Freitag, 19. Oktober 2007

Der Saitenspringer

1938 emigriert Hellmut Stern von Berlin nach China. 1961 kehrt er in seine Heimat zurück und wird Geiger der Berliner Philharmoniker. Begegnung mit einem leidenschaftlichen Kosmopoliten

(Jüdische Allgemeine, 18. Oktober 2007)

Saraswoti, die Göttin der Musik und der Weisheit, lächelt asiatisch-unergründlich. Sie steht mit einem Saiteninstrument in den Händen, 25 Zentimeter hoch und aus Holz geschnitzt, auf Hellmut Sterns Konzertflügel. „Die habe ich mal in China gekauft“, sagt der 79-Jährige und streichelt mit der rechten Hand liebevoll über das polierte Holz der Göttin. „Schön, nicht?“ Der pensionierte Orchestergeiger hat ein Faible für asiatische Kulturen. Er verdankt ihnen sein Leben. „Als mein Vater 1935 verzweifelt versuchte, mit uns aus Berlin rauszukommen, hat nur die Mandschurei uns ein Visum gewährt“, erzählt er. „Und da haben wir überlebt.“

In Hellmut Sterns Wohnung im bürgerlichen Berlin-Charlottenburg sucht man deshalb auch vergebens Anzeichen, dass hier ein Musiker wohnt. Zwar steht im Salon der Flügel, doch nirgends sieht man einen Notenständer, keine Geige liegt herum, keine Musikerporträts hängen an den Wänden. Und die Musikanlage mit der umfangreichen CD-Sammlung ist in einem Erker untergebracht, wo sie nicht auffällt. Was stattdessen auffällt, das sind die vielen Dinge asiatischer Herkunft. Zahlreiche chinesische Vasen sind in der ganzen Wohnung verteilt, filigrane chinesische Kommoden stehen vor Wandbehängen, die kunstvolle Schriftzeichen, Kraniche und Kirschbäume zeigen.

Noch immer fühlt Hellmut Stern eine große Verbundenheit mit China. Elf Jahre hat er dort gelebt und spricht die Sprache fließend. Gerne gibt er eine Kostprobe – und die hört sich ziemlich „chinesisch“ an. Heimisch hat er sich dort aber nie gefühlt. Dazu sei ihm die Kultur zu fremd gewesen, sagt er. In Israel, wo er sich 1949 niederließ, hätte er leben können, doch sein Vater wollte in die USA, wo er glaubte, als 70-Jähriger bessere Beraufsaussichten zu haben. 1956 zog dann auch Hellmut Stern in die USA. Bis 1961 lebte er dort. Aber heimisch fühlte er sich auch dort nie. 1961 engagierten ihn die Berliner Philharmoniker, und Stern merkt, als er wieder mit seiner Frau und der Tochter Alina in Berlin lebt, dass er nur hier zu Hause ist. „Berlin, dit is meene Heimat“, sagt er mit einem breiten Lächeln.

1928 wurde er in Berlin geboren. Sein Vater verpasste die Geburt, weil er abends als Wahlhelfer für die SPD beschäftigt war, Reichstagswahlen. Und die NSDAP hat an diesem Tag „ordentlich Federn gelassen“, freut sich Stern noch heute diebisch. Sein Vater arbeitet als Gesanglehrer, doch der Familie geht es wegen der Wirtschaftskrise finanziell schlecht. „Wir hatten nichts außer unserer Leidenschaft für die Musik“, erzählt er. Über die Mutter ist Stern übrigens mit dem Berliner Konzertimpresario Hermann Wolff verwandt, der einer der Initiatoren der Berliner Philharmoniker war. Bei den Sterns spielte Musik schon aus Familientradition eine große Rolle. Der kleine Hellmut selbst erhält ab dem fünften Lebensjahr Klavierunterricht, mit sieben kommt die Geige dazu.

Ein Jahr nach Hitlers Machtantritt kommt Hellmut Stern in eine jüdische Volksschule. Das Judentum spielt für die Sterns nur eine untergeordnete Rolle. „Wir haben die jüdische Religion aus kultureller Tradition geachtet, die großen Feiertage mitgemacht. Und jeder Schabbat war natürlich ein Feiertag, aber das war’s auch schon“, erinnert er sich. Die Sterns fühlen sich als Deutsche, beziehen die damals beginnende Hetz-Propaganda deshalb auch nicht auf sich. „Wie so viele Berliner Juden glaubten wir, das richte sich gegen die Ostjuden aus dem Scheunenviertel – ein verhängnisvoller Irrtum, wie ich heute weiß.“

Der kleine Hellmut, der mit seinen blauen Augen und den damals noch blonden Haaren als „Arier“ gilt, rennt dann auch den SA-Aufmärschen hinterher, hält den Musikern sogar die Noten. „Die Nazis machten schon gute Musik. Diese Blaskapellen und Märsche, einfach großartig!“ Ebenso großartig wie Wagner übrigens, sagt er und gibt zu bedenken, dass die Juden ja schon immer die größten Anhänger von Wagner gewesen seien. „Seine Musik hat eben etwas Sinnenbetäubendes, Berauschendes“, sagt Hellmut Stern. Er selbst hält es wie sein Vater, der Wagner als Menschen verachtete („ein antisemitischer Lump“), zwischen Kunst und Person aber zu unterscheiden wusste.

Wagners Kunst, den ganzen „Ring“ hat Stern übrigens in den 80er-Jahren komplett mit den Berliner Philharmonikern eingespielt. Mit Herbert von Karajan am Pult, dem großen Wagner-Verehrer und einstigen Mitglied der NSDAP. Karajan war im Übereifer des Opportunisten sogar gleich zweimal in die Partei eingetreten: Im Mai 1933 in Ulm und 1935 in Aachen. Nach dem Krieg wurde Parteigenosse Nr. 3.430.914 dann aber als „Mitläufer“ eingestuft und galt später, mit wilder Tolle, Starallüren und schwarzem Rollkragenpullover als größter Dirigent aller Zeiten. Dass er einst Oratorien uraufführte („Feier der neuen Front“), zu denen beispielsweise ein Baldur von Schirach den Text geliefert hatte, und dass Hitler den begabten Dirigenten 1939 zum „Staatskapellmeister“ ernannte, ist heute vergessen. An seinem Ruf hat es schon zu Lebzeiten nicht gekratzt.

Als Hellmut Stern 1961 bei den Berliner Philharmonikern engagiert wurde, wusste er nichts von Karajans Vergangenheit. Er hatte zunächst auch einen guten Eindruck von Karajan. Als er dann später von dessen Vergangenheit im Dritten Reich erfährt, hat er sich schon längst ein Bild von Karajan gemacht: das eines skrupellosen Opportunisten, der alles opfern würde, nur um Karriere zu machen. „Insofern hat mich seine Nazi-Vergangenheit nicht verwundert. Ich
wusste aber, dass er kein Nazi war, er war völlig unpolitisch. Außerdem war Karajan ja zu Nazizeiten mit einer „Halbjüdin“ verheiratet, tut das ein Nazi? Nein.“

Karajan war auch das größte Hindernis bei der Verwirklichung eines seiner sehnlichsten Wünsche. Seit den 60er-Jahren hatte Hellmut Stern immer wieder versucht, mit den Philharmoniker in Israel aufzutreten. „Ich wollte unbedingt mit dem Orchester da runter, weil dort viele einstige Berliner Abonnenten wohnten.“ Doch in Israel war man aus verständlichen Gründen nicht an dem einstigen Parteigenossen Karajan interessiert, der ein Orchester dirigieren würde, das von den Nazis instrumentalisiert worden war. Als Herbert von Karajan dann 1989 starb, fiel das größte Hindernis weg – Hellmut Stern konnte mit den Philharmonikern 1990 in Israel auftreten. 1993 kehrte er noch einmal zurück. Dann wurde er zu seinem Bedauern pensioniert.

Zunächst ist Hellmut Stern der Gedanke an ein Leben ohne das Orchester unerträglich. Doch bald ist er in so vielfältige Aktivitäten eingebunden, dass der Ruhestand zum „Unruhestand“ wird. Er tritt der SPD bei, sitzt als Beirat in Musikstiftungen, verfasst seine Memoiren, die unter dem Titel Saitensprünge – Erinnerungen eines Kosmopoliten immerhin schon acht Mal aufgelegt wurden. Auch tritt er als Zeitzeuge in Schulen auf. Hellmut Stern hat keine Hemmungen, sogar mit jungen Rechtsradikalen zu diskutieren. „Ich glaube, dass man junge Verführte nicht sich selbst überlassen darf. Man muss mit ihnen reden, muss quasi in Form eines ‚Anschauungsunterrichts‘ mit ihnen über das Judentum, die Nazis und die Schoa reden.“

Im September 1998 lädt ihn ein Sozialarbeiter nach Königs Wusterhausen ein, wo ihn 30 junge Skins in einem verräucherten Klubhaus erwarten. „Auf den Knien der kahlrasierten Jungs saßen deren Freundinnen. Sie schmusten miteinander. Meine Gegenwart störte sie nicht im Geringsten“, erzählt Stern amüsiert. Er stellt sich vor, sagt, dass er Jude sei und dass er wisse, hier vor einer Gruppe Antisemiten zu stehen. „Ich sagte ihnen dann, dass ich sicher sei, dass sie noch nie einen Juden gesehen hätten. Nun wolle ich ihnen einen präsentieren.“

Hellmut Stern erzählt den Skins dann sein Leben, wobei er absichtlich berlinert. Er unterstreicht, wie sehr sich die Juden mit der deutschen Kultur identifiziert hätten, sagt, dass Hitler doch dem deutschen Volk am meisten geschadet habe. Worauf es dann zu einer überraschenden Bemerkung aus dem Publikum kommt: „Ach wat, Hitler war doch’n Arschloch.“ Was Stern dann noch mehr verblüfft, ist die einhellige Zustimmung aus dem Publikum. „Stellen Sie sich das vor: Nazismus ohne Hitler!“, ruft er jetzt aus. Im Laufe der Veranstaltung wird er sogar noch zu hören bekommen, dass er doch gar kein Jude sei: „Du bist doch eener von uns, du bist doch’n Deutscher!“

Leider muss Hellmut Stern aber auch feststellen, dass die jungen Rechten bei ihrem Ausländerhass keine Abstriche machen. „Sobald es um Asylbewerber ging, waren die zum Überdruss bekannten Parolen und Teilwahrheiten zu hören. Mit Argumenten war dem nicht beizukommen.“ Dennoch will Stern weiter mit Rechten diskutieren. „Wenn ich nur einen überzeugen kann, habe ich etwas erreicht.“

Beim Abschied fällt der Blick noch einmal auf den Konzertflügel, wo die Göttin Saraswoti weiter lächelt. „Sie können Sie gerne mal in die Hand nehmen“, sagt Hellmut Stern. Das Holz fühlt sich wirklich gut an, glatt poliert. Neben der Statue steht ein Porzellanteller mit einem Bild der Harbiner Synagoge, in der Stern einst seine Bar Mizwa feierte. Von den Chinesen werde man in Zukunft noch viel hören, glaubt Stern. Auch musikalisch.

Samstag, 6. Oktober 2007

Von der Straße in die Manege

Wie ein Zirkus Neuköllner Grundschülern hilft, Vertrauen aufzubauen und was das mit einem friedlichen Miteinander zu tun hat

Circus Mondeo
Fotos: Christian Reister


(Berliner Morgenpost/Welt am Sonntag, 07.10.07)

Kalif und Baku, die beiden Zirkus-Kamele, sitzen am Rand der Manege und blicken gelangweilt ins Publikum. Dass Fakir Hadi jetzt mit nackten Füßen und konzentriertem Blick auf einem Haufen scharfer Glasscherben steht, interessiert sie nicht. Hadi hebt einen Fuß, setzt ihn wieder ab, hebt ihn wieder, setzt den anderen ab und zeigt theatralisch, dass ihm die Scherben nichts anhaben können. Stolz lächelt der neunjährige Junge zu seinem Vater herüber.

Mohammed El Ahmet klatscht in die Hände. Rund zwei Stunden lang hat der Libanese interessiert, aber auch etwas ratlos in die Manege geblickt, in der die Klassenkameraden seines Sohnes Hula-Hoop-Reifen kreisen ließen, mit Tellern, Ringen und Bällen jonglierten, Clownerien zeigten, am Trapez-Kunstfiguren turnten oder rasselnd bauchtanzten. Jetzt sieht El Ahmet endlich seinen Sohn und er sagt, dass er "sehr, sehr stolz" sei.

Auch Gerhard Richter ist stolz, als der Applaus für die Fakire Hadi, Altanar, Emre und Sven losbricht. Zuvor waren die Schüler mit zwei Kamelen und drei Lamas, auf denen orientalisch geschmückte Klassenkameradinnen saßen, in die Arena gekommen, hatten sich mit nacktem Oberkörper auf den Haufen Glasscherben gelegt oder waren mit den Füßen drüber gelaufen - ohne dass ein Tropfen Blut geflossen wäre. "Das haben die toll gemacht", sagt Richter jetzt, "wie Profis."

Der 48-jährige ist Direktor des Zirkus Mondeo. Er trägt einen blauen Frack mit Goldlitzen, die blonden Haare sind verschwitzt, die Lackschuhe sind vom Manegensand verstaubt, doch sein Lächeln bleibt stets makellos. Gerhard Richter stammt aus einer Berliner Artistenfamilie. Sein Zirkus ist Familie: die fünf Kinder turnen selbst in der Kuppel, die Schwester hilft beim Trainieren, die Tante sitzt an der Kasse, seine Frau kümmert sich um den Haushalt.


Circus Mondeo


In Richters Zirkus machen nicht ausgebildete Artisten das Programm, sondern Neuköllner Grundschüler. Woche für Woche empfängt er in Britz-Süd Schulklassen, um sie nach einem kurzen Training - eine Woche lang pro Tag zwei Stunden - für Manegen-Auftritte fit zu machen. Das Neuköllner Quartiersmanagement erwartet sich viel von Richters Zirkus-Zauber. Er soll verhindern, dass die Situation an den Schulen im Neuköllner Norden noch schlechter wird, als sie ohnehin schon ist. Seit dem Start des "Mitmachzirkus Neukölln" im Sommer 2006 traten schon 4000 Grundschulkinder auf. Bis 2008 wird das Programm laufen, bis dann sollen alle Grundschüler Zirkusluft geschnuppert haben. Das Quartiersmanagement verspricht sich davon Stärkung von Selbstvertrauen, Wecken von Kreativität und Entdecken der eigenen Fähigkeiten. Und es geht um Toleranz.



Circus Mondeo

Zur Aufführung sind an diesem Samstagnachmittag etwa 160 Eltern, Geschwister und Freunde der Grundschüler (60 Prozent haben Migrationshintergrund) gekommen. Den Anfang macht Dana, Richters heutige Assistentin, die tapfer gegen das Lampenfieber ankämpft. Dann stürmt, begleitet von viel Kunstnebel, Hengst Goa in die Manege. Er dreht im grellen Spotlicht einige Runden, dann zeigt die elfjährige Angelina, was sie ihm beigebracht hat. Sie gibt Goa, dem sie gerade Mal bis zum Oberschenkel reicht, den Befehl, mit den Vorderhufen auf ein Podest zu steigen und bei durchgedrückten Beinen den Kopf unterhalb die Podestkante zu senken - der macht es prompt. Zum Schluss nickt Goa, als sich Angelina mit einem Lächeln zum Applaus verbeugt, mehrmals mit dem Kopf - und frisst dann sein Belohnungs-Leckerei.

Gerhard Richter steht währenddessen am Manegenrand. "Super hast du das gemacht, Angelina", ruft er. Man müsse immer wieder Feedback geben, deutlich machen, dass alles bestens laufe. "Für Angelina ist es das erste Mal überhaupt, dass sie im Rampenlicht steht. Ein Pferd wie Goa zu handhaben, stärkt enorm das Selbstvertrauen." Überhaupt kann Gerhard Richter die Schüler der Karl-Weise-Grundschule gar nicht genug loben. Sie hätten Außergewöhnliches geleistet.

Doch Richter ist kein Schönredner, er erzählt auch von den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat. Mangelnde Körperbeherrschung, Disziplinlosigkeit oder Hunger. Manchmal kommen Kinder mit knurrendem Magen zum Zirkustraining. Gegen den Hunger schmiert seine Frau einen Berg Brötchen, gegen mangelnde Köperbeherrschung hilft nur viel Aufmerksamkeit und Eingehen auf die Schwächen und Stärken der Kinder. Gerhard Richter weiß aber auch, dass er in zehn Stunden Probenzeit keine Artisten-Wunder vollbringen kann - aber das sei auch nicht beabsichtigt, sagt er. Während der Aufführung leistet er mit seinen drei Trainern Hilfestellung und bügelt kleine Patzer aus. Richters Trainer gehören ebenfalls zur Zirkus-Familie. Es sind seine zwei Söhne und die älteste Tochter. Julia Richter steht in der Manege, von der Zirkuskuppel hängt das Trapez. Die 24-Jährige hilft einem Mädchen auf den Holm. Es spreizt die Finger, während sich an ihren Beinen ein anderes Mädchen festhält. Langsam, begleitet von Céline Dions "Titanic"-Song, fährt das Trapez fünf Meter in die Höhe. Konzentration, Körperbeherrschung und Vertrauen, all das sei am Trapez wichtig, sagt Julia Richter. "Der unten hängt, muss sich drauf verlassen können, dass er vom Anderen mit festgehalten wird - bisher hat das immer geklappt."

Annette Große, Deutschlehrerin an der Karl-Weise-Grundschule, sieht in dem Zirkus-Projekt einen nachhaltigen Effekt: "Die Kinder reden noch monatelang über das Erlebte." Außerdem versuche die Lehrerschaft mit Fotowänden in den Schulfluren bei den Kindern die Erinnerung wach zu halten. Das Wichtigste sei, dass die Kinder aus dem Schulalltag herauskämen, "dass sie sich selbst in einem anderen Licht sehen und einmal Aufmerksamkeit erhalten." Annette Große sagt, dass sie erstaunt sei, schon nach einer Woche derartige Fertigkeiten zu sehen, eine andere Lehrerin fügt hinzu: "Ich glaube, wir trauen den Kinder manchmal auch zu wenig zu."


Circus Mondeo

Seinem Sohn würde Mohammed El Ahmet alles zu trauen. Er steht nach der Fakir-Schlussnummer draußen. Sein Kopf verschwindet fast hinter einem Berg Zuckerwatte, die sein Vater gekauft hat.

Immer wieder will Mohammed El Ahmet von ihm wissen, wieso er denn unverwundbar gegen das scharfe Glas gewesen sei. Doch Hadi grinst nur, sagt dass er eben ein Fakir sei. "Geheimnis", ruft er. Ehe er geht, gibt er aber dann doch "der Zeitung" das Geheimnis preis. "Aber nicht weitersagen" verlangt er. Versprochen.

Samstag, 29. September 2007

Jureks Witwe

Er schrieb "Jakob der Lügner" und erfand "Liebling Kreuzberg". Er war einer der größten Schriftsteller, die Berlin hatte. Heute wäre Jurek Becker 70 Jahre alt geworden. Eine Begegnung mit seiner Witwe Christine

(Berliner Mogenpost, 30.09.07)

Christine Becker
Fotos: Christian Reister


Jurek Beckers Schreibtisch steht noch immer an seinem alten Platz. Unverrückt und mit Blick über die Dächer von Steglitz, im Dachgeschoss einer gelben Stadtvilla. Einst schrieb der Autor hier seine Romane und Drehbücher, nun sitzt an der Stelle seine Witwe Christine Becker und verwaltet den Nachlass, umgeben von Fotokopiestapeln, Briefen und druckfrischen Büchern. Es sind die Neuerscheinungen zu Jurek Beckers 70. Geburtstag. Den hätte er heute feiern können, wenn er nicht vor zehn Jahren an Krebs gestorben wäre.

Über die neuen Bücher - eine Extraausgabe seines großen Romans "Jakob der Lügner" und ein Band mit Aufsätzen und Interviews - hätte sich Jurek Becker sicher gefreut. Auch wenn er den eigenen Geburtstag ja eigentlich nie gefeiert hat: "Der wollte nie Wirbel darum", sagt Christine Becker, 47. Geschenke hat sie ihm aber trotzdem stets gekauft, und sie lächelt, wenn sie davon erzählt. "Einmal war's eine braune Lederreisetasche, dann eine wissenschaftliche Gesamtausgabe von Heinrich Kleist - er hat sie wahrscheinlich nie gelesen."

Christine Becker war 12 Jahre mit dem Autor verheiratet. Sie ist ein herzlicher, aufmerksamer und höflicher Gesprächspartner, spricht ohne Pause, aber nicht zu schnell, so dass man ihr gerade noch folgen kann. Sie hat in diesem Jahr schon oft über Jurek Becker gesprochen, öfter als sonst. Denn 2007 ist inoffizielles "Jurek-Becker-Jahr": Zum einen jährt sich der zehnte Todestag, zum anderen der 70. Geburtstag. Zu beiden Gedenktagen fährt sie ans Grab in Sieseby im Norden von Schleswig-Holstein. Dort wird sie auch heute sein, um Blumen auf sein Grab zu legen. Auch das Jahr über bringt sie immer wieder Blumen und freut sich, dass dort oft schon Sträuße liegen, die Besucher mitgebracht haben. "Die Menschen haben Jurek also nicht vergessen."

Als sie 1983 zu einer seiner Lesungen ging, kannte sie noch keine Zeile von ihm. Dabei war Becker schon damals ein bekannter Autor. 1937 als Kind jüdischer Eltern in Polen geboren, überlebte er als kleiner Junge das KZ und wuchs in der DDR auf. Bis 1977 hat er dort gelebt, in seinen Romanen über jüdisches Leben nach dem Holocaust ("Bronsteins Kinder") und über das Leben in der DDR ("Irreführung der Behörden") geschrieben. Christine Becker, damals noch Christine Niemeyer, war damals 22 Jahre alt, Tochter eines Verlegers aus Tübingen und lernte in Frankfurt Verlagsbuchhandel. Eigentlich haben sie Lesungen noch nie sonderlich interessiert, doch ein Dozent empfahl ihr, sie solle doch einmal bei Jurek Becker vorbeischauen. Also ging sie hin, nahm sich aber vor, sofort zu gehen, wenn ihr der "Typ" nicht gefallen sollte. Da saß sie dann in der hintersten Reihe, im beigefarbenen Trenchcoat, die rote Handtasche griffbereit, bereit zum Sprung zur Tür hinaus.

Jurek Becker, damals 45, kam mit eiligem Schwung auf die Bühne, zog gleich das Jackett aus und krempelte sich die Ärmel hoch. "Das war ziemlich ungewöhnlich für einen Schriftsteller." Aber Jurek Becker hatte eben keine Allüren und suchte die Nähe seiner Zuhörer. Die Art, wie er aus einem seiner Romane vorlas, gefiel ihr dann aber nicht so sehr: "Monoton und stinklangweilig." Aber sie blieb. Vor allem, als ihr bewusst wurde, dass Becker mit Absicht derart monoton vorlas. "Er wollte lieber mit seinem Publikum diskutieren und deshalb die Lesung von der Diskussion klar trennen." Nach der Lesung stürzte Jurek Becker dann auf die junge Dame mit der roten Tasche zu und fragte, wie es ihr gefallen hätte. Sie sei ihm gleich in ihrer Ecke aufgefallen, bekannte er ihr später. Für ihn war es Sympathie auf den ersten Blick - bei ihr auch. Seit dem Abend sind sie zusammen, sie zieht zu ihm nach Westberlin, drei Jahre später heiraten sie.

Während Jurek Becker unter dem Dach über seinen Manuskripten sitzt, macht Christine Becker ihren Studienabschluss und versucht später ebenfalls Geld zu verdienen. Sie will nicht von ihrem Mann abhängig sein. Also schreibt sie Drehbücher, weil sie findet, dass das Vorabendprogramm zu niveaulos ist. Leider werden "die Dinger" zwar verkauft, aber nicht produziert. Währenddessen schreibt Jurek Becker weiter unterm Dach als Drehbuchautor mit der ARD-Serie "Liebling Kreuzberg" Fernsehgeschichte. Er unterstützt sie zwar, indem er sie ermuntert und ihr sagt, dass sie das "Zeug zum Drehbuchschreiben" hätte, doch klaut er gerne auch Ideen und rechtfertigt sich mit einem dezenten Macho-Hinweis: "Wer verdient denn bei uns das meiste Geld?"

Das sei aber sein einziger Ausfall gewesen, erinnert sie sich: "Er verdiente zwar das Geld, ging aber auch einkaufen und kochte für uns." Als sie dann das Drehbuchschreiben bleiben ließ und eine Universitätskarriere anstrebte, kündigt sich das erste Kind an. (Jurek Becker hatte aus erster Ehe bereits zwei Söhne: Nikolaus und Leonhard). Jonathan (oder "Johnny") ist heute 17, hat bisher noch kein Buch seines Vaters gelesen - was aber kein Desinteresse sei: "Er denkt, dass, wenn er jetzt schon alles vom Vater liest, in der Zukunft nichts mehr über ihn zu entdecken gäbe."

Für Christine Becker sieht die Zukunft wohl so aus, dass sie sich weiter um Jurek Beckers Werk und Nachlass kümmern wird. Wenn das Bonmot des französischen Dramatikers Sacha Guitry stimmen sollte, dass ein Schriftsteller zwar viele Frauen heiraten könne, bei der Wahl seiner Witwe aber vorsichtig sein sollte, dann hat Jurek Becker es genau richtig gemacht: Christine Becker ist Literaturwissenschaftlerin und bereitet seinen literarischen Nachlass kompetent auf. So hat sie in den vergangenen Jahren in aufwendiger Kleinarbeit Jurek Beckers Briefe ausfindig gemacht und herausgeben und den jetzt erschienenen Band mit den Aufsätzen zusammengestellt ("Mein Vater, die Deutschen und ich"), unzählige Lesungen absolviert und immer wieder Briefe beantwortet. Im Oktober wird sie sogar in die USA fliegen, um dort an amerikanischen Universitäten Vorträge über Jurek Becker zu halten.

Auch ohne die Nachlassarbeit würde kein Tag vergehen, an dem sie nicht irgendwie an ihn denkt, meint sie. Und dass man das nicht mit Rückwärtsgewandtheit verwechseln solle, sie lebe seit acht Jahren in einer glücklichen Beziehung. Jurek Becker sei ganz natürlich präsent in ihrem Leben, "einfach dadurch, dass ich mit vielen meiner Freunde über ihn rede, weil die ihn auch kannten. Jeder sucht die Gelegenheit, um über ihn zu reden. Und wenn möglich, über seinen legendären Humor zu lachen." Denn Jurek hätte keine weihevolle Tragik gewollt, wenn man nach seinem Tod über ihn gesprochen hätte, erzählt sie.

Tragisch war aber der Januar 1996, als bei Jurek Becker ein fortgeschrittener Krebs diagnostiziert wurde. Damals sei, auch wenn der Ausdruck abgedroschen klinge, eine Welt zusammengebrochen. Bei einem Krebs, wie Jurek Becker ihn hatte, betrug die Lebenserwartung statistisch ein Jahr. Das hätte Jurek aber nicht interessiert, erzählt Christine. "Jurek hat gesagt, dass er nicht an Statistiken glaubt. Er hat immerhin etwas überlebt, was statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich war: das KZ." Also arbeitet er weiter an seinem nächsten Romanprojekt, versucht die qualvollen Nebenerscheinungen der Chemotherapien zu ignorieren.

Anfang März 1997 fahren die Beckers dann nach Sieseby, wo sie damals ein kleines Landhaus besaßen. Und dort stirbt Jurek Becker, ganz friedlich und im Schlaf. Auf dem dortigen evangelischen Friedhof liegt er begraben. Kurz vor seinem Tod hatte Christine Becker den jüdischen Friedhof in Weißensee als Grabstätte ins Gespräch gebracht.

"Aber das wollte er nicht, Jurek war ja sein ganzes Leben lang in keine Synagoge gegangen und außerdem erklärter Atheist", erzählt sie. Welche Rolle spielte dann überhaupt das Judentum für Jurek Becker? "Es war ihm selbst ein Rätsel", sagt sie. Er habe sich immer dagegen gewehrt, als Jude bezeichnet zu werden nur weil seine Eltern Juden waren. "Das wollte er selbst bestimmen. Auch wenn er zugegeben hat, dass die jüdische Kultur ihn tief beeinflusst hat." Gab es dennoch etwas typisch Jüdisches an Jurek Becker? Vielleicht, sagt Christine Becker, seine Art, mit Menschen umzugehen, der schwarze Humor, das Frotzeln mit Freunden und die Selbstironie. All das fehlt ihr noch heute.

Donnerstag, 20. September 2007

"Jesus hat mich berührt"

Zu Besuch bei einer Kirchengemeinde mit türkischen Mitgliedern. Sie alle waren früher Muslime.

(Rheinischer Merkur, 19.09.07)

In der Timotheus Gemeinde
Fotos: Christian Reister


An der Fensterscheibe ziehen sich kalkige Schlieren entlang, verlaufen über dem Schild, das unübersehbar hinter der Scheibe angebracht ist: „Türkische Christen Berlin“. Die Scheibe gehört zu einer Ladenwohnung in einer zugigen Durch-fahrtstraße im Berliner Migrantenbezirk Wedding. Gerhard Denecke*, 45, taucht einen gelben Schwamm in einen Eimer, wringt ihn aus und putzt damit die Scheibe. „Das mache ich leider immer mal wieder“, sagt er dann mit einem leicht ratlosen, aber freundlichen Lächeln. Die Schlieren seien Spucke, erklärt er. Immer wieder spuckten Passanten gegen die Scheibe. Denecke vermutet, dass es türkische Muslime aus dem Viertel sind. „Für die stellen wir eine Provokation dar“, erzählt er, während er einen Schritt zurückgeht und schaut, ob die Scheibe wieder glänzt. „Für die passt das nicht zusammen: Türke sein und Christentum.“

Gerhard Denecke, schwarzes Jackett, Vollbart, sächsischer Akzent, ist ehrenamtlicher Prediger einer kleinen Gemeinde türkischer Christen in Berlin. Seit dem Sommer 2006 treffen sie sich regelmäßig in der Weddinger Ladenwohnung. 40 Mitglieder, und alle waren früher Muslime. „In Deutschland kamen sie mit dem Christentum in Kontakt, ließen sich taufen und beten nun das Vaterunser auf Türkisch“, erzählt der Prediger. In seiner Gemeinde gibt es sowohl den klassischen Gastarbeiter als auch Türken der zweiten und dritten Generation. Bei vielen führte die Unzufriedenheit mit dem Islam zur Annäherung an das Christentum, vermutet Denecke. „Die finden im Koran einfach nicht, was sie spirituell suchen.“

Experten schätzen, dass es in Deutschland etwa 5000 Menschen gibt, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. In Berlin sind es wohl ein paar hundert. Genauere Zahlen gibt es nicht. Neben Deneckes Kreis türkischer Christen trifft sich in Berlin eine Gemeinde arabischer Christen, die einst muslimisch waren, sowie eine Gemeinde iranischer Christen, die von einem Prediger geleitet werden, der als Konvertit im Iran nur knapp dem Tod entronnen ist. Sie alle wollen nicht, dass über sie im Detail berichtet wird. „Zu gefährlich“, heißt es bei den arabischen Christen. Die Iraner geben an, dass sie den Geheimdienst ihres Landes fürchten. „Es muss leider alles im Verborgenen bleiben“, sagt der Pastor am Telefon.

Im Koran heißt es in Sure 4,89 über diejenigen, die abfallen: „Tötet und ergreift sie, wo immer ihr sie findet.“ Die Sure müsse man im geschichtlichen Kontext bewerten, meint die Islamwissenschaftlerin Johanna Pink von der Freien Universität Berlin. „Die Sure bezieht sich auf kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu Lebzeiten des Propheten.“ Bestraft werden solle nur derjenige, der gewaltsam gegen den Islam kämpfe, sagt die Expertin. In der klassischen Rechtslehre sei die Todesstrafe aber unter Berufung auf die Praxis des Propheten eindeutig die anerkannte Bestrafung, fügt sie hinzu. Bis in die heutige Zeit. „Da es im Islam aber keine oberste Instanz in Glaubensfragen gibt, ist der Islam offen für gemäßigte oder extremistische Interpretationen.“ In Ägypten hat der Fall des Konvertiten Mahmoud Hegazy die Autoritäten entzweit. Der Großmufti äußerte Verständnis, andere Gelehrte und der Religionsminister Mahmoud Hamdi Zakzouk forderten seinen Kopf.

Timotheus Gemeinde in Berlin

Gerhard Deneckes türkische Gemeindemitglieder, die nach und nach in die Ladenwohnung kommen und einander mit Wangenküssen begrüßen, haben genau vor dieser Interpretation Angst. Sie wollen deshalb auch weder fotografiert noch mit ihrem vollen Namen zitiert werden. Zwar ist bisher in Deutschland noch kein Fall bekannt geworden, in dem ein Konvertit tatsächlich umgebracht worden wäre, aber die Morde an den zwei türkischen Konvertiten sowie an ihrem deutschen Prediger in der Osttürkei im April haben gezeigt, was passieren kann, wenn sich Extremisten berufen fühlen, den „Willen Allahs“ zu vollstrecken.

Gerhard Denecke kannte eines der damals ermordeten Opfer, den 35-jährigen Necati Aydin. 1998 hatte er Aydin in der Türkei kennengelernt. „Wir hatten ein persönliches Verhältnis“, erinnert er sich. „Dem Mann war bewusst, worauf er sich einlässt, als er sich zu Jesus bekehrte und davon in der Türkei sprechen wollte“, erzählt er. Dass seine Gemeinde durch das dezente, aber doch sichtbare Ladenschild im muslimisch geprägten Viertel präsent ist, stellt für ihn keinen Widerspruch dar: „Wer uns finden will, der kann uns finden. Denn das wollen wir ja: Zeugnis von Jesus ablegen.“ Und er fügt an:„Wir vertrauen eben auf Gott.“

Die dunkle, leicht muffig riechende Ladenwohnung – im hinteren Lagerraum hinterließ ein Wasserschaden Wandmuster – hat sich gefüllt. Etwa zehn Gemeindemitglieder, Frauen und Männer, haben sich um einen großen Holztisch versammelt. An der Wand hängt ein großes Holzkreuz. Kerzen verbreiten warmes Licht. Türkischsprachige Gebetsbücher liegen aufgeschlagen. Denecke stimmt seine Gitarre. Die türkischen Christen greifen nach dem Gebäck und nehmen sich Schwarztee aus dem dampfenden Samowar auf dem Fensterbrett. Später werden sie Lieder singen, über Bibelstellen diskutieren und im gemeinsamen Gebet um Beistand in ihrem Alltag bitten. Für diese Christen ist der Glaube mehr als eine formale Kirchenzugehörigkeit: Sie wollen vielmehr lernen, wie sie ihren Glauben leben können, wollen sich zum Positiven verändern.

Währenddessen sitzt Aslan Özdemir auf einem abgeschabten Polsterstuhl im Hinterzimmer, ein dampfendes Teeglas in der Hand. Der stämmige, ruhige 23-jährige Deutschtürke ist Student, in Berlin-Kreuzberg geboren, sein Vater kam Ende der Sechzigerjahre als Gastarbeiter nach Berlin. An Religion habe er schon immer Interesse gehabt, sagt er. Früher habe er versucht, ein guter Muslim zu sein, so wie es ihm sein Vater vorgemacht habe. „Aber irgendetwas hat immer gefehlt“, meint er. Der Koran sei ihm stellenweise widersprüchlich vorgekommen. Allah habe ihn abgestoßen: „Er ist ein großer Herrscher, der irgendwo in der Ferne im Himmel thront. Er braucht dich eigentlich gar nicht. Und wenn er sich mit dir beschäftigt, dann nur, um dich zu bestrafen.“

Özdemir beschäftigte sich mit verschiedenen Religionen, las buddhistische Bücher, blieb beim Christentum hängen: „Die Bibel kam mir sehr stark vor, in sich schlüssig. Die Beziehung zu Gott ist sehr persönlich – und Gott liebt dich um deiner selbst willen, ebenso wie man ja seinen Nächsten lieben soll, ohne dass man etwas von ihm als Gegenleistung erwartet.“ Der Islam ist ihm eher egoistisch vorgekommen: „Auch wenn viele Muslime vordergründig gute Menschen sind, geht es immer nur darum, A zu tun, um B zu erhalten.“

Mittlerweile ist er Mitglied der evangelischen Kirche. Sein Pfarrer hat ihn im Wannsee getauft. „Das war ein bisschen wie zu Jesu Zeiten“, schwärmt er. Dass auch seine bis heute muslimische Schwester dabei war, ist für ihn ein kleines Wunder. „Für uns Türken ist die Familie das Wichtigste.“ Es war ein Schock für seine Familie, als er mitteilte, dass er Christ geworden sei. Allerdings brach niemand den Kontakt ab. Auch drohte ihm niemand, wie es häufig vorkommt, wenn Muslime den Glauben wechseln. So wie bei Sengül Kücük. Die 55-jährige Rentnerin – einst Gastarbeiterin der ersten Generation – sagt, dass sie gegen alle Widerstände Christin geworden sei. Sie sitzt neben Özdemir, hat ihm zugehört und hin und wieder mit dem Kopf genickt. Sie ist in einem kleinen Dorf in der Westtürkei aufgewachsen. „Ich habe Schlechtes erlebt“, erzählt sie. Der Stiefvater missbrauchte sie, mit 18 Jahren wurde sie zwangsverheiratet. Den muslimischen Glauben habe sie immer ernst genommen. „Ich habe alle Gebote eingehalten, Kopftuch getragen, fünfmal am Tag gebetet.“ Dennoch fühlte Sengül Kücük eine Leere. „Ich fragte mich, wer ich bin, wer mich eigentlich liebt, denn ich habe nur Gewalt erfahren.“

Ende der Sechzigerjahre will Sengül Kücük der Enge und der Armut ihres Dorfes entkommen. Sie geht nach Berlin, arbeitet in einer Fabrik. Nach einem Jahr kommt ihr Ehemann nach, sie bekommt einen Sohn. Doch der Mann schlägt sie, verspielt ihr hart verdientes Geld. „Mein Herz war damals wie ein Stein, ich konnte nicht lachen, nicht weinen. Und in meinem Innern war noch immer diese schreckliche Leere“, erzählt sie.

Vom Islam hatte sie sich innerlich immer mehr verabschiedet. „Im Koran ist keine Hoffnung, nur Bedrohung. Gott sieht alles, weiß alles, aber hilft er dir? Nein. Ich habe mich gefragt: Wo ist mein Platz in dieser Welt? Und der Koran sagt mir: unter dem Fuß des Mannes.“ Das will Sengül Kücük nicht mehr akzeptieren. In Deutschland sieht sie die selbstbewussten deutschen Frauen. „So wollte ich auch sein, mein Leben selbst bestimmen.“ Sengül Kücük verlässt nach einigen Jahren ihren prügelnden Ehemann, wendet sich auf den Tipp einer Arbeitskollegin hin an die örtliche Familienfürsorge. Die Sozialarbeiterin ist eine überzeugte Christin, die sich auch für Sengül Kücük engagiert. „Das war neu für mich. Ich kannte Deutsche nur als Ausnutzer“, erinnert sie sich. Ihre Betreuerin redet immer wieder von Jesus Christus. Doch Sengül Kücük hat erst einmal viele Bedenken gegen das Christentum, die sie noch aus ihrer muslimischen Umgebung kennt. Sie denkt, dass Jesus Christus ein eigener Gott sei, hält die Trinität für Vielgötterei und die Bibel schlichtweg für falsch. Doch sie fängt an, sich für den anderenGlauben zu interessieren, denn die Sozialarbeiterin ist so ernsthaft dabei, wenn es um ihr Schicksal geht, sie sucht immer nach einer Lösung. Und sie ist Christin. Sengül Kücük willigt schließlich ein, mit ihr zum Ostergottesdienst zu kommen.

Die feierliche Atmosphäre und das gleichberechtigte Nebeneinander von Männern und Frauen beeindruckten sie von Anfang an. „Und als der Pfarrer von Jesus gesprochen hat, gesagt hat, dass Jesus für alle Menschen gestorben ist, um ihnen Hoffnung zu geben, da hat mich das völlig umgehauen.“ Sie habe sich gefragt, ob das stimmen könnte, dass Jesus auch für sie gestorben sei, ob er auch mit ihr zu tun haben könnte, erzählt Sengül Kücük. „Jesus hat am Kreuz auch für mich gelitten, 2000 Jahre vor meiner Geburt. Das hat mich berührt.“ Sie beginnt nach jenem Gottesdienst, in der Bibel zu lesen. Heute sagt sie, dass ihr die Botschaft von Jesus, seine Lehre von Liebe und Vergebung dabei geholfen habe, den inneren Hass zu besiegen, den sie damals auf die Menschen gehabt hätte.

1976 lässt sie sich taufen und tritt in die evangelische Kirche ein. Ihre türkische Verwandtschaft ist entsetzt. Ihre Mutter sagt ihr am Telefon, sie sei nicht mehr ihre Tochter und dürfe nicht mehr über die Schwelle ihres Hauses treten. „Sie hat mich gefragt, was ich von diesem schwachen Mann Jesus erwarten würde, dem sein Gott nicht helfen konnte und der deshalb gestorben ist.“ Doch Sengül Kücük bleibt bei ihrer Entscheidung. Sie sei immun gegen alle Widerstände gewesen, sagt sie. Auch als ihre türkischen Freunde sie nicht mehr besuchten und nicht mehr einluden. „Ich kann wieder lachen, weiß, wer ich bin, dass ich geliebt werde, eine gute Zukunft habe“, sagt sie. Sengül Kücük freut sich, Christin geworden zu sein: „Ich habe etwas Besseres gefunden.“


Donnerstag, 5. Juli 2007

Heimweh nach Berlin

Erwin Goldberg flüchtete 1938 nach Südamerika. Seit einigen Jahren pendelt er nun zwischen Buenos Aires und Berlin

(Jüdische Allgemeine, 19. August 2007)

„Senior Goldberg“ ist wieder da. Der Besitzer des spanischen Spezialitäten-Geschäfts in der Westberliner Kantstrasse freut sich. Eben ist ein mittelgroßer, rüstiger Herr mit einem freundlichen Lächeln in sein Geschäft gekommen – Erwin Goldberg. Der 93-jährige Rentner lebt gerade wieder einmal für drei Monate in Berlin – in der Stadt, in der er einst geboren wurde und die er 1938 unter abenteuerlichen Umständen verlassen musste.

Damals flüchtete Erwin Goldberg vor einer drohenden Gestapo-Verhaftung nach Argentinien, „ohne eine einzige Mark, ich hatte nichts weiter als meine Erziehung“, erzählt er mit heiserer Stimme und nasalem Tonfall, während er zwischen spanischen Weinflaschen, Würsten und Gebäck nach Mate-Tee sucht. Goldberg, der noch 1935 eine Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar beenden konnte und auch am bekannten Sternschen Konservatorium Gesang studiert hatte, unterrichtete damals in der neuen Heimat an einer Urwaldschule, träumte von Berlin, hoffte, dass er eines Tages zurück kehren würde. „Ich hatte ein solches Heimweh, das glauben Sie gar nicht!“

Als er 1945 von den KZs erfährt und dass sein Bruder in Auschwitz ermordet wurde, schwor er sich aber „nie wieder auch nur einen Fuß nach Deutschland zu setzen.“ Bis 1972 hat er seinen Schwur gehalten. Er wird Argentinier, heiratet, arbeitet als Lehrer und singt daneben als hauptamtlicher Kantor in einer Synagoge in Buenos Aires. Im Sommer 1972 lag dann eines Tages ein Brief aus Deutschland im Briefkasten. Absender: die Berliner Senatskanzlei.

Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz lud ehemalige jüdische Bewohner Berlins auf eine einwöchige Reise ein. Damals war Erwin Goldberg 60 Jahre alt. Er habe lange überlegt, mit Freunden diskutiert und schließlich „das Ganze als eine Geste der Versöhnung begriffen“, sagt er. Er könne verzeihen, aber nicht vergessen, fährt er dann nachdenklich fort. „Aber alles was ich in der Emigration geworden bin, verdanke ich meiner deutschen Erziehung, wie könnte ich da die Deutschen hassen?!“

Als er dann in Berlin-Tegel aus dem Flugzeug steigt, da habe er gewusst, dass er hier immer noch zu Hause sei. „In Berlin wurde ich geboren, hier habe ich gelernt und die besten Lehrer gehabt. Hier habe ich gelitten“, erzählt er. Wie im Fieber habe er damals die Stätten seiner Kindheit, gesucht, sei über den Kurfürstendamm flaniert. Und er fährt auch einen Tag „rüber“, in die DDR. „Diese Atmosphäre von Polizeistaat hat mich ganz stark an Nazi-Deutschland erinnert.“

rschüttert habe er auch vor den Ruinen der Synagoge in der Oranienburgerstrasse gestanden, wo er einst Albert Einstein Geige spielen sah und mit Leo Baeck Gottesdienste bestritt. Während des Besuchs erhält Goldberg das Angebot als Musiklehrer an einer Weddinger Grundschule zu unterrichten. Er nimmt das Angebot an, lässt sich nach 35 Jahren Exil wieder in Berlin nieder und wird sogar noch mit 64 Jahren zum Beamten ernannt. „Einmalig in der gesamten Geschichte der BRD“, erklärt er nachdrücklich. Gleichzeitig hilft er auch in Synagoge in der Pestalozzistrasse als Kantor aus: „Immer wenn Not am Mann war haben die mich geholt.“

1996, vor elf Jahren ist Erwin Goldberg dann wieder nach Buenos Aires zurück gekehrt. Seine Frau sei nie richtig in Berlin heimisch geworden. „Sie vermisste das offene Herz der Menschen.“ Und wenn Erwin Goldberg ehrlich ist, dann ging ihm das ein wenig ähnlich. „Wenn ich in Argentinien Freunde sehen möchte, dann gehe ich einfach vorbei. Hier muss ich anrufen, dann blättern die erst mal in ihrem Terminkalender“, sagt er.

Damals dachte Erwin Goldberg, es sei ein Abschied für immer. „Aber man soll nie nie sagen. Berlin lässt keinen los.“ Deshalb kommt er auch, solange die Gesundheit mitspielt, jedes Jahr für drei Monate an die Spree. „Ich bin wie ausgehungert“, erklärt er mit leuchtend Augen. „Nach Theater, Musik und Kultur – das gibt es nur in Berlin.“Dieses Mal hat er übrigens auch seine Autobiographie mitgebracht. „Wirbelstürme des Schicksals“ heißt das Buch, das bei einem kleinen Hamburger Verlag erschienen ist.

2004 kam die auf spanisch geschriebene Originalausgabe heraus, die er als eine Hommage an seine neue Heimat Argentinien verstanden habe.Jetzt hat Erwin Goldberg das Werk ins Deutsche übersetzt. „Ich will mit meiner Lebensgeschichte zeigen, dass man immer Hoffung haben muss, die Zuversicht nicht verlieren darf“, sagt er. So sei er als Jude den Nazis entkommen, habe zwei schwere Krebserkrankungen überstanden. „Aber ich lebe noch – und Hitler nicht.“

Pasternaks ungebetene Gäste

Das Restaurant „Pasternak“ in Berlin ist häufig Ziel von Vandalismus. Steckt Antisemitismus dahinter?

(Jüdische Allgemeine, 25. Juni 2007)

Die zerstörten Blumenkübel wurden schon erneuert, ebenso wie die herausgerissen Pflanzen. Vergangene Woche, in der Nacht von Sonntag auf Montag hatte das russisch-jüdische Restaurant «Pasternak» in Berlin erneut ungebetene Gäste. Es ist schon das zehnte Mal. In den letzten zwei Jahren wurde an den Markisen gezündelt, die Sonnenschirme aufgeschlitzt und Säure auf Zierpflanzen gekippt. Inzwischen hat auch der Berliner Staatsschutz Ermittlungen aufgenommen, erste konkrete Hinweise gäbe es aber noch nicht, sagte ein Polizeisprecher.

„Ich habe wohl Feinde“, vermutet Ilja Kaplan mit einer Mischung aus Wut, leichter Resignation und ausgeprägtem russischem Akzent. Bisher hat er nie Anzeige erstattet, aber jetzt ist seine Geduld am Ende. Es ist Mittag. Kaplan, Besitzer des mondän-gediegenen «Pasternak», sitzt unter einer Markise im Schatten, ein Glas Wasser vor sich. „Immerhin lieben uns unsere Gäste“, sagt er dann und zeigt zufrieden um sich. Am Nebentisch spanische Touristen, unterhalten sich angeregt, essen russische Spezialitäten, trinken Wein. Zwei Tische weiter nippt eine elegant gekleidete Blondine an einen Kaffee, das Handy griffbereit.

Wer seine Feinde sind, darüber kann Kaplan nur mutmaßen. Er glaubt aber, dass es damit zusammen hängt, dass er Jude ist. „Ich habe keine Beweise, aber warum bin ich der einzige Gastwirt hier, dem das passiert?“, fragt er. Der 46-jährige gebürtige Moskauer betreibt seit 2002 im altbaugeprägtem, gehobenen Szeneviertel Prenzlauer Berg, rund zwanzig Meter von der Synagoge in der Rykestrasse entfernt ein Restaurant. 1990 kam Kaplan als jüdischer Kontingentflüchtling nach Berlin. Er habe schon immer aus Russland weggewollt, sagt er. „Antisemitismus, ganz schlimm.“

Und jetzt das. Sein Restaurant, das in vielen Touristenführer über Berlin steht, wird immer wieder Ziel von möglicherweise antisemitisch motiviertem Vandalismus. Mehr als 5000 € habe er schon für die Schäden ausgeben müssen. Kaplan schüttelt fassungslos den Kopf, streicht sich über die silbrigen Haare. Und was er überhaupt nicht versteht das ist, dass die Polizei, die in Rufweite, rund um die Uhr die Synagoge bewacht, nie etwas mitbekommt. „Verstehen Sie das?“

Zwanzig Meter weiter will man sich mangelnde Aufmerksamkeit nicht vorwerfen lassen. Der diensthabende Beamte sagt, dass er, falls er etwas Ungewöhnliches, auf einen Strafbestand hinweisendes sehen oder hören würde selbstverständlich die zuständige Kollegen von der Schutzpolizei in Kenntnis setzen würde. Zu recht weist der Beamte auch auf ein Detail des Ortes hin. Die Synagoge in der Rykestrasse grenzt an das Eckhaus, in dem sich das «Pasternak» befindet. Und das Restaurant befindet sich auf der entgegengesetzten Seite des Eckhauses. Ist also für die Beamten nicht direkt einsehbar.

Inzwischen hat sich auch der zivile Verantwortliche für die Sicherheit der Synagoge hinzugesellt. Er trägt ein lilafarbenes T-Shirt, federnde Turnschuhe und Goldkette – und am Gürtel einen schwer nach unten hängenden „Colt.“ Von dem Vandalismus-Anschlag Sonntagnacht hat er in der Zeitung gelesen. Und er findet, dass die Presse den Vorfall aufbausche. „Vor allem im Hinblick auf einen möglichen antisemitischen Vorfall, sag ich mal.“ Der Mann vermutet „ganz stark“, dass es verärgerte Straßenmusiker oder Zeitungsverkäufer gewesen seien, die von den Kellnern vertrieben worden seien. „Müssen Sie mal drauf achten, die laufen hier ständig rum!“

Von der These hält Ilja Kaplan, wenig später befragt, nichts. Den Straßenmusikern erlaube er vor dem Lokal zu musizieren, unterstreicht er. Für Kaplan ist der schlüssigste Beweis, dass er Opfer von Antisemitismus ist, dass in den anderen Bars und Restaurants seiner Strasse noch nie Vandalismus vorgefallen sei. „Fragen Sie da mal nach“, fordert er nachdrücklich.

Dort ist die Antwort tatsächlich einstimmig: Nein, es sei nie etwas passiert. Die Theorien wer die Vandalen-Täter bei Kaplan denn gewesen sein könnten sind dafür umso vielfältiger. Die Spannbreite reicht von G8-Gegnern, Jugendlichen, betrunkenen englischen Touristen, Touristen im Allgemeinen und Betrunkenen aller Art. Und vielleicht, munkelt einer, „ist das auch eine Auseinadersetzung unter Russen.“

Nur der Kellner des Restaurant «Kost.Bar», direkter Nachbar von Ilja Kaplan hält es für wahrscheinlich, dass es Neonazis gewesen sein könnten. „Die machen doch so etwas.“ Dann erinnert er sich amüsiert an eine Szene die er mal in der Oranienburgerstrasse gesehen hat. „Vor zwei Jahren sind da ein paar betrunkene Skinheads vor der Synagoge aufmarschiert, haben den Hitlergruß gezeigt. Aber auf der anderen Seite war eine große Türken-Gang. Die sind gleich rüber, haben die Skins verprügelt. Und die sind dann in die Synagoge geflüchtet.“ Dann überlegt er. Neonazis hat er hier in der Gegend aber eigentlich noch nie gesehen. „Das ist ein ganz relaxter Kiez.“

Montag, 11. Juni 2007

Das Rätsel

Jurek Becker und das Judentum - spielte es für den Schriftsteller eine Rolle?
Eine Begegnung mit
seiner Witwe Christine

(Jüdische Allgemeine, 24. Mai 2007)

Sein Schreibtisch wirkt, als ob er ihn gerade erst verlassen hätte und gleich wiederkehrte. Links stehen gerahmte Familienporträts und eine Kinderzeichnung, dazwischen mehrere antike Messinggewichte, rechts türmen sich beschriebene Schreibmaschinenseiten. Weitere Papiere liegen verstreut auf der Deckplatte des Möbelstückes, der mit geschnitzten Eichen- und Kastanienblättern verziert ist – Eiche altdeutsch.

„Der Schreibtisch ist ein eher hässliches Ding“, sagt eine jugendliche, 47-jährige Christine Becker mit einem breiten, warmen Lächeln. „Jurek hat das selbst gesagt, aber der Tisch stammte vom Vater.“ Der Schreibtisch steht in einem großzügigen Dachgeschoss, in seinem einstigen Arbeitszimmer. Warme Holztöne dominieren, viel Licht fällt durch die schrägen Fenster. Der Blick geht über die roten Ziegeldächer von Berlin-Steglitz. Eine Kastanie breitet ihre Zweige vor dem Fenster aus, erste Knospen sind schon zu erkennen.

An den Wänden: Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Sieben Reihen hoch, ordentlich geordnet. Unter anderen Proust, Kafka, Poe und der „Butt“ von Günter Grass. Etwas versteckt, in der hintersten Ecke ist ein Fach mit einer kleinen jüdischen Bibliothek belegt. Kaum 40 Bände sind es. Ein jiddisches Wörterbuch, die Sagen der Juden, die Chronik des Ghettos von Lodz und „Auschwitz - Zeugen sagen aus.“

Jurek Becker und das Judentum – das Verhältnis sei ihm wohl selbst ein Rätsel gewesen, meint Christine Becker. Sie sitzt jetzt auf dem Lehnstuhl, während der Fotographen sie ablichtet– mal ernst, mal lächelnd, in schwarzem Rollkragenpullover und ausgeblichenen Jeans.

In seinem letzten Interview vor dem Tod antworte Jurek Becker auf die Frage nach seinem Judentum: „Ich würde mit Ihnen zunächst über die Frage streiten, ob ich Jude bin oder nicht. Ich bin mir bewusst, dass das, was Sie Jude-Sein nennen, also die jüdische Kultur, in hundertlei Beziehung für mich eine Rolle gespielt hat.“

1937 wird Jurek Becker im polnischen Lodz geboren. Von 700 000 Einwohnern waren mehr als ein Drittel Juden. Der Vater Mieczyskaw Becker arbeitet als Prokurist und ist so genannter Drei-Tage-Jude: An den beiden Tagen von Rosch ha-Schana und eine Woche später am Tag von Jom Kippur, geht er in die Synagoge. Ansonsten gilt, was er in den 60er Jahren zu seinem Sohn gesagt hat: „Wenn es keinen Antisemitismus geben würde, denkst du ich hätte mich auch nur eine Sekunde lang als Jude gefühlt?“

Im September 1939 fallen deutsche Soldaten und die SS in Polen ein. Schon im November 1939 beginnt die Gettoisierung der Lodzscher Juden. Im Ghetto muss der kleine Jurek Zigaretten stopfen, wird nach der „Liquidation“ des Areals ins KZ Ravensbrück deportiert. Die Mutter stirbt 1945 im Lager, Vater und Sohn überleben die Shoah. Beide gehören zur „She´rit Hapleyta“, zu den rund 200 000 gerettete Juden Mitteleuropas.

Sie lassen sich in Ost-Berlin nieder. Der Vater meint, dass in dem Land, in dem der Antisemitismus die schrecklichste Form angenommen hatte, am gründlichsten beseitigt werden würde. Und die Sprache dieses Landes wird Jurek Becker erst jetzt, mit 8 Jahren lernen. Später, nach Abitur, NVA-Zeit und kurzem Philosophiestudium wird er in dieser Sprache Filmdrehbücher und Bücher schreiben. Seine Themen sind jüdisches Leben nach der Shoah, sowie das Leben im real existierenden Sozialismus. Dass den DDR-Oberen diese Beschäftigung wenig gefiel, belegen Beckers umfangreiche Stasi-Akten.

Eines seiner Bücher, Jakob der Lügner (1969), die Geschichte des Juden Jakob, der im Ghetto zum Lügner wurde, um den anderen Hoffnung zu geben, wurde bis heute in 20 Sprachen übersetzt. In einer Ecke des einstigen Arbeitszimmers stehen die verschiedenen Ausgaben – über einem Fach mit alten Spielzeugautos, die Jurek Becker ab den 80er Jahren zu sammeln begann. Dokumente einer Suche nach der Kindheit, die er nie hatte?

Jedenfalls, der „Jakob“ findet bis heute sein Publikum. Dieses Jahr seien schon etwa 10 000 Exemplare über die Ladentheke gegangen, sagt Christine Becker, während der Fotograph seine Kamera verstaut. „Das ist auch das Buch, das noch in 60 Jahren gelesen wird“, ist sie sich sicher. Immerhin ist es schon jetzt ein deutscher Klassiker.

Christine Becker kommt gerade aus New York. Ein Freund hat ihr eine Wohnung überlassen, sie wohnt auf der gutbürgerlichen Upper West Side. Sie bereitet einen Sammelband mit Beckers Aufsätzen vor. Erscheinen soll der Band im September. Dann, wenn der Schriftsteller 70 Jahre geworden wäre.

2007 ist also Becker-Jahr. Einmal der 10. Todestag, dann der 70. Geburtstag. „Wir haben lang überlegt, was wir groß feiern sollen“, erzählt Christine Becker. Natürlich habe man sich für den Geburtstag entschieden. „Ist einfach ein schönerer Anlass.“

Jurek Becker starb 59-jährig am 14. März 1997, in seinem Landhaus im schleswig-holsteinischen Sieseby. 18 Monate zuvor war bei ihm ein fortgeschrittener Darmkrebs diagnostiziert worden. Die Lebenserwartung betrug ein Jahr – statistisch. Was Jurek Becker aber nicht sonderlich interessierte. „Er hat gesagt, dass er nicht an Statistiken glaubt. Er hat immerhin etwas überlebt, was statisch gesehen sehr unwahrscheinlich war: Das KZ.“

Jurek Becker lässt sich operieren, unterzieht sich der Chemotherapie – und arbeitet weiter stoisch von 9h bis 17h. Er beklagt sich nicht über die Folgeschäden der Therapie wie Übelkeit, sondern macht sich Gedanken über seinen nächsten Roman. Arbeitstitel: „Der Bücherdieb.“ Zu Christine Becker sagt er: „Weißt, wenn ich sage, ich wollte noch so viel machen, wäre das eine Lüge. Wer sagt, dass es besser ist, mit 70 zu sterben als mit 60? Ich habe alles erreicht, was ich wollte.“

Anfang März 1997 fahren sie dann nach Sieseby. Hier wird er zwei Wochen später morgens nicht mehr aufwachen. „Er hat nicht sehr gelitten, das war alles ganz friedlich“, erinnert sich Christine Becker mit einem leichten Kloß im Hals. Auf dem dortigen evangelischen Friedhof liegt er begraben. Noch zu Lebzeiten hatte Christine Becker Weißensee ins Gespräch gebracht, wo der 1972 gestorbene Vater begraben ist. „Aber das wollte er nicht, er wollte am Wasser begraben liegen.“

Von dem Haus hat sie dann schweren Herzens getrennt. Aber jedes Jahr, am Todestag, fährt sie mit der Familie und Freunden wieder nach Sieseby. Dann erzählt sie ihm, was sie das Jahr über gemacht hat und wie sich der heute 16-jährige Sohn Jonathan entwickelt hat. „Der sagt dann immer, ich monologisiere vor mich hin“, meint sie schmunzelnd.

Dieses Jahr musste Christine Becker allerdings in New York bleiben. Am 14. März ist sie dann abends auf das Dach des Wolkenkratzers gegangen, Manhattan zu Füßen, den Blick auf das Lichtermeer und erzählte ihm das „Jahr.“

Wenn Christine Becker jetzt teilweise in New York lebt, dann liegt das an ihrem Sohn. Der hat sie vor einem halben Jahr vor vollendete Tatsachen gestellt. Er wolle von zu Hause ausziehen und nach England auf ein College, hat er ihr freundlich, aber bestimmt mitgeteilt. Jetzt studiert er tatsächlich auf einem College im südenglischen Cornwall.

Sie wollte nicht alleine in Berlin zurückbleiben, sondern auch irgendwo hin aufbrechen. Da traf es sich gut, dass sie gerade ein neues Projekt begonnen hatte – die Edition der Aufsätze. Zuvor hatte sie in langwieriger Fleißarbeit versucht, sämtliche Briefe, die Jurek Becker geschrieben hatte, ausfindig zu machen und in einen Sammelband zu editieren.

Zwei Jahre lang hat sie Hunderte von Personen angeschrieben, mancher Empfänger war verzogen oder verstorben. Bei der Arbeit sei ihr vor allem klar geworden, was es bedeute, ein gefeierter Schriftsteller zu sein, erinnert sich Christine Becker. „Ab Mitte der 80er Jahre wurde Jurek zum Gehetzten. Ständig wollten Leute etwas von ihm.“ Und der machte es sich zur Regel, jeden Brief zu beantworten.

2004 kamen die Briefe unter dem Titel Ihr Unvergleichlichen bei Suhrkamp heraus. Und Christine Becker ging auf eine Lesereise quer durch Deutschland, las mit großem Erfolg aus den Briefen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb damals, Jurek Becker zeige sich als ein mit großem Humor gesegneter Briefschreiber, mal schamhaft, mal liebenswürdig, mal Rabauke und immer hellwach.

Auf einer anderen Lesereise, es war 1983, da hat Christine Becker den Schriftsteller kennen gelernt. Jurek Becker war seit 1977 geschieden. Die beiden Söhne aus der ersten Ehe mit Rieke Becker sind heute auch schon über dreißig. Nikolaus, der älteste, ist Fotograf. Der jüngere, Leonard, hat eine eigene Firma, die Internetseiten gestaltet.

Christine Becker, gebürtige Tübingerin, lernte damals in Frankfurt an einer Verlagsbuchhandelsschule. Eigentlich ging sie nie auf Lesungen, doch ein Dozent empfahl ihr dringend den Autor. So ging sie hin. Und nahm sich vor, dass sie, sobald der ihr unbekannte Schriftsteller etwas Unsinniges sagen würde, gehen würde. Da saß sie dann in der hintersten Reihe, im beigenfarbenen Trenchcoat, die Handtasche griffbereit, „auf dem Sprung.“

Jurek Becker kam aufs Podium, zog das Jackett aus und krempelte sich die Ärmel hoch. Das fand sie einerseits merkwürdig, anderseits gefiel ihr das. „Das war so untypisch für einen Schriftsteller.“ Was ihr weniger gefiel, dass war die Art und Weise wie er aus einem seiner Romane vorlas. „Monoton, kurz gesagt, stinklangweilig.“

Dennoch blieb sie. Vor allem als ihr bewusst wurde, dass Jurek absichtlich so monoton vorlas. „Er wollte lieber mit seinem Publikum diskutieren und deshalb die Lesung von der Diskussion klar trennen.“ Nach Lesung und Diskussion stürzte Jurek Becker dann zu ihr hin, fragte sie wie es ihr gefallen hätte. Er hatte sie gleich bemerkt. Seit diesem Abend waren sie zusammen.

1984 fuhr Jurek Becker mit ihr auch erstmals nach Israel. Christine Becker nimmt ein großes, in weißes Kunstleder eingebundenes Fotoalbum hervor und blättert. Die Fotos sind schon verblichen, meistens ist sie zu sehen. Nur auf zwei Foto sieht man Jurek Becker. Auf der einen Aufnahme steht er an einer Telefonzelle, auf der anderen am Toten Meer, den Wind in den noch immer vollen Haaren, mit leicht melancholischen Becker-Blick.

Jurek Becker sei mit einer sehr kritischen Einstellung nach Israel gefahren, sagt sie jetzt nachdenklich. 1978 hatte er in einem Aufsatz davon gesprochen, dass sich im Nahen Osten Juden als Herrenmenschen etablieren würde – den Satz ließ er allerdings wieder streichen, als ihm israelische Überlebende der Shoah mitteilten, dass sie das ins Mark treffe.

In Israel fällt ihm dann besonders negativ auf, dass die Straßenschilder dreisprachig sind. Was ihn hier vor allem stört, ist die Reihenfolge: Erst in Hebräisch, dann in Englisch und schließlich in Arabisch. Anderseits imponiert ihm, wie die Siedler die Wüste erobern, wie sie mit viel Qual der Wüste etwas abgewinnen.

Für die Synagogen oder die orthodoxen Juden Israels hat er sich damals nicht interessiert. „Jurek war ja sein ganzes Leben lang nur einmal in einer Synagoge. Und außerdem erklärter Atheist“, erzählt Christine Becker. Deshalb hätte er auch entschieden jeglichen Versuch zurück gewiesen, ihn mittels jüdischem Religionsgesetz zum Juden wider Willen zu deklarieren.

Was war denn dann überhaupt jüdisch an Jurek Becker? Christine Becker meint, dass es eine bestimmte Art gewesen sei, mit Menschen umzugehen. „Zum Beispiel hat er mit seinem Sohn immer wie mit einem Erwachsenen gesprochen.“ Und dann war da sein schwarze Humor, das Frotzeln mit Freunden. Und die Selbstironie. All das fehlt ihr. Auch noch 10 Jahre danach.

Montag, 14. Mai 2007

Die Angst der Konvertiten

Christen, die einst Muslime waren, treffen sich auch in Berlin lieber im Verborgenen. Nach den Morden in der Türkei wächst die Angst.

(Tagesspiegel, 21. 04.07)

Georg Neumann* war zuerst wütend, nun trauert er. Der 46-Jährige ist Prediger einer Berliner Gemeinde türkischer Christen. Er kannte eines der jetzt in der Osttürkei ermordeten Opfer, den 35-jährigen Necati Aydin. 1998 hatte er Aydin in der Türkei kennengelernt. „Wir hatten ein persönliches Verhältnis“, sagt Neumann. „Dem Mann war bewusst, worauf er sich einlässt, als er sich zu Jesus bekehrte und davon in der Türkei sprechen wollte.“

Neumanns kleine Gemeinde türkischer Christen trifft sich seit Sommer 2006 regelmäßig in Kreuzberg. Dann feiern sie in einer Altbauwohnung Gottesdienst. Sie alle waren einst Muslime. In Deutschland kamen sie mit dem Christentum in Kontakt – und ließen sich taufen. Seitdem beten sie „Ey göklerdeki babemiz – Vater unser, der du bist im Himmel.“

Experten schätzen, dass es in Deutschland etwa 5000 Konvertierte gibt, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. In Berlin sind es ein paar hundert. Die Konversion stößt in der Familie zumeist auf heftige Ablehnung, bis hin zu völligem Kontaktabbruch. Besonders für die familienbewussten Türken ist das schwer erträglich. „Noch immer gilt leider die Gleichung, dass ein sogenannter echter Türke Muslim ist“, sagt Neumann, der Türkisch spricht und das Land am Bosporus oft bereist hat.

Seine Berliner Gemeinde hat zurzeit vierzig Mitglieder. Es fänden sich bei ihm sowohl der klassische deutsche Gastarbeiter als auch Türken der zweiten und dritten Generation, erzählt Neumann. Bei vielen führe die Unzufriedenheit mit dem Islam zur Annäherung an das Christentum. „Die finden einfach im Koran nicht, was sie spirituell suchen.“ Er erinnert sich an eine ältere Deutsch- Türkin, die in der Familie jahrelang vom Stiefvater missbraucht wurde.

„Sie sagte, der Hass habe sie aufgefressen.“ Dann sei sie durch Zufall in eine Kirche geraten. „Die Vorstellung, dass Jesus jeden einzelnen Menschen liebt und man den Nächsten lieben soll, hat sie völlig umgeworfen.“ Heute arbeitet die Frau zeitweise in der Türkei als Missionarin. Neumann ist froh, dass sie gerade in Berlin ist. Seit Mitte der 90er Jahre interessieren sich Türken häufiger für das Christentum – viele, ohne dann gleich überzutreten.

„Die Furcht der Leute vor Bestrafung war oft einfach zu groß“, sagt Neumann. Doch jetzt fühlten sie sich etwas sicherer, Deutschland werde als Rechtsstaat wahrgenommen. Seine türkische Gemeinde unterhält auch einen Internet-Blog. Dort findet er häufig Botschaften wie „Allah wird euch strafen, ihr dreckigen Ungläubigen“, „Christ sein bedeutet, jemanden nicht mehr als Menschen zu betrachten, die Menschlichkeit zu verlassen“ oder einfach: „Ihr seid Verräter am Türkentum.“

Der Glaubenswechsel ruft sowohl religiöse Eiferer als auch türkische Nationalisten auf den Plan. Erstere berufen sich auf den Koran. Dort heißt es in Sure 4,89 über diejenigen, die abfallen: „Tötet und ergreift sie, wo immer ihr sie findet“. Nach den Hadithen, der Überlieferung der Sprüche und Taten Mohammeds, heißt es zum Abfall vom Glauben: „Wer immer den Islam verlässt, tötet ihn.“

Johanna Pink, Islamwissenschaftlerin an der FU weist aber darauf hin, dass die Todesdrohung im Koran im Kontext der Sure verstanden werden müsse, der sich auf die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu Lebzeiten des Propheten beziehe. „Bestraft werden soll nur derjenige, der gewaltsam gegen den Islam kämpft.“ In der klassischen Rechtslehre sei die Todesstrafe dagegen unter der Berufung auf die Praxis des Propheten eindeutig die anerkannte Bestrafung, fügt sie hinzu.

„Allerdings“, schränkt sie ein, „gibt es heute eine Reihe von theologischen Gegenpositionen, die den Koran im Sinne einer umfassenden Glaubensfreiheit auslegen und die Gültigkeit der prophetischen Praxis für die heutige Zeit in diesem Punkt anzweifeln“. Da es im Islam keine oberste Instanz in Glaubensfragen gebe, sei der Islam offen für gemäßigte wie auch extremistische Interpretationen.

Genau davor fürchtet sich Thoralf Müller*. Auch er ist traurig und betroffen. Der 41-jährige Missionar kannte ebenfalls eines der Opfer, den deutschen Missionar Tilman Geske. „Das war ein guter Mensch“, sagt er. „Er hat sich die Verbreitung von Gottes Wort unter den Türken zur Aufgabe gemacht, jetzt hat er dafür bezahlt.“ Thoralf Müller hat es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, unter Muslimen das Christentum zu verbreiten.

Er ist Prediger eines kleinen Kreises von Christen in Berlin, die einst Muslime waren. Im Unterschied zu Georg Neumanns Gemeinde, die eher aus Deutschtürken besteht, finden sich bei ihm viele Asylbewerber aus arabischen Ländern. Andere kamen als Studenten her. Müller wäre es am liebsten, wenn man überhaupt nichts über ihn schreibt. Schließlich willigt er ein, aber: „Keine Namen, noch den Ort oder den Stadtteil, wo wir uns treffen.“

Er hat Angst. „Manche unserer Brüder und Schwestern trauen sich nicht einmal in Deutschland, zum Glauben zu stehen. Es bleibt alles im Verborgenen.“ Die Verborgenheit zieht auch Achmed Reza* vor. Der 56-jährige Deutsch- Iraner ist Prediger einer kleinen Gemeinde von iranischen Konvertiten, die sich in einer evangelischen Gemeinde irgendwo im Westen Berlins treffen. Den genauen Ort möchte er auf keinen Fall in der Zeitung lesen, ebenso wenig wie seinen Namen.

Er habe Angst vor dem iranischen Geheimdienst, sagt er. „Schließlich wird im Iran der Abfall vom Islam mit dem Tod bestraft.“ Reza konvertierte noch zu Schahzeiten im Iran zum Christentum. Durch das Regime unter Ayatollah Chomeini verfolgt, gelang ihm schließlich die Flucht nach Deutschland. Hier lebt er seit 18 Jahren, ist inzwischen auch eingebürgert. Bisher hat er noch keine Drohungen erhalten. Er führt das auf die große Diskretion zurück, mit der sich seine Gemeinde in Berlin trifft.

Mit Angst will er das aber nicht begründen, sagt er freundlich, aber bestimmt. „Nur mit Vorsicht.“Angst hat auch Georg Neumann nicht. „Ich vertraue auf Gott, ebenso wie meine türkischen Brüder und Schwestern.“ Ob das nicht blauäugig sei? Nein, nur Gottvertrauen, lächelt er. Diesen Sonntag will er einen Gedenkgottesdienst für Necati Aydin feiern.

Zweimal Leben

Fabian und Tobias sind schwul. Das zuzugeben war für den einen leicht und für den anderen eine Qual.

(
Tagesspiegel, 10. 05.07)

Sie war kein Junge. Daran lag es, dass es in seinem Bauch nie kribbelte. Fabian war 14, als er das kapierte. Er war mit seinen Eltern in Holland, Familienurlaub, ohne seine Freundin. Da sah er einen gleichaltrigen Jungen, spürte ein bisher nie da gewesenes Gefühl, fand ihn „süß“. Zunächst dachte er aber nicht im Traum daran, dass er ausschließlich auf Jungs stehen könnte. Es passierte auch nichts, er hatte ja auch noch die Freundin.

Erst, als er zurück in Berlin ist und sich trennt, eben wegen des Bauchkribbelns, da versteht er: An ihr ist nichts falsch. Aber ich stehe einfach auf Jungs. Das ist der Schlussstrich. Mit diesem Erlebnis ist auf einmal alles klar. Noch vor dem ersten Sex und vor der ersten großen Liebe sagt er es seiner Mutter, den Freunden in der Schule und der Familie. Keiner nimmt Abstand, ist pikiert oder sogar entsetzt.

Seine Mutter ist zwar traurig, dass sie keine Enkel haben wird, aber sonst hofft sie für ihn, dass er einfach glücklich wird. Egal, mit wem. „Meine Eltern hatten selbst genug schwule Freunde, für sie war Schwulsein nichts Abnormales“, erzählt er. Fabian ist heute 20 Jahre alt. Er sitzt auf einem schwarzen Ledersofa im Schöneberger Szenetreff Mann-O-Meter und trinkt Latte macchiato.

Hier arbeitet er als Jugendgruppenleiter, um anderen Jungs bei ihrem Coming-out zur Seite zu stehen. Er selbst ist ein Beispiel dafür, wie glimpflich ein Coming-out ablaufen kann – und wie verschieden die Reaktionen aufs Schwulsein sind, je nachdem, wo man lebt. Denn als Fabian 17 ist, beschließen seine Eltern, aus beruflichen Gründen nach Hessen zu ziehen. Bumms. Er landet in einem Kaff. Erzählt erst mal nichts, passt auf seine Blicke auf, denn er merkt, dass es hier anders zugeht. Einmal testet er die Reaktion einer Bekannten.

„Sie hat gesagt: Hör mit so etwas Ekligem auf.“ Das ist der einzige und letzte Versuch geblieben. Es folgt ein halbes Jahr ohne Offenheit, gute Laune und echte Freundschaft. Die Eltern merken das und erlauben ihm die Rückkehr nach Berlin, an seine alte Schule und in eine eigene Wohnung. Alleine, sie selbst bleiben in Hessen, der Beruf.

Hier verliebt er sich in einen Jungen, seinen ersten richtigen Freund aus der Schule und lebt eine neue Offenheit. An dem Pankower Gymnasium tuscheln mal die Achtklässler, fragen sich auf dem Schulhof, ob das nicht der Schwule sei – aber es gäbe keine echte Diskriminierung. Vielleicht auch, weil Fabian so selbstbewusst und stark auftritt. Der besondere Status, den er wegen seiner Sexualität innehat, stört ihn schon: „Mich fragen echt Mitschülerinnen, ob ich nicht ihr neuer schwuler Freund sein will“, erzählt er kopfschüttelnd. „Das ist ja schon fast positiv diskriminierend.“

Von Normalität ist er selbst an seinem Pankower Gymnasium noch weit entfernt. Gut, „wer will schon Durchschnitt sein?“, fragt Fabian. Aber für seine Sexualität, für die würde er es sich wünschen. „Warum gilt es heute immer noch als etwas Besonderes, wenn Jungs auf Jungs stehen?“ Das nervt ihn.

Bei Tobias war alles viel komplizierter. Als er 13 ist, verliebt er sich in seinen damaligen besten Freund, und anders als bei vielen anderen weiß er auch sofort, dass er ausschließlich auf Jungen steht. Doch damit beginnt sein persönliches Coming-out-Drama: Sein Vater ist Priester einer Freikirche im westfälischen Hagen, Schwulsein sieht der als eine schwere Sünde an. Tobias habe damals Gott um Beistand gebeten, erzählt er. „Und zwar täglich.“ Jeden Abend hat er vor seinem Bett gesessen und sich gewünscht, dass diese Gefühle verschwinden würden.

Doch das Beten hilft nichts.Dann probiert er es mit Frauen, ohne Gefühl. Er ist charmant, hübsch und kommt gut an. Mit 15 hat er seine erste richtige Freundin, mit der zweiten hat er seinen ersten Sex und im Hinterkopf immer wieder diesen Satz: „Ich bin schwul!“ Seine zweite Freundin hat das wohl auch gemerkt: „Sie fand, ich sei viel zu einfühlsam und aufmerksam“, sagt Tobias.

Er musste sich auch eingestehen, dass die Freundin recht hat und dass er nicht einfach den Schalter auf Heterosexualität umstellen kann.Wenn er von dieser Zeit erzählt, merkt man, dass sein Weg zu einem offenen, schwulen Leben schwer und zäh gewesen ist. Dieser Kampf hat ihn depressiv gemacht. Er hat mit 17 eine Therapie begonnen, denn das ewige Verstecken seiner Gefühle hat seine Kräfte schwinden lassen.

„Wir haben über sehr vieles gesprochen, aber im Kern ging es doch immer wieder um mein nicht ausgelebtes Schwulsein“, erzählt er, während er im Park der Schwarzschen Villa in Steglitz sitzt und Spaziergänger in der Frühlingssonne vorbeiziehen. Während der Therapie wird ihm auch klar, dass Homosexualität nicht heilbar ist. Bis dahin hat er geglaubt, dass es eine Krankheit sei. Wohl wegen seiner Erziehung.

Nach diesen schwierigen Jahren ohne Offenheit folgt dann mit 18 das eigentliche Coming-out. Er sagt es seinen Eltern. „Ich wurde ja zur Ehrlichkeit erzogen und wollte nichts mehr verbergen.“ Für die Eltern ist diese Offenbarung ein Schock. Die Mutter beginnt zu weinen. Der Vater sagt: „Das kann man mit Gottes Hilfe wegbeten.“ Tobias erzählt ihm nicht, dass er das schon vor Jahren probiert hat. Er liebt seine Eltern, und so lässt er seinen Vater in dem Glauben, er würde noch mal versuchen, „es wegzubeten“.

„Meine Eltern sind sehr konservativ in ihrem Glauben“, sagt Tobias. Er meint damit: Schwulsein ist undenkbar. „Für die gab es keinen Kompromiss. Homosexualität ist Sünde. Schluss. Aus.“ Doch ausgerechnet ein Bischof hilft Tobias. Der Vater bringt ihn dorthin, um von der Freikirche Unterstützung für seine Position zu bekommen. Doch der Bischof erklärt dem Vater, dass man Homosexualität nicht mehr als Sünde ansehe. Es gebe sogar Stellen in der Bibel, die dafür sprächen.

„Alles eine Sache der Interpretation“, erinnert sich Tobias.Aber auch das will der Vater nicht akzeptieren. Doch Tobias kann nicht länger Rücksicht auf seine Eltern nehmen. Es gibt viel Streit, Tobias hat keinen Bock mehr und zieht sich mehr und mehr zurück. Auf einem Jugendtag der Kirche lernt er endlich einen Jungen kennen. „Wir haben uns angesehen und wussten beide von einander, dass wir schwul sind.“

Aus diesem flüchtigen Blickkontakt wurde sehr rasch sein erster Freund. Nach vielen Telefonaten und Treffen wurde klar, es ist ernst. Von einem Tag auf den anderen ist Tobias dann aus dem beschaulichen Hagen zu seinem Freund in die Nachbarstadt gezogen. Die Befreiung sei das gewesen. Irgendwann später kann auch der Vater es annehmen. Die Eltern recherchieren, denken nach, und eines Tages wurde ihnen dann doch klar, dass Homosexualität weder Krankheit noch Sünde ist.

Sie suchen das Gespräch mit ihrem Sohn. Am Ende umarmt der Vater Tobias. Tobias und sein Freund ziehen nach Berlin, um endlich das nachzuholen, was er in seiner frühen Jugend verpasst hat. Er ist jetzt 20 Jahre alt. Im letzten Jahr hat er einen Platz für ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten in Frohnau bekommen. Ein Jahr Berlin, und doch, Tobias geht nach Hagen zurück: „Ich habe dort einen Ausbildungsplatz ab Herbst.“

Und jetzt klingelt sein Mobiltelefon, die 83-jährige Großmutter aus Hagen ist am Apparat. Sie habe ihn übrigens immer unterstützt, sagt er später. Während mit den Eltern Eiszeit herrschte, hat sie ihn aufgemuntert und gesagt: „Bring doch mal deinen Freund mit.“ Den darf er heute übrigens auch mit zu seinen Eltern bringen.

Samstag, 21. April 2007

Geigen gegen die Gewalt

Der Bildungssenator will die Existenz der musikbetonten Schulen sichern. Denn gemeinsam musizieren hilft gegen Aggression

(Der Tagesspiegel, 17.04.07)

Mit konzentriertem Gesichtsausdruck stehen Assmaa (9) und Selen (10) in der Aula der Fritzlar-Homberg-Grundschule in Tiergarten. Zwischen Kopf und Schulter haben sie sich die Geige geklemmt, mit der linken Hand greifen sie in die Saiten, mit der rechten führen sie gekonnt den Bogen. Letzte Woche spielten sie für Eltern, heute sind die 200 Schulkameraden dran.

Angelika Maillard-Städter ist zufrieden. Die beiden Schülerinnen Assmaa und Selen zeigen zusammen mit dem Schulorchester, was sie sich in den vergangenen Monaten hart erarbeitet haben. Und es klingt gut. Maillard-Städter ist Musikfachleiterin der Grundschule im Lützowkiez. Die Schule ist eine von 15 Berliner Grundschulen, die sich ein musikbetontes Profil gegeben haben.

Seit Jahren fürchten diese Schulen um die Erhaltung dieses speziellen Profils. Im Fall von Maillard-Städters Schule verlängerte der Landesschulrat im Jahr 2006 bei der anstehenden Neubeantragung der Mittel nicht wie gewohnt um sechs Jahre, sondern nur noch um drei Jahre. Die Wochenstundenzahl wurde reduziert. An der Fritzlar-Homberg-Grundschule waren es früher 109 Stunden, heute sind es 84.

Nun können die Schulen aufatmen: Ursula Meierkord, in der Senatsbildungsverwaltung zuständig für die musikbetonten Schulen, sagt, dass es auf jeden Fall weitergeht. „Die Senatsverwaltung hatte zu keinem Zeitpunkt vor, die Berliner Musikbetonung zu streichen. Am Fortbestand der Musikbetonung kann kein Zweifel bestehen“, sagte sie.

Grund für die diesmalige kurze Laufzeit sei das neue Schulgesetz. Die Profile der Schulen müssten auf eine andere formale Basis gestellt werden. Die soll bis zum Ende des Schuljahres 2008/09 gefunden sein. Vor allem in sozialen Brennpunkten sollen Schüler die Chance haben, kostenlos ein Instrument zu lernen, sagte Meierkord.

Der Lützowkiez wird durch Drogen, Straßenprostitution und Kriminalität mitgeprägt. Die Grundschüler kommen aus 26 Nationen, rund 90 Prozent aus Einwandererfamilien. Trotzdem sei die Atmosphäre ganz gut. „Wir haben deutlich weniger Aggression als an anderen Schulen“, sagt ein Sportlehrer.

Das könnte auch am Musikschwerpunkt liegen. Den gibt es an der Fritzlar-Homberg-Schule seit 1976. Zurzeit üben 260 Schüler in 20 Musik-Arbeitsgemeinschaften zweimal die Woche. Die Eltern zahlen dafür rund 15 Euro im Jahr. Das ist der Preis für die Versicherung der Instrumente.

Assmaas Eltern zahlen die 15 Euro gerne. Das Mädchen zupft verlegen an seinem Kopftuch, der Geigenkasten steht neben ihm. Die Schülerin sitzt nach dem Konzert im Musikraum der Schule und möchte erklären, warum sie die Geige mag. „Die Töne gefallen mir“, sagt sie in perfektem Deutsch. Sie übt regelmäßig zu Hause. Ihrer Mutter gefällt es auch, der Vater motiviert sie.
Neben ihr sitzt Selen. Auch sie spielt Geige – und sagt, dass sie durch das Musizieren gelernt habe, dass man auf andere hören müsse. „Sonst klingt es nicht schön.“Draußen wartet ihre Mutter.

Vergangene Woche saß Nermin Savas im Publikum, sah ihre Tochter auf der Bühne und war stolz. Neben ihr saß eine türkische Mutter. „Da stimmten alle Klischees: Die konnte kaum Deutsch, trug Kopftuch. Aber als ihre Tochter Geige spielte, da hat sie vor Rührung geweint“, sagt Nermin Savas.

Sie hält das Musikkonzept der Schule für wichtig, denn nur so kämen ausländische Familien mit europäischer Musik in Verbindung. Mit Musik könne man Gewalt vorbeugen, sagt Angelika Maillard-Städter. Während türkisch- und arabischstämmige Gangs in anderen Kiezen Krieg spielten, spielten sie hier zusammen ein Konzert.

Zaid (14) trommelt und spielt seit vier Jahren Gitarre. Er sagt, wenn er früher Frust hatte, dann sei die Aggression gestiegen. Jetzt könne er sich besser beherrschen.
Was Lehrer wie Angelika Maillard-Städter und Schüler wie Zaid erfahren, das will auch der Frankfurter Musikpädagoge Hans Günther Bastian in einer 1998 durchgeführten Studie festgestellt haben.

Über sechs Jahre hinweg untersuchte er an 180 Grundschülern von sieben Berliner Schulen, ob intensive Musikerziehung die Entwicklung von Kindern positiv beeinflusst. Sein Fazit: Gemeinsames Musizieren führt dazu, dass Kinder rücksichtsvoller und aufmerksamer werden. Der Studie zufolge machen sich die Schüler auch mehr Gedanken über soziale Fragen. Der positive Einfluss scheint also wissenschaftlich erwiesen zu sein.

Freitag, 9. März 2007

Sechsen überall



Der Street-Artist 4rtist.com verschönert Mitte mit Sechsen. Er will so auf "höherwertige Lösungen" aufmerksam machen.

(Stadtmagazin Scheinschlag, August 2006)

Nach mehr als 600000 gepinselten Sechsen hat 4rtist.com eine gewisse Übung. Inzwischen steigt der Street Artist gar nicht mehr vom Fahrrad ab, wenn er eine geeignete Stelle sieht. Er taucht den Pinsel in den Eimer mit Kalkfarbe, der am Lenker hängt, und malt im Vorbeifahren eine schlanke, nach rechts kippende Sechs auf ein altes Brett, das am Geländer der U-Bahnstation Rosenthaler Platz lehnt.

Diese Sechs ist strafrechtlich nicht relevant, die Farbe abwaschbar, der Untergrund herrenloser Sperrmüll. „Das ist mir wichtig, ich beschädige nie was dauerhaft", sagt 4rtist.com und fügt hinzu, daß er dennoch über die Jahre etwa 500mal von der Polizei kontrolliert worden sei. Das nennt er „unschöne Sachen" und meint damit auch, daß die Staatsgewalt bereits diverse Eimer und Fahrräder beschlagnahmt hat. Zu einer Strafverfolgung sei es aber bisher nie gekommen, alle Anzeigen gegen ihn habe der Staatsanwalt eingestellt.

Vor elf Jahren begann der 46jährige Street-Artist, in Mitte den Pinsel zu schwingen. Damit gehört er zu den Pionieren der Berliner Szene, die weltweit einen eher mythischen Ruf hat. Spätestens seit 2003, als anläßlich der Veranstaltung The Live Issue 1 Künstler von São Paulo bis London nach Berlin eingeladen wurden, gilt Berlin als Street-Art-Mekka schlechthin: regelmäßig reisen internationale Szenegrößen an, um in der Stadt ihre Markierungen zu hinterlassen.

Begonnen habe dies 1994, erzählt 4rtist.com: Damals habe „ein Belgier mit psychotischen Schüben" auf ausrangierten Kühlschränken, Sperrmüll und Litfaßsäulen Sätze wie „Warum muß der Sohn sterben" und „Wann stellt das erste Kreuzberger Schwein seine Essenreste heraus" gekritzelt. Als er dann 1995 aus der Pfalz in das Nachwende-Berlin kam, installierte er eine rote Couch auf der East-Side-Gallery und begann täglich bis zu 400mal auf illegalen Plakaten und Werbestickern Sechsen zu pinseln.

Die Sechs ist nicht der Hauptbestandteil seiner Kunst: „Die läßt sich eben gut malen und außerdem erreiche ich damit auch Passanten die sich nicht für Kunst interessieren, aber etwas Sexuelles dahinter vermuten." Die Zahl, die er sich auch auf den Mittelfinger tätowiert ließ, soll vielmehr die Aufmerksamkeit auf seine Straßen-Installationen ziehen, mit denen 4rtist.com „auf die Möglichkeit höherwertiger Lösungen hinweisen" möchte, die durch intensives Nachdenken zu erzielen wären.

Vor einiger Zeit waren das Fahrräder: alte, meist rostige Drahtesel, die der Künstler mit Weihnachtsgirlanden und Telefonhörern, die über den Lenker baumelten, ausstaffiert hatte. Auf jede freie Stelle waren dann noch Sechsen gepinselt. „Durch Autos gibt es jedes Jahr zig Verkehrstote, die Umwelt leidet unter Abgasen: Man sollte nur mit dem Rad fahren, um sich fortzubewegen", erklärt er die Kreationen. Zurzeit gibt es allerdings keine Installation mehr in Mitte: „Die sind alle verschwunden, ich vermute mal, das war die Straßenreinigung".

4rtist.com setzt sich aber nicht nur für Menschen und die Umwelt ein, sondern auch für eine bessere Nutzung des Computers. Weil das Finden „höherwertiger" Lösungen im Vordergrund seiner Kunst steht, hat er auch zur PC-Technik Vorschläge. Durch Zufall hat er entdeckt, daß er bei Webseiten, auf denen er sich verklickt hat, wieder auf die Hauptseite zurückgelangt, wenn er ein Rautezeichen (#) direkt hinter dem Domain-Namen eintippt. Damit dieses Wissen sich verbreitet, pinselt 4rtist.com diese Computerlösungen als Schaubild auf alte Matratzen oder Pappstücke, die er an Bauzäune hängt. Daß diese etwas kryptischen Schaubilder gegebenenfalls nicht verstanden werden könnten, läßt er nicht gelten: Wer wolle, könne sie nachvollziehen: „Der Wille muß da sein."

Obwohl er sich über mangelnde Bekanntheit nicht beklagen kann – alle großen Berliner Tageszeitungen berichteten bereits über ihn, bei den Hauptstädtern gilt er als der „Sechsenmann", ausländische Sender drehten Beiträge –, wird er auch in Zukunft nicht von den Sechsen lassen, versichert er. Und abgesehen von der Polizei seien auch die Reaktionen der Passanten positiv. Aber selbst wenn das nicht so wäre, würde er weiter pinseln.

Dienstag, 6. März 2007

Ein "Held" wird Rosenbaum


Anatol Rosenbaum saß als "Zionist" in Stasi-Haft, erkrankte Jahre später an Leukämie. Jetzt hat er ein Buch über die Haftzeit geschrieben


(Noch nicht publiziert)

Sie stürzten auf ihn zu, umarmten ihn und feierten ihn als lebendes Wunder. Die mehr als zwanzig orthodoxen Rabbiner, die aus aller Welt zu einer Berliner Rabbinerkonferenz angereist waren, sahen Anatol Rosenbaum (67) als Beweis für eine alte Lehre der Kabbala: "Wenn man im Sterben liegt und den Namen ändert, dann geht der Tod vorüber", erzählt der heute pensionierte Kinderarzt.

Vor fünf Jahren erkrankte Rosenbaum an Leukämie, eine wahrscheinlich Spätfolge seiner Stasi-Haftzeit in Berlin-Hohenschönhausen, als er mit einem Röntgengerät "behandelt" wurde. Von 1968 bis 1970 saß Rosenbaum, der damals noch "Held" hieß, wegen so genannter zionistischer Agententätigkeit und Republikflucht in Stasi-Haft. Den Blutkrebs selbst überlebte er nur dank einer Knochenmarkspende aus Israel. Vielleicht aber auch tatsächlich durch die Namensänderung.

Als er damals nach der zunächst geglückten Transplantation in seinem Krankenzimmer lag, spürte er plötzlich wie sein Herz verrückt spielte und er zunehmend das Gefühl hatte, bald zu sterben. Und da hat er dann Zwiesprache mit Gott gehalten: "Adonai, erst lässt du mich als Zionist verurteilen, die Haft überstehen und durch eine Knochenmarkspende aus Israel retten, das ist doch meschugge!", erzählt er.

Der Kranke bietet Gott dann ein Geschäft an: "Wenn du mich leben lässt, nehme ich unseren jüdischen Familiennamen Rosenbaum an, der bis ins 17. Jh. zurück geht." Am nächsten Tag ging es ihm tatsächlich besser, "Dr. Held" bestand darauf, dass man ihn als Dr. Rosenbaum ansprach.

Bei seinem Vater stand der alte Name noch im Pass. Doch 1930 überredet Rosenbaums Mutter den Vater, der zu Weimarer Zeit als Theaterregisseur mit Brecht und Piscator zusammen arbeitete, das Bühnen-Pseudonym "Held" anzunehmen. Ihr ist der Name zu jüdisch, obwohl sie selbst aus einer jüdischen Familie stammt.

Für die Rosenbaums steht aber nicht das Judentum im Vordergrund sondern die rote Heilslehre: Sie sind überzeugte Kommunisten. Deshalb müssen sie 1933 Deutschland verlassen, gehen in die Sowjetunion. Hier wird Anatol Rosenbaum 1939 in Moskau geboren.

Er wächst im Hotel Lux auf, Zimmernachbarn sind Dimitroff und Wilhelm Pieck. Rosenbaum besucht sowjetische Schulen und lernt, dass Stalin das Maß aller Dinge ist. Nach Kriegsende kehrte die Familie dann nach Berlin zurück. Der Vater ist Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland, die Mutter Nelly Held wird später eine hochrangige DDR-Funktionärin.

Obwohl Rosenbaum in einer systemnahem Familie überzeugter Kommunisten sozialisiert wurde, begehrt er immer wieder gegen Denkschablonen auf, vermag seinen kritischen Geist nicht auszuschalten. Seinen Posten als FDJ-Sekretär etwa verlor er schon mit 16, weil er junge Christen nicht ideologisch bekämpfen, sondern mit ihnen diskutieren wollte. "Und wenn die die besseren Argumente gehabt hätten, wäre ich Christ geworden."

In den 60er Jahren studiert Anatol Rosenbaum in Ost-Berlin Medizin, arbeitet nach dem Studium als Kinderarzt im Klinikum Berlin-Buch. Und in den 60er Jahren erfährt Rosenbaum auch durch Zufall, dass er eigentlich Jude ist und nicht nur Sohn deutscher Kommunisten, wie ihm seine Mutter erklärt hatte.

Jetzt sucht er den Kontakt zur Jüdischen Gemeinde von Berlin, lernt Hebräisch, versucht seinen Glauben zu leben. Aus Ärger über die antisemitischen Anspielungen eines Arztes in der Klinik, verbunden mit der ständigen DDR-Medien-Hetze gegen Israel, entschließt sich Rosenbaum nach Israel auszureisen. Mit oder ohne Billigung der Behörden: "Ich wollte nur noch raus aus diesem Land."

Im Juli 1968 sucht er den Kontakt zu einem Jugendfreund des Vaters, der in Israel lebt. Der Jugendfreund wiederum vermittelt den Kontakt zu einem Bürgermeister in einer westdeutschen Stadt, der einen Pass für Rosenbaum ausstellen will. Aber im Passamt sitzt ein Spitzel, der die Aktion nach Ost-Berlin weitermeldet.

Als Rosenbaum versucht, über die Tschechoslowakei den Ostblock zu verlassen, verhaftet ihn die Stasi. Rosenbaum findet sich in Berlin-Hohenschönhausen wieder, in der berüchtigten "Untersuchungshaftanstalt 1". Die Stasi-Stätte gilt als Symbol für das System der DDR-Repression schlechthin. Mit Hilfe so genannter operativer Psychologie, durch Isolierung und Desorientierung, sollen die Häftlinge weichgeklopft werden. Bis sie "alles" gestehen.

Monatelang wird Rosenbaum verhört. Und immer wieder will der Vernehmer wissen, für welchen Geheimdienst der Zionist Rosenbaum arbeitet. Aber bei ihm hat die Stasi mit ihren Methoden zunächst keinen Erfolg. In der Isolation seiner Zelle hält er sich selbst Anatomievorlesungen, betet und bastelt sich heimlich ein Schachspiel.

In Hohenschönhausen wurde Rosenbaum auch der bereits erwähnten Röntgenstrahlung ausgesetzt. Mehrmals muss er in einen Raum mit ungewöhnlich dicken Mauern, hier werden immer wieder "Fotos" von ihm gemacht. In der Wand befindet sich ein Spalt mit einem Objektiv. Und als Arzt weiß Rosenbaum nur zu gut, wie das Objektiv eines Röntgengerätes aussieht.

Vor zwei Jahren hat er deswegen auch vor dem Sozialgericht Berlin für eine Entschädigung gestritten. Der Richter hielt die Schädigung zwar für sehr wahrscheinlich, aber Rosenbaum konnte die genaue Dosis nicht nachweisen.

Dass gezielte Dissidenten-Schädigung durch Röntgenstrahlung keine Fiktion ist, auch wenn der entgültige Beweis fehlt, zeigen die Leukämieerkrankungen von Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs und anderen. Es existiert auch eine Stasi-Papier, in dem über die Schädigung durch Röntgenstrahlung und radioaktive Isotope gefachsimpelt wird.

Im Mai 1969 wird Rosenbaum ins Psychiatrische Krankenhaus Waldheim verlegt. Und dort wird ihm bewusst, dass er den Rest seines Lebens in der Psychiatrie verbringen wird, wenn er nicht bereut und seine "zionistische Agententätigkeit" gesteht.

1969 findet dann der Prozess statt. Der Staatsanwalt ist ebenfalls Jude, "so konnte keiner von Antisemitismus sprechen", sagt Rosenbaum heute ironisch. In seiner Anklageschrift liest er: "Mit Hilfe der Zionisten und westdeutscher Organisationen wollte Dr. Held die DDR verlassen und in ein Land gehen, dass Napalm auf Kinder wirft. Das ist eine große Schande, besonders für einen Kinderarzt."

Am Ende wird Rosenbaum zu drei Jahren Haft verurteilt. Seine Strafe war noch verschärft worden, weil der temperamentvolle 30-jähirge das Gerichtpersonal als "rotlackierte Nazis" bezeichnet hatte.

Anatol Rosenbaum wird zunächst in das so genannte "Kommando X" bei Berlin verlegt, einem Lager für CIA-Spione und BND-Agenten. Seine Zelle teilt er sich mit ehemaligen SS-Angehörigen, die erzählen, wie sie Kinder dadurch töteten, indem sie die mit dem Kopf gegen die KZ-Barackenwände schlugen.

Im Januar 1970 geht es weiter in die Strafanstalt Cottbus. Hier ist das Anstalts-Regiment militärisch, jeden Morgen finden Zählappelle statt. Ein Gefängnisaufseher, von den Häftlingen "RT", d.h. "Roter Terror" genannt prügelt regelmäßig die Inhaftierten. Die Cottbuser Häftlinge bauen als Zulieferer Kameragehäuse für den Dresdner VEB Pentacon. Für 10 Ost-Mark monatlich.

Um gegen diese geringbezahlte Zwangsarbeit zu protestieren, ritzen die Häftlinge heimlich Hakenkreuze in die Gehäuse der Kameras. In alten, umgefärbten NVA-Uniformen mit gelben Streifen und drückenden Schnürschuhen, werkeln sie an lautdröhnenden Maschinen. Als Ernährung gibt es altes Schwarzbrot und Margarine, die wie Schmieröl schmeckt, erinnert sich Rosenbaum. Deshalb besorgt er sich in der Küche rohe Kartoffeln, weil in deren Schalen zahlreiche Vitamine sitzen

Als Rosenbaum für seine Kameraden ebenfalls Kartoffeln besorgen will, wird er entdeckt und wegen des Diebstahls von Volkseigentum zu Arrest verurteilt. 21 Tage verbringt er in einer dunklen, kleinen Zelle. Verrückt geworden sei er nur nicht, weil ihm der Glaube an Gott geholfen habe.

Im Juli 1970 wird Anatol Rosenbaum dann ins sächsische Torgau verlegt. Zu Nazizeiten wurden hier mehr als 1400 Todesurteile vollstreckt, jetzt sitzen in der Festung Sexualmörder, aber auch ganz gewöhnliche Einbrecher. In Torgau arbeitet er erneut als Arzt.

Nach seiner frühzeitigen Entlassung darf Anatol Rosenbaum in Freiheit weiter als Arzt arbeiten. Er weiß, dass jetzt jeder seiner Schritte von der Stasi überwacht wird. Aber der SPD-Politiker Herbert Wehner setzt sich für ihn ein. Und 1975 darf Rosenbaum gegen Zahlung von 250.000 DM Lösegeld in den Westen ausreisen. Er lässt sich in West-Berlin nieder, arbeitet dort zwanzig Jahre lang Arzt.

Bis zum Fall der Mauer hat Rosenbaum die Jahre der Stasi-Haft völlig verdrängt. Vor einigen Jahren hat er dann als eine Art "Selbsttherapie" seine Erlebnisse aufgeschrieben. Nun wurde der Bericht unter dem Titel "Die DDR feiert Geburtstag und ich werde Kartoffelschäler" im Berliner Lichtig-Verlag publiziert.

Hier erzählt Rosenbaum zuweilen polemisch und ohne Larmoyanz von seiner Haftzeit. Auch wenn seine Erlebnisse im Vordergrund stehen, sei ihm wichtig, dass es nicht um seine Person gehe, sondern um seine aufrechten Haftkameraden, die sich durch ihre gegenseitige Solidarität beigestanden hätten, sagt er: "Ihrem Andenken gilt das Buch."

Die Diskussion um die im Januar beschlossene SED-Opferente hat er deshalb auch als Betroffener aufmerksam verfolgt. Und die Regelung, die rund 250 € für ausschließlich bedürftige SED-Opfer vorsieht, sei eine "nationale Schande", sagt er empört. Vor allem wenn er an die ehemaligen Kameraden denkt: "Mir geht es gut, aber viele haben wenig Geld - da reicht die Summe zusätzlich nicht aus."

Zum Abschluss möchte er noch eines sagen: "Einen Aspekt meiner Stasi-Haftzeit kann ich nicht genug loben: Hier habe ich die besten, Deutschen Menschen kennen gelernt." Darüber hinaus sei ihm aber nur wenig in positiver Erinnerung geblieben, sagt er, durchaus sarkastisch.

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