Freitag, 9. Februar 2007

Als der rote Stern unterging

1956 nimmt Antal Lux am ungarischen Aufstand teil.
Seit 1970 lebt der Künstler in Berlin und verarbeitet den Aufstand.


Antal Lux
Foto: Christian Reister

Eine schattenhafte Gestalt, die hastig über eine Art
Stacheldraht steigt, das Bild Stalins, halb von roten
Farbschlieren verdeckt, Panzer in den Straßen von
Budapest: den ungarischen Volksaufstand von 1956 hat
Antal Lux nie vergessen können. Im Atelier des 71-jährigen
Künstlers, am Kreuzberger Tivoliplatz, findet sich
das Thema mal offen, mal symbolhaft auf vielen Bildern
wieder.

Und die Farbe Rot ist überall zu sehen. "Rot ist
ein Symbol von Hass und Liebe", sagt Lux, beinahe
zwanghaft müsse er die Farbe benutzen. Und Rot war
auch der fünfzackige Sowjetstern, den sich der Ungar am
Morgen des 23. Oktober 1956 von der Soldatenmütze
reißt.

Als in Budapest der Aufstand ausbricht, schuftet der 21jährige
in einem Kohlebergwerk im südwestungarischem
Pécs: in einer Strafbataillon, denn Lux gilt als politisch
unzuverlässig. In tausend Meter Tiefe baut er zusammen
mit einem Hauer Kohle ab, und zwar in einem so genannten
"Vorbau": ein von der unteren zur oberen
Ebene gefrästes Loch, mit ca. 2 Meter Durchmesser.

Die Schicht beginnt um 4 Uhr morgens, dauert 10 Stunden.
Das Bergwerk gilt als eines der gefährlichsten in ganz
Ungarn. Schlagwetterexplosion, Wassereinbruch und
Grubeneinstürze sind keine Seltenheit. Vor Beginn der
Schicht erinnert ein Gefreiter, der die Aufsicht über das
Strafbataillon hat, die unfreiwilligen Bergleute regelmäßig
daran, dass der ungarische Soldat seine Arbeit als
Ehre und Ruhm betrachtet: "Es lebe der Sozialismus und
die uns liebende, ruhmreiche, uns befreiende große
Sowjetunion", hämmert er den Malochern ein.

Nach drei Monaten Schwerstarbeit, Antal Lux hat inzwischen
knapp eine Schlagwetterexplosion überlebt, bricht
in Budapest der Aufstand aus. Lux hat Nachtschicht und
als er in den Förderkorb steigt, herrscht der Sozialismus
noch unangefochten. Als er am Morgen des 23. Oktober
in der nass geschwitzten Arbeitsuniform aus dem Korb
steigt, empfängt ihn die Ablösung jubelnd, man ruft ihm
zu, dass in Budapest die Revolution gegen die herrschende
kommunistische Unterdrückung ausgebrochen sei.

Die Freude sei unbeschreiblich gewesen, sagt Lux: "Was
ich in diesem Augenblick erlebt habe, begleitet mich bis
heute. Plötzlich löste sich der graue schmutzige Schleier
der ein Jahrzehnt lang über uns schwebte." Während die
Soldaten, die sich inzwischen den roten Stern von der
Mütze gerissen haben, feiern, fahren zwei LKWs mit
einem Trupp in Ledermantel gekleideter
Geheimpolizisten. Sie sind mit Maschinengewehren
bewaffnet, umzingeln die Feiernden.

Der Anführer der Geheimpolizei, die Pistole in der Hand
befiehlt, dass alle, die sich den roten Stern abgerissen
haben, zur Seite treten sollen. Als alle zur Seite treten,
liegt Spannung in der Luft. "Es hätte sein können, dass
sie uns alle erschießen", erinnert sich Lux. Aber dann
geschieht doch nichts, nach etwa zwei Stunden verschwinden
die Ledermäntel in aller Eile: "Vielleicht
haben sie gemerkt, dass in Ungarn die Revolution siegt."
Als der neue Revolutionär Lux dann mit seinen
Kameraden in die Kaserne zurückkehrt, haben die bereits
die Kontrolle übernommen und die wichtigsten öffentlichen
Gebäude in Pécs besetzt.

Bis zum 4. November glaubt Lux, dass der Volksaufstand
erfolgreich gewesen ist. Aber dann rücken sowjetische
Panzer in die Stadt ein. Noch heute empört den Künstler,
dass die Rotarmisten mit weißen Flaggen in die Stadt
gekommen seien und behauptet hätten, über Pécs nur das
Land verlassen zu wollen. Stattdessen übernehmen sie
die Kontrolle über die öffentlichen Gebäude, größtenteils
ohne Widerstand. Auch die Kaserne, wo Lux kaserniert
ist, wird von den Rotarmisten umstellt. Ein "fescher
Oberst mit rotem Haar" organisiert die Verteidigung der
Kaserne, lässt einen Graben ausheben und ein
Maschinengewehr am Eingang aufstellen.

Aber noch ehe der Graben fertig ist, "war der Oberst verschwunden:
er hatte die Hose voll", erinnert sich Lux
heute etwas amüsiert. Vielleicht hat der Oberst aber auch
nur erkannt, dass die Lage ausweglos ist: mit einem einzigen
Schuss könnten sich die Rotarmisten nämlich
einen Weg in die Kaserne bahnen. Ein Zugführer befiehlt
schließlich die Flucht über eine Steinmauer ins nahe
gelegene Mecsek-Gebirge. Mit leichten Waffen und
Granaten bepackt schleicht sich Antal Lux nachts an den
Sowjetpanzern vorbei.

Im Gebirge angekommen, verschanzen sich die Ungarn
in einem alten Steinbruch. Hier sammeln sich immer
mehr Aufständische, ein Gewerkschaftshotel auf einem
Gebirgskamm dient als Hauptquartier. In der folgenden
Nacht fährt am Eingang des Steinbruchs ein erster Panzer
auf, im Mondlicht steigen zwei Soldaten aus, wollen das
Gelände erkunden. Der Truppführer befielt "Feuer", Lux
wirft Granaten. Und der Panzer schießt "aus sämtlichen
Rohren zurück", tritt schließlich den Rückzug an.

Am nächsten Tag kreist ein Flugzeug über dem
Steinbruch. Lux glaubt, dass es ein Späher der
Amerikaner sei, hatten diese doch über den Radiosender
"Voice of America" den aufständischen Ungarn Hilfe
versprochen: "Nur deshalb haben wir ja den Widerstand
aufrecht erhalten", sagt Lux jetzt. Bis also die lang
ersehnten Amerikaner kommen, gilt es auszuharren.

Antal Lux wird dann zur Verteidigung eines Bergpasses
abkommandiert, wo sich ein altes gemauertes Steintor
befindet, das "Pécsi kapu". Dort haben bereits zahlreiche
Soldaten und Zivilisten Stellung bezogen. Statt
Amerikaner kommen jedoch die bekannten
Sowjetpanzer den Bergpass entlang gefahren. Lux nimmt
hinter einem Felsen Platz, entsichert die
Maschinenpistole und beginnt zu schießen, während die
Panzer immer näher kommen.

Granaten und Kugeln fliegen über Köpfe der
Aufständischen hinweg, Felssplitter reißen Wunden in
Luxens Hände; die Narben sind noch heute sichtbar. Als
die Panzer nahe genug heran gekommen sind, um
Granaten werfen zu können, greifen die Ungarn damit
an. Aber: die Grananten, aus rumänischer "also sozialistischer
Produktion taugten nichts", so Lux. Entweder
explodieren sie überhaupt nicht oder erst nach 30
Minuten. Dennoch werden erste Erfolge erzielt, ein
Panzer bleibt liegen, andere fangen durch die selbstgebauten
Molotowcocktails Feuer.

Dennoch geht das Trommelfeuer der Russen weiter. "Ich
merkte, dass mein Mut mich langsam verließ, rückte
automatisch immer weiter weg von meiner Stellung." In
etwa 50 Metern Entfernung erblickt Lux eine in Stein
gehauene Inschrift. Angst, Übermüdung und
Halluzinationen hätten ihn damals "fast verrückt
gemacht." In der Inschrift entziffert er "Antal Lux 21
Jahre alt, am 5. November 1956 den Heldentod gestorben."

Die funktionstüchtigen Panzer ziehen sich zurück, "aber
nicht weil die Russen klein beigeben hätten, sondern um
sich für einen neuen Angriff vom nahegelegenen Wald
aus neu zu formieren." Und wenn die Russen von dort
angriffen hätten, dürfte vom Steinstor nicht viel übrig
geblieben sein, vermutet Lux heute. Auch Munition ist
nicht mehr sehr reichlich vorhanden und die Amerikaner
sind immer noch nicht in Sicht.

Deshalb flieht Antal Lux mit vier Kameraden über
Schleichwege aus dem Gebirge. Das Ziel ist Budapest,
wo der Jungrevolutionär seine Mutter wiedersehen will.
Sein Vater ist bereits 1948 an einer in sowjetischer Haft
zugezogenen Herzkrankheit gestorben. Nach 10 Tagen
gelangen die Revolutionäre nach Budapest, wo Lux seine
Mutter wiedersieht. Inzwischen wird der 21-jährige allerdings
von der Staatssicherheit gesucht: als
Fahnenflüchtiger - und als ein solcher gilt Lux, sowie als
Beteiligter am Aufstand, hat Lux nicht sonderlich viel
Gutes zu erwarten. Zudem "hatte ich vom Sozialismus
genug. Dieses Regime hat meine Jugend verdorben und
meine Zukunft sabotiert".

Antal Lux, der schon früh künstlerische Neigungen hatte,
durfte nämlich im sozialistischen Ungarn, da er als "politisch
unzuverlässig" galt, nicht an der Kunstakademie
studieren. Nach dem Abitur verdiente er sich, Ironie des
Schicksals, seinen Lebensunterhalt mit dem Malen von
Stalin-Portraits und dem Pinseln von Losungen, die den
Aufbau des Sozialismus rühmen.

Lux verlässt jetzt so schnell als möglich Budapest,
mit dem Ziel Österreich. Seine Mutter, die Anfang der 80er
Jahre stirbt, wird er 11 Jahre lang nicht wiedersehen. Bis
Lux dann Anfang Dezember 1956 die österreichische
Grenze in Nähe des Neusiedlersees überquert, hat er
noch einige Abenteuer zu bestehen, die in der Rückschau
spannend klingen, für den Flüchtling ging es aber "um
Leben oder Tod."

Damals flüchteten etwa 300.000 Ungarn über die Grenze
nach Österreich, die inzwischen immer dichter von
Rotarmisten bewacht wird. Lux wird schließlich mit
anderen Flüchtenden von einer russischen Patrouille
festgenommen. Nur mit Hilfe ungarischer Soldaten, die
ihm erlauben, in einem unbewachten Augenblick auf
einen Lastwagen aufzuspringen, gelangt er in Nähe der
Grenze. Hier baut er sich ein Floß aus Schilfrohr und
überquert bei Dezemberkälte einen Kanal, um nach
Österreich zu gelangen.

Als letzen Gruß aus dem Ostblock schickt ihm ein
Grenzsoldat von ungarischer Seite noch eine
MP-Salvehinterher, als er im neutralen Österreich an Land kriecht.
Dort empfängt man ihn "überschwänglich", erinnert sich
Lux heute, erhält die lang entbehrte Schokolade zugesteckt
und Wiener Würstchen. Man quartiert ihn mit
anderen Ungarnflüchtlingen im ostösterreichischen
Eisenstadt ein, Lux beginnt einen Deutschkurs, versucht
sich einzuleben. Doch er zieht bald nach Deutschland
weiter, nach Stuttgart, wo er ein Studium der Malerei
und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden
Künste in Stuttgart beginnt.

1965 schließt Lux sein Studium ab und arbeitet eine Zeit
lang als Kunstlehrer. Gleichzeitig arbeitet er als freier
Künstler, verarbeitet seine Erlebnisse während des
Aufstandes von 1956. Seit Anfang der 70er Jahre lebt
Antal Lux in Berlin. Damals stellte er in einer Galerie
aus, "und alle 32 Graphiken wurden verkauft."
Inzwischen arbeitet Antal Lux neben der Malerei auch
als Videokünstler, hat zahlreiche internationale Preise
gewonnen und 1993 an der XLV. Biennale in Venedig
teilgenommen. Thema seines Beitrages: "Flucht und
Fremde."

Auch im Erinnerungsjahr 2006 hat sich Lux mit seinem
Lebensthema befasst. In dem 15-minütigen Kurzfilm
"Spuren" sucht er die Einschusslöcher an den Orten der
Kämpfe, filmt die Gräber der Revolutionsführer auf der
Parzelle 301 im Budapester Gefängnis Köbanya und
montiert die verwackelten Filmaufnahmen der
Straßenkämpfe zu einem audiovisuellen Panoptikum des
tragisch gescheiterten Aufstandes.

Dass in Ungarn die alten Seilschaften aus den Zeiten des
"Gulaschkommunismus" noch immer existieren und dass
man an manche Themen besser nicht rührt, das hat Antal
Lux unlängst selbst erfahren. Bei der Vorbereitung zu
einer Ausstellung in einer ungarischen Stadt, an der
neben Lux auch andere Künstler teilnehmen sollten,
erhob der Veranstalter, die Stadtverwaltung, Einspruch
von zu expliziten Werken, die sich mit dem Thema
Aufstand 1956 und der Verdrängung individueller Schuld
befassen. Was ihn jetzt bei den ganzen Gedenkfeiern, vor
allem in Ungarn störe, so Lux, "das ist, dass jetzt alle
schon 1956 mit gekämpft haben wollen."

Stahlparade von Antal Lux
Antal Lux: "Stahlparade" (Elektrografik)

http://www.antallux.de/

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