Dienstag, 6. März 2007

Ein "Held" wird Rosenbaum


Anatol Rosenbaum saß als "Zionist" in Stasi-Haft, erkrankte Jahre später an Leukämie. Jetzt hat er ein Buch über die Haftzeit geschrieben


(Noch nicht publiziert)

Sie stürzten auf ihn zu, umarmten ihn und feierten ihn als lebendes Wunder. Die mehr als zwanzig orthodoxen Rabbiner, die aus aller Welt zu einer Berliner Rabbinerkonferenz angereist waren, sahen Anatol Rosenbaum (67) als Beweis für eine alte Lehre der Kabbala: "Wenn man im Sterben liegt und den Namen ändert, dann geht der Tod vorüber", erzählt der heute pensionierte Kinderarzt.

Vor fünf Jahren erkrankte Rosenbaum an Leukämie, eine wahrscheinlich Spätfolge seiner Stasi-Haftzeit in Berlin-Hohenschönhausen, als er mit einem Röntgengerät "behandelt" wurde. Von 1968 bis 1970 saß Rosenbaum, der damals noch "Held" hieß, wegen so genannter zionistischer Agententätigkeit und Republikflucht in Stasi-Haft. Den Blutkrebs selbst überlebte er nur dank einer Knochenmarkspende aus Israel. Vielleicht aber auch tatsächlich durch die Namensänderung.

Als er damals nach der zunächst geglückten Transplantation in seinem Krankenzimmer lag, spürte er plötzlich wie sein Herz verrückt spielte und er zunehmend das Gefühl hatte, bald zu sterben. Und da hat er dann Zwiesprache mit Gott gehalten: "Adonai, erst lässt du mich als Zionist verurteilen, die Haft überstehen und durch eine Knochenmarkspende aus Israel retten, das ist doch meschugge!", erzählt er.

Der Kranke bietet Gott dann ein Geschäft an: "Wenn du mich leben lässt, nehme ich unseren jüdischen Familiennamen Rosenbaum an, der bis ins 17. Jh. zurück geht." Am nächsten Tag ging es ihm tatsächlich besser, "Dr. Held" bestand darauf, dass man ihn als Dr. Rosenbaum ansprach.

Bei seinem Vater stand der alte Name noch im Pass. Doch 1930 überredet Rosenbaums Mutter den Vater, der zu Weimarer Zeit als Theaterregisseur mit Brecht und Piscator zusammen arbeitete, das Bühnen-Pseudonym "Held" anzunehmen. Ihr ist der Name zu jüdisch, obwohl sie selbst aus einer jüdischen Familie stammt.

Für die Rosenbaums steht aber nicht das Judentum im Vordergrund sondern die rote Heilslehre: Sie sind überzeugte Kommunisten. Deshalb müssen sie 1933 Deutschland verlassen, gehen in die Sowjetunion. Hier wird Anatol Rosenbaum 1939 in Moskau geboren.

Er wächst im Hotel Lux auf, Zimmernachbarn sind Dimitroff und Wilhelm Pieck. Rosenbaum besucht sowjetische Schulen und lernt, dass Stalin das Maß aller Dinge ist. Nach Kriegsende kehrte die Familie dann nach Berlin zurück. Der Vater ist Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland, die Mutter Nelly Held wird später eine hochrangige DDR-Funktionärin.

Obwohl Rosenbaum in einer systemnahem Familie überzeugter Kommunisten sozialisiert wurde, begehrt er immer wieder gegen Denkschablonen auf, vermag seinen kritischen Geist nicht auszuschalten. Seinen Posten als FDJ-Sekretär etwa verlor er schon mit 16, weil er junge Christen nicht ideologisch bekämpfen, sondern mit ihnen diskutieren wollte. "Und wenn die die besseren Argumente gehabt hätten, wäre ich Christ geworden."

In den 60er Jahren studiert Anatol Rosenbaum in Ost-Berlin Medizin, arbeitet nach dem Studium als Kinderarzt im Klinikum Berlin-Buch. Und in den 60er Jahren erfährt Rosenbaum auch durch Zufall, dass er eigentlich Jude ist und nicht nur Sohn deutscher Kommunisten, wie ihm seine Mutter erklärt hatte.

Jetzt sucht er den Kontakt zur Jüdischen Gemeinde von Berlin, lernt Hebräisch, versucht seinen Glauben zu leben. Aus Ärger über die antisemitischen Anspielungen eines Arztes in der Klinik, verbunden mit der ständigen DDR-Medien-Hetze gegen Israel, entschließt sich Rosenbaum nach Israel auszureisen. Mit oder ohne Billigung der Behörden: "Ich wollte nur noch raus aus diesem Land."

Im Juli 1968 sucht er den Kontakt zu einem Jugendfreund des Vaters, der in Israel lebt. Der Jugendfreund wiederum vermittelt den Kontakt zu einem Bürgermeister in einer westdeutschen Stadt, der einen Pass für Rosenbaum ausstellen will. Aber im Passamt sitzt ein Spitzel, der die Aktion nach Ost-Berlin weitermeldet.

Als Rosenbaum versucht, über die Tschechoslowakei den Ostblock zu verlassen, verhaftet ihn die Stasi. Rosenbaum findet sich in Berlin-Hohenschönhausen wieder, in der berüchtigten "Untersuchungshaftanstalt 1". Die Stasi-Stätte gilt als Symbol für das System der DDR-Repression schlechthin. Mit Hilfe so genannter operativer Psychologie, durch Isolierung und Desorientierung, sollen die Häftlinge weichgeklopft werden. Bis sie "alles" gestehen.

Monatelang wird Rosenbaum verhört. Und immer wieder will der Vernehmer wissen, für welchen Geheimdienst der Zionist Rosenbaum arbeitet. Aber bei ihm hat die Stasi mit ihren Methoden zunächst keinen Erfolg. In der Isolation seiner Zelle hält er sich selbst Anatomievorlesungen, betet und bastelt sich heimlich ein Schachspiel.

In Hohenschönhausen wurde Rosenbaum auch der bereits erwähnten Röntgenstrahlung ausgesetzt. Mehrmals muss er in einen Raum mit ungewöhnlich dicken Mauern, hier werden immer wieder "Fotos" von ihm gemacht. In der Wand befindet sich ein Spalt mit einem Objektiv. Und als Arzt weiß Rosenbaum nur zu gut, wie das Objektiv eines Röntgengerätes aussieht.

Vor zwei Jahren hat er deswegen auch vor dem Sozialgericht Berlin für eine Entschädigung gestritten. Der Richter hielt die Schädigung zwar für sehr wahrscheinlich, aber Rosenbaum konnte die genaue Dosis nicht nachweisen.

Dass gezielte Dissidenten-Schädigung durch Röntgenstrahlung keine Fiktion ist, auch wenn der entgültige Beweis fehlt, zeigen die Leukämieerkrankungen von Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs und anderen. Es existiert auch eine Stasi-Papier, in dem über die Schädigung durch Röntgenstrahlung und radioaktive Isotope gefachsimpelt wird.

Im Mai 1969 wird Rosenbaum ins Psychiatrische Krankenhaus Waldheim verlegt. Und dort wird ihm bewusst, dass er den Rest seines Lebens in der Psychiatrie verbringen wird, wenn er nicht bereut und seine "zionistische Agententätigkeit" gesteht.

1969 findet dann der Prozess statt. Der Staatsanwalt ist ebenfalls Jude, "so konnte keiner von Antisemitismus sprechen", sagt Rosenbaum heute ironisch. In seiner Anklageschrift liest er: "Mit Hilfe der Zionisten und westdeutscher Organisationen wollte Dr. Held die DDR verlassen und in ein Land gehen, dass Napalm auf Kinder wirft. Das ist eine große Schande, besonders für einen Kinderarzt."

Am Ende wird Rosenbaum zu drei Jahren Haft verurteilt. Seine Strafe war noch verschärft worden, weil der temperamentvolle 30-jähirge das Gerichtpersonal als "rotlackierte Nazis" bezeichnet hatte.

Anatol Rosenbaum wird zunächst in das so genannte "Kommando X" bei Berlin verlegt, einem Lager für CIA-Spione und BND-Agenten. Seine Zelle teilt er sich mit ehemaligen SS-Angehörigen, die erzählen, wie sie Kinder dadurch töteten, indem sie die mit dem Kopf gegen die KZ-Barackenwände schlugen.

Im Januar 1970 geht es weiter in die Strafanstalt Cottbus. Hier ist das Anstalts-Regiment militärisch, jeden Morgen finden Zählappelle statt. Ein Gefängnisaufseher, von den Häftlingen "RT", d.h. "Roter Terror" genannt prügelt regelmäßig die Inhaftierten. Die Cottbuser Häftlinge bauen als Zulieferer Kameragehäuse für den Dresdner VEB Pentacon. Für 10 Ost-Mark monatlich.

Um gegen diese geringbezahlte Zwangsarbeit zu protestieren, ritzen die Häftlinge heimlich Hakenkreuze in die Gehäuse der Kameras. In alten, umgefärbten NVA-Uniformen mit gelben Streifen und drückenden Schnürschuhen, werkeln sie an lautdröhnenden Maschinen. Als Ernährung gibt es altes Schwarzbrot und Margarine, die wie Schmieröl schmeckt, erinnert sich Rosenbaum. Deshalb besorgt er sich in der Küche rohe Kartoffeln, weil in deren Schalen zahlreiche Vitamine sitzen

Als Rosenbaum für seine Kameraden ebenfalls Kartoffeln besorgen will, wird er entdeckt und wegen des Diebstahls von Volkseigentum zu Arrest verurteilt. 21 Tage verbringt er in einer dunklen, kleinen Zelle. Verrückt geworden sei er nur nicht, weil ihm der Glaube an Gott geholfen habe.

Im Juli 1970 wird Anatol Rosenbaum dann ins sächsische Torgau verlegt. Zu Nazizeiten wurden hier mehr als 1400 Todesurteile vollstreckt, jetzt sitzen in der Festung Sexualmörder, aber auch ganz gewöhnliche Einbrecher. In Torgau arbeitet er erneut als Arzt.

Nach seiner frühzeitigen Entlassung darf Anatol Rosenbaum in Freiheit weiter als Arzt arbeiten. Er weiß, dass jetzt jeder seiner Schritte von der Stasi überwacht wird. Aber der SPD-Politiker Herbert Wehner setzt sich für ihn ein. Und 1975 darf Rosenbaum gegen Zahlung von 250.000 DM Lösegeld in den Westen ausreisen. Er lässt sich in West-Berlin nieder, arbeitet dort zwanzig Jahre lang Arzt.

Bis zum Fall der Mauer hat Rosenbaum die Jahre der Stasi-Haft völlig verdrängt. Vor einigen Jahren hat er dann als eine Art "Selbsttherapie" seine Erlebnisse aufgeschrieben. Nun wurde der Bericht unter dem Titel "Die DDR feiert Geburtstag und ich werde Kartoffelschäler" im Berliner Lichtig-Verlag publiziert.

Hier erzählt Rosenbaum zuweilen polemisch und ohne Larmoyanz von seiner Haftzeit. Auch wenn seine Erlebnisse im Vordergrund stehen, sei ihm wichtig, dass es nicht um seine Person gehe, sondern um seine aufrechten Haftkameraden, die sich durch ihre gegenseitige Solidarität beigestanden hätten, sagt er: "Ihrem Andenken gilt das Buch."

Die Diskussion um die im Januar beschlossene SED-Opferente hat er deshalb auch als Betroffener aufmerksam verfolgt. Und die Regelung, die rund 250 € für ausschließlich bedürftige SED-Opfer vorsieht, sei eine "nationale Schande", sagt er empört. Vor allem wenn er an die ehemaligen Kameraden denkt: "Mir geht es gut, aber viele haben wenig Geld - da reicht die Summe zusätzlich nicht aus."

Zum Abschluss möchte er noch eines sagen: "Einen Aspekt meiner Stasi-Haftzeit kann ich nicht genug loben: Hier habe ich die besten, Deutschen Menschen kennen gelernt." Darüber hinaus sei ihm aber nur wenig in positiver Erinnerung geblieben, sagt er, durchaus sarkastisch.

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