Donnerstag, 20. September 2007

"Jesus hat mich berührt"

Zu Besuch bei einer Kirchengemeinde mit türkischen Mitgliedern. Sie alle waren früher Muslime.

(Rheinischer Merkur, 19.09.07)

In der Timotheus Gemeinde
Fotos: Christian Reister


An der Fensterscheibe ziehen sich kalkige Schlieren entlang, verlaufen über dem Schild, das unübersehbar hinter der Scheibe angebracht ist: „Türkische Christen Berlin“. Die Scheibe gehört zu einer Ladenwohnung in einer zugigen Durch-fahrtstraße im Berliner Migrantenbezirk Wedding. Gerhard Denecke*, 45, taucht einen gelben Schwamm in einen Eimer, wringt ihn aus und putzt damit die Scheibe. „Das mache ich leider immer mal wieder“, sagt er dann mit einem leicht ratlosen, aber freundlichen Lächeln. Die Schlieren seien Spucke, erklärt er. Immer wieder spuckten Passanten gegen die Scheibe. Denecke vermutet, dass es türkische Muslime aus dem Viertel sind. „Für die stellen wir eine Provokation dar“, erzählt er, während er einen Schritt zurückgeht und schaut, ob die Scheibe wieder glänzt. „Für die passt das nicht zusammen: Türke sein und Christentum.“

Gerhard Denecke, schwarzes Jackett, Vollbart, sächsischer Akzent, ist ehrenamtlicher Prediger einer kleinen Gemeinde türkischer Christen in Berlin. Seit dem Sommer 2006 treffen sie sich regelmäßig in der Weddinger Ladenwohnung. 40 Mitglieder, und alle waren früher Muslime. „In Deutschland kamen sie mit dem Christentum in Kontakt, ließen sich taufen und beten nun das Vaterunser auf Türkisch“, erzählt der Prediger. In seiner Gemeinde gibt es sowohl den klassischen Gastarbeiter als auch Türken der zweiten und dritten Generation. Bei vielen führte die Unzufriedenheit mit dem Islam zur Annäherung an das Christentum, vermutet Denecke. „Die finden im Koran einfach nicht, was sie spirituell suchen.“

Experten schätzen, dass es in Deutschland etwa 5000 Menschen gibt, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. In Berlin sind es wohl ein paar hundert. Genauere Zahlen gibt es nicht. Neben Deneckes Kreis türkischer Christen trifft sich in Berlin eine Gemeinde arabischer Christen, die einst muslimisch waren, sowie eine Gemeinde iranischer Christen, die von einem Prediger geleitet werden, der als Konvertit im Iran nur knapp dem Tod entronnen ist. Sie alle wollen nicht, dass über sie im Detail berichtet wird. „Zu gefährlich“, heißt es bei den arabischen Christen. Die Iraner geben an, dass sie den Geheimdienst ihres Landes fürchten. „Es muss leider alles im Verborgenen bleiben“, sagt der Pastor am Telefon.

Im Koran heißt es in Sure 4,89 über diejenigen, die abfallen: „Tötet und ergreift sie, wo immer ihr sie findet.“ Die Sure müsse man im geschichtlichen Kontext bewerten, meint die Islamwissenschaftlerin Johanna Pink von der Freien Universität Berlin. „Die Sure bezieht sich auf kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu Lebzeiten des Propheten.“ Bestraft werden solle nur derjenige, der gewaltsam gegen den Islam kämpfe, sagt die Expertin. In der klassischen Rechtslehre sei die Todesstrafe aber unter Berufung auf die Praxis des Propheten eindeutig die anerkannte Bestrafung, fügt sie hinzu. Bis in die heutige Zeit. „Da es im Islam aber keine oberste Instanz in Glaubensfragen gibt, ist der Islam offen für gemäßigte oder extremistische Interpretationen.“ In Ägypten hat der Fall des Konvertiten Mahmoud Hegazy die Autoritäten entzweit. Der Großmufti äußerte Verständnis, andere Gelehrte und der Religionsminister Mahmoud Hamdi Zakzouk forderten seinen Kopf.

Timotheus Gemeinde in Berlin

Gerhard Deneckes türkische Gemeindemitglieder, die nach und nach in die Ladenwohnung kommen und einander mit Wangenküssen begrüßen, haben genau vor dieser Interpretation Angst. Sie wollen deshalb auch weder fotografiert noch mit ihrem vollen Namen zitiert werden. Zwar ist bisher in Deutschland noch kein Fall bekannt geworden, in dem ein Konvertit tatsächlich umgebracht worden wäre, aber die Morde an den zwei türkischen Konvertiten sowie an ihrem deutschen Prediger in der Osttürkei im April haben gezeigt, was passieren kann, wenn sich Extremisten berufen fühlen, den „Willen Allahs“ zu vollstrecken.

Gerhard Denecke kannte eines der damals ermordeten Opfer, den 35-jährigen Necati Aydin. 1998 hatte er Aydin in der Türkei kennengelernt. „Wir hatten ein persönliches Verhältnis“, erinnert er sich. „Dem Mann war bewusst, worauf er sich einlässt, als er sich zu Jesus bekehrte und davon in der Türkei sprechen wollte“, erzählt er. Dass seine Gemeinde durch das dezente, aber doch sichtbare Ladenschild im muslimisch geprägten Viertel präsent ist, stellt für ihn keinen Widerspruch dar: „Wer uns finden will, der kann uns finden. Denn das wollen wir ja: Zeugnis von Jesus ablegen.“ Und er fügt an:„Wir vertrauen eben auf Gott.“

Die dunkle, leicht muffig riechende Ladenwohnung – im hinteren Lagerraum hinterließ ein Wasserschaden Wandmuster – hat sich gefüllt. Etwa zehn Gemeindemitglieder, Frauen und Männer, haben sich um einen großen Holztisch versammelt. An der Wand hängt ein großes Holzkreuz. Kerzen verbreiten warmes Licht. Türkischsprachige Gebetsbücher liegen aufgeschlagen. Denecke stimmt seine Gitarre. Die türkischen Christen greifen nach dem Gebäck und nehmen sich Schwarztee aus dem dampfenden Samowar auf dem Fensterbrett. Später werden sie Lieder singen, über Bibelstellen diskutieren und im gemeinsamen Gebet um Beistand in ihrem Alltag bitten. Für diese Christen ist der Glaube mehr als eine formale Kirchenzugehörigkeit: Sie wollen vielmehr lernen, wie sie ihren Glauben leben können, wollen sich zum Positiven verändern.

Währenddessen sitzt Aslan Özdemir auf einem abgeschabten Polsterstuhl im Hinterzimmer, ein dampfendes Teeglas in der Hand. Der stämmige, ruhige 23-jährige Deutschtürke ist Student, in Berlin-Kreuzberg geboren, sein Vater kam Ende der Sechzigerjahre als Gastarbeiter nach Berlin. An Religion habe er schon immer Interesse gehabt, sagt er. Früher habe er versucht, ein guter Muslim zu sein, so wie es ihm sein Vater vorgemacht habe. „Aber irgendetwas hat immer gefehlt“, meint er. Der Koran sei ihm stellenweise widersprüchlich vorgekommen. Allah habe ihn abgestoßen: „Er ist ein großer Herrscher, der irgendwo in der Ferne im Himmel thront. Er braucht dich eigentlich gar nicht. Und wenn er sich mit dir beschäftigt, dann nur, um dich zu bestrafen.“

Özdemir beschäftigte sich mit verschiedenen Religionen, las buddhistische Bücher, blieb beim Christentum hängen: „Die Bibel kam mir sehr stark vor, in sich schlüssig. Die Beziehung zu Gott ist sehr persönlich – und Gott liebt dich um deiner selbst willen, ebenso wie man ja seinen Nächsten lieben soll, ohne dass man etwas von ihm als Gegenleistung erwartet.“ Der Islam ist ihm eher egoistisch vorgekommen: „Auch wenn viele Muslime vordergründig gute Menschen sind, geht es immer nur darum, A zu tun, um B zu erhalten.“

Mittlerweile ist er Mitglied der evangelischen Kirche. Sein Pfarrer hat ihn im Wannsee getauft. „Das war ein bisschen wie zu Jesu Zeiten“, schwärmt er. Dass auch seine bis heute muslimische Schwester dabei war, ist für ihn ein kleines Wunder. „Für uns Türken ist die Familie das Wichtigste.“ Es war ein Schock für seine Familie, als er mitteilte, dass er Christ geworden sei. Allerdings brach niemand den Kontakt ab. Auch drohte ihm niemand, wie es häufig vorkommt, wenn Muslime den Glauben wechseln. So wie bei Sengül Kücük. Die 55-jährige Rentnerin – einst Gastarbeiterin der ersten Generation – sagt, dass sie gegen alle Widerstände Christin geworden sei. Sie sitzt neben Özdemir, hat ihm zugehört und hin und wieder mit dem Kopf genickt. Sie ist in einem kleinen Dorf in der Westtürkei aufgewachsen. „Ich habe Schlechtes erlebt“, erzählt sie. Der Stiefvater missbrauchte sie, mit 18 Jahren wurde sie zwangsverheiratet. Den muslimischen Glauben habe sie immer ernst genommen. „Ich habe alle Gebote eingehalten, Kopftuch getragen, fünfmal am Tag gebetet.“ Dennoch fühlte Sengül Kücük eine Leere. „Ich fragte mich, wer ich bin, wer mich eigentlich liebt, denn ich habe nur Gewalt erfahren.“

Ende der Sechzigerjahre will Sengül Kücük der Enge und der Armut ihres Dorfes entkommen. Sie geht nach Berlin, arbeitet in einer Fabrik. Nach einem Jahr kommt ihr Ehemann nach, sie bekommt einen Sohn. Doch der Mann schlägt sie, verspielt ihr hart verdientes Geld. „Mein Herz war damals wie ein Stein, ich konnte nicht lachen, nicht weinen. Und in meinem Innern war noch immer diese schreckliche Leere“, erzählt sie.

Vom Islam hatte sie sich innerlich immer mehr verabschiedet. „Im Koran ist keine Hoffnung, nur Bedrohung. Gott sieht alles, weiß alles, aber hilft er dir? Nein. Ich habe mich gefragt: Wo ist mein Platz in dieser Welt? Und der Koran sagt mir: unter dem Fuß des Mannes.“ Das will Sengül Kücük nicht mehr akzeptieren. In Deutschland sieht sie die selbstbewussten deutschen Frauen. „So wollte ich auch sein, mein Leben selbst bestimmen.“ Sengül Kücük verlässt nach einigen Jahren ihren prügelnden Ehemann, wendet sich auf den Tipp einer Arbeitskollegin hin an die örtliche Familienfürsorge. Die Sozialarbeiterin ist eine überzeugte Christin, die sich auch für Sengül Kücük engagiert. „Das war neu für mich. Ich kannte Deutsche nur als Ausnutzer“, erinnert sie sich. Ihre Betreuerin redet immer wieder von Jesus Christus. Doch Sengül Kücük hat erst einmal viele Bedenken gegen das Christentum, die sie noch aus ihrer muslimischen Umgebung kennt. Sie denkt, dass Jesus Christus ein eigener Gott sei, hält die Trinität für Vielgötterei und die Bibel schlichtweg für falsch. Doch sie fängt an, sich für den anderenGlauben zu interessieren, denn die Sozialarbeiterin ist so ernsthaft dabei, wenn es um ihr Schicksal geht, sie sucht immer nach einer Lösung. Und sie ist Christin. Sengül Kücük willigt schließlich ein, mit ihr zum Ostergottesdienst zu kommen.

Die feierliche Atmosphäre und das gleichberechtigte Nebeneinander von Männern und Frauen beeindruckten sie von Anfang an. „Und als der Pfarrer von Jesus gesprochen hat, gesagt hat, dass Jesus für alle Menschen gestorben ist, um ihnen Hoffnung zu geben, da hat mich das völlig umgehauen.“ Sie habe sich gefragt, ob das stimmen könnte, dass Jesus auch für sie gestorben sei, ob er auch mit ihr zu tun haben könnte, erzählt Sengül Kücük. „Jesus hat am Kreuz auch für mich gelitten, 2000 Jahre vor meiner Geburt. Das hat mich berührt.“ Sie beginnt nach jenem Gottesdienst, in der Bibel zu lesen. Heute sagt sie, dass ihr die Botschaft von Jesus, seine Lehre von Liebe und Vergebung dabei geholfen habe, den inneren Hass zu besiegen, den sie damals auf die Menschen gehabt hätte.

1976 lässt sie sich taufen und tritt in die evangelische Kirche ein. Ihre türkische Verwandtschaft ist entsetzt. Ihre Mutter sagt ihr am Telefon, sie sei nicht mehr ihre Tochter und dürfe nicht mehr über die Schwelle ihres Hauses treten. „Sie hat mich gefragt, was ich von diesem schwachen Mann Jesus erwarten würde, dem sein Gott nicht helfen konnte und der deshalb gestorben ist.“ Doch Sengül Kücük bleibt bei ihrer Entscheidung. Sie sei immun gegen alle Widerstände gewesen, sagt sie. Auch als ihre türkischen Freunde sie nicht mehr besuchten und nicht mehr einluden. „Ich kann wieder lachen, weiß, wer ich bin, dass ich geliebt werde, eine gute Zukunft habe“, sagt sie. Sengül Kücük freut sich, Christin geworden zu sein: „Ich habe etwas Besseres gefunden.“


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