Direktor des Zirkus Mondeo. Er trägt einen blauen Frack mit Goldlitzen, die blonden Haare sind verschwitzt, die Lackschuhe sind vom Manegensand verstaubt, doch sein Lächeln bleibt stets makellos. Gerhard Richter stammt aus einer Berliner Artistenfamilie. Sein Zirkus ist Familie: die fünf Kinder turnen selbst in der Kuppel, die Schwester hilft beim Trainieren, die Tante sitzt an der Kasse, seine Frau kümmert sich um den Haushalt.


Circus Mondeo


In Richters Zirkus machen nicht ausgebildete Artisten das Programm, sondern Neuköllner Grundschüler. Woche für Woche empfängt er in Britz-Süd Schulklassen, um sie nach einem kurzen Training - eine Woche lang pro Tag zwei Stunden - für Manegen-Auftritte fit zu machen. Das Neuköllner Quartiersmanagement erwartet sich viel von Richters Zirkus-Zauber. Er soll verhindern, dass die Situation an den Schulen im Neuköllner Norden noch schlechter wird, als sie ohnehin schon ist. Seit dem Start des "Mitmachzirkus Neukölln" im Sommer 2006 traten schon 4000 Grundschulkinder auf. Bis 2008 wird das Programm laufen, bis dann sollen alle Grundschüler Zirkusluft geschnuppert haben. Das Quartiersmanagement verspricht sich davon Stärkung von Selbstvertrauen, Wecken von Kreativität und Entdecken der eigenen Fähigkeiten. Und es geht um Toleranz.



Circus Mondeo

Zur Aufführung sind an diesem Samstagnachmittag etwa 160 Eltern, Geschwister und Freunde der Grundschüler (60 Prozent haben Migrationshintergrund) gekommen. Den Anfang macht Dana, Richters heutige Assistentin, die tapfer gegen das Lampenfieber ankämpft. Dann stürmt, begleitet von viel Kunstnebel, Hengst Goa in die Manege. Er dreht im grellen Spotlicht einige Runden, dann zeigt die elfjährige Angelina, was sie ihm beigebracht hat. Sie gibt Goa, dem sie gerade Mal bis zum Oberschenkel reicht, den Befehl, mit den Vorderhufen auf ein Podest zu steigen und bei durchgedrückten Beinen den Kopf unterhalb die Podestkante zu senken - der macht es prompt. Zum Schluss nickt Goa, als sich Angelina mit einem Lächeln zum Applaus verbeugt, mehrmals mit dem Kopf - und frisst dann sein Belohnungs-Leckerei.

Gerhard Richter steht währenddessen am Manegenrand. "Super hast du das gemacht, Angelina", ruft er. Man müsse immer wieder Feedback geben, deutlich machen, dass alles bestens laufe. "Für Angelina ist es das erste Mal überhaupt, dass sie im Rampenlicht steht. Ein Pferd wie Goa zu handhaben, stärkt enorm das Selbstvertrauen." Überhaupt kann Gerhard Richter die Schüler der Karl-Weise-Grundschule gar nicht genug loben. Sie hätten Außergewöhnliches geleistet.

Doch Richter ist kein Schönredner, er erzählt auch von den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat. Mangelnde Körperbeherrschung, Disziplinlosigkeit oder Hunger. Manchmal kommen Kinder mit knurrendem Magen zum Zirkustraining. Gegen den Hunger schmiert seine Frau einen Berg Brötchen, gegen mangelnde Köperbeherrschung hilft nur viel Aufmerksamkeit und Eingehen auf die Schwächen und Stärken der Kinder. Gerhard Richter weiß aber auch, dass er in zehn Stunden Probenzeit keine Artisten-Wunder vollbringen kann - aber das sei auch nicht beabsichtigt, sagt er. Während der Aufführung leistet er mit seinen drei Trainern Hilfestellung und bügelt kleine Patzer aus. Richters Trainer gehören ebenfalls zur Zirkus-Familie. Es sind seine zwei Söhne und die älteste Tochter. Julia Richter steht in der Manege, von der Zirkuskuppel hängt das Trapez. Die 24-Jährige hilft einem Mädchen auf den Holm. Es spreizt die Finger, während sich an ihren Beinen ein anderes Mädchen festhält. Langsam, begleitet von Céline Dions "Titanic"-Song, fährt das Trapez fünf Meter in die Höhe. Konzentration, Körperbeherrschung und Vertrauen, all das sei am Trapez wichtig, sagt Julia Richter. "Der unten hängt, muss sich drauf verlassen können, dass er vom Anderen mit festgehalten wird - bisher hat das immer geklappt."

Annette Große, Deutschlehrerin an der Karl-Weise-Grundschule, sieht in dem Zirkus-Projekt einen nachhaltigen Effekt: "Die Kinder reden noch monatelang über das Erlebte." Außerdem versuche die Lehrerschaft mit Fotowänden in den Schulfluren bei den Kindern die Erinnerung wach zu halten. Das Wichtigste sei, dass die Kinder aus dem Schulalltag herauskämen, "dass sie sich selbst in einem anderen Licht sehen und einmal Aufmerksamkeit erhalten." Annette Große sagt, dass sie erstaunt sei, schon nach einer Woche derartige Fertigkeiten zu sehen, eine andere Lehrerin fügt hinzu: "Ich glaube, wir trauen den Kinder manchmal auch zu wenig zu."


Circus Mondeo

Seinem Sohn würde Mohammed El Ahmet alles zu trauen. Er steht nach der Fakir-Schlussnummer draußen. Sein Kopf verschwindet fast hinter einem Berg Zuckerwatte, die sein Vater gekauft hat.

Immer wieder will Mohammed El Ahmet von ihm wissen, wieso er denn unverwundbar gegen das scharfe Glas gewesen sei. Doch Hadi grinst nur, sagt dass er eben ein Fakir sei. "Geheimnis", ruft er. Ehe er geht, gibt er aber dann doch "der Zeitung" das Geheimnis preis. "Aber nicht weitersagen" verlangt er. Versprochen.

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