Donnerstag, 22. Februar 2007

Freibriefe für Schläger?

Seit Anfang Febraur wird der Überfall auf Ermyas M. in Potsdam vor Gericht verhandelt. Afrikaner, die in Brandenburg leben blicken mit Sorge auf den Ausgang des Prozess.

(Lonam - das Afrikamagazin, Februar 2007)

Zu Fuß wäre Chu Eben (38) in fünf Minuten im Landgericht Potsdam. Seit dem 7. Februar wird dort der Angriff auf den Ermyas M. (38) verhandelt. Der Potsdamer Prozess ist auf 17 Verhandlungstage angesetzt, im April soll ein Urteilsspruch fallen. Chu Eben hätte also noch Gelegenheit, dort einmal vorbeizuschauen. Dann könnte er sich deutsche Rechtsprechung live anzusehen.

Der gebürtige Kameruner arbeitet für die Potsdamer Flüchtlingshilfe „Refugees Emancipation.“ Hier finden Asylbewerber Hilfe bei Rechtsfragen, können sich fortbilden. Das Büro befindet sich in einem grauen Plattenbau im Zentrum von Potsdam. Blickt man aus dem Fenster, sieht man die eingerüstete Kuppel der Nikolai-Kirche in der Sonne strahlen.

Fragt man Chu Eben, was er von dem Prozess hält, dann seufzt er und zieht die Stirn in Falten. Der bisherige Verlauf des Prozess deprimiere ihn, sagt er, zurückgelehnt auf seinem Bürostuhl. Der Potsdamer Richter hatte unlängst angedeutet, dass Ermyas M. den Überfall selbst provoziert haben könnte. Das findet er infam. „Wenn das als Ergebnis des Prozess heraus käme, wäre das ein Freibrief für Brandenburger Nazischläger.“

Chu Eben hat mehr als acht Jahre gelebt in Brandenburg gelebt. Er wurde „Negersau“ genannt und gefragt, was er in Deutschland wolle. Man begrüßte ihn regelmäßig mit hochgerecktem Hitlerarm. Und ab sechs Uhr abends traute er sich nicht mehr auf die Straße. „Ist das normal in einem zivilisierten Land? Selbst in Afrika ist es nachts sicherer als in Eisenhüttenstadt.“

Dabei war es gerade die Angst um sein Leben, die ihn 1998 dazu veranlasste aus Kamerun zu fliehen. Er stammt aus dem Süden, studierte Jura, setzte sich für die Gleichberechtigung der englischen Sprache im einem frankophonen Land ein.

In München steigt er aus dem Flugzeug, stellt einen Antrag. Dann wird Eben nach Brandenburg transportiert. Dorthin, wo hohe Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und triste Plattenbauten das Leben der Einheimischen bestimmen.

In Brandenburg war Eben dann in verschiedenen Asylbewerberheimen. Er wartete, dass die so lang erscheinende Zeit endlich umging, er wartete auf seinen Bescheid, erhielt eine Ablehnung, legte Berufung ein, wartete erneut. Chu Ebens Antrag wurde bis heute nicht endgültig entschieden.

Vor drei Jahren lernte er eine Deutsche kennen, verliebte sich und heiratete. Jetzt lebt er mit seiner Ehefrau in Berlin, kommt täglich nach Potsdam, um bei der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich zu arbeiten.

Jetzt sitzen in seinem Büro vier afrikanische Asylbewerber. Sie surfen im Internet, hören mit halben Ohr zu, hin und wieder werfen sie eine Bemerkung in das Gespräch ein. Als es um rechte Gewalt geht, sagt ein etwa 30-jähriger Afrikaner, dass alle in Brandenburg Rassisten seien.

Das ist Chu Eben etwas peinlich. Er möchte differenzieren. Als ob er wüsste, dass ein solches Urteil genauso ein Stereotyp wäre, wie rassistische Aussagen. Es gebe ja auch gute Menschen in Brandenburg, bemüht er sich zu unterstreichen. Seine Flüchtlingshilfe etwa existiere nur, weil Deutsche regelmäßig spendeten. „Aber die große Maße ist rechter Gewalt gegenüber gleichgültig“, klagt er.

„Aber sicher ist doch, dass Brandenburg alle Schwarzen rechtlos sind“, entgegnet jetzt der 30-jährige, aber Chu Eben möchte jetzt lieber wieder auf den Fall Ermyas M. zurückkommen. Das eigentliche Problem seien dabei nicht die spektakulären Einzelfälle wie Ermyas M.

Das schlimmste sei das alltägliche Anpöbeln, die kleinen Handgreiflichkeiten, sagt Eben. „Sprechen Sie mit Herrn Tekere“, sagt Eben dann. „Er wurde unzählige Male angegriffen und Neger genannt. So ist es für viele Asylbewerber in Brandenburg.“

Agbor Tekere, 33, kommt gerade aus dem Integrationskurs, den er in der VHS-Friedrichshain besucht. Hier lernt er Deutsch und setzt sich mit dem politischen System der BRD auseinander. Jetzt weiß Tekere, dass der Präsident von Deutschland Köhler heißt und wenig zu sagen hat.

Agbor Tekere hätte etwas gemein, mit Köhler. In seiner Heimat Kamerun hatte er ebenfalls nicht viel zu sagen. Davon erzählt er wenig später in einer Filiale einer Burgerkette auf der Frankfurter Allee. Über seinem Kopf hängt ein Fotographie von New York, die Türme des World Trade Centers stehen da noch.

Seit 1999 ist er in Deutschland. Zuvor sei er wegen politischer Aktivitäten gefoltert worden, habe deswegen im Krankenhaus gelegen, gibt der freundliche Mann mit leiser Stimme bekannt. Dort hätten ihn dann Parteifreunde befreit und nach Nigeria gebracht. Dann sei er per Flugzeug nach Deutschland geflüchtet. Bei der Passkontrolle beantragt er Asyl. Er wird in ein Büro des Bundesgrenzschutz gebracht. Unfreundlich teilt ihm ein mürrischer Beamter mit, dass seine Papiere zwar richtig, die Unterschriften aber gefälscht seien.

Später wird man Agbor Tekere ein Bahnticket in die Hand drücken und ihn nach Eisenhüttenstadt schicken. Der Zug fährt etwa 10 Stunden, aus dem Fenster sieht er dieses satte, saubere und blühende Wunderland Germany. „Ich dachte, dass Deutschland eine zivile Gesellschaft sei, dass ich wie ein Mensch behandelt werden würde“, sagt er jetzt. Und freut sich auf Eisenhüttenstadt.

Aber dort macht er bald eine unangenehme Erfahrung: Afrikaner laufen Gefahr, verprügelt zu werden. Es war Abend, Tekere wartete im Bahnhof auf den Zug nach Frankfurt/Oder. Sie waren zu fünft, kamen lässig herbei geschlendert. Ein junger Mann fragte ihn auf Deutsch, was er in Deutschland wolle.

Agbor Tekere sagte auf Englisch, dass er nichts versteht. Da teilte ihm der Deutsche mit, dass Deutschland nur für Deutsche da sei. Dann tritt er zu, die anderen machen mit. Tekere fällt hin. Und auch als er auf dem Boden liegt, treten die Angreifer auf ihn ein. Der Asylbewerber kann schließlich aufspringen und läuft mit blutender Nase nach draußen. Er findet eine Telefonzelle, ruft eine Nummer an, von der er annimmt, dass es die Polizei ist. Doch Tekere wird mit dem Notarzt verbunden, der sich nicht zuständig sieht. Er sagt Tekere, dass er die Polizei anrufen müsse und legt auf.

Am nächsten Tag geht Agbor Tekere zur Caritas, schildert, was vorgefallen ist. Die Wohlfahrtorganisation schreibt jetzt einen Brief an die Polizei, berichtet über den Fall. Tekere wird vorgeladen, man zeigt ihm Fotos, er erkennt die Verdächtigen. Es kommt zum Prozess, die Schläger werden verurteilt.

Ein halbes Jahr später folgt der nächste Zwischenfall. Tekere wohnt in Rudersdorf. Ein Mann begrüßt ihn regelmäßig mit Hitlergruß, ruft vom Balkon herunter: „Hey Nigger, warum bist du in Deutschland?“ Eines Tages bleibt Tekere steht und fragt: „Bist du Nazi?“

Jetzt wird der Deutsche aggressiv, brüllt, dass er herunter kommen werde, um Agbor Tekere zu töten. Der rennt zur Polizei, die den Mann festnimmt. Der Mann wird zu 1000 € Strafe verurteilt, wegen des Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole.

Agbor Tekeres Asylantrag wurde längst abgelehnt, wegen schweren Leberschäden ist seine auf unbestimmte Zeit Abschiebung ausgesetzt.

Jetzt wohnt er in Friedrichhain. Dort wo, er sich nicht vor Nazis fürchten müsse, sagt er. Aber das Misstrauen ist geblieben, Weißensee ist nah. Neulich hat er sich auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz ein Diktiergerät gekauft. 5 € kostete das, die Batterieklappe fehlt. Das trägt er jetzt immer in seiner Anoraktasche mit sich herum. Wozu? Tekere zögert mit der Antwort. Falls er mal angepöbelt wird. Als Beweis, für später.

Fotos: Christian Reister

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