Freitag, 9. Februar 2007

Der arabische Bürgermeister

Zakareia Wahbi arbeitet als Berater für arabischsprachige Ausländer in Berlin. Sein wichtigster Tipp: „Bildung ist das A und O“

Besucht man Zakareia Wahbi im Büro in der Tiergartener Kurfürstenstraße 38, dann trifft man einen freundlichen Mann, der hinter einem Berg rosafarbener Ordner fast verschwindet und dem Besucher als Erstes schwarzen Tee anbietet. Wahbi arbeitet als Berater für arabischsprachige Ausländer in Berlin, viele seiner „Kunden“ sind Jugendliche, und die haben eines gemeinsam: Sie leben in Berlin, haben meist nur eine Duldung, sind manchmal auch Intensivtäter. Es gibt aber auch solche, die vor allem eines wollen: einen Platz in der deutschen Gesellschaft, anerkannt werden, so der Ausländerberater.

Den schwarzen Tee bringt Wahbis Praktikantin Nevine. In ihrer Biografie spiegeln sich die Probleme wider, mit denen sich der Berater häufig beschäftigt. 1990 kam sie mit ihrer Familie aus dem Libanon nach Deutschland. Die Familie stellte einen Asylantrag, der abgelehnt wurde. Wegen fehlender Papiere konnte sie nicht abgeschoben werden, die Duldung wird seit 16 Jahren alle sechs Monate verlängert. Die Familie sei nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, bestens integriert, und alle Kinder sprächen perfekt Deutsch, sagt Wahbi. Deshalb ist er der Meinung, dass die Familie aus humanitären Gründen eingebürgert werden sollte.

Nevine hat den Realschulabschluss abgelegt, besuchte dann eine berufsvorbereitende Schule und bestand dort die Abschlussprüfung. Das Zeugnis durfte ihr aber nicht ausgestellt werden, da die Berufsschule als Ausbildung gilt, und die ist der 19-Jährigen laut „Duldungsbescheid“ verboten. Vor einiger Zeit ist wieder Post von der Ausländerbehörde gekommen: Wahbi hatte eine Sondergenehmigung für Nevines Praktikum beantragt, die lief jetzt ab. Eine Verlängerung wurde abgelehnt, mit dem Hinweis, dass eine Weiterbeschäftigung einer Ausbildung nahe käme, und die sei nicht erlaubt. Dagegen hat Wahbi Klage eingereicht und wartet auf einen Urteilsspruch.

Fälle wie die von Nevine stecken zahlreich in Wahbis rosafarbenen Ordnern: Wie der des 17-jährigen Hassan Akkouch, der 1990 mit seiner Mutter als Asylbewerber nach Berlin kam. Er hat Breakdance-Wettbewerbe gewonnen und spielte sogar in einer Doku-Soap des ZDF zur Fußball-WM mit. Eigentlich sollte Hassan gar nicht mehr in Berlin sein: Im April 2003 war er mit seiner Mutter und den vier Geschwistern abgeschoben worden, kam aber zwei Monate später wieder zurück.

Die traumatische Erfahrung der Abschiebung habe jedoch nicht verhindert, dass der Jugendliche sich weiter für die Gesellschaft, in der er lebe, engagieren wolle, sagt Wahbi stolz: An der Alfred-Nobel-Oberschule in Britz ist Hassan Schülersprecher; gibt sein Können in Jugendtreffs weiter, um Jugendlichen, die eine ähnliche Biografie haben wie er, etwas Positives zu vermitteln. An eine erneute Abschiebung sei natürlich wegen der unsicheren Lage nicht zu denken, fährt Wahbi fort. Zurzeit wird Hassans Fall auch vor der Härtefallkommission behandelt, Wahbi ist zuversichtlich, dass der talentierte Breakdancer „in seiner Heimat Berlin“ bleiben darf.

In der Vergangenheit arbeitete Zakareia Wahbi auch ehrenamtlich als Bewährungshelfer für arabische Jugendliche. Er hat etliche, teilweise bekannte Intensivtäter betreut, ein Klient sitzt gerade für drei Jahre in Plötzensee: „Jetzt hat es bei ihm Klick gemacht: Er weiß, dass er sein Leben ändern muss.“ Der ehemalige Intensivtäter sei jetzt auf dem besten Weg, mache einen Schulabschluss, sagt Wahbi. Weil Bildung wichtig ist für die Integration ehemals krimineller Jugendlicher, befürwortet Wahbi auch das sogenannte skandinavische System: „Man muss Zwangsberufsschule für jugendliche Straftäter einführen, damit sie nicht nach der Strafe vor dem Nichts stehen.“

Schön reden will Wahbi die Problematik arabischer Intensivtäter aber nicht: „Wenn die Jugendlichen sich nicht anstrengen, nicht mit dem Bewährungshelfer zusammenarbeiten und immer wieder straffällig werden, dann muss man andere Mittel anwenden, harte Strafen verhängen, abschieben: „Im Libanon gibt es ein Sprichwort: Man spuckt nicht in die Suppe des Gastgebers!“

Ein Grund dafür, dass gerade arabische Jugendliche immer wieder auffällig werden, liegt für Wahbi in deren ungeklärtem Status als geduldete, vormals abgelehnte Asylbewerber, der sie zur Untätigkeit verurteile: „Die haben keine Chance, etwas zu tun oder zu lernen, um legal Geld zu verdienen. Die sind jung und wollen leben, deshalb handeln sie dann mit Drogen oder stehlen.“ Der Familienberater legt aber Wert darauf, dass dies keine Rechtfertigung sei, kriminell zu werden, sondern nur eine Erklärung.

Seine eigenen vier Kinder sind nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen: Die beiden ältesten Söhne haben BWL studiert, der Jüngste geht noch zur Schule: „Bildung ist das A und O. Und das fängt bei den Eltern an. Wenn die das nicht schaffen, dann müssen ausländische Jugendliche speziell gefördert werden, da muss die Politik handeln.“

Die Erfahrung, als Asylbewerber in Berlin gestrandet zu sein, kennt Wahbi aus der eigenen Biografie. 1974 besuchte er als 19-Jähriger seinen Bruder, der in West-Berlin studierte. Dann brach im Libanon der Bürgerkrieg aus, und Wahbi entschied sich zu bleiben. Er begann als Aushilfe in einer Backwarenfabrik zu arbeiten und gründete schließlich Anfang der achtziger Jahre eine eigene Bäckerei.

Als er mit einem Partner den Betrieb vergrößern wollte, sprang der ab, der Jungunternehmer geriet unverschuldet in Geldsorgen und fand sich schließlich auf dem Sozialamt wieder: „Dort traf ich viele Landsleute, die waren auch mit den ganzen Paragraphen und Formularen überfordert“, sagt er. Was Wahbi ihnen voraushatte, das waren seine soliden Deutschkenntnisse: Deshalb machte er sich mit den Paragraphen vertraut, dolmetschte und wurde Berater des auf Ausländerrecht spezialisierten Anwalts Thomas Arndt, in dessen Büroräumen er nun seiner Arbeit nachgeht.

Jetzt gilt Wahbi im arabischen Berlin als der „Moktar“, der „Bürgermeister“, weil sich niemand so gut mit Fragen des Ausländerrechtes auskennt wie er und auf Arabisch darüber reden kann. Er helfe seinen Landsleuten gerne, sagt Wahbi. Und hofft, dass er zumindest nicht immer wieder Fälle wie Nevine und Hassan auf den Tisch bekommt: „Deutschland kann viel gewinnen, wenn es diesen Jugendlichen eine Chance gibt.“

Der Tagesspiegel, 01.11.06

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