Samstag, 29. September 2007

Jureks Witwe

Er schrieb "Jakob der Lügner" und erfand "Liebling Kreuzberg". Er war einer der größten Schriftsteller, die Berlin hatte. Heute wäre Jurek Becker 70 Jahre alt geworden. Eine Begegnung mit seiner Witwe Christine

(Berliner Mogenpost, 30.09.07)

Christine Becker
Fotos: Christian Reister


Jurek Beckers Schreibtisch steht noch immer an seinem alten Platz. Unverrückt und mit Blick über die Dächer von Steglitz, im Dachgeschoss einer gelben Stadtvilla. Einst schrieb der Autor hier seine Romane und Drehbücher, nun sitzt an der Stelle seine Witwe Christine Becker und verwaltet den Nachlass, umgeben von Fotokopiestapeln, Briefen und druckfrischen Büchern. Es sind die Neuerscheinungen zu Jurek Beckers 70. Geburtstag. Den hätte er heute feiern können, wenn er nicht vor zehn Jahren an Krebs gestorben wäre.

Über die neuen Bücher - eine Extraausgabe seines großen Romans "Jakob der Lügner" und ein Band mit Aufsätzen und Interviews - hätte sich Jurek Becker sicher gefreut. Auch wenn er den eigenen Geburtstag ja eigentlich nie gefeiert hat: "Der wollte nie Wirbel darum", sagt Christine Becker, 47. Geschenke hat sie ihm aber trotzdem stets gekauft, und sie lächelt, wenn sie davon erzählt. "Einmal war's eine braune Lederreisetasche, dann eine wissenschaftliche Gesamtausgabe von Heinrich Kleist - er hat sie wahrscheinlich nie gelesen."

Christine Becker war 12 Jahre mit dem Autor verheiratet. Sie ist ein herzlicher, aufmerksamer und höflicher Gesprächspartner, spricht ohne Pause, aber nicht zu schnell, so dass man ihr gerade noch folgen kann. Sie hat in diesem Jahr schon oft über Jurek Becker gesprochen, öfter als sonst. Denn 2007 ist inoffizielles "Jurek-Becker-Jahr": Zum einen jährt sich der zehnte Todestag, zum anderen der 70. Geburtstag. Zu beiden Gedenktagen fährt sie ans Grab in Sieseby im Norden von Schleswig-Holstein. Dort wird sie auch heute sein, um Blumen auf sein Grab zu legen. Auch das Jahr über bringt sie immer wieder Blumen und freut sich, dass dort oft schon Sträuße liegen, die Besucher mitgebracht haben. "Die Menschen haben Jurek also nicht vergessen."

Als sie 1983 zu einer seiner Lesungen ging, kannte sie noch keine Zeile von ihm. Dabei war Becker schon damals ein bekannter Autor. 1937 als Kind jüdischer Eltern in Polen geboren, überlebte er als kleiner Junge das KZ und wuchs in der DDR auf. Bis 1977 hat er dort gelebt, in seinen Romanen über jüdisches Leben nach dem Holocaust ("Bronsteins Kinder") und über das Leben in der DDR ("Irreführung der Behörden") geschrieben. Christine Becker, damals noch Christine Niemeyer, war damals 22 Jahre alt, Tochter eines Verlegers aus Tübingen und lernte in Frankfurt Verlagsbuchhandel. Eigentlich haben sie Lesungen noch nie sonderlich interessiert, doch ein Dozent empfahl ihr, sie solle doch einmal bei Jurek Becker vorbeischauen. Also ging sie hin, nahm sich aber vor, sofort zu gehen, wenn ihr der "Typ" nicht gefallen sollte. Da saß sie dann in der hintersten Reihe, im beigefarbenen Trenchcoat, die rote Handtasche griffbereit, bereit zum Sprung zur Tür hinaus.

Jurek Becker, damals 45, kam mit eiligem Schwung auf die Bühne, zog gleich das Jackett aus und krempelte sich die Ärmel hoch. "Das war ziemlich ungewöhnlich für einen Schriftsteller." Aber Jurek Becker hatte eben keine Allüren und suchte die Nähe seiner Zuhörer. Die Art, wie er aus einem seiner Romane vorlas, gefiel ihr dann aber nicht so sehr: "Monoton und stinklangweilig." Aber sie blieb. Vor allem, als ihr bewusst wurde, dass Becker mit Absicht derart monoton vorlas. "Er wollte lieber mit seinem Publikum diskutieren und deshalb die Lesung von der Diskussion klar trennen." Nach der Lesung stürzte Jurek Becker dann auf die junge Dame mit der roten Tasche zu und fragte, wie es ihr gefallen hätte. Sie sei ihm gleich in ihrer Ecke aufgefallen, bekannte er ihr später. Für ihn war es Sympathie auf den ersten Blick - bei ihr auch. Seit dem Abend sind sie zusammen, sie zieht zu ihm nach Westberlin, drei Jahre später heiraten sie.

Während Jurek Becker unter dem Dach über seinen Manuskripten sitzt, macht Christine Becker ihren Studienabschluss und versucht später ebenfalls Geld zu verdienen. Sie will nicht von ihrem Mann abhängig sein. Also schreibt sie Drehbücher, weil sie findet, dass das Vorabendprogramm zu niveaulos ist. Leider werden "die Dinger" zwar verkauft, aber nicht produziert. Währenddessen schreibt Jurek Becker weiter unterm Dach als Drehbuchautor mit der ARD-Serie "Liebling Kreuzberg" Fernsehgeschichte. Er unterstützt sie zwar, indem er sie ermuntert und ihr sagt, dass sie das "Zeug zum Drehbuchschreiben" hätte, doch klaut er gerne auch Ideen und rechtfertigt sich mit einem dezenten Macho-Hinweis: "Wer verdient denn bei uns das meiste Geld?"

Das sei aber sein einziger Ausfall gewesen, erinnert sie sich: "Er verdiente zwar das Geld, ging aber auch einkaufen und kochte für uns." Als sie dann das Drehbuchschreiben bleiben ließ und eine Universitätskarriere anstrebte, kündigt sich das erste Kind an. (Jurek Becker hatte aus erster Ehe bereits zwei Söhne: Nikolaus und Leonhard). Jonathan (oder "Johnny") ist heute 17, hat bisher noch kein Buch seines Vaters gelesen - was aber kein Desinteresse sei: "Er denkt, dass, wenn er jetzt schon alles vom Vater liest, in der Zukunft nichts mehr über ihn zu entdecken gäbe."

Für Christine Becker sieht die Zukunft wohl so aus, dass sie sich weiter um Jurek Beckers Werk und Nachlass kümmern wird. Wenn das Bonmot des französischen Dramatikers Sacha Guitry stimmen sollte, dass ein Schriftsteller zwar viele Frauen heiraten könne, bei der Wahl seiner Witwe aber vorsichtig sein sollte, dann hat Jurek Becker es genau richtig gemacht: Christine Becker ist Literaturwissenschaftlerin und bereitet seinen literarischen Nachlass kompetent auf. So hat sie in den vergangenen Jahren in aufwendiger Kleinarbeit Jurek Beckers Briefe ausfindig gemacht und herausgeben und den jetzt erschienenen Band mit den Aufsätzen zusammengestellt ("Mein Vater, die Deutschen und ich"), unzählige Lesungen absolviert und immer wieder Briefe beantwortet. Im Oktober wird sie sogar in die USA fliegen, um dort an amerikanischen Universitäten Vorträge über Jurek Becker zu halten.

Auch ohne die Nachlassarbeit würde kein Tag vergehen, an dem sie nicht irgendwie an ihn denkt, meint sie. Und dass man das nicht mit Rückwärtsgewandtheit verwechseln solle, sie lebe seit acht Jahren in einer glücklichen Beziehung. Jurek Becker sei ganz natürlich präsent in ihrem Leben, "einfach dadurch, dass ich mit vielen meiner Freunde über ihn rede, weil die ihn auch kannten. Jeder sucht die Gelegenheit, um über ihn zu reden. Und wenn möglich, über seinen legendären Humor zu lachen." Denn Jurek hätte keine weihevolle Tragik gewollt, wenn man nach seinem Tod über ihn gesprochen hätte, erzählt sie.

Tragisch war aber der Januar 1996, als bei Jurek Becker ein fortgeschrittener Krebs diagnostiziert wurde. Damals sei, auch wenn der Ausdruck abgedroschen klinge, eine Welt zusammengebrochen. Bei einem Krebs, wie Jurek Becker ihn hatte, betrug die Lebenserwartung statistisch ein Jahr. Das hätte Jurek aber nicht interessiert, erzählt Christine. "Jurek hat gesagt, dass er nicht an Statistiken glaubt. Er hat immerhin etwas überlebt, was statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich war: das KZ." Also arbeitet er weiter an seinem nächsten Romanprojekt, versucht die qualvollen Nebenerscheinungen der Chemotherapien zu ignorieren.

Anfang März 1997 fahren die Beckers dann nach Sieseby, wo sie damals ein kleines Landhaus besaßen. Und dort stirbt Jurek Becker, ganz friedlich und im Schlaf. Auf dem dortigen evangelischen Friedhof liegt er begraben. Kurz vor seinem Tod hatte Christine Becker den jüdischen Friedhof in Weißensee als Grabstätte ins Gespräch gebracht.

"Aber das wollte er nicht, Jurek war ja sein ganzes Leben lang in keine Synagoge gegangen und außerdem erklärter Atheist", erzählt sie. Welche Rolle spielte dann überhaupt das Judentum für Jurek Becker? "Es war ihm selbst ein Rätsel", sagt sie. Er habe sich immer dagegen gewehrt, als Jude bezeichnet zu werden nur weil seine Eltern Juden waren. "Das wollte er selbst bestimmen. Auch wenn er zugegeben hat, dass die jüdische Kultur ihn tief beeinflusst hat." Gab es dennoch etwas typisch Jüdisches an Jurek Becker? Vielleicht, sagt Christine Becker, seine Art, mit Menschen umzugehen, der schwarze Humor, das Frotzeln mit Freunden und die Selbstironie. All das fehlt ihr noch heute.

Keine Kommentare:

Home

Home