Samstag, 21. April 2007

Geigen gegen die Gewalt

Der Bildungssenator will die Existenz der musikbetonten Schulen sichern. Denn gemeinsam musizieren hilft gegen Aggression

(Der Tagesspiegel, 17.04.07)

Mit konzentriertem Gesichtsausdruck stehen Assmaa (9) und Selen (10) in der Aula der Fritzlar-Homberg-Grundschule in Tiergarten. Zwischen Kopf und Schulter haben sie sich die Geige geklemmt, mit der linken Hand greifen sie in die Saiten, mit der rechten führen sie gekonnt den Bogen. Letzte Woche spielten sie für Eltern, heute sind die 200 Schulkameraden dran.

Angelika Maillard-Städter ist zufrieden. Die beiden Schülerinnen Assmaa und Selen zeigen zusammen mit dem Schulorchester, was sie sich in den vergangenen Monaten hart erarbeitet haben. Und es klingt gut. Maillard-Städter ist Musikfachleiterin der Grundschule im Lützowkiez. Die Schule ist eine von 15 Berliner Grundschulen, die sich ein musikbetontes Profil gegeben haben.

Seit Jahren fürchten diese Schulen um die Erhaltung dieses speziellen Profils. Im Fall von Maillard-Städters Schule verlängerte der Landesschulrat im Jahr 2006 bei der anstehenden Neubeantragung der Mittel nicht wie gewohnt um sechs Jahre, sondern nur noch um drei Jahre. Die Wochenstundenzahl wurde reduziert. An der Fritzlar-Homberg-Grundschule waren es früher 109 Stunden, heute sind es 84.

Nun können die Schulen aufatmen: Ursula Meierkord, in der Senatsbildungsverwaltung zuständig für die musikbetonten Schulen, sagt, dass es auf jeden Fall weitergeht. „Die Senatsverwaltung hatte zu keinem Zeitpunkt vor, die Berliner Musikbetonung zu streichen. Am Fortbestand der Musikbetonung kann kein Zweifel bestehen“, sagte sie.

Grund für die diesmalige kurze Laufzeit sei das neue Schulgesetz. Die Profile der Schulen müssten auf eine andere formale Basis gestellt werden. Die soll bis zum Ende des Schuljahres 2008/09 gefunden sein. Vor allem in sozialen Brennpunkten sollen Schüler die Chance haben, kostenlos ein Instrument zu lernen, sagte Meierkord.

Der Lützowkiez wird durch Drogen, Straßenprostitution und Kriminalität mitgeprägt. Die Grundschüler kommen aus 26 Nationen, rund 90 Prozent aus Einwandererfamilien. Trotzdem sei die Atmosphäre ganz gut. „Wir haben deutlich weniger Aggression als an anderen Schulen“, sagt ein Sportlehrer.

Das könnte auch am Musikschwerpunkt liegen. Den gibt es an der Fritzlar-Homberg-Schule seit 1976. Zurzeit üben 260 Schüler in 20 Musik-Arbeitsgemeinschaften zweimal die Woche. Die Eltern zahlen dafür rund 15 Euro im Jahr. Das ist der Preis für die Versicherung der Instrumente.

Assmaas Eltern zahlen die 15 Euro gerne. Das Mädchen zupft verlegen an seinem Kopftuch, der Geigenkasten steht neben ihm. Die Schülerin sitzt nach dem Konzert im Musikraum der Schule und möchte erklären, warum sie die Geige mag. „Die Töne gefallen mir“, sagt sie in perfektem Deutsch. Sie übt regelmäßig zu Hause. Ihrer Mutter gefällt es auch, der Vater motiviert sie.
Neben ihr sitzt Selen. Auch sie spielt Geige – und sagt, dass sie durch das Musizieren gelernt habe, dass man auf andere hören müsse. „Sonst klingt es nicht schön.“Draußen wartet ihre Mutter.

Vergangene Woche saß Nermin Savas im Publikum, sah ihre Tochter auf der Bühne und war stolz. Neben ihr saß eine türkische Mutter. „Da stimmten alle Klischees: Die konnte kaum Deutsch, trug Kopftuch. Aber als ihre Tochter Geige spielte, da hat sie vor Rührung geweint“, sagt Nermin Savas.

Sie hält das Musikkonzept der Schule für wichtig, denn nur so kämen ausländische Familien mit europäischer Musik in Verbindung. Mit Musik könne man Gewalt vorbeugen, sagt Angelika Maillard-Städter. Während türkisch- und arabischstämmige Gangs in anderen Kiezen Krieg spielten, spielten sie hier zusammen ein Konzert.

Zaid (14) trommelt und spielt seit vier Jahren Gitarre. Er sagt, wenn er früher Frust hatte, dann sei die Aggression gestiegen. Jetzt könne er sich besser beherrschen.
Was Lehrer wie Angelika Maillard-Städter und Schüler wie Zaid erfahren, das will auch der Frankfurter Musikpädagoge Hans Günther Bastian in einer 1998 durchgeführten Studie festgestellt haben.

Über sechs Jahre hinweg untersuchte er an 180 Grundschülern von sieben Berliner Schulen, ob intensive Musikerziehung die Entwicklung von Kindern positiv beeinflusst. Sein Fazit: Gemeinsames Musizieren führt dazu, dass Kinder rücksichtsvoller und aufmerksamer werden. Der Studie zufolge machen sich die Schüler auch mehr Gedanken über soziale Fragen. Der positive Einfluss scheint also wissenschaftlich erwiesen zu sein.

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