Freitag, 9. Februar 2007

Ein Gringo kehrt zurück

1939 emigrierte Max Finkelstein von Berlin nach Südamerika, vor sieben Jahren kam er in die deutsche Hauptstadt zurück

(Vorwärts August 2007)

Max Finkelstein
Foto: Christian Reister

Vom Balkon seiner Wohnung in Moabit, zwischen
Haftanstalt und Schloss Bellevue, kann Max Finkelstein
die Hochhäuser des Hansaviertels sehen. Dort hat er vor
60 Jahren bis zu seiner Emigration nach Südamerika
gewohnt. Vor dem Balkon wiegen sachte Pappeln im
Wind und auf der Balkonbrüstung steht ein Vogelhaus,
dort streiten sich Spatzen um Brotkrümel. Der 81-jährige
sitzt entspannt am Tisch vor dem Panoramafenster, zieht
an einer Zigarette und sieht den Vögeln zu. Dann sagt er,
dass er in all den Jahren in Südamerika immer "mit dem
Kopf in Deutschland gewesen" sei. Und dass er damals
in Berlin trotz der Nazi-Diktatur glücklich gewesen sei.

Als Finkelstein 1925 im ostpreußischen Gumbinnen
geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass er einmal
in Südamerika Salz im Urwald transportieren würde,
oder dort mit einem Flugzeug abstürzen würde. Der
Vater ist ein wohlhabender Kaufmann, in der Stadt angesehen
und 1914, wie fast alle deutschen Juden, freiwillig
"für den Kaiser in den Krieg gezogen." Umso empörter
reagiert er, als die SA im April 1933 vor seinem Laden
zum Boykott aufruft. "Aber wir hatten eine treue
Kundschaft in der Landbevölkerung", sagt Finkelstein.
"Die Ostpreußen sind gute Leute." Auch in der Schule,
die in "Adolf-Hitler-Schule" umbenannt wird, lässt ihn
niemand spüren, dass er Jude ist. Der Lehrer sei sogar
eines Tages zur Mutter gegangen und habe sich entschuldigt,
"dass er das mit den Rassen lehren muss."

Trotzdem gehen die Finkelsteins 1935 nach Berlin, hoffen
in der Anonymität der Großstadt ruhiger leben zu
können. Der Vater stirbt bald an einem Nierenleiden; um
Geld einzusparen, vermietet die Mutter zwei Zimmer der
Wohnung an Untermieter: "Einer war der streng orthodoxe
Leiter eines Rabbinerseminars, der andere ein
Peruaner, der bei Goebbels Nazipropaganda ins
Spanische übersetzte." Die Freundin des Peruaners ist die
bekannte Schauspielerin Rosita Serano, abends fährt sie
mit dem Cabrio vor "und die ganze Straße guckte aus
dem Fenster."

Bis zur Reichskristallnacht 1938 denken die Finkelsteins,
dass es für Juden in Berlin noch auszuhalten sei. Trotz
der Bänke im Tiergarten, auf die sich Juden nicht setzen
dürfen, trotz der Schilder an Gaststätten, auf denen steht
"Juden und Hunde nicht erwünscht." Es sei Teil der jüdischen
Identität, verfolgt zu werden, sagt Max Finkelstein
heute, aber in der eigenen Heimat derartig behandelt zu
werden, sei dennoch schwer erträglich gewesen.
Fieberhaft versucht die Mutter ein Ausreise zu organisieren,
aber immer mehr Länder schließen ihre Grenzen.
Noch heute verbittert es Finkelstein, dass es die Schweiz
gewesen sei, die durchgesetzt hätte, dass in Reisepässen
ein rotes "J" zu stempeln sei. "Damit sie uns gleich an der
Grenze erkennen."

Die Mutter fasst schließlich eine Emigration nach
Palästina ins Auge. Max Finkelstein wird einen Monat
vor dem deutschen Überfall auf Polen nach Schweden
geschickt, damit er erst einmal in Sicherheit ist. Dann
gelingt es der Mutter, zwei Visa für Bolivien zu kaufen.
Jetzt wollen sie sich in Genua treffen, von dort aus über
den Atlantik fahren. Inzwischen befinden sich aber
Finnland und die Sowjetunion im Krieg, Dänemark und
Norwegen sind besetzt, Max Finkelstein kommt nicht
nach Italien durch. Die Mutter reist alleine ab, hofft, dass
der Sohn nachkommt.

Bald herrscht wieder Frieden zwischen Finnland und der
Sowjetunion. Aber Schiffspassage und Visa sind inzwischen
ungültig geworden. Deshalb entscheidet er sich
"von hinten herum nach Bolivien zu fahren": Mit der
Transsibirischen Eisenbahn über Moskau nach
Wladiwostok. Mit zwei Koffern in der Hand macht sich
der 16-Jährige auf die Reise, die er im Rückblick als ein
großes Abenteuer empfindet.

In der sowjetischen Hauptstadt verkauft Finkelstein seine
warme Kleidung an einen Altkleider-Händler, nachdem
er auf einer Karte gesehen hat, wie nah Bolivien amÄquator liegt.
Er bekommt ein dickes Bündel Rubel, hält
sich für reich. Doch dann sagt man ihm, dass der Rubel
im Ausland nicht umzutauschen sei, und in der
Sowjetunion gäbe es nichts Wertvolles zu kaufen. Man
rät ihm, er solle sowjetische Briefmarken erwerben und
diese in Japan an Sammler weiterverkaufen.

Nachdem Finkelstein Sibirien durchquert hat und sich
nach Japan eingeschifft hat, verkauft er dort bei seiner
Ankunft in Kobe tatsächlich seine Marken: "Ich habe ein
dickes Bündel Yen erhalten." Doch die sind wieder nicht
konvertierbar und in Japan wird Finkelstein nicht lange
bleiben. Also kauft er diesmal etwas Handfestes:
"Zuchtperlen und Seidenkimonos." Und die wird der
dann in den USA los, am Ende wird er 1000 Dollar verdient
haben, für damalige Verhältnisse ein kleines
Vermögen.

Über San Francisco fährt Max Finkelstein dann nach
Bolivien. Dort erwartet ihn seine Mutter in der bolivianischen
Hauptstadt La Paz. Zur Begrüßung gibt es seine
Lieblingsmahlzeit, "Bauernfrühstück mit
Schokoladenpudding." Allerdings kann auch die lang
entbehrte Lieblingsmahlzeit nicht den Kulturschock
dämpfen, den der Jugendliche, der aus dem zivilisierten
Europa kommt, empfindet: "Es war alles so primitiv, ich
dachte, ich sei auf einem anderen Stern."

Doch er habe nicht mit seinem Schicksal hadern wollen,
seine Mutter sei ihm ein Vorbild gewesen, sagt
Finkelstein: "Meine Mutter fügte sich preußisch in ihr
Leben, von dem sie glaubte, dass Gott es ihr bestimmt
hätte." Sie betreibt in La Paz einen Mittagstisch für die
deutschen Emigranten. Max Finkelstein macht sich
unterdessen auf die Suche nach Arbeit. Bald wird er
Baustellen beaufsichtigen, Krokodiljagdpartien organisieren
oder als LKW-Fahrer für eine Salzmine arbeiten.
Und sogar im Urwald abstürzen: "Ein Freund, der bei der
bolivianischen Luftwaffe arbeitete, hatte ein altes
Flugzeug flott gemacht. Dann lud er mich auf einen Flug
ein." Doch der endet nach 20 Minuten, die beiden landen
auf den Baumkronen. Beide unverletzt: "Ich hatte immer
Glück im Leben."

Das Ende des zweiten Weltkrieges erlebt Finkelstein
dann im Urwald, das heißt in der Kleinstadt Trinidad.
Der dortige Bischof sollte auf Veranlassung des
Bolivianischen Oberhirten eine Dankesmesse für das
Ende des Krieges lesen. Doch der Bischof, gebürtiger
Kroate und erklärter Antisemit, weigert sich. Erst nach
Androhung der Exkommunikation bequemt er sich zur
Messe, den Arm zum Hitlergruß ausgestreckt, erinnert
sich Finkelstein. Die Messe wird dann ein Pater feiern,
während der Bischoff mit verschränkten Armen daneben
sitzt.

1947 dringen auch die ersten Berichte über die Konzentrationslager
nach Bolivien. Überlebende, die
nach Südamerika emigrieren erzählen von den
Gaskammern. "In dem Moment haben wir Jugendlichen
uns geschämt, dass wir während des Krieges das Leben
genossen haben.", erzählt Finkestein. Von Deutschland
habe er da nie wieder etwas wissen wollen. "Aber dennoch
habe ich immer heimlich daran gedacht", fährt er
dann fort. "Meine Heimat, das war die deutsche
Landschaft und die Sprache."

Seine Zukunft sieht Finkelstein also nicht mehr in
Europa. Aber auch nicht in Südamerika: "Ich träumte
davon nach Nordamerika zu emigrieren. Ich brauchte
endlich Kultur, Opern und Theater!" Das Vorhaben
scheitert wegen der restriktiven Einreisebestimmungen
und der schon damals gut bewachten Grenze. Deshalb
geht er 1948 nach Buenos Aires, in die Stadt, die als die
europäischste auf dem Kontinent gilt.

Sofort bekommt er einen Job in einem
Elektronikgeschäft, arbeitet als Automechaniker und vertreibt
dann Versicherungen. Aber sein "Traumberuf", der
ihm immer wieder im Hinterkopf herum spukt, " das war
der Journalismus." Anfang der sechziger Jahre bekommt
er seine Chance beim traditionsreichen Argentinischen
Tageblatt. In einer Anzeige wird ein Redakteur gesucht,
Finkelstein stellt sich vor, wird auf die Probe gestellt und
eingestellt. Diesen Beruf wird er dann 36 Jahre lang ausüben.

Finkelsteins neue Heimat Argentinien hat eine lange
Tradition von Militärputschen, Straßenkriegen zwischen
Rechten und Linken, Wirtschaftskrisen und
Hyperinflationen. Und dass Finkelstein jetzt im frühherbstlichen
Moabit sitzt, verdankt er nur dem Umstand,
dass er nie seinen deutschen Pass abgegeben hat: "1976
hatten wir den Militärputsch und die meisten Argentinier
waren froh drüber, dass endlich Ruhe war."

Als Journalist ist Finkelstein aber dann im Besonderen Maße durch die
Zensur und die eingeschränkte Meinungsfreiheit betroffen.
Als er in einem Artikel schreibt, dass der Unterrichtsminister
ein Faschist sei, erhält er Besuch von der
Staatssicherheit. Man habe ihn verwarnt, und nur sein
deutscher Pass habe ihn vor der Festnahme geschützt, so
Finkelstein. "Und eine Festnahme wegen politischer
Äußerungen führte oft dazu, dass Leute für immer verschwanden."

Neben seiner Tätigkeit beim Tageblatt arbeitet
Finkelstein auch beim argentinischen Wochenblatt
Semanario Israelita mit, das teils in Deutsch, teils in
Spanisch publiziert wurde. Auch nach seiner
Pensionierung führt er die Tätigkeit fort, wird schließlich
Chefredakteur und Herausgeber. Die Zeitung wird
schließlich sein Lebenswerk. Mit der Zeitung wollte
Finkelstein "eine Art Brücke zur alten Heimat schlagen",
eine Verständigung zwischen jüdischen und nichtjüdischen
Deutschen herstellen. Für sein Engagement erhielt
er 1993 das Verdienstkreuz Erster Klasse.

Das Wochenblatt erscheint 1999 zum letzten Mal, das
Publikum war "buchstäblich weggestorben." 1999 kehrte
der 74-jährige auch nach Deutschland zurück. Der Grund
war eine deutsche Praktikantin aus Hamburg, Finkelstein
und die junge Frau hatten sich ineinander verliebt. Er
habe endlich eine Frau getroffen, mit der er über alles
reden könne und die seine Interessen teile, sagt
Finkelstein. Ihr hat er auch seine Lebenserinnerungen
diktiert, die 200 unter dem Titel "Jude, Gringo,
Deutscher" erschienen sind.

Ein "Gringo", das war Finkelstein in Argentinien. Da er
seine deutsche Staatsbürgerschaft beibehalten hatte,
durfte er in dem südamerikanischen Land nicht einmal
wählen. Und politisches Engagement war durchaus nicht
das, was man von ihm erwarte: "Ich habe es oft erlebt,
dass ich mit Argentiniern zusammensaß und die über ihr
Land schimpften", sagt Finkelstein. Aber wenn er sich
dann äußert, bekommt er zu hören, "ich solle doch nach
Hause gehen, wenn es mir hier nicht passt."

Wegen dieser "politischen Unmündigkeit" ist Finkelstein
bald nach seiner Rückkehr nach Berlin in die SPD eingetreten:
"Ich wollte endlich einmal etwas mitgestalten." Er
engagiert sich 2001 sofort für den Wahlkampf. Der neue
Genosse verteilt Wahlprogramme, betreut Info-Stände
und klebt Wahlplakate. Und auch für die Gesellschaft
engagiert sich der 81-jährige: Als Zeitzeuge spricht er in
Schulen über seine Erfahrungen mit dem
Nationalsozialismus. "Ich wünsche mir, dass junge
Menschen lernen, dass Hitler nicht nur die Juden vernichtet
hat, sondern auch Millionen anderer Bürger", sagt
Finkelstein.

Und dass das Wohnhaus im Siegmunds Hof in
Tiergarten, in dem der damals wohnte, ebenso wie die
Synagoge, an die heute eine Schrifttafel und ein
Denkmal in Form des traditionellen siebenarmigen
Leuchters erinnern, nicht mehr steht, ist auch ein Resultat
der Herrschaft des Nationalsozialismus. In den 70er
Jahren war Finkelstein schon einmal in Berlin, hat
Spuren gesucht. Das Wohnhaus damals nicht mehr stand
habe ihn erleichtert, sagt Finkelstein: "Da konnte ich
endgültig einen Schlussstrich ziehen und nach
Südamerika zurückkehren."

Dass Max Finkelstein jetzt doch wieder in Berlin ist,
hängt mit seiner neuen Liebe zusammen. Und während
Finkelstein auf die Pappeln blickt, sitzt seine Frau
Kerstin Finkelstein im Nebenzimmer und schreibt an
einem Buch über Deutsche, die eingewandert sind, nach
Deutschland. Max Finkelstein aber ist zurück gekommen.
Nach Berlin, nach Hause.

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