Donnerstag, 5. Juli 2007

Pasternaks ungebetene Gäste

Das Restaurant „Pasternak“ in Berlin ist häufig Ziel von Vandalismus. Steckt Antisemitismus dahinter?

(Jüdische Allgemeine, 25. Juni 2007)

Die zerstörten Blumenkübel wurden schon erneuert, ebenso wie die herausgerissen Pflanzen. Vergangene Woche, in der Nacht von Sonntag auf Montag hatte das russisch-jüdische Restaurant «Pasternak» in Berlin erneut ungebetene Gäste. Es ist schon das zehnte Mal. In den letzten zwei Jahren wurde an den Markisen gezündelt, die Sonnenschirme aufgeschlitzt und Säure auf Zierpflanzen gekippt. Inzwischen hat auch der Berliner Staatsschutz Ermittlungen aufgenommen, erste konkrete Hinweise gäbe es aber noch nicht, sagte ein Polizeisprecher.

„Ich habe wohl Feinde“, vermutet Ilja Kaplan mit einer Mischung aus Wut, leichter Resignation und ausgeprägtem russischem Akzent. Bisher hat er nie Anzeige erstattet, aber jetzt ist seine Geduld am Ende. Es ist Mittag. Kaplan, Besitzer des mondän-gediegenen «Pasternak», sitzt unter einer Markise im Schatten, ein Glas Wasser vor sich. „Immerhin lieben uns unsere Gäste“, sagt er dann und zeigt zufrieden um sich. Am Nebentisch spanische Touristen, unterhalten sich angeregt, essen russische Spezialitäten, trinken Wein. Zwei Tische weiter nippt eine elegant gekleidete Blondine an einen Kaffee, das Handy griffbereit.

Wer seine Feinde sind, darüber kann Kaplan nur mutmaßen. Er glaubt aber, dass es damit zusammen hängt, dass er Jude ist. „Ich habe keine Beweise, aber warum bin ich der einzige Gastwirt hier, dem das passiert?“, fragt er. Der 46-jährige gebürtige Moskauer betreibt seit 2002 im altbaugeprägtem, gehobenen Szeneviertel Prenzlauer Berg, rund zwanzig Meter von der Synagoge in der Rykestrasse entfernt ein Restaurant. 1990 kam Kaplan als jüdischer Kontingentflüchtling nach Berlin. Er habe schon immer aus Russland weggewollt, sagt er. „Antisemitismus, ganz schlimm.“

Und jetzt das. Sein Restaurant, das in vielen Touristenführer über Berlin steht, wird immer wieder Ziel von möglicherweise antisemitisch motiviertem Vandalismus. Mehr als 5000 € habe er schon für die Schäden ausgeben müssen. Kaplan schüttelt fassungslos den Kopf, streicht sich über die silbrigen Haare. Und was er überhaupt nicht versteht das ist, dass die Polizei, die in Rufweite, rund um die Uhr die Synagoge bewacht, nie etwas mitbekommt. „Verstehen Sie das?“

Zwanzig Meter weiter will man sich mangelnde Aufmerksamkeit nicht vorwerfen lassen. Der diensthabende Beamte sagt, dass er, falls er etwas Ungewöhnliches, auf einen Strafbestand hinweisendes sehen oder hören würde selbstverständlich die zuständige Kollegen von der Schutzpolizei in Kenntnis setzen würde. Zu recht weist der Beamte auch auf ein Detail des Ortes hin. Die Synagoge in der Rykestrasse grenzt an das Eckhaus, in dem sich das «Pasternak» befindet. Und das Restaurant befindet sich auf der entgegengesetzten Seite des Eckhauses. Ist also für die Beamten nicht direkt einsehbar.

Inzwischen hat sich auch der zivile Verantwortliche für die Sicherheit der Synagoge hinzugesellt. Er trägt ein lilafarbenes T-Shirt, federnde Turnschuhe und Goldkette – und am Gürtel einen schwer nach unten hängenden „Colt.“ Von dem Vandalismus-Anschlag Sonntagnacht hat er in der Zeitung gelesen. Und er findet, dass die Presse den Vorfall aufbausche. „Vor allem im Hinblick auf einen möglichen antisemitischen Vorfall, sag ich mal.“ Der Mann vermutet „ganz stark“, dass es verärgerte Straßenmusiker oder Zeitungsverkäufer gewesen seien, die von den Kellnern vertrieben worden seien. „Müssen Sie mal drauf achten, die laufen hier ständig rum!“

Von der These hält Ilja Kaplan, wenig später befragt, nichts. Den Straßenmusikern erlaube er vor dem Lokal zu musizieren, unterstreicht er. Für Kaplan ist der schlüssigste Beweis, dass er Opfer von Antisemitismus ist, dass in den anderen Bars und Restaurants seiner Strasse noch nie Vandalismus vorgefallen sei. „Fragen Sie da mal nach“, fordert er nachdrücklich.

Dort ist die Antwort tatsächlich einstimmig: Nein, es sei nie etwas passiert. Die Theorien wer die Vandalen-Täter bei Kaplan denn gewesen sein könnten sind dafür umso vielfältiger. Die Spannbreite reicht von G8-Gegnern, Jugendlichen, betrunkenen englischen Touristen, Touristen im Allgemeinen und Betrunkenen aller Art. Und vielleicht, munkelt einer, „ist das auch eine Auseinadersetzung unter Russen.“

Nur der Kellner des Restaurant «Kost.Bar», direkter Nachbar von Ilja Kaplan hält es für wahrscheinlich, dass es Neonazis gewesen sein könnten. „Die machen doch so etwas.“ Dann erinnert er sich amüsiert an eine Szene die er mal in der Oranienburgerstrasse gesehen hat. „Vor zwei Jahren sind da ein paar betrunkene Skinheads vor der Synagoge aufmarschiert, haben den Hitlergruß gezeigt. Aber auf der anderen Seite war eine große Türken-Gang. Die sind gleich rüber, haben die Skins verprügelt. Und die sind dann in die Synagoge geflüchtet.“ Dann überlegt er. Neonazis hat er hier in der Gegend aber eigentlich noch nie gesehen. „Das ist ein ganz relaxter Kiez.“

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