Dienstag, 17. Februar 2009

Europa-Politikexperten für einen Tag

Jugendliche diskutieren mit Europaabgeordneten über Klimapolitik: Das ist das Prinzip der Europäischen Jugendforen. Im Dezember 2008 fand die Veranstaltung in Potsdam statt.














Erklärte Europapolitk: MdEP Norbet Glante (SPD)


Beitrag für
www.europarl.de

Jonas hat eine dringende Frage. Der 19-jährige Gymnasiast steht im Landtag Brandenburg in Potsdam, hält ein Mikrofon in der Hand und fragt mit selbstbewusster Stimme: „Sie haben in Straßburg Strafgebühren gegen Spritfresser beschlossen, gleichzeitig aber eingebaut, das Gesetz in ein paar Jahren kippen zu können. Warum machen Sie denn so etwas, wenn Sie das Klima retten wollen?"

Norbert Glante, Europaabgeordneter (SPD) hat interessiert zugehört. Er sitzt hinter einem braunen Rednerpult, rechts die Europaflagge, links die Landesflagge. Neben ihm sitzt Jens Klocksin, Landtagsabgeordneter (SPD) und Mitdiskutant. Vor den beiden sitzen heute 98 Schülerinnen und Schüler von fünf Potsdamer Gymnasien und warten gespannt auf eine überzeugende Antwort. „Ich sehe nicht, dass das Gesetz gekippt wird", erklärt Glante freundlich. Man habe lediglich Review-Klauseln eingebaut, um das Gesetz 2013 überprüfen zu können. „Wir haben auch nicht die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Politik ist Trial and Error."

Politik verständlich machen – das ist das Ziel der Veranstaltungsreihe Prima Klima? Europäisches Jugendforum, die das deutsche Informationsbüro des Europäischen Parlaments seit Herbst 2008 organisiert. Die Reihe richtet sich an Erst- und Jungwähler und wird in Kooperation mit den Landtagen der Bundesländer durchgeführt.

Wichtigster Bestandteil der Foren sind Diskussionen mit Europa-Abgeordneten sowie Abgeordneten der Landtage zum aktuellen Thema „Energie und Klimaschutz." Jugendlichen soll dabei vermittelt werden, dass aktuelle Probleme Lösungen auf regionaler und europäischer Ebenen erfordern – und durch konstruktive Arbeit gelöst werden können.

Die ersten Veranstaltungen fanden bisher mit viel Erfolg in Mainz, Schwerin und Potsdam statt. Nächste Station ist Erfurt, gefolgt von Kiel und Bremen. Vorgesehen ist, dass in jedem Bundesland ein Jugendforum stattfindet. Die Jugendlichen werden dabei im Vorfeld durch einen Referenten mit der Problematik vertraut gemacht und erhalten eine Materialmappe. Damit erarbeiten die Jugendlichen einen gemeinsamen Standpunkt, der anschließend mit den Europaabgeordneten diskutiert wird. Im Anschluss an die Diskussion findet eine Abstimmung statt – also fast so wie in der richtigen Politik.














Klare Meinung: Jugendliche auf dem Forum


Dabei diskutierten die Jugendlichen kontrovers und erkennen klar die Probleme rund um das Thema Biokraftstoffe und CO2-Reduzierung. So erklärte eine Schülerin, dass sie keinen Klimaschutz zu Lasten der Dritten Welt wolle: „Wenn wir mehr Biodiesel verbrauchen, verhungern in Afrika die Leute, weil dann die Lebensmittelspreise steigen." Ein Schüler fragte kritisch, ob auch nur einer bereit sei, wirklich auf Konsum zu verzichten, um das Klima zu retten. „Ehe wir große Reden halten, sollten wir bei uns selbst anfangen." Der Meinung war auch der Europabgeordnete Glante an und sagte, dass er eine Jahreskarte des öffentlichen Nahverkehrs besitze. „So senke ich persönlich meinen CO2-Ausstoß."

Dass im Prinzip nur durch den Verzicht auf Konsum das Klima gerettet werden kann, darüber waren sich die Nachwuchs-Politikexperten zum Abschluss des ganztägigen Forums bei der Abstimmung einig. Auch Jonas hat am Ende für den Konsumverzicht gestimmt. „Ich werde jetzt versuchen, mehr Äpfel aus der Region zu essen anstatt Bananen aus Übersee."

Links:

http://www.europaeisches-jugendforum.de/web/
http://www.europarl.de/export/jugend/Jugendforen/Europaeisches_Jugendforum.html

Fotos: Landtag Brandenburg (Potsdam)

Samstag, 16. August 2008

Die Schatten der Scientologen

Wo immer Scientology einen Stand aufbaut sind sie nicht weit: Die Anonymous-Leute kämpfen gegen die Organisation, die ihre deutsche Repräsentanz in Charlottenburg eröffnet hat - mit Masken, falschen Namen und Informationen.
















F oto: Dirk Laessig/Tagesspiegel

(Tagesspiegel, 16.08.08)

Kurz vor 16 Uhr hat die Suche ein Ende. Robert Tonlein*, 27 Jahre alt, schwarzer Anzug, akkurat geknüpfte Krawatte, das Gesicht hinter einer Faschingsmaske versteckt, hat die Scientologen endlich entdeckt. Am Ku’damm oder auf dem Potsdamer Platz, wo sie bisher jeden Samstag standen, hat er sie nicht gesehen. Die Anhänger haben heute ausnahmsweise am Alexanderplatz ihren Infostand aufgebaut. Dort versuchen sie, Passanten davon zu überzeugen, einen „Stresstest“ zu machen. Der endet dann mit der Diagnose von Schwächen – und dem Angebot, Scientology könne mit Kursen helfen.

Diese Hilfe bietet die Organisation, die sich als „Religion“ versteht, nicht ganz uneigennützig an. Mehrere Tausend Euro kosten einzelne Kurse – Aussteiger werfen der Organisation vor, Anhänger finanziell auszuplündern. „Wir halten Scientology für eine Psychosekte, die massiv Menschenrechte verletzt“, sagt Tonlein. „Wir möchten potenzielle Opfer schützen, indem wir über Scientology aufklären – mit friedlichen Mitteln.“Gemeinsam mit drei Mitstreitern, auch sie in schwarzen Anzügen und mit Maske vorm Gesicht, bezieht er unweit des Standes Position. Mit lauter Stimme warnen die Maskenträger Passanten davor, einen Stresstest zu machen oder die grellbunten Flyer anzunehmen. Die Passanten gucken amüsiert bis irritiert. Der Stand, auf dem zwei Stresstest-Geräte stehen – simple „Lügendetektoren“ – bleibt verwaist.
















Foto: markonymous/Flickr

Seit Februar 2008 kämpft die weltweit agierende Protestgruppe „Anonymous“ gegen Scientology. Damals tauchte im Internet ein Video auf, das den Schauspieler und bekennenden Scientologen Tom Cruise vor fanatisierten Anhängern zeigte. Da die Rhetorik des Hollywood-Idols an Reichspropagandachef Goebbels erinnerte, bemühte sich die Sekte, das Video zu zensieren und aus dem Internet zu entfernen. „Anonymous“ gründete sich spontan in einem Internetforum und legte wenig später die Homepage der Organisation lahm.

Von illegalen Aktionen hat sich die Gruppe aber inzwischen verabschiedet. An Aktionstagen, die weltweit stattfinden, treffen sich die Maskenträger stattdessen zu Demonstrationen – meistens direkt vor den jeweiligen Hauptsitzen von Scientology. Am heutigen Sonnabend findet der Protest schon zum siebten Mal statt. In Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart werden die „Men in black“ protestieren. In Berlin gehören etwa 100 Mitstreiter zu „Anonymous“. Der Name gehört bei den Sektengegnern gewissermaßen zum Programm. Aus Sorge vor Infiltrationsversuchen wahren die Aktivisten nämlich strikte Anonymität – selbst untereinander. Sie haben spezielle Handynummern, reden sich nur mit Spitznamen an und verabreden sich nur durch anonymisierte E-Mail-Verteiler.

Tonlein, der als Webmaster arbeitet, ist von Anfang an dabei. Er sagt, dass er sich engagiere, weil er jede Art der Zensur ablehne – so wie seine Mitstreiter. Ein persönlicher Grund sei auch ein Onkel: Der geriet einst in die Fänge der Organisation. „So habe ich hautnah miterlebt, wie Scientology Familienbindungen zerstört und Menschen psychisch vernichtet.“ Deshalb nimmt er ein- bis zweimal pro Woche an sogenannten „Blitz-Raids“ teil: Aktionen, bei denen Werbeversuche der Scientologen auf der Straße behindert werden.

So wie heute.Scientology nimmt die Maskenträger offensichtlich ernst. Nur 20 Minuten, nachdem sie Position bezogen haben, fährt ein Polizeiwagen vor. Der Beamte spricht kurz mit dem Chef des Standes. Der beklagt sich über die massive „Werbebeeinträchtigung“ durch die Maskenaktivisten, und dass dadurch rund 70 Prozent weniger Interessierte kämen. Der Polizist nickt, geht dann zu Tonlein und weist ihn freundlich darauf hin, mehr Abstand zum Infostand zu halten.

„Rechtlich gesehen bewegen wir uns in einer Grauzone, aber die Polizei hat glücklicherweise etwas Ermessensspielraum“, sagt Tonlein später und drückt gleichzeitig einer jungen Mutter einen Infozettel in die Hand. Auch eine ältere Dame will jetzt einen Infozettel und klopft ihm wohlwollend auf die Schulter, Jugendliche lassen sich mit ihm fotografieren und wollen wissen, wo es die „coolen Masken“ gibt.

Dabei sind die kein Gimmick, sondern purer Selbstschutz. Scientology sei dafür bekannt, Gegner mit Mitteln wie Rufmord zu bekämpfen. Deshalb hat Tonlein am Arbeitsplatz und im Freundeskreis sein Engagement öffentlich gemacht. Er will so möglicher Gerüchteverbreitung entgegentreten. Ein Scientologe habe schon versucht, ihn bis zu seinem Auto zu verfolgen. Seine Maske ist bewusst gewählt. Sie stammt aus dem Science-Fiction-Film „V wie Vendetta“, wo ein einsamer Held gegen ein totalitäres System kämpft.

Der heutige Aufklärungskampf der vier Maskenträger scheint erfolgreich zu sein. Eine knappe Stunde nach ihrer Ankunft packen die Scientologen ihren Infostand zusammen. „Die heutige Aktion war ein echter Erfolg“, sagt Robert Tonlein und steckt sich eine Zigarette unter der Maske an. „Normalerweise bleiben die drei Stunden länger.“

*Name geändert

Montag, 23. Juni 2008

Mann für besondere Momente

Henry Ries verlässt 1938 seine Heimat Berlin. Zehn Jahre später dokumentiert der Fotograf die Luftbrücke. Er hat die Stadt geliebt, sagt seine Witwe. Eine Begegnung.

(Jüdische Allgemeine, 19. Juni 2008)













Foto: Henry Ries/DHM

Ehe sie nach oben geht, hält sie für einen Augenblick inne. Sie setzt sich auf die Marmorbank, die an der Seitenwand eingelassen ist und schaut auf weiße Säulen, die sich in sechs Metern Höhe im Halbdunkel verlieren. Ihr rechter Arm liegt auf der Lehne, die Hand streicht liebevoll über den Marmor. „Schön, nicht? So etwas Kostbares wird heute wohl nicht mehr gebaut“, sagt Wanda Ries, 62. „Auf der Bank hat sich Henry als kleiner Junge die Rollschuhe angezogen. Daran denke ich oft."

Wanda Ries, das "R" rollt die gebürtige Münchnerin mit amerikanischem Akzent, sitzt in der Eingangshalle eines Mietshauses unweit des Berliner Kurfürstendamms. Hier wurde Henry Ries, der „Fotograf der Luftbrücke“, 1917 als Heinz Ries geboren. Oben im vierten Stock besaß sein Vater, liberaler Jude und Leinenfabrikant, eine weiträumige Wohnung. Das imposante Jugendstilhaus hat den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. Seit 1987 residiert in der 15-Zimmerwohnung die Berliner Aids-Hilfe.

Im einstigen Salon der Ries’ gibt es Veranstaltungen, im ehemaligen Kinderzimmer von Henry Ries suchen HIV-Erkrankte Hilfe. „Er hat sich sehr gefreut, dass seine ehemalige Wohnung einem gemeinnützigen Zweck dient“, erzählt Wanda Ries, als sie später auf dem hellen Lindenparkett des einstigen Raucherzimmers steht. Heute sitzen hier die Besucher der Beratungsstelle an Tischen, trinken Kaffee oder blättern in Zeitschriften.

Wanda Ries lebt heute in New York. Dort verbrachte sie 29 Jahre an der Seite von Henry Ries. 2004 starb der Fotograf. Seine Urne liegt auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf. Deshalb kommt sie regelmäßig an die Spree. Oft sucht sie dann auch die einstige Wohnung auf. „Ich spüre hier ganz stark seine Gegenwart“, sagt sie, während sie durch die Räume schlendert. „Das, was mich hierher zieht, ist die Vorstellung, wie Henry als Jugendlicher durch die Wohnung getobt ist. Er war ein sehr sportlicher Mensch, eigentlich bis zuletzt.“ Oft denke sie dann an die Anekdoten, die er ihr aus seiner Jugend erzählt habe. „Zum Beispiel hat er in den weitläufigen Fluren mit seinem Bruder Fußball gespielt. Dabei wurde einmal eine kostbare Vase zerstört. Ärger gab es nicht, er hatte ein tolerantes Elternhaus und eine glückliche Kindheit.“

Daran erinnert eine kleine Fotodokumentation, die Wanda Ries in den Räumen der Aids-Hilfe organisiert hat. Die Ausstellung spannt einen Bogen um sein ganzes Leben. Da zeigt ein Bild den kleinen Henry mit den zwei Geschwistern, ein anderes die Mutter mit Perlenkette und modischem 20er-Jahre-Kurzhaarschnitt. Und der Vater sitzt mit Zigarre und Fliege auf einem Gartenstuhl. Eine ganz normale deutsche Familie, die Weihnachten einen Tannenbaum mit Lametta im Salon aufstellte, aber eben auch Pessach feierte.

Die kulturelle Symbiose nimmt 1933 ihr Ende. Henry Ries, der hervorragend Klavier spielte, wollte eigentlich Dirigent werden. Daraus wird nichts nach der Machtübernahme der Nazis. Wie so viele jüdische Deutsche erlebt Henry die schleichende Ausgrenzung und Entrechtung in der eigenen Heimat. Seit 1937 versucht er deshalb, mit der Familie Deutschland zu verlassen. Die Einreise in die USA gelingt aber erst 1938.

Dort schlägt sich Henry Ries mit Gelegenheitsarbeiten durch. Als die USA dem „Dritten Reich“ den Krieg erklären, will er in die amerikanische Armee eintreten. Doch Ries gilt als „feindlicher Ausländer“. Am Ende wird er sich aber durchsetzen. Ries kämpft allerdings nicht in Europa, sondern im Südpazifik – und ohne Waffe. Er ist Fotoaufklärer und dokumentiert Bombenschäden.

Das Kriegsende erlebt Ries in Kalkutta. Schon bald wird er nach Europa beordert und erhält einen Spezialauftrag. In einer österreichischen Salzmine werden 36 Holzkisten gefunden: das „Geheimarchiv" von SS-Chef Heinrich Himmler. Henry Ries soll mit einem Übersetzerteam den Fund sichten und reist nach London. In den Kisten befinden sich die Berichte der SS-Ärzte, die Himmler über den Fortgang ihrer Experimente an KZ-Häftlingen informieren. „Das hat ihn sehr aufgewühlt“, sagt Wanda Ries. „Es war für ihn unvorstellbar, dass es einen solchen Morast an moralischer Verkommenheit überhaupt geben konnte.“ Als Ries dann erfährt, dass seine Großmutter nach Theresienstadt verschleppt und seine Tante in Auschwitz ermordet wurde, steht für ihn fest, nie wieder nach Deutschland zu gehen.

Doch im Herbst 1945 wird der Soldat Ries nach Berlin versetzt. „Er musste also zurückkommen. Als er das ganze Ausmaß der Zerstörung sah, all die Elendsgestalten, bekam er Mitleid. Henry war im Grunde ein überzeugter Humanist, glaubte an das Gute im Menschen.“ Und er realisierte, dass nicht alle Deutschen Überzeugungstäter und Mitläufer waren, sagt seine Witwe. Er selbst habe es immer als eine Gnade empfunden, Jude zu sein: „So konnte er nicht zum Täter werden.“

Henry Ries hatte aber auch Schuldgefühle. „Er fragte sich, warum gerade er überlebt hatte, obwohl doch so viele Millionen ermordet wurden.“ Wirklich auseinandergesetzt habe er sich mit dieser Frage aber erst in seinen letzten Lebensjahren. Ries reist nach Auschwitz und Theresienstadt, sucht Spuren seiner ermordeten Verwandten und dokumentiert, wie an die Schoa erinnert wird (Auschwitz, 1997). In einem anderen Fotoband (Abschied meiner Generation, 1992) porträtiert er die Generation, der auch er angehört. Ries reist durch Deutschland, trifft ehemalige Wehrmachtssoldaten, unverbesserliche Nazis und Opfer des NS-Regimes. Mit der Kamera hält er fest, wie sich die Geschichte in ihre Gesichter gegraben hat.

Diese Fotoarbeiten stehen immer noch im Schatten der Bilder, die er während der Berliner Blockade schuf: Im Juni 1948 sperren die Sowjets den Zugang zu den Westsektoren. Stalin will die Ruinenstadt hinter den Eisernen Vorhang zwingen. Die Amerikaner antworten mit der Luftbrücke: Elf Monate lang fliegen sie, mit Unterstützung der Briten, mehr als zwei Millionen Tonnen Lebensmittel und Brennstoffe ein (siehe Infokasten).

Henry Ries, der seit April 1946 als Fotoreporter für eine Nachrichtenillustrierte der US-Army arbeitet, hetzt zwischen den verschiedenen Schauplätzen der Blockade hin und her. Er lichtet startende und landende Flugzeuge ab und freundlich winkende Piloten. Die Bilder erscheinen großformatig auf den Titelseiten der Illustrierten. So dokumentiert er den Bau des Flughafens Tegel, zeigt die Trümmer abgestürzter Flugzeuge inmitten von Häuserruinen, und wie die Westberliner mit der Blockade leben.

Die Luftbrücken-Bilder begründeten Ries’ Ruhm als Pressefotograf. Sie fanden Eingang in das kollektive Gedächtnis auf beiden Seiten des Atlantiks. Der deutschamerikanische Verbrüderungsmythos: Henry Ries, der vertriebene deutsche Jude, gab ihm sein Gesicht. 2008, das Jahr des 60. Jubiläums der Luftbrücke, ist also auch „Henry-Ries-Jahr“. Immer dann, wenn irgendwo an die Luftbrücke erinnert wird, findet sich Ries’ Bild des Rosinenbombers, der über eine Gruppe fröhlich winkender Kinder fliegt. Millionenfach reproduziert, wurde es zu einer Ikone.

Das Bild selbst sei wie alle seine Aufnahmen eine bewusste Momentaufnahme gewesen, sagt Wanda Ries. „Er hat nie einfach drauflosgeknipst, sondern lange eine Situation beobachtet und dann komponiert. Er ließ sich vom Augenblick inspirieren, suchte das Einmalige im Alltäglichen. Sein Ziel war es, aus der Masse das Individuum herauszuarbeiten.“ Auf das Rosinenbomber-Bild sei Henry besonders stolz gewesen. Er sei der Einzige gewesen, der auf die Trümmerhügel rund um Tempelhof hinaufkletterte und ein solches Motiv aufgenommen habe. „Als der Rosinenbomber angeflogen kam, hat er die Kinder gebeten, nicht in seine Richtung zu schauen. Nur ein Mann dreht sich um und blickt direkt den Betrachter an. So schließt sich ein Kreis. Vielleicht macht das die Einmaligkeit des Bildes aus.“

1955 zieht sich Ries aus dem Journalismus zurück und eröffnet in Manhattan ein Studio für Werbefotografie. Rund 20 Jahre dauert es, bis er wieder nach Berlin kommt. Er habe eigentlich mit Deutschland abgeschlossen, erzählt Wanda Ries. „Er fühlte sich als Amerikaner, sprach kein Deutsch mehr.“ Doch 1973 kommt Post aus Berlin. Zum 25. Jahrestag der Blockade plant die Landesbildstelle eine Ausstellung mit seinen Fotos, Henry Ries wird eingeladen. Zum ersten Mal sieht er die Mauer, für ihn eine absurde, kafkaeske Monstrosität. So enstehen zahlreiche Bilder des „antifaschistischen Schutzwall“, den die SED-Oberen quer durch Berlin gezogen haben.

Für eine Ausstellung seiner Mauer-Fotos sucht der Fotograph eine Assistent. Freunde vermitteln ihm Wanda Ries. So eloquent sie heute aus Henry Ries’ Leben berichtet, so diskret ist sie, wenn es um ihr Privatleben geht. „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt“, sagt sie freundlich, aber bestimmt. Alles, was sie sagt, ist, dass ihr Großvater als Gegner des NS-Regimes in Dachau war und dass sie keine Jüdin ist. Sie hat Kunstpädagogik studiert, später dann noch einmal Kunst in New York. Heute sichte sie vor allem den Nachlass ihres Mannes. Der soll bald komplett in der deutschen Hauptstadt aufbewahrt werden. „Das war Henrys Wunsch. Er wollte das alles in Berlin wissen. Er hat diese Stadt geliebt.“

Info

Die Luftbrücke 1948/49

Wenige Tage nach der Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen wird die D-Mark auch in den Westsektoren Berlins eingeführt. In der Nacht zum 24. Juni 1948 sperren daraufhin sowjetische Truppen alle Zufahrtswege nach West-Berlin. Doch auf Initiative von Militärgouverneur Lucius D. Clay stellen die USA und Großbritannien über eine Luftbrücke die Versorgung der Stadt sicher. Mit mehr als 270.000 Flügen werden rund 2,3 Millionen Tonnen Fracht transportiert. Alle zwei bis drei Minuten landet eine Maschine in Berlin. „Rosinenbomber“ nennt der Volksmund die Flugzeuge. Die Blockade endet am 12. Mai 1949.

Ausstellungen:

„Brennpunkt Berlin: Die Blockade 1948/49. Der Fotojournalist Henry Ries“. Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin. Noch bis zum 21. September, täglich 10 - 18 Uhr

Fotoausstellung über Henry Ries in den Räumen der Berliner Aidshilfe, Meinekestraße 12, 10719 Berlin. Montag bis Donnerstag 10 - 18 Uhr, Freitag 10 - 15 Uhr

Die Autobiografie:

Henry Ries: „Ich war ein Berliner. Erinnerungen eines New Yorker Fotojournalisten“. Parthas Verlag, 220 Seiten, 35 Euro

Das unentdeckte Massengrab

Auf einem Grundstück in Brandenburg vermuten Historiker ein Massengrab aus der NS-Zeit. Der Eigentümer verhindert seit Jahren eine Erforschung. Bisher erfolgreich.

(Jüdische Allgemeine, 21. Februar 2008)















Foto: André Glasmacher

Der rote Trabbi, der auf dem Nachbargrundstück hinter Maschendrahtzaun verrottet, ist Bernd Boschan schon lange ein Dorn im Auge. „Das ist kaum der Würde des Ortes angemessen“, sagt der 50-jährige und lässt missbilligend den Blick über das gammlige DDR-Vehikel schweifen.

Bosch trägt graumeliertes Haar ein gepflegten Schnauzer und ist Amtsdirektor der 611-Gemeinde Jamlitz im Oberspreewald. Mehr Ärger als der roter Trabbi macht ihm seit Jahren ein verwahrlostes Grundstück, an dem er jetzt steht. Hier sollen Historikern zufolge die Überreste von 750 jüdischen KZ-Häftlingen liegen – das größte noch unentdeckte Massengrab aus der NS-Zeit.

Seit Jahren versucht Boschan den Verdacht zu klären, doch der Besitzer des Terrains hintertreibt erfolgreich alle Aufklärungsversuche. Bereits im April 2007 wandte sich Boschan an das Amtsgericht Guben, um eine einstweilige Grabungsverfügung zu erhalten – die zuständige Richterin lehnte dies ab.

Dagegen reichte Boschan eine Beschwerde beim Cottbuser Landgericht ein – die wurde jetzt zurück gewiesen. Das Gericht betonte, dass es einen „hohen moralisch-ideellen Wert“ gebe, die Opfer zu bergen, machte aber deutlich, dass keine rechtliche Grundlage gebe, auf dem Grundstück gegen den Willen des Besitzers graben zu lassen. Boschan wird das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, „vorrausichtlich“ beim Brandenburgischen Oberlandesgericht anfechten.

Warum sich der Besitzer gegen eine Aufklärung des Massenmords wehrt, kann Boschan dabei nicht sagen. „Mal berief er sich darauf, dass durch Grabungen der Erholungswert seines Grundstückes gemindert würde. Dann wollte er eine Zusage, dass auf keinen Fall keine Gedenkstätte eingerichtet wird“, erzählt der Amtsdirektor und schüttelt ratlos den Kopf.

Hans Hirtinger selbst ist an diesem Frühlingstag nicht auf seinem Grundstück anzutreffen. Kein Zufall – der 50-jährige lebt schon seit Jahren in Bayern. In Jamlitz wird der Baustoffvertreter nur noch selten gesichtet. Sein Haus, das sich als dunkler Punkt gegen den düsteren Himmel abhebt, wirkt unbewohnt. Von den Fensterrahmen platzt der Lack ab, die Glasscheiben sind verdreckt, Klingel und Namensschild fehlen.

Das Jamlitzer Massengrab beschäftigt auch den Zentralrat der Juden. „Es ist sicher, dass es in Jamlitz ein Massengrab gibt. Doch die Erforschung wird verhindert. Es ist unglaublich“, sagt Peter Fischer, zuständig für Gedenkstätten und Erinnerung. Fischer wundert sich, mit welcher Vehemenz sich der Grundstückbesitzer gegen Grabungen sperrt: „Man kann eigentlich nur Antisemitismus vermuten.“

Ob Hans Hirtinger ein Antisemit ist, darüber will Boschan nicht spekulieren. „Dazu kenne ich den Mann zu wenig.“ Er hat einmal mit ihm telefoniert und beschreibt ihn als „zurückhaltend.“ Nachbarn erzählen, dass Hirtinger „seltsam“ sei. Ansonsten wird viel gemunkelt: Als Hirtinger-Senior in den 50er Jahren das Haus baute, sei er beim Anlegen der Fundamente auf die Überreste der KZ-Häftlinge gestoßen und habe das Ganze vertuscht. Solche Gerüchte will Boschan nicht kommentieren.

Dass sich tatsächlich ein Massengrab auf dem Grundstück befinden könnte, ist zumindest plausibel. Hirtingers Haus, ebenso wie die gesamte Siedlung, stehen auf einem ehemaligen Außenlager des KZ Sachsenhausen. Zwischen 1943 und 1945 waren hier etwa 8.000 Häftlinge interniert. Dort, wo heute gepflegte Bungalows und Rosenstöcke stehen, dort wo sich akkurat geharkte Wege um Gartenzwerge schlängeln, standen einst die Holzbaracken der KZ-Häftlinge.

Im Frühjahr 1945 wurde das Lager aufgelöst. Die marschfähigen Häftlinge, etwa 1.600 Männer, mussten sich auf einen 100 Kilometer langen Todesmarsch in Richtung Sachsenhausen begeben. Kranke und Geschwächte blieben im Lager zurück. Unmittelbar nach dem Abmarsch der Häftlingskolonne begann SS-Truppen mit ihrer Ermordung.

Massaker und Geschichte des Außenlagers sind heute auf Informationstafeln dokumentiert, die seit 2003 in Jamlitz über das Geschehen aufklären. Bis dato erinnerte in dem Dorf nichts an das KZ, die Lager-Geschichte wurde zu DDR-Zeiten verdrängt. Nach 1945 nutzte nämlich die sowjetische Besatzungsmacht das ehemalige KZ zur Internierung von Nazi-Verbrechern und vermeintlichen „Spionen.“ Tausende kamen in dem Lager um.

Eine richtige Suche nach den SS-Opfern beginnt erst im November 1970. Ehemalige Häftlinge des KZs fahren nach Jamlitz, um zu erkunden, ob man hier eine Gedenkstätte einrichten könnte. Sie stoßen auf ein Gerücht: In der Gegend, vielleicht sogar auf dem Gelände des Außenlagers, gebe es ein Massengrab.

Nun setzt eine groß angelegte Suche ein. In einer alten Kiesgrube, in der bereits 1959 einige Skelette gefunden wurden, wird erneut gegraben. Schon bald liegen Hunderte von Skeletten frei – insgesamt 577. Einschusslöcher an den Hinterköpfen und Reste gestreifter KZ-Kleidung zeigen, dass es die ermordeten Häftlinge sind.

Ein Gutachten von Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, kommt zu dem Schluss, dass im Februar 1945 insgesamt 1.342 Häftlinge ermordet wurden. Bisher fand man 589 Körper. Die restlichen 758 Toten vermutet Morsch unter Hirtingers märkischer Gras-Steppe. Dort, wo Boschan nicht graben lassen darf.

Wenn es nach Heinz Stempel (Name geändert) ginge, dann könnte noch heute gegraben werden. „Dann wär´ das endlich geklärt“, ruft er über den Zaun. Der 70-jährige Rentner trägt eine graue Arbeitsjoppe und arbeitet in seinem Garten. Sein Haus steht an der Stelle, an der sich einst die Baracken der SS-Blockführer befanden.

Eigentlich redet der Rentner nicht mehr mit Journalisten, die sich schon zahlreich durch die Siedlung interviewt haben. „Neulich war ein Amerikaner da. Der wollte wissen, ob wir alle Antisemiten sind!“, empört sich Stempel. Heinz Stempel selbst hätte auch nichts dagegen, wenn die Überreste der KZ-Häftlinge ausgegraben würden, sagt er immer wieder. „Dann wär´ endlich Ruhe hier.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht: Amtdirektor Boschan will bei einem Fund eine Gräbergedenkstätte auf Hirtingers Grundstück anlegen. „Wir wollen die Opfer durch ein sichtbares Zeichen ehren.“ Wenn er denn graben dürfte.

Freitag, 9. Mai 2008

Eingebrannt ins Gedächtnis

Erwin Goldberg sah vor 75 Jahren bei der Bücherverbrennung der Nazis zu. Der 95-Jährige ist einer der letzten lebenden Augenzeugen

(Der Tagesspiegel, 10. Mai 2008)


Das Gebrüll hat er nie vergessen können. Erwin Goldberg schließt die Augen, sein freundliches Lächeln verschwindet. „Wir übergeben den Flammen die Bücher von Erich Kästner und Bertold Brecht...“, zitiert er mit heiserer Stimme und stützt sich fest auf seinen Gehstock.

Goldberg, inzwischen 95 Jahre alt, steht auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper, wo Nazis und Studenten heute vor 75 Jahren Tausende von Büchern verbrannten. Er war dabei – unfreiwillig. Damals war er 19, arbeitete als Chorsänger in der Staatsoper. Am Abend des 10. Mai 1933 soll er dort auftreten; in Wagners „Meistersingern“.

Doch Goldberg kommt an diesem regnerischen Abend nicht auf die Bühne. Schon von Weitem sieht er die Menschenmenge, die Hakenkreuzfahnen und hört Nazi-Marschlieder. „Die verbrennen die Bücher der Kommunisten und Juden“, erfährt er von Passanten. „Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt zur Arbeit soll – als Jude hatte ich große Angst,“ erinnert er sich. Doch schließlich siegt sein „preußisches“ Pflichtgefühl. „Die haben doch auf mich gezählt!“

Goldberg versucht sich durch die aufgeheizte Menschenmenge durchzuarbeiten, SA-Männer verstellen ihm den Weg: Sie richten einen Scheiterhaufen auf – Goldberg steht direkt daneben. Er kommt weder vor, noch zurück, sieht die Stapel von Büchern. Geschäftige Braunhemden rempeln ihn an: „Du stehst im Weg Volksgenosse.“

Goldberg hat Angst, als Jude identifiziert zu werden, doch niemand erkennt ihn. „Wie denn auch?! Niemand konnte uns doch von anderen Deutschen unterscheiden“, sagt er heute. Dennoch sei er damals von einer „irrsinnigen Angst“ erfüllt gewesen. „Ich dachte, die werfen mich mit ins Feuer. Es war abscheulich. Ich war umringt von wilden Tieren, die als Menschen verkleidet waren.“

Doch das Fanal, das die Nazis an diesem Abend setzen wollen, lässt sich nicht so leicht entzünden. „Wegen des Regens musste die Feuerwehr mit Benzin nachhelfen“, erinnert sich Goldberg. Als die ersten Bücher unter Gejohle in die Flammen fliegen, atmet er den beißenden Qualm ein, sieht die zum „Hitlergruß“ gestreckten Arme aus der Menge ragen. Ihm gelingt es nicht, dem dichten Gedränge auf dem Bebelplatz zu entkommen.

Erst nach Ende des grausigen Spektakels eilt er „wie im Fieber“ nach Hause. Erwin Goldberg wohnt damals in der Choriner Strasse. Auf dem Weg dorthin kommt er durch die Spandauer Vorstadt, wo viele Juden leben. „Dort wussten das schon alle. Wir haben uns gefragt ob das der Anfang vom Ende ist“, sagt Goldberg und blickt nachdenklich auf den Boden, wo man unter einer Plexiglasscheibe einen Raum mit leeren Büchergestellen sieht – ein Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullmann, das auf dem Bebelplatz seit 1995 an das Ereignis erinnert.

Für Goldberg markiert die Bücherverbrennung den Anfang einer Kette von Demütigungen. Besonders schmerzt ihn, dass er 1934 nicht mehr in der Staatsoper arbeiten darf. „Es war ein Gefühl des Verstoßenseins aus der deutschen Kultur. Ich wusste, dass ich aus Deutschland heraus muss.“

Bis 1938 hält er noch durch, dann flüchtet er vor einer drohenden Verhaftung nach Argentinien, wo er sich ein neues Leben aufbaut. Er wird Lehrer an einer Schule deutscher Kolonisten, er heiratet – und träumt weiter von Berlin. „Ich hatte ein solches Heimweh, das glauben Sie gar nicht!“

Als er 1945 erfährt, dass sein Bruder in Auschwitz ermordet wurde, schwört sich Goldberg, nie wieder einen Fuß nach Deutschland zu setzen. Bis ihn im Sommer 1972 ein Brief aus Berlin erreicht. Absender ist der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, der einstige jüdische Bewohner zum Besuch in ihrer früheren Heimatstadt einlädt. Erwin Goldberg ist jetzt 60 Jahre alt. Er habe lange überlegt, mit Freunden diskutiert. Schließlich habe er die Einladung als „Geste der Versöhnung begriffen“, sagt er.

Als er in Tegel aus dem Flugzeug gestiegen sei, habe er sich sofort wieder zu Hause gefühlt. „Hier wurde ich geboren, hier habe ich gelitten. Das bleibt meine Stadt“, sagt Erwin Goldberg. Er sucht die Stätten seiner Kindheit, flaniert über den Kurfürstendamm. Und er fährt auch einen Tag nach Ost-Berlin. Am meisten erschüttert habe ihn damals der Anblick der Ruine der Synagoge in der Oranienburger Straße, wo er einst Albert Einstein Geige spielen gesehen hatte.

Während seines Besuchs erhält Goldberg das Angebot als Musiklehrer an einer Weddinger Grundschule zu unterrichten. Er nimmt das Angebot an, lässt sich nach 35 Jahren Exil wieder in Berlin nieder. Erst 1996 kehrte Erwin Goldberg nach Buenos Aires zurück. Seine Frau sei in Berlin nie heimisch geworden. „Sie vermisste das offene Herz der Menschen.“ Erwin Goldberg kann sie bis heute gut verstehen. „Wenn ich in Argentinien Freunde sehen möchte, dann gehe ich einfach vorbei. Hier muss ich immer erst anrufen, dann blättern sie im Terminkalender.“

Damals dachte Erwin Goldberg, es sei ein Abschied für immer. Doch es zieht ihn jedes Jahr an die Spree zurück: „Ich bin wie ausgehungert“, erklärt er mit leuchtenden Augen. „Nach Theater, Musik und Kultur!“ Dieses Mal hat er auch seine Autobiographie mitgebracht. „Wirbelstürme des Schicksals“ heißt das Buch, das bei einem kleinen Hamburger Verlag erschienen ist. „Ich will mit meiner Lebensgeschichte zeigen, dass man immer Hoffung haben muss, die Zuversicht nicht verlieren darf“, sagt er. „Ich lebe noch – und Hitler nicht. Das zählt.“

Mittwoch, 30. April 2008

Einstürzende Altbauten

Die „Wiesenburg“ war bis zum Ersten Weltkrieg Berlins größtes Obdachlosenasyl, finanziert durch jüdische Bürger. Heute zeugen nur noch Ruinen von der Vergangenheit. Eine Ortserkundung

(Jüdische Allgemeine, 1. Mai 2008)

Die schwarze Drossel, die emsig in einem Schutthaufen herumpickt, weiß nichts von der Gefahr, die ihr droht: Über ihr hängt ein Backstein lose aus der Mauer und könnte jederzeit herunterfallen. Doch Joachim Dumkow hat ihn sofort entdeckt. „Vorsicht! Da fällt gleich was“, ruft der 41-Jährige energisch, während er schwungvoll über einen Schutthaufen steigt und riesige Farnwedel beiseite streift, die einen Mauereingang verbergen.

Dahinter befinden sich noch mehr Schuttberge, umgeben von bröckelnden Mauerkronen. Wilder Wein fällt über leere Fensteröffnungen, von oben scheint die Frühlingssonne durch knospende Birkenzweige – im Berliner Bezirk Wedding liegt für einen Moment Caspar-David-Friedrich-Stimmung in der Luft.

Die Romantik beschränkt sich jedoch auf ein 13.000 qm großes Mauerlabyrinth zwischen der kanalisierten Panke und der Berliner Ringbahn. Ansonsten dominieren in diesem Stadtteil eher triste Betonfassaden, Telefonshops oder Männer, die mit Bierflaschen auf Bänken sitzen – die Prozentzahl der Hartz-IV-Empfänger liegt im „Kiez“ im zweistelligen Bereich.

All das vergisst man hier – obwohl auch hier einst das Elend Berlin anzutreffen war. Heute zwitschern in den Ruinen des einstigen Obdachlosenasyls Vögel, und eine dicke Spinne krabbelt über den Boden, direkt neben Dumkows Turnschuhen, der gerade den losen Stein entfernt hat. Er steht in den Überresten der Schlafsäle, in denen einst 500 Menschen eine Bleibe fanden. Es ist das, was von einem sozialen Modellprojekt übrig geblieben ist – maßgeblich initiiert und finanziert durch liberale Berliner Juden während der Kaiserzeit. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend durch Bomben zerstört, verfällt das Gebäude seitdem von Jahr zu Jahr.

Die „Wiesenburg“ – das ist ein vergessenes Kapitel Berliner Sozialgeschichte. Ebenso wie deren jüdische Stifter. Selbst Chana Schütz, eine der besten Kennerinnen der jüdischen Geschichte Berlins und Kuratorin zahlreicher Ausstellungen im Centrum Judaicum, ist überrascht, von der „Wiesenburg“ zu erfahren. Für Schütz ist das Engagement selbst dabei wenig überraschend. „Es gab im Kaiserreich viele solcher Stiftungen, wie etwa die der Familie Mosse, die eine Ausbildungsstätte für Handwerker einrichtete. Zu erinnern wäre auch an James Simon, der die erste gemeinnützige Badeanstalt in Berlin-Mitte gebaut hat.“

Die Motive für das jüdische Engagement waren dabei vielfältig, meint Schütz – wie etwa der Wunsch , die Gesellschaft mitzugestalten und sozialen Missständen entgegenzuwirken. „Die Wiesenburg als Zeugnis einen solchen Engagements ist aber eine interessante Neuentdeckung.“

Wenn die Ruinen der „Wiesenburg“ weiter so zerfallen wie in den letzten Jahren, wird allerdings nicht mehr viel übrig bleiben. Wäre da nicht Joachim Dumkow. Er versucht, diesen Prozess aufzuhalten. „Das ist eine Sisyphus-Arbeit – im wahrsten Sinne des Wortes“, seufzt er und schiebt seinen gelben Bauhelm zurecht, den er gegen Steinschlag trägt. Mauere er heute einen Stein fest, falle morgen an anderer Stelle einer herunter.

Joachim Dumkow ist eigentlich kein gelernter Maurer, sondern Therapeut in einer Berliner Lungenklinik. Er ist auf dem Gelände aufgewachsen, das einstige villenartige Verwaltungsgebäude des Asyls ist noch bewohnbar. Dort lebt er heute mit Partnerin und Eltern. Seine Mutter ist die Nachfahrin eines jüdischen Stifters. Die Geschichte der „Wiesenburg“ ist also eng mit seiner eigenen Familiengeschichte verbunden. „Deshalb schmerzt es mich, wie Berlin das alles hier verkommen lässt“, sagt Dumkow und blickt auf eine rissige Backsteinwand, aus der eine junge Birke wächst.

Was Berlin genau verkommen lässt, das erklärt er nach einem ersten Rundgang an einem weißen Campingtisch, den er zwischen den Ruinen aufgebaut hat. Eine Thermoskanne steht in der Mitte, daneben zwei Plastikbecher, aus denen Dampf zieht. Vor ihm liegt ein Buch, ein dicker Ordner mit Fotokopien und alten Bildern, die zeigen, was die „Wiesenburg“ einmal war.

Die Geschichte der heutigen Ruinenlandschaft beginnt 1868. In Berlin herrscht Wohnungsnot, Obdachlosenasyle gibt es nicht. Deshalb initiiert die Kaufmannsgattin Berta Hirsch-Neumann die Gründung eines Vereins, der sich um die Errichtung eines Obdachlosen-Asyls kümmern soll. Prominentestes Gründungsmitglied: Rudolf Virchow. Auch Paul Singer, Mitbegründer der SPD, ist von Anfang an dabei. Der Verein eröffnet 1870

im Berliner Scheunenviertel, dort, wo heute das Theater der Volksbühne steht, ein erstes Asyl. Mit der Reichsgründung 1871 wird Berlin zur größten Industriestadt Europas, die Bevölkerungszahl nimmt rasant zu – ebenso die Wohnungsnot. Die bisherigen Kapazitäten reichen nicht mehr aus. Im Oktober 1893 erscheint in der „Vossischen Zeitung“ ein von 24
Personen unterzeichneter Aufruf, in dem der Verein zu Spenden für ein neues Asyl aufruft.

Neben zahlreichen Geldspenden treffen auch antisemitische Postkarten ein. Abgedruckt sind diese in einem Buch über die Berliner Sozialgeschichte. Dumkow blättert in dem Band, zeigt
Fotoreproduktionen mit krakeliger Kanzleischrift. Auf einer Karte heißt es, dass angesichts der fast „ausschließlich jüdischen Aufruf-Unterzeichner“ kein Betrag gezahlt werde. Auf einer anderen Karte heißt es: „Einem Verein, dem ein ‚Singer’ angehört, zahle ich keinenSilberling!“

Hirschfeld, Arons oder Cohn – jüdische Familiennamen finden sich in derTat unter dem Aufruf. Ein Abgleich der Namen mit den Wahllisten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin von 1892 zeigt sogar, dass im Vorstand des Vereins zahlreiche Gemeindemitglieder saßen. Und letztlich war es auch eine größere Geldspende des Arztes Moritz Gerson, die es 1896 ermöglichte, das seinerzeit größte und fortschrittlichste Asyl Deutschlands zu eröffnen, das wegweisend in der Betreuung von Obdachlosen werden sollte.

Bis 1914 bot die Einrichtung diesen Menschen kostenlose Unterkunft und eine warme Mahlzeit. Im Volksmund erhielt das Asyl bald den Namen „Wiesenburg.“ Revolutionär für die Zeit war, dass Obdachlose nicht als „öffentliches Ärgernis“ begriffen wurden, dem man durch Repressionen abhelfen wollte, sondern als Menschen, die vor allem eines brauchten: Hilfe.

Während des Ersten Weltkriegs wurde das Asyl für das Militär requiriert. Nach dessen Ende hatten viele Stifter finanzielle Probleme, der Asyl-Betrieb wurde mit Unterstützung der Stadt Berlin weitergeführt. Ab 1926 verpachtete man dann das gesamte Gebäude an die Jüdische Gemeinde zu Berlin – zu welchem Zweck, darüber gibt es keine Unterlagen. 1935 scheint das Gebäude von den Nazis enteignet worden zu sein, Rüstungsbetriebe ziehen in die „Wiesenburg“ ein.

Wenn es um die NS-Zeit geht, könnte Joachim Dumkow „vor Wut ausrasten.“ Warum, das erklärt er in der 90 qm großen ehemaligen Eingangshalle der „Wiesenburg.“ Er zeigt jetzt nach oben, wo man in 30 Metern Höhe Reste des Kassettendachs sieht, das von Einschusslöchern zersiebt ist. Mildes Licht fällt durch Glasreste, und Dumkow schildert in drastischen Worten, wie die Nazis hier „verschandelnde Betonwände und eine hässliche Zwischendecke“ eingezogen haben. Alles sei ihnen recht gewesen, um die soziale und jüdische Vergangenheit der „Wiesenburg“ auszulöschen, zürnt Dumkow.

Bis zur Zerstörung im Frühjahr 1945 wurden hier Rüstungsgüter produziert. Ein Hausmeister, das „Wiesenburg-Faktotum“, der während der NS-Zeit auf dem Gelände beschäftigt war und hier bis zu seinem Tod in den 80er-Jahren lebte, berichtete von Zwangsarbeitern, die im umfangreichen Kellersystem des Asyls „wie die Tiere eingesperrt“ gewesen seien – und dort wohl auch ermordet wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zogen ausgebombte Familien in das einzige erhaltene Gebäude – wie die Mutter von Joachim Dumkow.

Der Rest des Geländes blieb Kriegsruine. Diesen speziellen Charakter nutzten in den 70er- Jahren die Regisseure Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder. Schlöndorff drehte hier Szenen der „Blechtrommel“, Fassbinder Teile seines Filmes „Lili Marleen.“ Davon zeugt noch die weiße Inschrift „Zum Luftschutzbunker“ auf einer zerschossenen Backsteinmauer. „Übrigens echte Schüsse“, sagt Dumkow. Im April 1945 sei in dieser Gegend erbittert gekämpft worden.

Die Eigentumsfrage des Wiesenburg-Geländes ist bis heute nicht abschließend geklärt. Dumkow sagt, dass die Anlage dem 1961 reaktivierten „Asyl-Verein“ gehört, in dem er selbst auch Mitglied ist. Ein freundlicher Herr aus dem Bezirksamt sieht das anders. Günter Reimann sitzt in einem Büro, in dem der Besucher vor Papierstapeln kaum Platz findet. Reimann ist Sachbearbeiter im Bereich Denkmalschutz.

Seit Jahren besteht ein Rechtsstreit zwischen dem Bezirksamt und den „Wiesenburgern.“ Und es gibt ein Urteil: Dem Verein wurde vor einigen Jahren die Gemeinnützigkeit aberkannt. „Das Gericht hatte den Verdacht, dass der heutige Asylverein nur gegründet wurde, um einen Zugriff auf das Gelände zu haben“, erklärt Reimann.

Dumkows Familie hat gegen das Urteil Einspruch eingelegt, eine endgültige Entscheidung steht also noch aus. Den Verdacht selbst weist Joachim Dumkow entschieden als „Quatsch“ zurück. „Unsere Besitzansprüche sind nachgewiesen“, sagt er mit merklich lauterer Stimme. 1961, kurz vor ihrem Tod, habe seine Großtante, die das letzte Vorstandsmitglied des Vereins gewesen sei, die Rechte auf seine Mutter übertragen.

Und der Verein habe die gleichen Grundsätze wie damals, sagt Dumkow: „Hilfe für Bedürftige“. Dass es derzeit nicht allzu viele Projekte gibt, die finanziert werden, gibt Dumkow allerdings freimütig zu. „Alle Einnahmen des Vereins fließen in den Erhalt der Wiesenburg – sonst steht hier in ein paar Jahren nichts mehr.“

Für soziale Zwecke würde Joachim Dumkow gerne die ehemalige Eingangshalle in Stand setzen. „Hier könnte man ein interkulturelles Begegnungszentrum einrichten.“ Doch das Denkmalamt stellt sich quer. „Die geben uns keine Baugenehmigung.“ Sein Verdacht: Es gäbe Grundstücksspekulanten, die ein Auge auf das Gelände geworfen hätten und mit dem Senat „verfilzt“ seien, sagt er.

Konkrete Namen will – oder kann – Dumkow allerdings nicht nennen. In den Siebzigern hätte seine Familie bereits Versuche abgewehrt, Hochhäuser auf dem Gelände der „Wiesenburg“ zu errichten. Die gäbe es doch schon ausreichend in Berlin, meint Dumkow spöttisch – die Wiesenburg jedoch sei einzigartig. „Sehen Sie sich nur um“, sagt er dann mit einem versonnenen Blick. „Was man hier Schönes draus machen könnte – und das in Wedding! Das wäre auch im Sinne der Stifter.“

Freitag, 18. Januar 2008

Die Nachwuchsgaleristin

Ihr Großvater entdeckte einst Joseph Beuys. Heute ist seine 27-jährige Enkelin Lena Brüning eine Berliner Nachwuchsgaleristin auf Erfolgskurs














Die Kunst fest im Blick:
Lena Brüning in ihrer Beliner Galerie
Foto: Christian Reister

Rote Klebe-Punkte, an denen potentielle Käufer erkennen, dass ein Bild schon verkauft ist, sucht man bei Lena Brüning vergebens. Das ist aber kein Indiz dafür, dass ihre Galerie in Berlin rote Zahlen schreibt. Die aktuelle Ausstellung „Junge Sterne Rauchen“ von Alicja Kwade, die Brüning gerade ausstellt, „ist komplett verkauft“, sagt die Nachwuchsgaleristin stolz und zeigt nachdrücklich auf die großformatigen Fotos an den weißen Wänden und auf eine chromüberzogene Wanduhr.

Im Berliner Scheunenviertel, einem der trendigsten Szene-Viertel in der Bundeshauptstadt eröffnete die 27-jährige Düsseldorferin vor zwei Jahren ihre eigene Galerie – auf nur 55 qm. Die Gegend ist typisch für Ost-Berlin: graue Plattenbauten aus DDR-Zeiten stehen neben frischrenovierten Altbauten – das Straßenpflaster ist von vielen Winterfrösten aufgeplatzt. Für manche Sachen hat man in Berlin eben kein Geld.

Lena Brüning mag die Gegend. „Ich liebe dieses rockige und wilde Berlin – gerade weil das so ein großer Kontrast zu Düsseldorf ist.“ Doch auch das Rheinland lässt sie nicht los, meint sie dann breit lächelnd: „Spätestens zum Karneval bin ich wieder da!“

Die meiste Zeit des Jahres ist Lena Brüning aber in ihrer Berliner Galerie, die unter Sammlern und Kunstkritikern schon längst als Geheimtipp gilt. Wer bei ihr so einkauft, sagt sie aber, ganz der Profi, nicht: Sie lächelt nur freundlich und fragt, ob man einen Café möchte.

Berlin ist der Ort, an dem es europaweit die meisten Galerien gibt. Rund 400 Kunstvermarkter bemühen sich um eine internationale und solvente Kundschaft. Die Zahl der Künstler und Künstlerinnen, die nicht zuletzt auch wegen der billigen Mieten in Berlin lebt, ist unüberschaubar. Aus diesem Überangebot als Galerie hervorzustechen und unter dem Überangebot an Künstlern die Talente ausfindig zu machen – daran ist schon Mancher gescheitert.

Doch Lena Brüning behauptet sich. Sie hat einen Startvorteil, den sie eigentlich gar nicht gerne betont – sie möchte nämlich nicht auf die „Enkelinnen-Sache“ reduziert werden. „Ich möchte lieber das eigene Profil herausstreichen.“ Jedenfalls: Ihr Großvater ist der legendäre Düsseldorfer Galerist Alfred Schmela. Mit einer Ausstellung des damals noch unbekannten Yves Klein eröffnete Schmela einst seine eigene Galerie in der Düsseldorfer Altstadt. Als 2007 das fünfzigjährige Geschäfts-Jubiläum gefeiert wurde, war die Geschichte der Galerie Schmela gleichbedeutend mit einem wesentlichen Kapitel der internationalen Kunstgeschichte der Nachkriegszeit: die Kunst-Moderne, sie kam auch aus Düsseldorf.

Alfred Schmela entdeckte einst auch Joseph Beuys. Lena Brüning erzählt amüsiert, dass sie sich noch an einen „seltsamen, aber auf jeden Fall spannendenden Mann mit Hut“ erinnert, dem sie als Kleinkind um die Füße kroch und der ihr freundlich über den Kopf strich. Als ihr Großvater 1980 starb, übernahm dann ihre Mutter die Galerie. „Ich wuchs also immer mit Kunst auf – das prägt.“ Zuhause hingen an den Wänden Bilder von Sigmar Polke bis Gerhard Richter und die Aschenbecher sind natürlich von Kippenberger.

Eigentlich deutete alles daraufhin, dass sie später die Galerie übernehmen würde. Doch Lena Brüning will zunächst nicht Galeristin werden: Sie versucht sich vom „Kunst-Ding“ abzunabeln, sagt sie. Sie sitzt jetzt, während sie das erzählt, in ihrem kleinen Büro, das auf einen dieser düsteren Berliner Hinterhöfe herausgeht. An den Wänden stehen ordentlich beschriftete Ordner, die alphabetisch nach Künstlern geordnet sind. Von „B“ wie John von Bergen, bis „W“ wie Miriam Wania“, vertritt sie elf Künstler und Künstlerinnen. Auf ihrem Schreibtisch, einem stilechten original Eiermann-Modell von 1952, steht der weiße Apple-Laptop, das Berliner Statussymbol der jungen Kreativen – daneben das Faxgerät.

Zunächst studierte Lena Brüning in Düsseldorf Literaturgeschichte. Nach einigen Semestern fand sie dann eher zufällig den Anschluss an die Düsseldorfer Kunstszene. „Ich ging auf lauter Künstlerpartys, hatte einen Freund, der an der Kunstakademie war, malte und zeichnete auch selbst.“

Bald erkennt sie, dass ihr Talent eher auf Seiten der Kritiker und Betrachter liegt, die künstlerische Potentiale erkennen – und fördern. Lena Brüning beendet ihr Studium, macht danach Praktika in der Düsseldorfer Kunsthalle, in einer Pariser Galerie, reist viel und entscheidet dann, in Berlin eine Galerie zu eröffnen.

„Das habe ich mir sehr genau überlegt. Und dann habe ich es einfach gemacht, es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Ich musste schwimmen – oder untergehen.“ Eine Unterstützung ihrer Mutter hat allerdings beim Freischwimmen aber auch „etwas geholfen“, meint sie. Doch sie ist überzeugt, dass sie sich auch so durchgesetzt hätte. „Ohne eigene Leistung geht´s nicht!“

Ihre eigene Leistung dürfte dabei vor allem der Blick für unverbrauchte Talente sein. Ehe sie sich für einen Künstler entscheidet, beobachtet sie ihn etwa ein Jahr. „Ich schaue, ob da eine Linie ist, ob er ein starker Mensch ist, der den Druck des Kunstbetriebs aushält.“ Auch legt sie Wert auf die handwerkliche Umsetzung. „Ich mag es, wenn man erkennt, dass sich jemand Mühe gibt.“

Ihr Galerie-Profil ist dabei von Anfang an Offenheit gegenüber allen Stilrichtungen gewesen. Aber es gebe auch einen roten Faden, unterstreicht Lena Brüning. „Mir geht es darum, dass die Sachen Sinnlichkeit haben. Ich mag es ein bisschen geheimnisvoll. Die Arbeiten sollen den Betrachter herausfordern, ihn dazu animieren, selbst nach Assoziationen zu suchen.“

Eine diese Künstlerinnen, auf die diese Beschreibung zutrifft, ist Alicja Kwade, Meisterschülerin von Christiane Möbus. „Das ist eine Künstlerin, die mich absolut begeistert. Und das sage ich nicht nur, weil ich die gerade ausstelle“, sagt Lena Brüning. Alicja Kwade beschäftige mit der Darstellung von Licht und Zeit und mit der Vermischung von Realität und Fiktion, erklärt sie dann.

Das Konzept käme beim Publikum sehr gut an, sagt sie dann. Als letzten Samstag die Vernissage stattfand, da war „der Laden so voll, dass ich Angst hatte, die Bilder könnten beschädigt werden“, erinnert sie sich amüsiert. Die Galeristinnen-Rolle beherrscht sie dabei perfekt: Dezent geschminkt, dunkel-elegant gekleidet und für jeden ein charmantes Wort – egal ob solventer Gast im Anzug oder Turnschuhträger mit Dreitage-Bart. „Wenn es so weiter geht wie bisher, bin ich eigentlich wunschlos glücklich mit meiner kleinen Galerie“, meint sie. Ein Problem hat Lena Brüning aber dennoch: Vielleicht muss sie bald umziehen, sie braucht mehr Platz.

Freitag, 19. Oktober 2007

Der Saitenspringer

1938 emigriert Hellmut Stern von Berlin nach China. 1961 kehrt er in seine Heimat zurück und wird Geiger der Berliner Philharmoniker. Begegnung mit einem leidenschaftlichen Kosmopoliten

(Jüdische Allgemeine, 18. Oktober 2007)

Saraswoti, die Göttin der Musik und der Weisheit, lächelt asiatisch-unergründlich. Sie steht mit einem Saiteninstrument in den Händen, 25 Zentimeter hoch und aus Holz geschnitzt, auf Hellmut Sterns Konzertflügel. „Die habe ich mal in China gekauft“, sagt der 79-Jährige und streichelt mit der rechten Hand liebevoll über das polierte Holz der Göttin. „Schön, nicht?“ Der pensionierte Orchestergeiger hat ein Faible für asiatische Kulturen. Er verdankt ihnen sein Leben. „Als mein Vater 1935 verzweifelt versuchte, mit uns aus Berlin rauszukommen, hat nur die Mandschurei uns ein Visum gewährt“, erzählt er. „Und da haben wir überlebt.“

In Hellmut Sterns Wohnung im bürgerlichen Berlin-Charlottenburg sucht man deshalb auch vergebens Anzeichen, dass hier ein Musiker wohnt. Zwar steht im Salon der Flügel, doch nirgends sieht man einen Notenständer, keine Geige liegt herum, keine Musikerporträts hängen an den Wänden. Und die Musikanlage mit der umfangreichen CD-Sammlung ist in einem Erker untergebracht, wo sie nicht auffällt. Was stattdessen auffällt, das sind die vielen Dinge asiatischer Herkunft. Zahlreiche chinesische Vasen sind in der ganzen Wohnung verteilt, filigrane chinesische Kommoden stehen vor Wandbehängen, die kunstvolle Schriftzeichen, Kraniche und Kirschbäume zeigen.

Noch immer fühlt Hellmut Stern eine große Verbundenheit mit China. Elf Jahre hat er dort gelebt und spricht die Sprache fließend. Gerne gibt er eine Kostprobe – und die hört sich ziemlich „chinesisch“ an. Heimisch hat er sich dort aber nie gefühlt. Dazu sei ihm die Kultur zu fremd gewesen, sagt er. In Israel, wo er sich 1949 niederließ, hätte er leben können, doch sein Vater wollte in die USA, wo er glaubte, als 70-Jähriger bessere Beraufsaussichten zu haben. 1956 zog dann auch Hellmut Stern in die USA. Bis 1961 lebte er dort. Aber heimisch fühlte er sich auch dort nie. 1961 engagierten ihn die Berliner Philharmoniker, und Stern merkt, als er wieder mit seiner Frau und der Tochter Alina in Berlin lebt, dass er nur hier zu Hause ist. „Berlin, dit is meene Heimat“, sagt er mit einem breiten Lächeln.

1928 wurde er in Berlin geboren. Sein Vater verpasste die Geburt, weil er abends als Wahlhelfer für die SPD beschäftigt war, Reichstagswahlen. Und die NSDAP hat an diesem Tag „ordentlich Federn gelassen“, freut sich Stern noch heute diebisch. Sein Vater arbeitet als Gesanglehrer, doch der Familie geht es wegen der Wirtschaftskrise finanziell schlecht. „Wir hatten nichts außer unserer Leidenschaft für die Musik“, erzählt er. Über die Mutter ist Stern übrigens mit dem Berliner Konzertimpresario Hermann Wolff verwandt, der einer der Initiatoren der Berliner Philharmoniker war. Bei den Sterns spielte Musik schon aus Familientradition eine große Rolle. Der kleine Hellmut selbst erhält ab dem fünften Lebensjahr Klavierunterricht, mit sieben kommt die Geige dazu.

Ein Jahr nach Hitlers Machtantritt kommt Hellmut Stern in eine jüdische Volksschule. Das Judentum spielt für die Sterns nur eine untergeordnete Rolle. „Wir haben die jüdische Religion aus kultureller Tradition geachtet, die großen Feiertage mitgemacht. Und jeder Schabbat war natürlich ein Feiertag, aber das war’s auch schon“, erinnert er sich. Die Sterns fühlen sich als Deutsche, beziehen die damals beginnende Hetz-Propaganda deshalb auch nicht auf sich. „Wie so viele Berliner Juden glaubten wir, das richte sich gegen die Ostjuden aus dem Scheunenviertel – ein verhängnisvoller Irrtum, wie ich heute weiß.“

Der kleine Hellmut, der mit seinen blauen Augen und den damals noch blonden Haaren als „Arier“ gilt, rennt dann auch den SA-Aufmärschen hinterher, hält den Musikern sogar die Noten. „Die Nazis machten schon gute Musik. Diese Blaskapellen und Märsche, einfach großartig!“ Ebenso großartig wie Wagner übrigens, sagt er und gibt zu bedenken, dass die Juden ja schon immer die größten Anhänger von Wagner gewesen seien. „Seine Musik hat eben etwas Sinnenbetäubendes, Berauschendes“, sagt Hellmut Stern. Er selbst hält es wie sein Vater, der Wagner als Menschen verachtete („ein antisemitischer Lump“), zwischen Kunst und Person aber zu unterscheiden wusste.

Wagners Kunst, den ganzen „Ring“ hat Stern übrigens in den 80er-Jahren komplett mit den Berliner Philharmonikern eingespielt. Mit Herbert von Karajan am Pult, dem großen Wagner-Verehrer und einstigen Mitglied der NSDAP. Karajan war im Übereifer des Opportunisten sogar gleich zweimal in die Partei eingetreten: Im Mai 1933 in Ulm und 1935 in Aachen. Nach dem Krieg wurde Parteigenosse Nr. 3.430.914 dann aber als „Mitläufer“ eingestuft und galt später, mit wilder Tolle, Starallüren und schwarzem Rollkragenpullover als größter Dirigent aller Zeiten. Dass er einst Oratorien uraufführte („Feier der neuen Front“), zu denen beispielsweise ein Baldur von Schirach den Text geliefert hatte, und dass Hitler den begabten Dirigenten 1939 zum „Staatskapellmeister“ ernannte, ist heute vergessen. An seinem Ruf hat es schon zu Lebzeiten nicht gekratzt.

Als Hellmut Stern 1961 bei den Berliner Philharmonikern engagiert wurde, wusste er nichts von Karajans Vergangenheit. Er hatte zunächst auch einen guten Eindruck von Karajan. Als er dann später von dessen Vergangenheit im Dritten Reich erfährt, hat er sich schon längst ein Bild von Karajan gemacht: das eines skrupellosen Opportunisten, der alles opfern würde, nur um Karriere zu machen. „Insofern hat mich seine Nazi-Vergangenheit nicht verwundert. Ich
wusste aber, dass er kein Nazi war, er war völlig unpolitisch. Außerdem war Karajan ja zu Nazizeiten mit einer „Halbjüdin“ verheiratet, tut das ein Nazi? Nein.“

Karajan war auch das größte Hindernis bei der Verwirklichung eines seiner sehnlichsten Wünsche. Seit den 60er-Jahren hatte Hellmut Stern immer wieder versucht, mit den Philharmoniker in Israel aufzutreten. „Ich wollte unbedingt mit dem Orchester da runter, weil dort viele einstige Berliner Abonnenten wohnten.“ Doch in Israel war man aus verständlichen Gründen nicht an dem einstigen Parteigenossen Karajan interessiert, der ein Orchester dirigieren würde, das von den Nazis instrumentalisiert worden war. Als Herbert von Karajan dann 1989 starb, fiel das größte Hindernis weg – Hellmut Stern konnte mit den Philharmonikern 1990 in Israel auftreten. 1993 kehrte er noch einmal zurück. Dann wurde er zu seinem Bedauern pensioniert.

Zunächst ist Hellmut Stern der Gedanke an ein Leben ohne das Orchester unerträglich. Doch bald ist er in so vielfältige Aktivitäten eingebunden, dass der Ruhestand zum „Unruhestand“ wird. Er tritt der SPD bei, sitzt als Beirat in Musikstiftungen, verfasst seine Memoiren, die unter dem Titel Saitensprünge – Erinnerungen eines Kosmopoliten immerhin schon acht Mal aufgelegt wurden. Auch tritt er als Zeitzeuge in Schulen auf. Hellmut Stern hat keine Hemmungen, sogar mit jungen Rechtsradikalen zu diskutieren. „Ich glaube, dass man junge Verführte nicht sich selbst überlassen darf. Man muss mit ihnen reden, muss quasi in Form eines ‚Anschauungsunterrichts‘ mit ihnen über das Judentum, die Nazis und die Schoa reden.“

Im September 1998 lädt ihn ein Sozialarbeiter nach Königs Wusterhausen ein, wo ihn 30 junge Skins in einem verräucherten Klubhaus erwarten. „Auf den Knien der kahlrasierten Jungs saßen deren Freundinnen. Sie schmusten miteinander. Meine Gegenwart störte sie nicht im Geringsten“, erzählt Stern amüsiert. Er stellt sich vor, sagt, dass er Jude sei und dass er wisse, hier vor einer Gruppe Antisemiten zu stehen. „Ich sagte ihnen dann, dass ich sicher sei, dass sie noch nie einen Juden gesehen hätten. Nun wolle ich ihnen einen präsentieren.“

Hellmut Stern erzählt den Skins dann sein Leben, wobei er absichtlich berlinert. Er unterstreicht, wie sehr sich die Juden mit der deutschen Kultur identifiziert hätten, sagt, dass Hitler doch dem deutschen Volk am meisten geschadet habe. Worauf es dann zu einer überraschenden Bemerkung aus dem Publikum kommt: „Ach wat, Hitler war doch’n Arschloch.“ Was Stern dann noch mehr verblüfft, ist die einhellige Zustimmung aus dem Publikum. „Stellen Sie sich das vor: Nazismus ohne Hitler!“, ruft er jetzt aus. Im Laufe der Veranstaltung wird er sogar noch zu hören bekommen, dass er doch gar kein Jude sei: „Du bist doch eener von uns, du bist doch’n Deutscher!“

Leider muss Hellmut Stern aber auch feststellen, dass die jungen Rechten bei ihrem Ausländerhass keine Abstriche machen. „Sobald es um Asylbewerber ging, waren die zum Überdruss bekannten Parolen und Teilwahrheiten zu hören. Mit Argumenten war dem nicht beizukommen.“ Dennoch will Stern weiter mit Rechten diskutieren. „Wenn ich nur einen überzeugen kann, habe ich etwas erreicht.“

Beim Abschied fällt der Blick noch einmal auf den Konzertflügel, wo die Göttin Saraswoti weiter lächelt. „Sie können Sie gerne mal in die Hand nehmen“, sagt Hellmut Stern. Das Holz fühlt sich wirklich gut an, glatt poliert. Neben der Statue steht ein Porzellanteller mit einem Bild der Harbiner Synagoge, in der Stern einst seine Bar Mizwa feierte. Von den Chinesen werde man in Zukunft noch viel hören, glaubt Stern. Auch musikalisch.

Samstag, 6. Oktober 2007

Von der Straße in die Manege

Wie ein Zirkus Neuköllner Grundschülern hilft, Vertrauen aufzubauen und was das mit einem friedlichen Miteinander zu tun hat

Circus Mondeo
Fotos: Christian Reister


(Berliner Morgenpost/Welt am Sonntag, 07.10.07)

Kalif und Baku, die beiden Zirkus-Kamele, sitzen am Rand der Manege und blicken gelangweilt ins Publikum. Dass Fakir Hadi jetzt mit nackten Füßen und konzentriertem Blick auf einem Haufen scharfer Glasscherben steht, interessiert sie nicht. Hadi hebt einen Fuß, setzt ihn wieder ab, hebt ihn wieder, setzt den anderen ab und zeigt theatralisch, dass ihm die Scherben nichts anhaben können. Stolz lächelt der neunjährige Junge zu seinem Vater herüber.

Mohammed El Ahmet klatscht in die Hände. Rund zwei Stunden lang hat der Libanese interessiert, aber auch etwas ratlos in die Manege geblickt, in der die Klassenkameraden seines Sohnes Hula-Hoop-Reifen kreisen ließen, mit Tellern, Ringen und Bällen jonglierten, Clownerien zeigten, am Trapez-Kunstfiguren turnten oder rasselnd bauchtanzten. Jetzt sieht El Ahmet endlich seinen Sohn und er sagt, dass er "sehr, sehr stolz" sei.

Auch Gerhard Richter ist stolz, als der Applaus für die Fakire Hadi, Altanar, Emre und Sven losbricht. Zuvor waren die Schüler mit zwei Kamelen und drei Lamas, auf denen orientalisch geschmückte Klassenkameradinnen saßen, in die Arena gekommen, hatten sich mit nacktem Oberkörper auf den Haufen Glasscherben gelegt oder waren mit den Füßen drüber gelaufen - ohne dass ein Tropfen Blut geflossen wäre. "Das haben die toll gemacht", sagt Richter jetzt, "wie Profis."

Der 48-jährige ist Direktor des Zirkus Mondeo. Er trägt einen blauen Frack mit Goldlitzen, die blonden Haare sind verschwitzt, die Lackschuhe sind vom Manegensand verstaubt, doch sein Lächeln bleibt stets makellos. Gerhard Richter stammt aus einer Berliner Artistenfamilie. Sein Zirkus ist Familie: die fünf Kinder turnen selbst in der Kuppel, die Schwester hilft beim Trainieren, die Tante sitzt an der Kasse, seine Frau kümmert sich um den Haushalt.


Circus Mondeo


In Richters Zirkus machen nicht ausgebildete Artisten das Programm, sondern Neuköllner Grundschüler. Woche für Woche empfängt er in Britz-Süd Schulklassen, um sie nach einem kurzen Training - eine Woche lang pro Tag zwei Stunden - für Manegen-Auftritte fit zu machen. Das Neuköllner Quartiersmanagement erwartet sich viel von Richters Zirkus-Zauber. Er soll verhindern, dass die Situation an den Schulen im Neuköllner Norden noch schlechter wird, als sie ohnehin schon ist. Seit dem Start des "Mitmachzirkus Neukölln" im Sommer 2006 traten schon 4000 Grundschulkinder auf. Bis 2008 wird das Programm laufen, bis dann sollen alle Grundschüler Zirkusluft geschnuppert haben. Das Quartiersmanagement verspricht sich davon Stärkung von Selbstvertrauen, Wecken von Kreativität und Entdecken der eigenen Fähigkeiten. Und es geht um Toleranz.



Circus Mondeo

Zur Aufführung sind an diesem Samstagnachmittag etwa 160 Eltern, Geschwister und Freunde der Grundschüler (60 Prozent haben Migrationshintergrund) gekommen. Den Anfang macht Dana, Richters heutige Assistentin, die tapfer gegen das Lampenfieber ankämpft. Dann stürmt, begleitet von viel Kunstnebel, Hengst Goa in die Manege. Er dreht im grellen Spotlicht einige Runden, dann zeigt die elfjährige Angelina, was sie ihm beigebracht hat. Sie gibt Goa, dem sie gerade Mal bis zum Oberschenkel reicht, den Befehl, mit den Vorderhufen auf ein Podest zu steigen und bei durchgedrückten Beinen den Kopf unterhalb die Podestkante zu senken - der macht es prompt. Zum Schluss nickt Goa, als sich Angelina mit einem Lächeln zum Applaus verbeugt, mehrmals mit dem Kopf - und frisst dann sein Belohnungs-Leckerei.

Gerhard Richter steht währenddessen am Manegenrand. "Super hast du das gemacht, Angelina", ruft er. Man müsse immer wieder Feedback geben, deutlich machen, dass alles bestens laufe. "Für Angelina ist es das erste Mal überhaupt, dass sie im Rampenlicht steht. Ein Pferd wie Goa zu handhaben, stärkt enorm das Selbstvertrauen." Überhaupt kann Gerhard Richter die Schüler der Karl-Weise-Grundschule gar nicht genug loben. Sie hätten Außergewöhnliches geleistet.

Doch Richter ist kein Schönredner, er erzählt auch von den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat. Mangelnde Körperbeherrschung, Disziplinlosigkeit oder Hunger. Manchmal kommen Kinder mit knurrendem Magen zum Zirkustraining. Gegen den Hunger schmiert seine Frau einen Berg Brötchen, gegen mangelnde Köperbeherrschung hilft nur viel Aufmerksamkeit und Eingehen auf die Schwächen und Stärken der Kinder. Gerhard Richter weiß aber auch, dass er in zehn Stunden Probenzeit keine Artisten-Wunder vollbringen kann - aber das sei auch nicht beabsichtigt, sagt er. Während der Aufführung leistet er mit seinen drei Trainern Hilfestellung und bügelt kleine Patzer aus. Richters Trainer gehören ebenfalls zur Zirkus-Familie. Es sind seine zwei Söhne und die älteste Tochter. Julia Richter steht in der Manege, von der Zirkuskuppel hängt das Trapez. Die 24-Jährige hilft einem Mädchen auf den Holm. Es spreizt die Finger, während sich an ihren Beinen ein anderes Mädchen festhält. Langsam, begleitet von Céline Dions "Titanic"-Song, fährt das Trapez fünf Meter in die Höhe. Konzentration, Körperbeherrschung und Vertrauen, all das sei am Trapez wichtig, sagt Julia Richter. "Der unten hängt, muss sich drauf verlassen können, dass er vom Anderen mit festgehalten wird - bisher hat das immer geklappt."

Annette Große, Deutschlehrerin an der Karl-Weise-Grundschule, sieht in dem Zirkus-Projekt einen nachhaltigen Effekt: "Die Kinder reden noch monatelang über das Erlebte." Außerdem versuche die Lehrerschaft mit Fotowänden in den Schulfluren bei den Kindern die Erinnerung wach zu halten. Das Wichtigste sei, dass die Kinder aus dem Schulalltag herauskämen, "dass sie sich selbst in einem anderen Licht sehen und einmal Aufmerksamkeit erhalten." Annette Große sagt, dass sie erstaunt sei, schon nach einer Woche derartige Fertigkeiten zu sehen, eine andere Lehrerin fügt hinzu: "Ich glaube, wir trauen den Kinder manchmal auch zu wenig zu."


Circus Mondeo

Seinem Sohn würde Mohammed El Ahmet alles zu trauen. Er steht nach der Fakir-Schlussnummer draußen. Sein Kopf verschwindet fast hinter einem Berg Zuckerwatte, die sein Vater gekauft hat.

Immer wieder will Mohammed El Ahmet von ihm wissen, wieso er denn unverwundbar gegen das scharfe Glas gewesen sei. Doch Hadi grinst nur, sagt dass er eben ein Fakir sei. "Geheimnis", ruft er. Ehe er geht, gibt er aber dann doch "der Zeitung" das Geheimnis preis. "Aber nicht weitersagen" verlangt er. Versprochen.

Samstag, 29. September 2007

Jureks Witwe

Er schrieb "Jakob der Lügner" und erfand "Liebling Kreuzberg". Er war einer der größten Schriftsteller, die Berlin hatte. Heute wäre Jurek Becker 70 Jahre alt geworden. Eine Begegnung mit seiner Witwe Christine

(Berliner Mogenpost, 30.09.07)

Christine Becker
Fotos: Christian Reister


Jurek Beckers Schreibtisch steht noch immer an seinem alten Platz. Unverrückt und mit Blick über die Dächer von Steglitz, im Dachgeschoss einer gelben Stadtvilla. Einst schrieb der Autor hier seine Romane und Drehbücher, nun sitzt an der Stelle seine Witwe Christine Becker und verwaltet den Nachlass, umgeben von Fotokopiestapeln, Briefen und druckfrischen Büchern. Es sind die Neuerscheinungen zu Jurek Beckers 70. Geburtstag. Den hätte er heute feiern können, wenn er nicht vor zehn Jahren an Krebs gestorben wäre.

Über die neuen Bücher - eine Extraausgabe seines großen Romans "Jakob der Lügner" und ein Band mit Aufsätzen und Interviews - hätte sich Jurek Becker sicher gefreut. Auch wenn er den eigenen Geburtstag ja eigentlich nie gefeiert hat: "Der wollte nie Wirbel darum", sagt Christine Becker, 47. Geschenke hat sie ihm aber trotzdem stets gekauft, und sie lächelt, wenn sie davon erzählt. "Einmal war's eine braune Lederreisetasche, dann eine wissenschaftliche Gesamtausgabe von Heinrich Kleist - er hat sie wahrscheinlich nie gelesen."

Christine Becker war 12 Jahre mit dem Autor verheiratet. Sie ist ein herzlicher, aufmerksamer und höflicher Gesprächspartner, spricht ohne Pause, aber nicht zu schnell, so dass man ihr gerade noch folgen kann. Sie hat in diesem Jahr schon oft über Jurek Becker gesprochen, öfter als sonst. Denn 2007 ist inoffizielles "Jurek-Becker-Jahr": Zum einen jährt sich der zehnte Todestag, zum anderen der 70. Geburtstag. Zu beiden Gedenktagen fährt sie ans Grab in Sieseby im Norden von Schleswig-Holstein. Dort wird sie auch heute sein, um Blumen auf sein Grab zu legen. Auch das Jahr über bringt sie immer wieder Blumen und freut sich, dass dort oft schon Sträuße liegen, die Besucher mitgebracht haben. "Die Menschen haben Jurek also nicht vergessen."

Als sie 1983 zu einer seiner Lesungen ging, kannte sie noch keine Zeile von ihm. Dabei war Becker schon damals ein bekannter Autor. 1937 als Kind jüdischer Eltern in Polen geboren, überlebte er als kleiner Junge das KZ und wuchs in der DDR auf. Bis 1977 hat er dort gelebt, in seinen Romanen über jüdisches Leben nach dem Holocaust ("Bronsteins Kinder") und über das Leben in der DDR ("Irreführung der Behörden") geschrieben. Christine Becker, damals noch Christine Niemeyer, war damals 22 Jahre alt, Tochter eines Verlegers aus Tübingen und lernte in Frankfurt Verlagsbuchhandel. Eigentlich haben sie Lesungen noch nie sonderlich interessiert, doch ein Dozent empfahl ihr, sie solle doch einmal bei Jurek Becker vorbeischauen. Also ging sie hin, nahm sich aber vor, sofort zu gehen, wenn ihr der "Typ" nicht gefallen sollte. Da saß sie dann in der hintersten Reihe, im beigefarbenen Trenchcoat, die rote Handtasche griffbereit, bereit zum Sprung zur Tür hinaus.

Jurek Becker, damals 45, kam mit eiligem Schwung auf die Bühne, zog gleich das Jackett aus und krempelte sich die Ärmel hoch. "Das war ziemlich ungewöhnlich für einen Schriftsteller." Aber Jurek Becker hatte eben keine Allüren und suchte die Nähe seiner Zuhörer. Die Art, wie er aus einem seiner Romane vorlas, gefiel ihr dann aber nicht so sehr: "Monoton und stinklangweilig." Aber sie blieb. Vor allem, als ihr bewusst wurde, dass Becker mit Absicht derart monoton vorlas. "Er wollte lieber mit seinem Publikum diskutieren und deshalb die Lesung von der Diskussion klar trennen." Nach der Lesung stürzte Jurek Becker dann auf die junge Dame mit der roten Tasche zu und fragte, wie es ihr gefallen hätte. Sie sei ihm gleich in ihrer Ecke aufgefallen, bekannte er ihr später. Für ihn war es Sympathie auf den ersten Blick - bei ihr auch. Seit dem Abend sind sie zusammen, sie zieht zu ihm nach Westberlin, drei Jahre später heiraten sie.

Während Jurek Becker unter dem Dach über seinen Manuskripten sitzt, macht Christine Becker ihren Studienabschluss und versucht später ebenfalls Geld zu verdienen. Sie will nicht von ihrem Mann abhängig sein. Also schreibt sie Drehbücher, weil sie findet, dass das Vorabendprogramm zu niveaulos ist. Leider werden "die Dinger" zwar verkauft, aber nicht produziert. Währenddessen schreibt Jurek Becker weiter unterm Dach als Drehbuchautor mit der ARD-Serie "Liebling Kreuzberg" Fernsehgeschichte. Er unterstützt sie zwar, indem er sie ermuntert und ihr sagt, dass sie das "Zeug zum Drehbuchschreiben" hätte, doch klaut er gerne auch Ideen und rechtfertigt sich mit einem dezenten Macho-Hinweis: "Wer verdient denn bei uns das meiste Geld?"

Das sei aber sein einziger Ausfall gewesen, erinnert sie sich: "Er verdiente zwar das Geld, ging aber auch einkaufen und kochte für uns." Als sie dann das Drehbuchschreiben bleiben ließ und eine Universitätskarriere anstrebte, kündigt sich das erste Kind an. (Jurek Becker hatte aus erster Ehe bereits zwei Söhne: Nikolaus und Leonhard). Jonathan (oder "Johnny") ist heute 17, hat bisher noch kein Buch seines Vaters gelesen - was aber kein Desinteresse sei: "Er denkt, dass, wenn er jetzt schon alles vom Vater liest, in der Zukunft nichts mehr über ihn zu entdecken gäbe."

Für Christine Becker sieht die Zukunft wohl so aus, dass sie sich weiter um Jurek Beckers Werk und Nachlass kümmern wird. Wenn das Bonmot des französischen Dramatikers Sacha Guitry stimmen sollte, dass ein Schriftsteller zwar viele Frauen heiraten könne, bei der Wahl seiner Witwe aber vorsichtig sein sollte, dann hat Jurek Becker es genau richtig gemacht: Christine Becker ist Literaturwissenschaftlerin und bereitet seinen literarischen Nachlass kompetent auf. So hat sie in den vergangenen Jahren in aufwendiger Kleinarbeit Jurek Beckers Briefe ausfindig gemacht und herausgeben und den jetzt erschienenen Band mit den Aufsätzen zusammengestellt ("Mein Vater, die Deutschen und ich"), unzählige Lesungen absolviert und immer wieder Briefe beantwortet. Im Oktober wird sie sogar in die USA fliegen, um dort an amerikanischen Universitäten Vorträge über Jurek Becker zu halten.

Auch ohne die Nachlassarbeit würde kein Tag vergehen, an dem sie nicht irgendwie an ihn denkt, meint sie. Und dass man das nicht mit Rückwärtsgewandtheit verwechseln solle, sie lebe seit acht Jahren in einer glücklichen Beziehung. Jurek Becker sei ganz natürlich präsent in ihrem Leben, "einfach dadurch, dass ich mit vielen meiner Freunde über ihn rede, weil die ihn auch kannten. Jeder sucht die Gelegenheit, um über ihn zu reden. Und wenn möglich, über seinen legendären Humor zu lachen." Denn Jurek hätte keine weihevolle Tragik gewollt, wenn man nach seinem Tod über ihn gesprochen hätte, erzählt sie.

Tragisch war aber der Januar 1996, als bei Jurek Becker ein fortgeschrittener Krebs diagnostiziert wurde. Damals sei, auch wenn der Ausdruck abgedroschen klinge, eine Welt zusammengebrochen. Bei einem Krebs, wie Jurek Becker ihn hatte, betrug die Lebenserwartung statistisch ein Jahr. Das hätte Jurek aber nicht interessiert, erzählt Christine. "Jurek hat gesagt, dass er nicht an Statistiken glaubt. Er hat immerhin etwas überlebt, was statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich war: das KZ." Also arbeitet er weiter an seinem nächsten Romanprojekt, versucht die qualvollen Nebenerscheinungen der Chemotherapien zu ignorieren.

Anfang März 1997 fahren die Beckers dann nach Sieseby, wo sie damals ein kleines Landhaus besaßen. Und dort stirbt Jurek Becker, ganz friedlich und im Schlaf. Auf dem dortigen evangelischen Friedhof liegt er begraben. Kurz vor seinem Tod hatte Christine Becker den jüdischen Friedhof in Weißensee als Grabstätte ins Gespräch gebracht.

"Aber das wollte er nicht, Jurek war ja sein ganzes Leben lang in keine Synagoge gegangen und außerdem erklärter Atheist", erzählt sie. Welche Rolle spielte dann überhaupt das Judentum für Jurek Becker? "Es war ihm selbst ein Rätsel", sagt sie. Er habe sich immer dagegen gewehrt, als Jude bezeichnet zu werden nur weil seine Eltern Juden waren. "Das wollte er selbst bestimmen. Auch wenn er zugegeben hat, dass die jüdische Kultur ihn tief beeinflusst hat." Gab es dennoch etwas typisch Jüdisches an Jurek Becker? Vielleicht, sagt Christine Becker, seine Art, mit Menschen umzugehen, der schwarze Humor, das Frotzeln mit Freunden und die Selbstironie. All das fehlt ihr noch heute.

Donnerstag, 20. September 2007

"Jesus hat mich berührt"

Zu Besuch bei einer Kirchengemeinde mit türkischen Mitgliedern. Sie alle waren früher Muslime.

(Rheinischer Merkur, 19.09.07)

In der Timotheus Gemeinde
Fotos: Christian Reister


An der Fensterscheibe ziehen sich kalkige Schlieren entlang, verlaufen über dem Schild, das unübersehbar hinter der Scheibe angebracht ist: „Türkische Christen Berlin“. Die Scheibe gehört zu einer Ladenwohnung in einer zugigen Durch-fahrtstraße im Berliner Migrantenbezirk Wedding. Gerhard Denecke*, 45, taucht einen gelben Schwamm in einen Eimer, wringt ihn aus und putzt damit die Scheibe. „Das mache ich leider immer mal wieder“, sagt er dann mit einem leicht ratlosen, aber freundlichen Lächeln. Die Schlieren seien Spucke, erklärt er. Immer wieder spuckten Passanten gegen die Scheibe. Denecke vermutet, dass es türkische Muslime aus dem Viertel sind. „Für die stellen wir eine Provokation dar“, erzählt er, während er einen Schritt zurückgeht und schaut, ob die Scheibe wieder glänzt. „Für die passt das nicht zusammen: Türke sein und Christentum.“

Gerhard Denecke, schwarzes Jackett, Vollbart, sächsischer Akzent, ist ehrenamtlicher Prediger einer kleinen Gemeinde türkischer Christen in Berlin. Seit dem Sommer 2006 treffen sie sich regelmäßig in der Weddinger Ladenwohnung. 40 Mitglieder, und alle waren früher Muslime. „In Deutschland kamen sie mit dem Christentum in Kontakt, ließen sich taufen und beten nun das Vaterunser auf Türkisch“, erzählt der Prediger. In seiner Gemeinde gibt es sowohl den klassischen Gastarbeiter als auch Türken der zweiten und dritten Generation. Bei vielen führte die Unzufriedenheit mit dem Islam zur Annäherung an das Christentum, vermutet Denecke. „Die finden im Koran einfach nicht, was sie spirituell suchen.“

Experten schätzen, dass es in Deutschland etwa 5000 Menschen gibt, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. In Berlin sind es wohl ein paar hundert. Genauere Zahlen gibt es nicht. Neben Deneckes Kreis türkischer Christen trifft sich in Berlin eine Gemeinde arabischer Christen, die einst muslimisch waren, sowie eine Gemeinde iranischer Christen, die von einem Prediger geleitet werden, der als Konvertit im Iran nur knapp dem Tod entronnen ist. Sie alle wollen nicht, dass über sie im Detail berichtet wird. „Zu gefährlich“, heißt es bei den arabischen Christen. Die Iraner geben an, dass sie den Geheimdienst ihres Landes fürchten. „Es muss leider alles im Verborgenen bleiben“, sagt der Pastor am Telefon.

Im Koran heißt es in Sure 4,89 über diejenigen, die abfallen: „Tötet und ergreift sie, wo immer ihr sie findet.“ Die Sure müsse man im geschichtlichen Kontext bewerten, meint die Islamwissenschaftlerin Johanna Pink von der Freien Universität Berlin. „Die Sure bezieht sich auf kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu Lebzeiten des Propheten.“ Bestraft werden solle nur derjenige, der gewaltsam gegen den Islam kämpfe, sagt die Expertin. In der klassischen Rechtslehre sei die Todesstrafe aber unter Berufung auf die Praxis des Propheten eindeutig die anerkannte Bestrafung, fügt sie hinzu. Bis in die heutige Zeit. „Da es im Islam aber keine oberste Instanz in Glaubensfragen gibt, ist der Islam offen für gemäßigte oder extremistische Interpretationen.“ In Ägypten hat der Fall des Konvertiten Mahmoud Hegazy die Autoritäten entzweit. Der Großmufti äußerte Verständnis, andere Gelehrte und der Religionsminister Mahmoud Hamdi Zakzouk forderten seinen Kopf.

Timotheus Gemeinde in Berlin

Gerhard Deneckes türkische Gemeindemitglieder, die nach und nach in die Ladenwohnung kommen und einander mit Wangenküssen begrüßen, haben genau vor dieser Interpretation Angst. Sie wollen deshalb auch weder fotografiert noch mit ihrem vollen Namen zitiert werden. Zwar ist bisher in Deutschland noch kein Fall bekannt geworden, in dem ein Konvertit tatsächlich umgebracht worden wäre, aber die Morde an den zwei türkischen Konvertiten sowie an ihrem deutschen Prediger in der Osttürkei im April haben gezeigt, was passieren kann, wenn sich Extremisten berufen fühlen, den „Willen Allahs“ zu vollstrecken.

Gerhard Denecke kannte eines der damals ermordeten Opfer, den 35-jährigen Necati Aydin. 1998 hatte er Aydin in der Türkei kennengelernt. „Wir hatten ein persönliches Verhältnis“, erinnert er sich. „Dem Mann war bewusst, worauf er sich einlässt, als er sich zu Jesus bekehrte und davon in der Türkei sprechen wollte“, erzählt er. Dass seine Gemeinde durch das dezente, aber doch sichtbare Ladenschild im muslimisch geprägten Viertel präsent ist, stellt für ihn keinen Widerspruch dar: „Wer uns finden will, der kann uns finden. Denn das wollen wir ja: Zeugnis von Jesus ablegen.“ Und er fügt an:„Wir vertrauen eben auf Gott.“

Die dunkle, leicht muffig riechende Ladenwohnung – im hinteren Lagerraum hinterließ ein Wasserschaden Wandmuster – hat sich gefüllt. Etwa zehn Gemeindemitglieder, Frauen und Männer, haben sich um einen großen Holztisch versammelt. An der Wand hängt ein großes Holzkreuz. Kerzen verbreiten warmes Licht. Türkischsprachige Gebetsbücher liegen aufgeschlagen. Denecke stimmt seine Gitarre. Die türkischen Christen greifen nach dem Gebäck und nehmen sich Schwarztee aus dem dampfenden Samowar auf dem Fensterbrett. Später werden sie Lieder singen, über Bibelstellen diskutieren und im gemeinsamen Gebet um Beistand in ihrem Alltag bitten. Für diese Christen ist der Glaube mehr als eine formale Kirchenzugehörigkeit: Sie wollen vielmehr lernen, wie sie ihren Glauben leben können, wollen sich zum Positiven verändern.

Währenddessen sitzt Aslan Özdemir auf einem abgeschabten Polsterstuhl im Hinterzimmer, ein dampfendes Teeglas in der Hand. Der stämmige, ruhige 23-jährige Deutschtürke ist Student, in Berlin-Kreuzberg geboren, sein Vater kam Ende der Sechzigerjahre als Gastarbeiter nach Berlin. An Religion habe er schon immer Interesse gehabt, sagt er. Früher habe er versucht, ein guter Muslim zu sein, so wie es ihm sein Vater vorgemacht habe. „Aber irgendetwas hat immer gefehlt“, meint er. Der Koran sei ihm stellenweise widersprüchlich vorgekommen. Allah habe ihn abgestoßen: „Er ist ein großer Herrscher, der irgendwo in der Ferne im Himmel thront. Er braucht dich eigentlich gar nicht. Und wenn er sich mit dir beschäftigt, dann nur, um dich zu bestrafen.“

Özdemir beschäftigte sich mit verschiedenen Religionen, las buddhistische Bücher, blieb beim Christentum hängen: „Die Bibel kam mir sehr stark vor, in sich schlüssig. Die Beziehung zu Gott ist sehr persönlich – und Gott liebt dich um deiner selbst willen, ebenso wie man ja seinen Nächsten lieben soll, ohne dass man etwas von ihm als Gegenleistung erwartet.“ Der Islam ist ihm eher egoistisch vorgekommen: „Auch wenn viele Muslime vordergründig gute Menschen sind, geht es immer nur darum, A zu tun, um B zu erhalten.“

Mittlerweile ist er Mitglied der evangelischen Kirche. Sein Pfarrer hat ihn im Wannsee getauft. „Das war ein bisschen wie zu Jesu Zeiten“, schwärmt er. Dass auch seine bis heute muslimische Schwester dabei war, ist für ihn ein kleines Wunder. „Für uns Türken ist die Familie das Wichtigste.“ Es war ein Schock für seine Familie, als er mitteilte, dass er Christ geworden sei. Allerdings brach niemand den Kontakt ab. Auch drohte ihm niemand, wie es häufig vorkommt, wenn Muslime den Glauben wechseln. So wie bei Sengül Kücük. Die 55-jährige Rentnerin – einst Gastarbeiterin der ersten Generation – sagt, dass sie gegen alle Widerstände Christin geworden sei. Sie sitzt neben Özdemir, hat ihm zugehört und hin und wieder mit dem Kopf genickt. Sie ist in einem kleinen Dorf in der Westtürkei aufgewachsen. „Ich habe Schlechtes erlebt“, erzählt sie. Der Stiefvater missbrauchte sie, mit 18 Jahren wurde sie zwangsverheiratet. Den muslimischen Glauben habe sie immer ernst genommen. „Ich habe alle Gebote eingehalten, Kopftuch getragen, fünfmal am Tag gebetet.“ Dennoch fühlte Sengül Kücük eine Leere. „Ich fragte mich, wer ich bin, wer mich eigentlich liebt, denn ich habe nur Gewalt erfahren.“

Ende der Sechzigerjahre will Sengül Kücük der Enge und der Armut ihres Dorfes entkommen. Sie geht nach Berlin, arbeitet in einer Fabrik. Nach einem Jahr kommt ihr Ehemann nach, sie bekommt einen Sohn. Doch der Mann schlägt sie, verspielt ihr hart verdientes Geld. „Mein Herz war damals wie ein Stein, ich konnte nicht lachen, nicht weinen. Und in meinem Innern war noch immer diese schreckliche Leere“, erzählt sie.

Vom Islam hatte sie sich innerlich immer mehr verabschiedet. „Im Koran ist keine Hoffnung, nur Bedrohung. Gott sieht alles, weiß alles, aber hilft er dir? Nein. Ich habe mich gefragt: Wo ist mein Platz in dieser Welt? Und der Koran sagt mir: unter dem Fuß des Mannes.“ Das will Sengül Kücük nicht mehr akzeptieren. In Deutschland sieht sie die selbstbewussten deutschen Frauen. „So wollte ich auch sein, mein Leben selbst bestimmen.“ Sengül Kücük verlässt nach einigen Jahren ihren prügelnden Ehemann, wendet sich auf den Tipp einer Arbeitskollegin hin an die örtliche Familienfürsorge. Die Sozialarbeiterin ist eine überzeugte Christin, die sich auch für Sengül Kücük engagiert. „Das war neu für mich. Ich kannte Deutsche nur als Ausnutzer“, erinnert sie sich. Ihre Betreuerin redet immer wieder von Jesus Christus. Doch Sengül Kücük hat erst einmal viele Bedenken gegen das Christentum, die sie noch aus ihrer muslimischen Umgebung kennt. Sie denkt, dass Jesus Christus ein eigener Gott sei, hält die Trinität für Vielgötterei und die Bibel schlichtweg für falsch. Doch sie fängt an, sich für den anderenGlauben zu interessieren, denn die Sozialarbeiterin ist so ernsthaft dabei, wenn es um ihr Schicksal geht, sie sucht immer nach einer Lösung. Und sie ist Christin. Sengül Kücük willigt schließlich ein, mit ihr zum Ostergottesdienst zu kommen.

Die feierliche Atmosphäre und das gleichberechtigte Nebeneinander von Männern und Frauen beeindruckten sie von Anfang an. „Und als der Pfarrer von Jesus gesprochen hat, gesagt hat, dass Jesus für alle Menschen gestorben ist, um ihnen Hoffnung zu geben, da hat mich das völlig umgehauen.“ Sie habe sich gefragt, ob das stimmen könnte, dass Jesus auch für sie gestorben sei, ob er auch mit ihr zu tun haben könnte, erzählt Sengül Kücük. „Jesus hat am Kreuz auch für mich gelitten, 2000 Jahre vor meiner Geburt. Das hat mich berührt.“ Sie beginnt nach jenem Gottesdienst, in der Bibel zu lesen. Heute sagt sie, dass ihr die Botschaft von Jesus, seine Lehre von Liebe und Vergebung dabei geholfen habe, den inneren Hass zu besiegen, den sie damals auf die Menschen gehabt hätte.

1976 lässt sie sich taufen und tritt in die evangelische Kirche ein. Ihre türkische Verwandtschaft ist entsetzt. Ihre Mutter sagt ihr am Telefon, sie sei nicht mehr ihre Tochter und dürfe nicht mehr über die Schwelle ihres Hauses treten. „Sie hat mich gefragt, was ich von diesem schwachen Mann Jesus erwarten würde, dem sein Gott nicht helfen konnte und der deshalb gestorben ist.“ Doch Sengül Kücük bleibt bei ihrer Entscheidung. Sie sei immun gegen alle Widerstände gewesen, sagt sie. Auch als ihre türkischen Freunde sie nicht mehr besuchten und nicht mehr einluden. „Ich kann wieder lachen, weiß, wer ich bin, dass ich geliebt werde, eine gute Zukunft habe“, sagt sie. Sengül Kücük freut sich, Christin geworden zu sein: „Ich habe etwas Besseres gefunden.“


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